1968 // Artikel
Rudi Dutschke // Repressiv getrennt – Zum Verhältnis von Arbeitern und Studenten im Spätkapitalismus

Repressiv getrennt – Zum Verhältnis von Arbeitern und Studenten im Spätkapitalismus

1968

FU Spiegel Nr. 62, Hrg. AStA der FU Berlin, Westberlin 1968


Im Prozeß der Auseinandersetzung des anti-autoritären Lagers der Studentenschaft mit verschiedenen Fraktionen des staatlich-gesellschaftlichen Gesamtapparats (universitäre Bürokratie, Manipulation, Senat, Monopole) entstand die Losung von der Interessenidentität zwischen Arbeitern und Studenten. Die Richtigkeit dieser Losung darf uns nicht daran hindern, die tiefen Schwierigkeiten bei der Schaffung einer solchen Einheitsfront zu problematisieren, darf uns nicht daran hindern, die Bilder der Vergangenheit der deutschen Arbeiterbewegung auf ihre Tragfähigkeit für die Gegenwart in ihrer Bewegung zu überprüfen.

Die Akkumulationstheorie

Die Marxsche Akkumulations- und Konzentrationstheorie besagte, daß der Kapitalismus in der Epoche seiner „transistorischen Notwendigkeit“, also in jener Periode, in der die für die sozialistische Gesellschaftsordnung nötigen materiellen Voraussetzungen – hohe Entwicklung der Produktivkräfte und der menschlichen Fähigkeiten insgesamt – geschaffen werden sollten, alle Produktionszweige durch permanente Verbesserungen und Rationalisierungen der Maschinerie modernisiert wurden. Die Konkurrenz zwischen den Unternehmen verschärft sich, wodurch sich horizontale und vertikale Konzentration und Zentralisation.von Kapital als Prozeß der Absorption der kleinen und mittleren Unternehmen durch die wenigen Riesenunternehmungen durchsetzt.

Aus dieser Entwicklung in der materiellen Produktion leitete sich für Marx eine Hauptten’denz der gesellschaftlichen Gliederung der sozialen Massen ab: Liquidation der „Zwischenschichten“, der „Mittelschichten“, d. h. absolute Zunahme des Proletariats. Der Klassenkampf als politischer Ausdruck des Grundwiderspruchs zwischen Lohnarbeit und Kapital, zwischen Proletariat und Bourgeoisie galt für Marx als Bedingung für die Möglichkeit der Beseitigung der kapitalistischen Grundordnung.

Die Nichtidentität zwischen ökonomischen Bewegungsgesetzen und politischen Bewegungsformen der Klassen ist hier von großer theoretischer und praktischer Relevanz. Der Klassenkampf kann die auf der Grundlage der Entwicklung der materiellen Produktion geschaffenen „objektiven Möglichkeiten“ revolu-tionär-emanzipatorisch losen. Dafür gibt es aber im Verständnis des historischen Materialismus keine historischen oder theoretischen Sicherheiten. Der „gemeinsame Untergang der kämpfenden Klassen“ (Marx), der Sieg der „Barbarei“ (Rosa Luxemburg) stellte immer in der Geschichte die Alternative zum Sozialismus .dar. Die „praktisch-kritische Tätigkeit“ der Menschen entscheidet, welche Gestalt die umkämpfte Epoche annehmen wird.

Mit der Herausbildung des Imperialismus um die Jahrhundertwende, der damit sich vermindernden Möglichkeit, di’e Schranken der kapitalistischen Akkumulation durch eine Kapitalisierung nichtkapiitalistischer Gebiete zu überwinden, setzten sich in der materiellen Produktion, im System der Arbeitsteilung und der davon bedingten gesellschaftlichen Gliederung der Klassen neue Tendenzen durch.

Produzenten und Produktionsmittel

Konkrete Schranken der Akkumulation – im Marxschen Sinne – sind Produktionskapazität und Proportionalität. Das akkumulationsbereite Kapital, das sich immer auf erweiterter Stufenleiter reproduziert, getrieben vom permanenten /Hunger nach neuen profitablen Verwertungsmöglichkeiten, muß partiell, systematisch und funktional vernichtet werden, um die historische Möglichkeit, eine optimale Befriedigung der universellen Bedürfnisse des Menschen durch eine allseitige Entfaltung und Befreiung der Produktivkräfte von den Fesseln der kapitalistischen Produktionsverhältnisse zu verhindern.

Formen der Kapitalvernichtung sind z. B. Zwangsstillegungen, Anbaubeschränkungen, Rohstoffvernichtung, Su’bventionierung stagnierender Produktionszweige, Währungsmanipulationen; von der Vernichtung des menschlichen Kapitals, der strukturell und aktuell Arbeitslosen, von den unausgenützten Kapazitäten und vom Krieg wollen- wir ganz schweigen. Die Differenz zwischen den technischen Möglichkeiten einer Produktionssteigerung in den verschiedensten Bereichen der Industrie und ihres tatsächlichen Ausmaßes wird immer größer. Aus diesen neuen Bewegungsformen des Grundwiderspruchs, der Trennung der Produzenten von ‚ihren Produktionsmitteln, ergibt sich als allgemeine Tendenz ein „Wachstum des Anteils der unproduktiven Schichten an der Gesamtbevölkerung‘ (Sering), von den Dauerarbeitslosen bis zu den Rentnern, von den künstlichen Beamtenschichten bis zu der Angestellten.

Diesem Prozeß geht parallel ein Prozeß der Veränderung in der produktiven Arbeiterklasse. Die Mechanisierung und Ökonomisierung der Produktion reduziert den Anteil der Facharbeiter an der gesamten Industriearbeit. Ihre Stellung und Existenz, gerade in der Gestalt der „Produktionsintelligenz“, wird aber für den gesamtgesellschaftlichen Reproduktionsprozeß immer wichtiger. Die Verwissenschaftlichung des gesamten Produktionsprozesses.die in der Bedeutung der Produktipns-intelligenz zum Ausdruck kommt, zeigt auch eindeutig die historische Funktionslosigkeit der „Personifikation des Kapitals“ (Marx), der Kapitalistenklasse – heute wohl als Unternehmer bezeichnet!

Die „Produktionsintelligenz“, d; h. die technische, ökonomische ‚ und pädagogische Intelligenz stellt die qualifizierteste Abteilung des Lagers der lohnabhängigen Produzenten dar. Historisch sei angemerkt, daß Teile der Produktionsintelligenz der 20iger Jahre (damals die qualifiziertesten Facharbeiter) sich in den Reihen der „Revolutionären Obleute“, jener militanten Avantgarde des Berliner Proletariats in der Novemberrevolution von 1918 befanden.

Gesellschaftsanalyse

Subversive Wissenschaft, die die historische Wirklichkeit unter dem Aspekt ihrer permanenten Revolutionierung analysiert, begreift die bürgerlich-kapitalistische Gesellschaft in ihrer heutigen Erscheinungsweise als eine, die alle Produkte und Tätigkeiten im Tauschwert auflöst und eine „allseitige Abhängigkeit der Produzenten voneinander“ (Marx, Grundrisse, 1953, S. 74) produziert. Zugleich aber existiert in ihr die völlige Isolierung ihrer Privatinteressen und eine Teilung der gesellschaftlichen Arbeit deren Einheit und wechselseitige Ergänzung gleichsam als ein Naturverhältnis außer den Individuen unabhängig von ihnen, besteht. Dei Druck der allgemeinen Nachfrage und Zufuhr vermittelt den Zusammenhang der gegeneinander Gleichgültigen.

Die Herrschaft des Tauschwertes als die allseitige Herrschaft des Geldverhältnisses zerriß in der Tat in der Vergangenheit die persönlichen Abhängigkeitsverhältnisse des Feudalismus, um sie in einer späteren Phase vertieft zu rekonstituieren. Sie begründete den Schein der Unabhängigkeit des Individuums. Schein darum, weil die Individuen von ihren wesenhaften Existe-yibe-dingungen, den von ihnen induzierten Produktionsmitteln, ausgeschlossen sind. Sie können diese Produktionsmittel nicht gesellschaftlich als gemeinsames Vermögen in Bewegung setzen, sie nicht kontrollieren, vielmehr werden-sie“von ihnen in der Gestalt „sachlicher Abhängigkeitsverhältnisse“ beherrscht. Mit der geschichtlichen Herausbildung der Trennung der Produzenten des gesellschaftlichen Reichtums von ihren Produktionsmitteln – eine frühe Form der Enteignung  – wurde der Grundwiderspruch der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft begründet, der im Prozeß seiner widersprüchlichen Entfaltung vielerlei Formen hervorbringt.

Repressive Arbeitsteilung

Diese erste kapitalistische „Arbeitsteilung“ brachte den produzierenden Massen die Ausbeutung und der Kapitalistenklasse den Maximalprofit auf der Grundlage nichtbezahlter Arbeitszeit. Ihr folgten auf der Basis sich entwickelnder neuer Bedürfnisse der Individuen, der Vermehrung der Bevölkerung und des Wachstums der Verkehrsyer-hältnisse neue Teilungen der Arbeit, wie die zwischen Stadt und Land, Produktion und Verkehr, zwischen den Städten ‚usw. Dia ‚Entwicklung der gesellschaftlichen Arbeitsteilung konstituiei-t die Klas-senverhältnisse, welche je spezifische Produktionsverhältnisse innerhalb der gesellschaftlichen Totalität konkreter Besonderheiten ausdrücken. „Die Teilung der Arbeit wird erst wirklich Teilung von dem Augenblicke an, wo eine Teilung der materiellen und geistig&n Arbeit eintritt. Von diesem Augenblicke an ist das Bewußtsein im Stande, sich von der Welt zu emanzipieren und zur Bildung der ,reinen‘ Theorie, Theologie, Philosophie, Moral etc. überzugehen.“ (Deutsche Ideologie, 1932.S.21).

Diese repressive Arbeitsteilung trennt Arbeiter und Studenten. Ihr gemeinsames Ausgeschlossensein von der Aneignung und Kontrolle der Produktionsmittel ist nicht identisch mit kämpferischer Vereinigung. In Deutschland kommt hinzu, daß die jahrzehntelange Erfahrung vom Verrat der politischen Führei bei den Arbeitern eine _“ gewichtige Apathie“ hervorgerufen hat. Die Zerschlagung der revolutionären Kader durch Faschismus und Stalinismus taten das ihrige …

Ein gigantisches System von Manipulation muß Tag für Tag die im Betrieb mögliche Assoziierung der Produzenten, die universelle Aneignung der Produktivkräfte und ihre emanzipatorische Verwendung für die allseitige Entwicklung der Individuen verhindern. Von heute auf morgen wäre die Übernahme der Fabriken durch die Produzenten, die Praktizierung von Produktionskontrolle und Produzenten-Demokratie möglich. Alle materiellen Bedingungen für eine neue Gesellschaftsordnung sind vorhanden, es mangelt aber gerade in den Betrieben an gesellschaftlichem Bewußtsein. Marx und Lenin haben heute nicht mehr recht, wenn sie davon ausgehen, daß der Betrieb die soziologische Bedingung für die Möglichkeit eines erfolgreichen Klassenkampfes, der Organisierung und Bewußtwerdung der produzierenden. ..Massen ‚darstelle. Die Arbeiter, genauer, die produzierenden Individuen werden heute vielmehr isoliert und atomi-siert; sie sind primär außerhalb des Betriebs politisierbar

Arbeiter-Produzenten und Studenten-Produzenten

„Die einzelnen Individuen bilden nur insofern eine Klasse, als sie einen gemeinsamen Kampf gegen eine andere Klasse zu führen haben. Im übrigen stehen sie einander selbst in der Konkurrenz wieder feindlich gegenüber.“ (Deutsche Ideologie, ibid, S. 43). Das Proletariat als eine Fraktion des revolutionären Lagers ist noch latent, muß sich im Kampf gegen den Staat konstituieren. Unterliegen wir auf keinen Fall einer Metaphysik des Proletariats, wir könnten den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen … Ohne Illusionen und ohne Skepsis haben wir in den verschiedensten ‚Widerspruchsebenen der Gesellschaft (Schule, Berufsschule, Universitäten, stagnierende Produktionszweige etc.) die Widersprüche zu vertiefen, Abteilungen und Fraktionen aus der repressiven Totalität des Institutionswesens herauszusprengen und für das antiautoritär-revolutionäre Lager zu gewinnen. Der lange Marsch durch die Institutionen ist die subversive Verwertung derWidersprüche und Möglichkeiten in und außerhalb des staatlich-gesellschaftlichen Gesamtapparats, um diesen innerhalb eines langen Prozesses zu zerstören.

Dazu gehört auch, daß die Studenten-Produzenten von sich aus die „Verbindung von Erziehung und materieller Produktion“ als eigenes Problem begreifen und den tiefen historischen Widerspruch zwischen geistiger und materieller Produktion als größte Produktivkraft der Herrschenden erkennen. In unserem Hochschulreformvbrschlag sollte. nicht fehlen: kein Studienabschluß ohne halbjähriges Praktikum ‚in einem Industriebetrieb. Die Herren an der Spitze werden sich wundern…