1927 // Artikel
Alexandra Kollontai // Das Mandat für den Petrograder Sowjet

Das Mandat für den Petrograder Sowjet

1927

Zum ersten Mal 1927 in der Zeitschrift „Krasny Derewoobdelotschnik“ (Der Rote Holzarbeiter), Nr. 3, unter der Überschrift „Das Mandat der Holzarbeiter für den Sowjet“ veröffentlicht. Der Abdruck erfolgt nach dem mit dem Manuskript aus dem Zyklus der Erinnerungen Alexandra Kollontais an das Jahr 1917 verglichenen Text der Zeitschrift. Der Schluss wurde dem Buch „Aus meinem Leben und meiner Arbeit“ (1921) entnommen. Nach „Ich habe viele Leben gelebt“. Berlin 1980, S. 312-318


Man schrieb Ende März 1917, Lenin war noch nicht eingetroffen. Ich selbst war nach achtjährigem Auslandsaufenthalt als politische Emigrantin erst wenige Tage wieder in Russland.

Zurückgekehrt war ich in ein neues Russland, in dem es keinen Zaren mehr gab. Dafür gab es eine Provisorische Regierung, und parallel dazu tagte der Sowjet der Arbeiter und Soldaten, der jedoch seine große historische Rolle noch nicht erkannt hatte.

Bolschewiki gab es damals im Sowjet nur wenige, in der Mehrheit waren die Menschewiki, Sozialrevolutionäre und „Vaterlandsverteidiger“.

Eines Morgens ging ich ins Petrograder Parteikomitee.

Genosse Schmidt empfing mich mit den Worten: „Haben Sie ein Mandat für den Sowjet?“ „Nein, ich bin ja gerade erst angekommen.“ „Dann gehen Sie gleich und besorgen sich eins. Wir müssen schleunigst die Fraktion der Bolschewiki im Sowjet vergrößern.“

„Woher soll ich es denn bekommen? Und wie?“

„Wollen wir doch einmal nachsehen, welche Gewerkschaft noch keine Delegierten entsandt hat.“ Er wühlte in Papieren herum und zog triumphierend die Adresse des Verbandes der Holzarbeiter hervor.

„Dieser Verband nimmt eine schwankende Haltung ein, er scheint zu uns zu tendieren. Hier haben Sie die Adresse, gehen Sie zum Vorstand, sprechen Sie mit ihnen, und machen Sie ihnen die Dinge klar, na ja, versuchen Sie eben, sie für uns zu gewinnen. Ihnen geben sie sicherlich ein Mandat.“

So ging ich denn durch die schmutzigen Straßen auf die Petersburger Seite, um mir ein Mandat für den Sowjet zu besorgen.

Im Vorstand sah es wie in jedem Vorstand jener Tage aus. Er befand sich in einem Keller, in dem Raum standen zwei lange, ungestrichene Tische und Bänke. Es roch modrig, durch das schmale Kellerfenster drang nur spärliches Licht.

Der Raum war leer, nur eine Frau mit Kopftuch saß müßig da.

„Ist das hier der Vorstand des Holzarbeiterverbandes?“ „Jawohl.“

„Ist vom Vorstand jemand da?“ „Sehen Sie doch, nein.“ „Und wann kommt jemand?“

.Woher soll ich das wissen? Wird schon jemand kommen, später. Zu wem wollen Sie denn? Zu Timofej Iwanytsch vielleicht?“

„Wer ist das – Timofej Iwanytsch?“

„Timofej Iwanytsch?! Na eben Timofej Iwanytsch. Der kommt ganz bestimmt vorbei. Setzen Sie sich nur und warten Sie; alle warten auf ihn.“

Na schön, wenn alle auf Timofej Iwanytsch warteten, dann wollte auch ich auf ihn warten.

Ich setzte mich und knüpfte mit der Frau im Kopftuch ein Gespräch an. Wie sich herausstellte, war die Wächterin im Vorstand Soldatenfrau. Sie beklagte sich über den Krieg; ihren Mann, einen Holzarbeiter, hatte man in den Krieg gejagt.

„Teuer ist jetzt alles geworden, gar nicht zu beschreiben. Und erst die Schlangen! Stundenlang muss man wegen dem bisschen Brot anstehen.“

Ich versuchte natürlich, die Wächterin zu „bearbeiten“: wer den Krieg angefangen habe, warum und so weiter. Sie stritt nicht mit mir, zeigte aber auch keinerlei Interesse. Auf ihrem Gesicht stand deutlich geschrieben: Du kannst von mir aus lange quasseln!

Ich saß eine halbe Stunde, eine Stunde.

„Wann kommen denn die Vorstandsmitglieder hierher? Vielleicht gibt es eine bestimmte Uhrzeit für die Sitzungen? Oder festgelegte Sprechzeiten?“

„Weiß ich nicht, jeder kommt, wann er will. Sitzungen finden auch statt. Timofej Iwanytsch schaut aber immer an die fünf Mal am Tag hier vorbei.“

Ich wartete weiter. Da quietschte plötzlich die Tür. Drei Männer kamen herein, unterhielten sich.

„Ist einer davon Timofej Iwanytsch?“

„Von denen? Wo denken Sie hin? Das sind nur Mitglieder.“

Die drei sahen mich von der Seite her an – was ist denn das für ein Vogel? Sie setzten sich in eine Ecke und unterhielten sich. Es ging um Tarife und Lohnsenkungen. Ich trat zu ihnen.

„Wann sind denn bei Ihnen die Mitglieder des Vorstandes da, Genossen?“

„Das wissen wir nicht. Matrjoscha, wann lässt sich denn der Vorstand hier blicken?“

„Hab‘ doch schon gesagt, dass Timofej Iwanytsch so an die fünf Mal am Tag hier vorbeikommt.“

Ich fragte die drei Hinzugekommenen, ob sie einen Deputierten im Sowjet hätten. Sie drucksten herum, hatten kein Vertrauen zu mir. Wer ich sei, wozu ich hergekommen sei. Ich kam nicht ins Gespräch mit ihnen.

Wieder wartete ich. Eine weitere Stunde verging. Noch länger werde ich nun nicht warten, dachte ich so bei mir. Gerade wollte ich zur Tür gehen, da kam mir ein hochgewachsener, bärtiger Mann entgegen, dem noch andere folgten.

„Da haben Sie Timofej Iwanytsch“, erklärte mir die Wächterin.

Timofej Iwanytsch maß mich mit klug blickenden Augen, die es gewohnt waren, das Leben genau zu betrachten, und wohl auch beim Umgang mit dem Holz keinen Fehler durchgehen ließen. Wir begrüßten einander. Er fragte mich nach dem Grund meines Kommens – ob ich über den Verband eine Bestellung aufgeben wolle.

„Nein“, erwiderte ich, „ich komme in einer völlig anderen Angelegenheit.“

„Suchen Sie etwa selbst Arbeit? Also, Büroarbeit haben wir nicht. Fräuleins nehmen wir nicht, kommen selber zurecht.“

Nun wandte ich mich ernsthaft an ihn. War er der Vorsitzende des Vorstandes, so musste ich mit ihm sprechen. Ich erklärte ihm die Sache. Es war Eile geboten, denn das Mandat musste bis zum nächsten Tag vorgelegt werden.

„Der Sowjet hat Sie wohl geschickt, um uns zu benachrichtigen?“

„Nein, die Partei. Das Zentralkomitee der Bolschewiki.“

„Die Bolschewiki?“ fragte Timofej Iwanytsch gedehnt und verwundert und wurde nachdenklich. „Wieso kümmern die sich um uns?“

„Ja, sind Sie denn kein bolschewistischer Verband?“

„Wir? Wir sind Parteilose“, sagte Timofej Iwanytsch trocken und mit Nachdruck. Dennoch wurde er geschäftig, ließ jemanden herbeirufen und hieß mich Platz nehmen.

Timofej Iwanytsch war kaum eingetroffen, als auch schon eine Menge Leute in den Vorstand kamen. Um ihn herum ging es bald laut her. Geredet wurde die ganze Zeit über die Lohnkürzung. Man protestierte. Der Vorstand kam zusammen, setzte sich an den Tisch. Anfangs wurde über die eigenen Angelegenheiten gesprochen, über den Tarif, dann kam man auch auf meinen Vorschlag zu sprechen. Ich gab ihnen über den Sowjet Aufschluss. Sie hörten sich alles an. Timofej Iwanytsch war dafür, jemanden zu schicken. Ein älterer Mann war dagegen.

„Was bringt uns das ein? Am Ende macht dieser Sowjet da den Holzarbeitern noch Scherereien. Die Leute reden sonst was über die Sowjets.“

Nun kam ich mit meinem Vorschlag.

„Kollontai? Eine Bolschewikin? Ist das die, von der die Zeitungen schreiben, sie sei für die Niederlage? Sie setze sich für die deutschen Gefangenen ein? Was will denn die von uns? Wir stehen zu unserem Vaterland. Wir verkaufen uns nicht an die Deutschen. Wir sind ehrliche Holzarbeiter.“

Es war laut geworden. Ich sah, dass es schlecht um meine Sache stand. Zu „ Vaterlandsverteidigern“ war ich also gekommen. ,

Timofej Iwanytsch aber schwieg. Er sah mich an und überlegte.

„Ruhe, Leute … Was macht ihr denn für einen Krach! Die Sache muss diskutiert werden, wie es sich gehört.“

Ich merkte, dass Timofej Iwanytsch gar nicht einmal so sehr gegen die Bolschewiki war. Er holte weit aus und sprach von dem für die Arbeiter so schweren Krieg. Er versuchte, Klarheit zu schaffen, und ich sah, dass er seinen Vorschlag vorbereitete. Da platzte mit einem Mal noch jemand herein, ein kleiner, magerer Mann mit Brille. Man sah ihm an, dass er kein Arbeiter war.

Timofej Iwanytsch unterbrach seine Rede und beratschlagte mit dem Ankömmling. Der hob entgeistert die Arme. Nein, so etwas!

„Wer hat euch bloß geraten, euch mit den Bolschewiki einzulassen? Haben sich das etwa die Holzarbeiter einfallen lassen?“ schrie er den Vorstand an, als sei er hier der Herr im Hause.

Timofej Iwanytsch erhob sich und führte ihn in eine Ecke. Ganz klar – der Mann war Menschewik. Timofej Iwanytsch und der Menschewik tuschelten miteinander. Offenbar ließ sich Timofej Iwanytsch nicht so einfach überreden.

„Sagen Sie Ihrem bolschewistischen Komitee da, man soll uns ja keine Deputierten für den Sowjet mehr von der Straße herschicken. Ob wir jemanden in den Sowjet entsenden oder nicht, ist unsere Angelegenheit, geht nur den Verband etwas an. Wir gehören zu keiner Partei.“

„Richtig“, stimmten die Vorstandsmitglieder zu. Der Menschewik sah mich, die Hände in den Taschen vergraben, triumphierend an.

„Da haben sie sich was einfallen lassen! Vaterlandsverräter zu uns zu schicken! Bolschewisten!“

„Was gibt es da zu schreien, Leute? Ist doch alles klar.“ So verließ ich also die Holzarbeiter mit leeren Händen, ohne Mandat. Innerlich war ich böse auf Schmidt: Wohin hatte er mich da geschickt? Mitten in ein Nest von „Vaterlandsverteidigern“!

Timofej Iwanytsch sollte ich jedoch noch wieder begegnen.

Es war im Oktober, als es hoch herging und alles in Spannung lebte. Nachrichten von der ersten roten Front waren eingetroffen. Die Unsrigen hatten Gatschina genommen, die Kosaken waren entwaffnet worden, Kerenski geflohen.

Im Smolny brodelte es wie in einem Kessel. In den Gängen wimmelte es von Leuten. Wen man da nicht alles traf!

Wie ich so schaute, sah ich einen bärtigen, kräftigen, breitschultrigen Rotgardisten mit einem Gewehr in der Hand und einer Schirmmütze auf dem Kopf. Als wir einander gegenüberstanden, merkte ich: Das war doch Timofej Iwanytsch, der Holzarbeiter! „Sie sind auf unserer Seite, Timofej Iwanytsch?“ „Und ob … Ich habe schon längst begriffen, dass die Linie der Menschewiki nicht die richtige ist. Sie sägen schief.

Sehen nicht, worauf es ankommt. Ich hatte mich da irgendwie nicht auf meinen Proletarierverstand verlassen. Uns hatte ein Menschewik beraten, ein gebildeter Mann. Und ich dachte mir, der versteht sicher mehr als ich. Als Sie wegen des Mandats kamen, da sagte ich mir schon, dass es nicht recht ist, wenn wir für den Krieg eintreten. Was haben schließlich die Arbeiter davon? Jetzt komme ich direkt von der Front, wir haben Petrograd bei Gatschina verteidigt und werden die Sowjets auch in Zukunft schützen. Kommen Sie doch mal zu uns in den Verband, wir jagen Sie bestimmt nicht mehr weg. Jetzt ist unser Verband nämlich bolschewistisch.“

Wir verabschiedeten uns wie alte Freunde, und jeder ging seiner Arbeit nach. Damals gab es ungeheuer viel zu tun. Da blieb keine Zeit, um den Verband zu besuchen.

Doch schon Anfang 1918 erfuhr ich dann, dass Timofej Iwanytsch an der Front gefallen war. Er war als Held im Kampf gegen die Weißen, für die Macht der Sowjets, für die Revolution der Arbeiter und Bauern gestorben. Die Holzarbeiter führten das Werk des großen Oktober, die Zerschlagung der alten Welt der Ausbeuter, weiter …

Der Verband der Holzarbeiter, der sich einst keiner Partei zugerechnet hatte, wurde zu einer starken Gewerkschaft Leninscher Prägung.

Später wurde ich von unserer bolschewistischen Militärorganisation in den Sowjet delegiert. Es wurde gefragt, wieso die Militärs ausgerechnet eine Frau als Delegierte geschickt hatten. Das war außergewöhnlich. Doch man hörte bald auf, sich zu wundern …

Die bolschewistische Militärorganisation delegierte mich dann in das Petrograder Exekutivkomitee; im Sowjet gab es mehrere Frauen, unter ihnen auch drei oder vier bolschewistische Arbeiterinnen. Gleich bei meinem Eintritt in den Sowjet wurde ich ins Fraktionsbüro des Sowjets gewählt …