12. März 1858 // Artikel
Karl Marx // Die Herrschaft der Prätorianer

Die Herrschaft der Prätorianer

12. März 1858

„New-York Daily Tribune“ Nr. 5270 vom 12. März 1858
Aus dem Englischen.
Quelle: Karl Marx/Friedrich Engels – Werke, (Karl) Dietz Verlag, Berlin. Band 12, Berlin/DDR 1961. S. 399-402.


Paris, 22. Februar 1858

„Wann wird Gérard, der Löwentöter, zum Minister für Volksbildung ernannt?“ So lautet die allgemeine Lieblingsphrase in den Pariser Vororten, seitdem General Espinasse, der Leiter des Dobrudscha-Feldzuges unrühmlichen Angedenkens, zum Minister des Inneren und der öffentlichen Sicherheit ernannt ist. Es ist wohl bekannt, daß in Rußland ein General der Kavallerie der heiligen Synode vorsteht. Warum sollte dann nicht Espinasse dem französischen Home-Ministry <Innenministerium> vorstehen, nachdem Frankreich zum home <Heim> ausschließlich der Prätorianer geworden ist? Durch solche offenbaren Mißverhältnisse wird die Herrschaft des nackten Schwertes in vollkommen unmißverständlicher Weise proklamiert, und Bonaparte will Frankreich klar zu erkennen gehen, daß die kaiserliche Herrschaft nicht auf dem Willen Frankreichs, sondern auf 600.000 Bajonetten beruht. Daher die prätorianischen Adressen, die von den Obersten der verschiedenen Regimenter nach einem von den Tuilerien gelieferten Muster verfaßt worden sind, Adressen, bei denen die geringste Anspielung auf den sogenannten „Willen des Volkes“ ängstlich vermieden wird; daher die Zerstückelung Frankreichs in fünf Paschaliks; daher die Umwandlung des Innenministeriums in ein Anhängsel der Armee. Hiermit sind die Veränderungen nicht zu Ende. Ungefähr 60 Präfekten sollen in Kürze abgesetzt und größtenteils durch Militärs ersetzt werden. Die Leitung der Präfekturen soll half-pay Obersten und Oberstleutnants <eine Art Reserveoffiziere mit herabgesetztem Gehalt> übertragen werden. Der Gegensatz zwischen der Armee und der Bevölkerung soll zum Bürgen der „öffentlichen Sicherheit“ gemacht werden, nämlich der Sicherheit des Helden von Satory und seiner Dynastie.

Ein großer zeitgenössischer Historiker hat uns erzählt, daß über Frankreich – mag man die Tatsache auch noch so sehr verschleiern – seit den Tagen der Großen Revolution immer die Armee verfügt hat. Gewiß haben unter dem Kaiserreich, unter der Restauration, unter Louis-Philippe und während der Republik von 1848 verschiedene Klassen geherrscht. Unter dem Kaiserreich herrschte die Bauernschaft vor, das Kind der Revolution von 1789; unter der Restauration der Großgrundbesitz; unter Louis-Philippe die Bourgeoisie; und die Republik von 1848 erwies sich entgegen der Absicht ihrer Begründer in Wirklichkeit als ein mißlungener Versuch, die Herrschaft zu gleichen Anteilen unter den Anhängern der legitimen Monarchie und den Anhängern der Julimonarchie aufzuteilen. All diese Regimes stützten sich jedoch gleichermaßen auf die Armee. Ist nicht sogar die Verfassung der Republik von 1848 unter dem Belagerungszustand, d.h. unter der Herrschaft des Bajonetts, ausgearbeitet und proklamiert worden? Wurde diese Republik nicht durch General Cavaignac verkörpert? Wurde sie nicht im Juni 1848 und wieder im Juni 1849 durch die Armee gerettet, um schließlich im Dezember 1851 von der gleichen Armee fallengelassen zu werden? Worin besteht also das Neue an dem jetzt offen von Louis Bonaparte verkündeten Regime? Daß er mit Hilfe der Armee regiert? Das taten alle seine Vorgänger seit den Tagen des Thermidor. Doch wenn auch in allen vergangenen Epochen die herrschende Klasse, deren Aufstieg einer spezifischen Entwicklung der französischen Gesellschaft entsprach, ihre ultima ratio <letzte Zuflucht> gegen ihre Widersacher in der Armee sah, so herrschte nichtsdestoweniger ein spezifisches gesellschaftliches Interesse vor. Im Zweiten Kaiserreich soll das Interesse der Armee selbst vorherrschen Die Armee soll nicht länger die Herrschaft eines Teiles des Volkes über einen anderen Teil des Volkes aufrechterhalten. Die Armee soll ihre eigene Herrschaft, verkörpert durch ihre eigene Dynastie, über das französische Volk im allgemeinen aufrechterhalten.

Sie soll den Staat im Gegensatz zur Gesellschaft darstellen. Man muß nicht glauben, daß Bonaparte sich des gefährlichen Charakters des von ihm versuchten Experiments nicht bewußt ist. Indem er sich selbst zum Führer der Prätorianer erklärt, erklärt er jeden prätorianischen Führer zu seinem Konkurrenten. Seine eigenen Parteigänger, mit General Vaillant an der Spitze, erhoben Einwände gegen die Teilung der französischen Armee in fünf Marschallämter, indem sie sagten, die Teilung sei zwar gut aus Gründen der Ordnung, doch nicht gut für das Kaiserreich, da sie eines Tages mit einem Bürgerkrieg enden würde. Das Palais Royal, das über die neue Wendung der kaiserlichen Politik sehr verärgert ist, hat die Erinnerung an die Verrätereien der Marschälle Napoleons, mit Berthier an der Spitze, wachgerufen.

Wie sich die fünf Marschälle, die einander von Herzen hassen, in einem kritischen Moment verhalten werden, kann man am besten aus ihrer Vergangenheit heraus beurteilen. Magnan verriet Louis-Philippe; Baraguay d’Hilliers verriet Napoleon; Bosquet verriet die Republik, der er seine Beförderung verdankte und deren Prinzipien er bekanntlich vertreten soll. Castellane hat nicht einmal eine wirkliche Katastrophe abgewartet, um Louis Bonaparte selbst zu verraten. Während des russischen Krieges erreichte ihn eine telegraphische Depesche, die besagte: „Der Kaiser ist tot.“ Er entwarf sofort eine Proklamation für Heinrich V. und schickte sie zur Druckerei. Der Präfekt von Lyon hatte die wahre Depesche erhalten, die so lautete: „Der Kaiser von Rußland <Nikolaus I.> ist tot.“ Die Proklamation wurde vertuscht, aber die Geschichte wurde allgemein bekannt. Was Canrobert anbelangt, so mag er kaisertreu sein, aber er ist eben nur ein Bruchteil eines Ganzen, und vor allem fehlt ihm die Fähigkeit, ein Ganzes zu sein. Diese fünf Marschälle, die sich der Schwierigkeit der Aufgabe bewußt waren, die sie übernehmen sollten, zögerten so sehr die Annahme ihrer entsprechenden Kommandos hinaus, daß nichts mit ihrer Einwilligung geregelt werden konnte. Als Bonaparte das sah, schrieb er selbst die Namen zu den jeweiligen Bestimmungsorten, übergab die Liste an Fould zur Ergänzung und zur Einsendung an den „Moniteur“, und so wurde ihre Ernennung schließlich veröffentlicht, ob sie es wollten oder nicht. Andererseits wagte es Bonaparte nicht, seinen Plan zu vollenden und Pélissier zum Generalfeldmarschall zu ernennen. Über seine Marschall-Pentarchie können wir das sagen, was Prinz Jérôme-Napoléon Herrn Fould geantwortet haben soll, als Bonaparte diesen zu seinem Onkel sandte, um ihm die Ernennung zum Haupt des Regentschaftsrats zu überreichen. Nachdem der Exkönig von Westphalen <Jérôme-Napoléon> das Angebot in äußerst unhöflicher Form abgelehnt hatte, komplimentierte er Fould, wie der Pariser Klatsch erzählt, mit folgenden Worten hinaus: „Du reste <Übrigens> ist Ihr Regentschaftsrat so zusammengesetzt, daß es für Sie alle nur ein Ziel gibt, nämlich das, einander so schnell wie möglich verhaften zu lassen.“ Wir wiederholen, daß es unmöglich ist, anzunehmen, Louis Bonaparte kenne nicht die Gefahren, mit denen sein neuerungssüchtiges System behaftet ist. Aber es bleibt ihm keine andere Wahl. Er kennt seine eigene Lage und die Ungeduld der französischen Gesellschaft, ihn und seinen kaiserlichen Mummenschanz loszuwerden. Er weiß, daß die verschiedenen Parteien sich von ihrer Lähmung erholt haben, und daß die materielle Basis seines Börsenjobberregimes durch das kommerzielle Erdbeben gesprengt worden ist. Deshalb bereitet er nicht nur den Krieg gegen die französische Gesellschaft vor, sondern verkündet es auch laut. Seinem Entschluß, eine kriegerische Haltung gegen Frankreich einzunehmen, entspricht es, daß er die verschiedenartigsten Parteien beleidigt. Als zum Beispiel Cassagnac im „Constitutionnel“ Herrn Villemain als „Provokateur des Hasses“ gegen das Kaiserreich denunzierte und das „Journal des Débats“ wegen seines Schweigens der „Mitschuld“ am Attentat bezichtigte, wurde dies zuerst als ein Akt närrischen Eifers seitens des Mannes betrachtet, den Guizot als den roi des drôles <Narrenkönig> bezeichnet hat. Es sickerte jedoch bald durch, daß der Artikel dem „Constitutionnel“ aufgezwungen worden war durch Herrn Rouland, den Volksbildungsminister, der selbst die Korrektur der Fahnen vorgenommen hatte. Nebenbei bemerkt, erhielt Herr de Sacy vom „Débats“ diese Aufklärung durch Herrn Mirès, den Besitzer des „Constitutionnel“, der nicht die Verantwortung für den Artikel tragen wollte. Daß Bonaparte alle Parteien als seine persönlichen Feinde anklagt, paßt daher in sein Ränkespiel. Es bildet einen Teil seines Systems. Er sagt es ihnen deutlich, daß er sich bezüglich der allgemeinen Ablehnung seiner Herrschaft keinerlei Illusionen hingibt, daß er aber bereit ist, ihr mit Kartätschen und Gewehrfeuer zu begegnen.