20. Juni 1866 // Artikel
Friedrich Engels // Betrachtungen über den Krieg in Deutschland

Betrachtungen über den Krieg in Deutschland

20. Juni 1866

Geschrieben zwischen dem 19. Juni und 5. Juli 1866.
Die Artikel erschienen in „The Manchester Guardian“: I in Nr. 6190 vom 20. Juni 1866; II in Nr. 6194 vom 25. Juni 1866; III in Nr. 6197 vom 28. Juni 1866; IV in Nr. 6201 vom 3. Juli 1866; V in Nr. 6204 vom 6. Juli 1866
Quelle: Karl Marx/Friedrich Engels – Werke, (Karl) Dietz Verlag, Berlin. Band 16, 6. Auflage 1975, unveränderter Nachdruck der 1. Auflage 1962, Berlin/DDR. S. 167-189.


I

Die nachfolgenden Betrachtungen haben das Ziel, die gegenwärtigen Kriegsereignisse unparteilich und vom rein militärischen Standpunkt einzuschätzen und, soweit dies möglich, ihren vermutlichen Einfluß auf die weiteren Operationen zu untersuchen.

Der Raum, in dem die ersten entscheidenden Schläge geführt werden müssen, ist das Grenzgebiet zwischen Sachsen und Böhmen. Der Krieg in Italien kann kaum zu entscheidenden Ergebnissen führen, solange das Festungsviereck nicht genommen ist, und das dürfte eine ziemlich langwierige Operation werden. Es ist möglich, daß sich ein nicht geringer Teil der Kriegshandlungen in Westdeutschland abspielen wird, aber nach der Stärke der dort eingesetzten Kräfte zu urteilen, werden die Ergebnisse dieser Operationen im Vergleich zu den Ereignissen an der böhmischen Grenze nur untergeordnete Bedeutung haben. Wir werden deshalb unsere Aufmerksamkeit zunächst ausschließlich auf dieses Gebiet richten.

Um die Stärke der kämpfenden Armeen zu beurteilen, genügt es für unsere Zwecke, wenn wir nur die Infanterie in Betracht ziehen, wobei wir aber berücksichtigen, daß die österreichische Kavallerie sich zahlenmäßig zur preußischen wie drei zu zwei verhält. Das Verhältnis der Artillerie zur Infanterie ist bei beiden Armeen annähernd das gleiche – es kommen etwa 3 Geschütze auf 1.000 Mann.

Die preußische Infanterie besteht aus 253 Linienbataillonen, 831/2 Ersatzbataillonen und 166 Bataillonen der Landwehr |Landwehr: im „Machester Guardian“ hier und auch weiter deutsch| (ersten Aufgebots, das die Männer von 27 bis 32 Jahren umfaßt). Die Ersatzbataillone und die Landwehr bilden hierbei die Festungsgarnisonen und sind außerdem für den Einsatz gegen die deutschen Kleinstaaten vorgesehen, während die Linientruppen in und um Sachsen konzentriert sind zum Kampf gegen die österreichische Nordarmee. Nach Abzug von etwa 15 Bataillonen, die Schleswig-Holstein besetzt halten, und weiteren 15 Bataillonen, die bisher die Garnisonen von Rastatt, Mainz und Frankfurt bildeten und jetzt bei Wetzlar konzentriert sind, bleiben etwa 220 Bataillone für die Hauptarmee. Zusammen mit der Kavallerie und Artillerie und den Teilen der Landwehr, die aus den umliegenden Festungen abgezogen werden können, wird diese Armee etwa 300.000 Mann stark sein, die in neun Armeekorps formiert sind.

Die österreichische Nordarmee umfaßt sieben Armeekorps, von denen jedes wesentlich stärker als ein preußisches Korps ist. Wir wissen im Augenblick sehr wenig über ihre Zusammensetzung und Organisation, doch wir haben allen Grund anzunehmen, daß sie eine Armee von 320.000 bis 350.000 Mann aufstellen. Die zahlenmäßige Überlegenheit scheint daher den Österreichern gesichert zu sein.

Die preußische Armee wird unter dem Oberbefehl des Königs stehen, d.h. eines Paradesoldaten von bestenfalls sehr mittelmäßigen Fähigkeiten und schwachem, aber oft halsstarrigem Charakter. Er wird erstens umgeben sein vom Generalstab der Armee unter General Moltke, einem ausgezeichneten Offizier; zweitens von seinem „Geheimen Militärkabinett“, das aus Günstlingen des Königs besteht, und drittens von anderen Generalen zur Disposition, die er in seine Suite berufen kann. Man kann kein besseres System erfinden, um die Niederlage einer Armee bereits in der Organisation ihres Hauptquartiers zu beschließen. Hier kommt es von vornherein zur natürlichen Rivalität zwischen Armeestab und königlichem Kabinett; beide kämpfen um den vorherrschenden Einfluß und werden ihren eigenen Operationsplan zusammenbrauen und verfechten. Schon das allein würde jede Einheitlichkeit des Ziels und ein konsequentes Handeln nahezu unmöglich machen. Aber dann kommen die endlosen Kriegsräte, die unter solchen Umständen unvermeidlich sind und in neun von zehn Fällen mit der Annahme einer halben Maßnahme enden – dem Schlimmsten, was es im Krieg geben kann. In solchen Fällen widersprechen gewöhnlich die Befehle von heute denen von gestern, und wenn sich die Lage kompliziert oder wenn etwas schief zu gehen droht, so werden überhaupt keine Befehle gegeben, und die Dinge nehmen ihren Lauf. „Ordre, contreordre, désordre“ |“Befehl, Gegenbefehl, Verwirrung“| – pflegte Napoleon zu sagen. Niemand ist verantwortlich, weil der unverantwortliche König alle Verantwortung auf sich nimmt, und deshalb tut niemand etwas ohne ausdrücklichen Befehl. Der Feldzug von 1806 wurde in ähnlicher Weise vom Vater des jetzigen Königs geführt; das Ergebnis waren die Niederlagen von Jena und Auerstedt und die Vernichtung der gesamten preußischen Armee innerhalb von drei Wochen. Es besteht kein Grund anzunehmen, daß der jetzige König mehr Courage hat als sein Vater; und wenn er in Graf Bismarck einen Mann gefunden hat, dem er in politischer Hinsicht ohne Bedenken folgen kann, so gibt es in der Armee keinen Mann in entsprechend gehobener Stellung, der in ähnlicher Weise die ausschließliche Führung auf militärischem Gebiet übernehmen könnte.

Die österreichische Armee steht unter dem alleinigen Befehl von General Benedek, einem erfahrenen Offizier, der zumindest weiß, was er will. Die Überlegenheit der obersten Führung ist entschieden auf seiten der Österreicher.

Die preußischen Truppen sind in zwei „Armeen“ aufgeteilt: die erste, unter Prinz Friedrich Karl, besteht aus dem 1., 2., 3., 4., 7. und 8. Korps; die zweite, unter dem Kronprinzen |Friedrich Wilhelm III.|, besteht aus dem 5., und 6. Korps. Die Garde, die die allgemeine Reserve bildet, wird wahrscheinlich der ersten Armee angegliedert werden. Nun verletzt diese Teilung nicht allein die Einheit des Kommandos, sondern führt auch sehr oft dazu, daß die beiden Armeen auf zwei verschiedenen Linien operieren, daß sie ihre Bewegungen koordinieren müssen und ihre beiderseitigen Berührungspunkte in Reichweite des Feindes legen; mit anderen Worten, sie hält die Armeen getrennt, während diese sich soviel wie möglich zusammenhalten müßten. Genauso und unter sehr ähnlichen Umständen handelten die Preußen 1806 und die Österreicher 1859; beide wurden geschlagen. Was die beiden Befehlshaber anbelangt, so ist der Kronprinz als Soldat eine unbekannte Größe, und Prinz Friedrich Karl erwies sich im dänischen Krieg zweifellos nicht als großer Feldherr.

Die österreichische Armee kennt keine solche Unterteilung; die Befehlshaber der Armeekorps unterstehen unmittelbar General Benedek. Die Österreicher sind daher ihren Gegnern auch im Hinblick auf die Organisation der Armee überlegen.

Die preußischen Soldaten, besonders die Reservisten und die Landwehrmänner, mit denen man die Lücken in den Linientruppen auffüllen mußte (und solche Lücken gibt es viele), ziehen gegen ihren Willen in den Krieg; die Österreicher dagegen haben schon lange einen Krieg gegen Preußen herbeigewünscht und erwarten mit Ungeduld den Marschbefehl. Deshalb sind ihre Truppen auch in moralischer Hinsicht überlegen.

Preußen hat seit fünfzig Jahren keinen großen Krieg geführt; seine Armee ist alles in allem eine Friedensarmee mit der Pedanterie und Schablonenmäßigkeit, die allen Friedensarmeen eigen sind. Zweifellos ist in der letzten Zeit, besonders seit 1859, viel getan worden, um davon loszukommen; doch die seit vierzig Jahren herrschenden Gewohnheiten sind nicht so leicht auszurotten, und gerade auf den wichtigsten Posten – unter den Stabsoffizieren – gibt es noch viele unfähige und pedantische Leute. Die Österreicher sind von diesem übel durch den Krieg von 1859 gründlich kuriert worden und haben sich ihre teuer erkaufte Erfahrung bestens zunutze gemacht. Zweifellos sind die Österreicher den Preußen auch in den organisatorischen Details, an militärischem Wissen und an Kampferfahrung überlegen.

Abgesehen von den Russen sind die preußischen Truppen die einzigen, deren übliche Kampfformation die tiefe geschlossene Kolonne ist. Man stelle sich die acht Kompanien eines englischen Bataillons in einer Vierteldistanz-Kolonne vor, deren Front nicht von einer, sondern von zwei Kompanien gebildet wird, so daß vier Reihen zu je zwei Kompanien die Kolonne bilden – und man hat die „preußische Angriffskolonne“. Ein besseres Ziel für gezogene Feuerwaffen kann man sich nicht vorstellen, und da gezogene Geschütze eine Granate in diese Kolonne auf 2.000 Yard Entfernung schießen können, ist es für eine solche Formation nahezu unmöglich, den Feind überhaupt zu erreichen. Man lasse nur eine einzige Granate inmitten dieser Masse explodieren und sehe dann, ob dieses Bataillon an dem Tage noch zu irgend etwas fähig ist.

Die Österreicher haben die lose offene Kolonne der Franzosen übernommen, die kaum noch als Kolonne bezeichnet werden kann; sie gleicht eher zwei oder drei Linien, die in einem Abstand von 20 oder 30 Yard aufeinander folgen, und ist dem Artilleriefeuer kaum mehr ausgesetzt als eine deployierte Linie. Der Vorteil der taktischen Formation ist also ebenfalls auf seiten der Österreicher.

Allen diesen Vorteilen haben die Preußen nur zwei Dinge entgegenzusetzen. Ihre Intendantur ist entschieden besser, und deshalb werden ihre Truppen besser verpflegt werden. Die österreichische Intendantur ist, wie die gesamte österreichische Administration, ein einziges Nest von Korruption und Unterschlagung und kaum besser als die russische Intendantur. Wir hören, daß sogar jetzt die Truppen schlecht und unregelmäßig verpflegt werden; im Felde und in den Festungen wird es noch schlimmer sein. So kann die österreichische Administration den Festungen des Festungsvierecks gefährlicher werden als die italienische Artillerie.

Der zweite Vorteil der Preußen ist ihre überlegene Bewaffnung. Aber obgleich ihre gezogene Artillerie entschieden besser ist als die der Österreicher, wird das im offenen Felde keine große Rolle spielen. Die Reichweite, Flugbahn und Genauigkeit der preußischen und österreichischen Gewehre werden annähernd gleich sein, doch die Preußen haben Hinterlader und können ein stetiges, gutgezieltes Feuer aus ihren Reihen mindestens viermal in der Minute abgeben. Die große Überlegenheit dieser Waffe hat sich im dänischen Krieg gezeigt, und zweifellos werden die Österreicher das noch weitaus stärker zu spüren bekommen. Wenn sie, wie ihnen Benedek befohlen haben soll, nicht viel Zeit mit Feuern verlieren, sondern sofort zum Bajonettangriff übergehen, werden sie ungeheure Verluste haben. Im dänischen Krieg betrugen die Verluste der Preußen nie mehr als ein Viertel, manchmal nur ein Zehntel der Verluste der Dänen; und wie ein Militärkorrespondent der „Times“ kürzlich sehr richtig bemerkte, wurden die Dänen auf dem Kampffeld fast überall von einem zahlenmäßig unterlegenen Gegner geschlagen.

Doch trotz des Zündnadelgewehrs ist die Überlegenheit nicht auf seiten der Preußen. Und wenn sie nicht in der ersten großen Schlacht durch die überlegene Führung, Organisation, taktische Gliederung und Moral der Österreicher und nicht zuletzt durch ihre eigenen Befehlshaber geschlagen werden wollen, dann müssen sie allerdings aus anderem Holz geschnitzt sein als eine Armee, die 50 Jahre im Frieden gelebt hat.

II

Die Öffentlichkeit wird allmählich ungeduldig wegen der offenkundigen Untätigkeit der beiden großen Armeen an der böhmischen Grenze. Für diese Verzögerung gibt es jedoch viele Ursachen. Sowohl die Österreicher als auch die Preußen sind sich völlig im klaren über die Bedeutung des bevorstehenden Zusammenstoßes, der den Ausgang des ganzen Feldzuges entscheiden kann. Beide werfen eilig alle irgendwie verfügbaren Truppen an die Front; die Österreicher setzen ihre neuen Formationen ein (die vierten und fünften Bataillone der Infanterieregimenter), die Preußen die Teile der Landwehr, die ursprünglich nur für den Besatzungsdienst vorgesehen waren.

Gleichzeitig scheint man auf beiden Seiten zu versuchen, die feindliche Armee auszumanövrieren und den Feldzug unter den günstigsten strategischen Bedingungen zu beginnen. Um das zu verstehen, müssen wir einen Blick auf die Karte werfen und das Gebiet, in dem diese Armeen stehen, näher betrachten.

In Anbetracht dessen, daß Berlin und Wien die normalen Rückzugspunkte der beiden Armeen sind und deshalb die Österreicher Berlin und die Preußen Wien zu erobern suchen werden, gibt es drei Marschlinien, auf denen diese operieren können. Eine große Armee braucht ein beträchtliches Gebiet wegen der Ressourcen, von denen sie auf dem Marsch leben muß; und um schnell vorwärts zu kommen, muß sie in mehreren Kolonnen auf entsprechend vielen Parallelstraßen marschieren; die Breite ihrer Front wird sich daher vergrößern und kann, sagen wir, zwischen 60 und 16 [engl.] Meilen schwanken, je nach der Nähe des Feindes und der Entfernung zwischen den Straßen. Das muß mit in Rechnung gestellt werden.

Die erste Marschlinie würde am linken Ufer der Elbe und Moldau über Leipzig und Prag führen. Es ist klar, daß auf dieser Marschlinie beide kriegführende Seiten den Fluß zweimal überschreiten müßten, das zweite Mal unmittelbar vor dem Feind. Versuchte eine der beiden Armeen, auf dieser Linie den Feind an der Flanke zu umgehen, so könnte dieser, wenn er auf dem kürzeren, weil direkteren Weg marschiert, den Umgehungskräften immer noch an der Flußlinie zuvorkommen; gelänge es ihr, diese Kräfte zurückzuschlagen, so könnte sie direkt auf die feindliche Hauptstadt marschieren. Diese Marschlinie ist für beide Seiten gleichermaßen unvorteilhaft und kommt deshalb nicht in Betracht.

Die zweite Marschlinie verläuft am rechten Ufer der Elbe zwischen der Elbe und den Sudeten, die Schlesien von Böhmen und Mähren trennen. Sie führt fast in gerader Linie von Berlin nach Wien; durch das Gebiet, das jetzt zwischen beiden Armeen liegt, verläuft die Eisenbahnlinie von Löbau nach Pardubitz. Diese Eisenbahnlinie führt durch den Teil Böhmens, der im Süden und Westen durch die Elbe und im Nordosten durch die Berge begrenzt wird. In diesem Gebiet gibt es viele gute Straßen, und wenn die beiden Armeen direkt aufeinander losmarschierten, würde der Zusammenstoß hier erfolgen.

Die dritte Marschlinie führt über Breslau und von dort über die Sudeten. Dieser Gebirgszug hat an der mährischen Grenze nur geringe Höhe und wird dort von verschiedenen guten Straßen durchschnitten; er wird aber im Riesengebirge, der Grenze Böhmens, höher und steiler. Hier gibt es nur wenige Gebirgsstraßen; tatsächlich wird der ganze Nordostteil des Gebirgszugs zwischen Trautenau und Reichenberg, d.h. auf einer Strecke von 40 Meilen, von keiner einzigen Straße durchquert, die militärisch von Bedeutung ist. Die einzige Straße, die es dort gibt, führt von Hirschberg in das Isertal und endet an der österreichischen Grenze. Daraus folgt, daß diese ganze Barriere von vierzig Meilen Länge unpassierbar ist, zumindest für eine große Armee mit ihrem zahllosen Troß, und daß bei einem Vormarsch auf oder über Breslau die Berge im Südwesten des Riesengebirges überschritten werden müssen.

Wie steht es nun mit den beiden Armeen hinsichtlich ihrer Kommunikationen, wenn es auf dieser Marschlinie zu Kampfhandlungen kommt?

Wenn die Preußen von Breslau aus genau in südlicher Richtung vorgehen, entblößen sie ihre Kommunikationen mit Berlin. Wenn die Österreicher so stark sind, daß ihnen ihr Sieg als fast absolut sicher erscheint, könnten sie die Preußen bis zu dem befestigten Lager von Olmütz vorrücken lassen, das diese aufhalten würde, während sie selbst auf Berlin marschieren könnten, da sie gewiß sein können, jede vorübergehend unterbrochene Kommunikation durch einen entscheidenden Sieg wiederherzustellen; oder sie könnten die einzelnen preußischen Kolonnen angreifen, wenn sie von den Bergen herabsteigen, und diese bei erfolgreichem Verlauf des Kampfes auf Glogau und Posen zurückwerfen, wodurch sich Berlin und der größere Teil der preußischen Gebiete in ihrer Gewalt befänden. Folglich wäre ein Vormarsch über Breslau für die Preußen nur bei großer zahlenmäßiger Überlegenheit ratsam.

Die Österreicher befinden sich in einer völlig anderen Lage. Sie haben den Vorteil, daß der größere Teil der Monarchie südöstlich Breslaus liegt, das heißt auf der direkten Verlängerung einer Linie, die von Berlin nach Breslau führt. Da sie das Nordufer der Donau bei Wien befestigt haben, um die Hauptstadt vor einem Überraschungsangriff zu schützen, können sie vorübergehend und selbst für längere Zeit ihre direkten Kommunikationen mit Wien opfern und Verstärkung an Mannschaften sowie Vorräte aus Ungarn erhalten. Deshalb können sie gleichermaßen gefahrlos in Richtung Löbau und in Richtung Breslau operieren, nördlich oder südlich der Berge; sie haben eine weit größere Manövrierfreiheit als ihr Gegner.

Für die Preußen gibt es aber noch andere Gründe, vorsichtig zu sein. Die Entfernung von der Nordgrenze Böhmens nach Berlin beträgt nicht viel mehr als die Hälfte der Entfernung von dieser Grenze nach Wien; Berlin ist dadurch viel stärker exponiert. Wien ist durch die Donau geschützt, hinter der eine geschlagene Armee Schutz finden kann, außerdem durch die Befestigungen, die nördlich von diesem Fluß errichtet sind, und durch das befestigte Lager von Olmütz, das die Preußen nicht unbemerkt und ungestraft passieren könnten, wenn die Hauptkrähe der österreichischen Armee nach einer Niederlage dort Stellung bezögen. Berlin besitzt keinerlei Schutz außer der Feldarmee. Es ist klar, daß die Preußen unter diesen und den in unserem ersten Artikel ausführlich dargelegten Umständen nur eine defensive Rolle spielen können.

Österreich wiederum zwingen geradezu dieselben Umstände und außerdem eine dringende politische Notwendigkeit, offensiv zu operieren. Ein einziger Sieg kann ihm große Erfolge bringen, während eine Niederlage seine Widerstandskraft nicht brechen würde.

Der strategische Plan des Feldzugs ist in seinen Grundzügen notwendigerweise sehr einfach. Welcher von beiden auch immer zuerst angreift, er hat nur diese Alternative: entweder ein Scheinangriff nordwestlich des Riesengebirges und der richtige Angriff südöstlich davon oder umgekehrt. Die vierzig Meilen lange Barriere ist der entscheidende Teil des Kriegsschauplatzes; um ihn herum müssen die Armeen operieren. Wir werden bald von Kämpfen an ihren beiden äußersten Punkten hören, und nach einigen Tagen wird die Richtung des tatsächlichen Angriffs klarwerden und damit vermutlich auch das Schicksal des ersten Feldzuges. Wir neigen jedoch zu der Ansicht, daß für zwei derart schwer bewegliche Armeen, die hier einander gegenüberstehen, der direkteste Weg auch der sicherste ist und daß die Schwierigkeit und Gefährlichkeit, so große Truppenkörper in getrennten Kolonnen auf verschiedenen Straßen durch schwieriges bergiges Gelände zu führen, die beiden feindlichen Armeen fast mit Sicherheit auf die Linie Löbau – Pardubitz führen werden.

Bis jetzt haben folgende Truppenbewegungen stattgefunden: Die Preußen zogen in der ersten Juniwoche ihre sächsische Armee entlang der sächsischen Grenze von Zeitz bis Görlitz und ihre schlesische Armee von Hirschberg bis zur Neiße zusammen. Bis zum 10. Juni näherten sich diese Armeen einander; ihr rechter Flügel stand an der Elbe bei Torgau und ihr äußerster linker Flügel bei Waldenburg. Vom 12. bis zum 16. Juni dehnte die schlesische Armee, die jetzt aus dem 1., 5. und 6. Korps und der Garde besteht, erneut ihre Front nach Osten aus, diesmal bis nach Ratibor, d.h. bis in die äußerste südöstliche Ecke Schlesiens. Das sieht nach einem Täuschungsmanöver aus, besonders die Schaustellung der Garde, die gewöhnlich bei der Hauptarmee bleibt. Wenn es aber mehr als ein Täuschungsmanöver sein sollte, und wenn keine Maßnahmen ergriffen worden sind, um diese vier Korps sofort und schnellstmöglich nach Görlitz zurückzuführen, dann ist diese Konzentration von mehr als 120.000 Mann in einem entlegenen Winkel ein offensichtlicher Fehler; sie können von allen Rückzugswegen abgeschnitten werden und zweifellos jede Verbindung mit dem übrigen Teil der Armee verlieren.

Von den Österreichern wissen wir nicht viel mehr als die Tatsache, daß sie um Olmütz konzentriert wurden. Der Korrespondent der „Times“, der sich in ihrem Lager befindet, teilt mit, daß ihr sechstes Korps in Stärke von 40.000 Mann am 19. Juni von Weißkirchen in Olmütz ankam, was von einem Vorrücken nach Westen zeugt. Er fügt hinzu, daß das Hauptquartier am 21. Juni nach Trübau an der Grenze zwischen Mähren und Böhmen verlegt werden sollte. Diese Verlegung würde in dieselbe Richtung weisen, sähe sie nicht sehr nach einer Ente aus, die nach London geschickt wurde, damit sie dem preußischen Hauptquartier von dort telegraphisch mitgeteilt werde, um es irrezuführen. Ein General, der wie Benedek mit solcher Verschwiegenheit zu Werke geht und eine derartige Abneigung gegen Zeitungskorrespondenten hat, wird ihnen wahrscheinlich nicht am 19. Juni mitteilen, wo sich sein Hauptquartier am 21. Juni befinden wird, wenn er nicht seine Gründe dafür hat.

Zum Schluß sei es uns gestattet, noch einen Blick auf die Operationen in Nordwestdeutschland zu werfen. Die Preußen hatten hier mehr Truppen als ursprünglich bekannt war. Sie verfügten über 15 Bataillone in Holstein, 12 in Minden und 18 in Wetzlar. Durch schnelle konzentrische Bewegungen, bei denen die Truppen eine ganz unerwartete Fähigkeit für Eilmärsche bewiesen, besetzten sie innerhalb von zwei Tagen das ganze Gebiet nördlich der Linie von Koblenz nach Eisenach und alle Kommunikationslinien zwischen den Ost- und Westprovinzen des Königreiches. Die etwa 7.000 Mann starken hessischen Truppen konnten entkommen, den 10.000 oder 12.000 Hannoveranern aber wurde die direkte Rückzugslinie nach Frankfurt abgeschnitten, und bereits am 17. Juni erreichte der Rest des 7. preußischen Armeekorps, 12 Bataillone, zusammen mit den beiden Coburger Bataillonen Eisenach von der Elbe her. Folglich scheinen die Hannoveraner von allen Seiten eingeschlossen zu sein und könnten nur durch ein Wunder an Dummheit seitens der Preußen entkommen. Sobald sich ihr Schicksal entschieden hat, wird eine Streitmacht von 50 preußischen Bataillonen gegen die Bundesarmee zur Verfügung stehen, welche Prinz Alexander von Darmstadt bei Frankfurt aufstellt. Die Bundesarmee wird aus etwa 23.000 Württembergern, 10.000 Darmstädtern, 6.000 Nassauern, 13.000 Badensern (die jetzt erst mobilisiert werden) und 7.000 Hessen sowie aus 12.000 Österreichern bestehen, die jetzt von Salzburg her im Anmarsch sind; das ergibt insgesamt etwa 65.000 Mann, die möglicherweise noch durch 10.000 bis 20.000 Bayern verstärkt werden. Es wird berichtet, daß etwa 60.000 Mann bei Frankfurt schon zusammengezogen sind; Prinz Alexander soll einen Vorstoß gewagt und am 22. Juni Hessen wiederbesetzt haben. Das hat jedoch keine weitere Bedeutung. Die Preußen werden nicht eher gegen ihn vorgehen, bis sie genügend Kräfte konzentriert haben; und wenn sie erst über 70.000 Mann aller Waffengattungen und eine überlegene Bewaffnung verfügen, sollten sie mit dieser zusammengewürfelten Armee kurzen Prozeß machen.

III

Die erste große Schlacht ist nicht in Böhmen geschlagen worden, sondern in Italien, und das Festungsviereck hat den Italienern aufs neue eine Lektion in Strategie erteilt. Die Stärke dieser berühmten Stellung liegt wie bei allen befestigten Stellungen, die einigermaßen bedeutend sind, nicht so sehr in der großen Defensivkraft ihrer vier Festungen, sondern vielmehr darin, daß deren Position in einem Gebiet, welches militärisch gesehen spezifische Merkmale besitzt, den Angreifer fast immer verleitet und oft auch zwingt, seine Kräfte zu teilen und an zwei verschiedenen Punkten an zugreifen, während der Verteidiger seine vereinten Kräfte gegen einen dieser Angreifer werfen, ihn mit zahlenmäßig überlegenen Kräften vernichten und sich dann gegen den anderen wenden kann. Die italienische Armee hat diesen Fehler begangen. Während der König mit elf Divisionen am Mincio stand, befand sich Cialdini mit fünf Divisionen am unteren Po bei Ponte Lagoscuro und Polesella. Eine italienische Division besteht aus 17 Bataillonen zu je 700 Mann; folglich hätte Viktor Emanuel mit Kavallerie und Artillerie mindestens 120.000 bis 125.000 Mann und Cialdini ungefähr halb soviel. Während der König am 23. Juni den Mincio überquerte, sollte Cialdini den unteren Po überschreiten und im Rücken der Österreicher operieren; doch bis jetzt sind noch keine zuverlässigen Nachrichten eingegangen, ob das letztere Manöver durchgeführt worden ist. Auf jeden Fall werden die 60.000 Mann, deren Gegenwart letzten Sonntag bei Custozza den Ausschlag hätte geben können und wahrscheinlich auch gegeben hätte, kaum einen Vorteil erzielt haben, der die Niederlage in einer großen Schlacht aufwiegen könnte.

Der Gardasee liegt zwischen zwei Ausläufern der Alpen, die südlich von ihm zwei Höhenzüge bilden, zwischen denen sich der Mincio seinen Weg zu den Lagunen von Mantua bahnt. Beide Höhenzüge bilden starke militärische Positionen; von ihren südlichen Abhängen kann man die Lombardische Ebene übersehen und in Reichweite der Geschütze beherrschen. Diese Höhenzüge sind in der Kriegsgeschichte wohlbekannt. Der westliche Höhenzug zwischen Peschiera und Lonato war der Schauplatz der Schlachten von Castiglione und Lonato im Jahre 1796 und der Schlacht bei Solferino im Jahre 1859; der östliche zwischen Peschiera und Verona war 1848 drei Tage lang umkämpft, und auch die Schlacht am vergangenen Sonntag entwickelte sich um das gleiche Gebiet.

Der östliche Höhenzug fällt auf der einen Seite zum Mincio ab und geht bei Valeggio in die Ebene über; die andere Seite fällt in einem langen Bogen nach Südosten zur Etsch ab, die sie bei Bussolengo erreicht. Sie wird von Norden nach Süden durch eine tiefe Schlucht in zwei annähernd gleiche Abschnitte geteilt, durch die das Flüßchen Tione fließt. Eine vom Mincio heranrückende Streitmacht muß also zuerst den Übergang über den Fluß erzwingen und wird gleich darauf durch diese Schlucht von neuem auf gehalten werden. Am Rande des Abhangs zur Ebene und östlich der Schlucht liegen folgende Dörfer: am weitesten südlich Custozza, weiter nördlich Sommacampagna, Sona und Santa Giustina. Die Eisenbahnlinie von Peschiera nach Verona verläuft zwischen den Bergen bei Sommacampagna und kreuzt die Straße bei Sona.

Nachdem die Piemontesen 1848 Peschiera genommenen hatten, schlossen sie Mantua ein und dehnten die Frontlinie ihrer Armee von dort bis nach Rivoli am Gardasee aus, wobei deren Zentrum die erwähnten Berge besetzte. Am 23. Juli rückte Radetzky von Verona aus mit sieben Brigaden vor, durchbrach diese übermäßig ausgedehnte Linie im Zentrum und besetzte nun seinerseits die Berge. Am 24. und 25. versuchten die Piemontesen die Position zurückzuerobern, wurden jedoch am 25. entscheidend geschlagen und zogen sich sofort über Mailand hinter den Tessin zurück. Diese erste Schlacht von Custozza entschied den Feldzug von 1848.

Die Telegramme des italienischen Hauptquartiers über die Schlacht vom vergangenen Sonntag sind ziemlich widersprüchlich; doch wenn wir die Telegramme der anderen Seite noch zu Rate ziehen, erhalten wir eine ziemlich klare Vorstellung von den Umständen, unter denen die Schlacht geschlagen wurde. Viktor Emanuel wollte sein 1. Korps (General Durando, vier Divisionen oder 68 Bataillone) eine Position zwischen Peschiera und Verona beziehen lassen, um eine eventuelle Belagerung von Peschiera zu decken. Diese Position mußte natürlich Sona und Sommacampagna sein. Das 2. Korps (General Cucchiari, drei Divisionen oder 5 l Bataillone) und das 3. Korps (General Della Rocca, in gleicher Stärke wie das zweite) sollten beide gleichzeitig den Mincio überschreiten, um die Operationen des 1. Korps zu decken. Das 1. Korps muß den Fluß in der Nähe oder südlich von Salionze überschritten haben und sofort in Richtung auf die Berge vorgegangen sein; das 2. scheint bei Valeggio und das 3. bei Goito den Fluß überquert zu haben und in der Ebene vorgerückt zu sein. Das geschah am Sonnabend, dem 23. Juli. Die österreichische Brigade Pulz, die die Vorhut am Mincio bildete, zog sich langsam auf Verona zurück; doch am Sonntag, dem Jahrestag von Solferino, debouchierte die gesamte österreichische Armee aus Verona und rückte gegen den Feind. Sie scheint noch rechtzeitig eingetroffen zu sein, um die Berge von Sona und Sommacampagna sowie den Ostrand der Tioneschlucht vor den Italienern zu besetzen. Der Kampf dürfte dann hauptsächlich um den Durchgang durch die Schlucht entbrannt sein. Die beiden Korps in der Ebene, die am südlichsten Ende vorrückten, konnten gemeinsam mit dem 1. italienischen Korps operieren, das die Berge besetzt hatte, und so fiel Custozza in ihre Hände. Allmählich rückten die Italiener in der Ebene immer weiter auf Verona vor, um die Österreicher an der Flanke und im Rücken anzugreifen; diese schickten ihnen Truppen entgegen. Folglich haben sich die Frontlinien der beiden Armeen, die ursprünglich nach Osten bzw. nach Westen gerichtet waren, um einen Viertelkreis gedreht; die Österreicher stehen jetzt mit der Front nach Süden gerichtet und die Italiener nach Norden. Doch da die Berge von Custozza aus nach Nordosten zurücktreten, konnte sich diese Flankenbewegung des 2. und 3. Korps der Italiener nicht sofort auf die Position ihres 1. Korps auf den Höhen auswirken, weil sie nicht ohne Gefahr für die flankierenden Truppen selbst weit genug ausgedehnt werden konnte. Deshalb scheinen die Österreicher gegen das 2. und 3. Korps nur so viele Truppen eingesetzt zu haben, um ihren ersten Ansturm brechen zu können; während sie jeden verfügbaren Mann gegen das 1. Korps warfen und dieses dank zahlenmäßiger Überlegenheit zerschlugen. Sie hatten vollen Erfolg; das 1. Korps wurde nach erbittertem Kampf zurückgeworfen, und schließlich erstürmten die Österreicher Custozza. Dadurch muß der rechte Flügel der Italiener, der ost- und nordostwärts über Custozza hinaus vorrückte, ernsthaft gefährdet gewesen sein; so kam es zu einem neuen Kampf um das Dorf, bei dem anscheinend die verlorene Verbindung wiederhergestellt und der österreichische Vormarsch von Custozza her aufgehalten worden ist. Doch der Ort blieb in ihren Händen, und die Italiener mußten sich noch in derselben Nacht über den Mincio zurückziehen.

Diese Skizze der Schlacht soll keine historische Schilderung sein, für die uns bisher noch viele nötige Einzelheiten fehlen; sie ist lediglich ein Versuch, an Hand der Karte und mit etwas militärischem Verständnis die verschiedenen Telegramme über die Schlacht miteinander in Einklang zu bringen. Und waren die Telegramme nur einigermaßen richtig und vollständig, dann sind wir dessen gewiß, daß sich das allgemeine Bild der Schlacht nicht sehr von dem unterscheiden wird, das wir gezeichnet haben.

Die Österreicher verloren etwa 600 Gefangene, die Italiener etwa 2.000 und einige Geschütze. Das zeigt, daß die Schlacht eine Niederlage, aber keine Katastrophe gewesen ist. Die Kräfte müssen einander ziemlich ebenbürtig gewesen sein, obgleich die Österreicher sehr wahrscheinlich weniger Truppen auf dem Kampfplatz hatten als ihre Gegner. Die Italiener haben allen Grund sich zu gratulieren, daß sie nicht in den Mincio getrieben wurden. Die Position des 1. Korps, das zwischen diesem Fluß und der Schlucht auf einem Landstreifen von zwei bis vier Meilen Breite lag und einen überlegenen Feind vor sich hatte, war erheblich gefährdet. Es war zweifellos ein Fehler, die Hauptkräfte in die Ebene zu schicken, während die beherrschenden Höhen, die entscheidenden Punkte, vernachlässigt wurden. Den größten Fehler aber beging man, wie oben bereits erwähnt, als man die Armee teilte, Cialdini mit 60.000 Mann am unteren Po ließ und nur mit dem Rest angriff. Cialdini hätte zu einem Sieg vor Verona beitragen und dann nach dem Rückmarsch zum unteren Po viel leichter über den Fluß setzen können, wenn es wirklich notwendig war, dieses kombinierte Manöver um jeden Preis durchzuführen. Im Augenblick scheint er noch auf dem gleichen Fleck zu stehen wie schon am ersten Tage und wird nun wohl auf stärkere Kräfte treffen als bisher. Die Italiener sollten mittlerweile erkannt haben, daß ihnen ein äußerst hartnäckiger Gegner gegenübersteht. Bei Solferino hielt Benedek mit 26.000 Österreichern die gesamte, doppelt so starke piemontesische Armee einen ganzen Tag lang in Schach, bis er infolge der Niederlage, welche das andere Korps gegen die Franzosen erlitten hatte, den Befehl zum Rückzug erhielt. Die damalige piemontesische Armee war bedeutend besser als die jetzige italienische Armee; sie war besser ausgebildet, war homogener und verfügte über bessere Offiziere. Die jetzige Armee wurde erst vor kurzem aufgestellt und leidet natürlich an all den Mängeln, mit denen eine solche Armee behaftet ist. Die jetzige österreichische Armee hingegen übertrifft bei weitem die Armee von 1859. Nationale Begeisterung ist eine vortreffliche und fördernde Sache, doch wenn sie nicht mit Disziplin und Organisiertheit gepaart ist, kann niemand eine Schlacht damit gewinnen. Selbst Garibaldis „Tausend“ waren nicht einfach ein Haufe von Enthusiasten; es waren ausgebildete Leute, welche 1859 gelernt hatten, Befehlen zu gehorchen und dem Feuer standzuhalten. Es bleibt zu hoffen, daß der Stab der italienischen Armee in seinem eigenen Interesse sich unüberlegter Operationen enthalten wird gegen eine Armee, die, wenn auch zahlenmäßig unterlegen, der italienischen Armee im wesentlichen überlegen ist und außerdem eine der stärksten Positionen in Europa behauptet.

IV

Gesetzt, einem jungen preußischen Fähnrich oder Kornett würde bei der Leutnantsprüfung die Frage gestellt, was der sicherste Plan für den Einfall einer preußischen Armee in Böhmen wäre? Gesetzt, unser junger Offizier würde antworten: „Das beste wäre, die Truppen in zwei etwa gleich starke Armeen zu teilen und die eine nach Osten um das Riesengebirge, die andere nach Westen zu schicken, so daß sie sich in Gitschin vereinigten.“ Was würde der prüfende Offizier dazu sagen? Er würde den jungen Herrn informieren, daß dieser Plan gegen die beiden wichtigsten Gesetze der Strategie verstoße: erstens, seine Truppen nie so zu teilen, daß sie einander nicht unterstützen können, sondern sie näher beisammenzuhalten; und zweitens, im Falle eines Vormarsches auf verschiedenen Straßen die Vereinigung der verschiedenen Kolonnen an einem Punkt zu vollziehen, der nicht in Reichweite des Feindes liegt; daß deshalb der vorgeschlagene Plan der denkbar schlechteste sei; daß er überhaupt nur dann in Betracht gezogen werden könnte, wenn Böhmen von feindlichen Truppen völlig frei sei; und daß somit ein Offizier, der einen solchen Feldzugsplan vorschlägt, nicht einmal ein Leutnantspatent verdiene.

Doch gerade das ist der Plan, den der weise und gelehrte Stab der preußischen Armee angenommen hat. Es ist fast unglaublich, aber es ist wahr. Den Fehler, den die Italiener bei Custozza büßen mußten, haben nun die Preußen erneut begangen, und dies unter Umständen, die ihn zehnmal schlimmer machen. Die Italiener wußten wenigstens, daß sie mit zehn Divisionen dem Feind zahlenmäßig überlegen sein würden. Die Preußen mußten wissen, daß ihre neun Korps, wenn sie zusammengehalten werden, Benedeks acht Korps zahlenmäßig bestenfalls gleichkommen könnten und daß sie durch Teilung ihrer Truppen die beiden Armeen dem fast sicheren Schicksal aussetzten, durch zahlenmäßig überlegene Kräfte nacheinander geschlagen zu werden. Wäre König Wilhelm nicht selbst Oberbefehlshaber, so wäre es völlig unerklärlich, wie ein derartiger Plan von einem Stab unzweifelhaft fähiger Offiziere, aus denen sich der preußische Generalstab zusammensetzt, jemals erwogen, geschweige denn beschlossen werden konnte. Doch niemand konnte auch nur vermuten, daß sich die verhängnisvollen Folgen einer Situation, in der Könige und Prinzen den Oberbefehl haben, so schnell und so nachdrücklich einstellen würden. Die Preußen führen jetzt in Böhmen einen Kampf auf Leben und Tod. Wenn die Vereinigung der beiden Armeen in oder bei Gitschin verhindert wird, wenn jede der beiden geschlagen ist, sich aus Böhmen zurückziehen und sich beim Rückzug noch weiter von der anderen entfernen muß, dann kann man den Feldzug im wesentlichen als beendet ansehen. Benedek kann dann die Armee des Kronprinzen während ihres Rückzugs auf Breslau unbeachtet lassen und mit allen seinen Streitkräften die Armee Prinz Friedrich Karls verfolgen, die kaum ihrer völligen Vernichtung entgehen dürfte.

Die Frage ist, ob es gelang, diese Vereinigung zu verhindern. Bis jetzt haben wir keine Nachrichten über Ereignisse, die nach Freitagabend, dem 29. Juni, stattfanden. Die Preußen, die am 28. Juni von General Edelsheim aus Gitschin (der Ort heißt in Böhmen Jicin) hinausgeworfen wurden, behaupten, die Stadt am 29. wieder erstürmt zu haben, und das ist die letzte Information, die wir besitzen. Die Vereinigung war noch nicht erfolgt; zu diesem Zeitpunkt waren mindestens vier österreichische und ein Teil des sächsischen Armeekorps gegen ungefähr fünf oder sechs preußische Korps eingesetzt.

Die Österreicher traten den einzelnen Kolonnen der Armee des Kronprinzen, als diese auf der böhmischen Seite der Höhen ins Tat hinabstiegen, an für sie günstigen Punkten entgegen, wo sich das Tal erweitert und sie dadurch den preußischen Kolonnen in breiterer Front gegenübertreten und versuchen konnten, diese daran zu hindern, zu deployieren, während die Preußen dort, wo dies möglich, Truppen durch die Seitentäler schickten, um ihre Gegner in Flanke und Rücken zu fassen. Das ist im Gebirgskrieg gewöhnlich so und erklärt die große Zahl von Gefangenen, die unter solchen Umständen stets gemacht werden. Unterdessen scheinen die Armeen Prinz Friedrich Karls und Herwarth von Bittenfelds die Pässe fast ohne feindlichen Widerstand passiert zu haben; die ersten Zusammenstöße fanden an der Iserlinie statt, d.h. fast auf halbem Wege zwischen den Ausgangspunkten der beiden Armeen. Es wäre ein hoffnungsloser Versuch, die äußerst widersprüchlichen und oft völlig unglaubwürdigen Telegramme, die in den letzten drei oder vier Tagen eingegangen sind, zu entwirren oder in Einklang miteinander zu bringen.

Der Kampf verlief für beide Seiten mit wechselndem Erfolg; je nachdem neue Kräfte anrückten, neigte sich der Sieg der einen oder der anderen Seite zu. Bis Freitag jedoch scheint das Ergebnis des Kampfes im ganzen zugunsten der Preußen ausgefallen zu sein. Haben sie sich in Gitschin behauptet, so ist zweifellos die Vereinigung am Sonnabend oder Sonntag vollzogen worden, und dann wäre für sie die größte Gefahr vorbei. Der entscheidende Kampf um die Vereinigung wurde wahrscheinlich mit konzentrierten Truppenmassen von beiden Seiten ausgefochten und wird den weiteren Verlauf des Feldzugs zumindest für die nächste Zeit entschieden haben. Haben die Preußen gesiegt, so sind sie mit einem Male aus all ihren selbst verschuldeten Schwierigkeiten heraus; sie hätten aber dieselbe, ja noch größere Vorteile erreichen können, ohne sich solchen unnötigen Gefahren auszusetzen.

Der Kampf scheint sehr heftig gewesen zu sein. Die „schwarzgelbe“ Brigade, die in Schleswig den Königsberg bei Oberselk einen Tag vor der Räumung des Danewerks erstürmte, eröffnete den Kampf gegen die Preußen. Sie wird nach den Aufschlägen und Kragen der beiden Regimenter, aus denen sie besteht, schwarzgelbe genannt und galt seit jeher als eine der besten Brigaden im Heer. Sie wurde jedoch vom Zündnadelgewehr geschlagen, und über 500 Mann vom Regiment Martini wurden nach fünfmaligem, vergeblichem Angriff auf die preußischen Linien gefangengenommen. Bei einem folgenden Engagement wurde die Fahne des 3. Bataillons des Regiments Deutschmeister erobert. Dieses Regiment, das ausschließlich in Wien rekrutiert worden war, gilt als das beste der ganzen Armee. Die besten Truppen sind demnach bereits eingesetzt worden. Die Preußen müssen sich für eine langjährige Friedensarmee glänzend geschlagen haben. Vom Augenblick der tatsächlichen Kriegserklärung an zog ein völlig anderer Geist in die Armee ein, der hauptsächlich der Verjagung der kleinen Potentaten im Nordwesten Deutschlands geschuldet war. Das ließ die Truppen glauben – gleichgültig, ob zu Recht oder Unrecht, wir konstatieren nur die Tatsache -, daß sie diesmal für die Einigung Deutschlands in den Kampf ziehen sollten, und die bis dahin mürrischen und verdrießlichen Männer der Reserve und der Landwehr überschritten nun die österreichische Grenze mit lautem Hurra. Darauf ist es hauptsächlich zurückzuführen, daß sie so gut kämpften; den größten Teil aller ihrer Erfolge muß man jedoch ihren Hinterladern zuschreiben; und wenn sie überhaupt aus den Schwierigkeiten herauskommen, in die ihre Generale sie so leichtfertig gebracht haben, so werden sie das dem Zündnadelgewehr zu verdanken haben. Die Berichte von der gewaltigen Überlegenheit dieser Waffe gegenüber den Vorderladern sind wiederum einmütig. Ein gefangener Sergeant vom Regiment Martini sagte zu dem Korrespondenten der „Kölnischen Zeitung“:

„Zwar was man nur von braven Soldaten verlangen kann, haben wir gewiß getan, aber gegen dieses Schnellfeuer kann keiner ankommen.“

Wenn die Österreicher geschlagen wurden, so wird für das Ergebnis nicht so sehr General Benedek oder General Ramming wie General „Ramrod“ |“Ladestock“ (bei Vorderladern)| zu tadeln sein.

Im Nordwesten haben sich die Hannoveraner ergeben, nachdem ihnen durch einen scharfen Angriff der Vorhut General Manteuffels unter General Flies ihre Lage bewußt geworden war. Dadurch werden 59 preußische Bataillone für den Einsatz gegen die Bundestruppen frei. Es war übrigens höchste Zeit, daß das geschah, ehe Bayern seine Kriegsrüstung abgeschlossen hatte, da sonst weit stärkere Kräfte zur Niederwerfung Südwestdeutschlands erforderlich wären. Bayern ist bekanntlich immer langsam und im Rückstand mit seinen militärischen Vorkehrungen, doch wenn es sie abgeschlossen hat, kann es 60.000 bis 80.000 gute Soldaten ins Feld führen. Wir werden nun vielleicht bald von einer schnellen Konzentration der Preußen am Main und aktiven Operationen gegen Prinz Alexander von Hessen-Darmstadt und seine Armee hören.

V

Der Feldzug, den die Preußen mit einem groben strategischen Schnitzer begannen, ist von ihnen seitdem mit so gewaltiger taktischer Energie fort gesetzt worden, daß er in genau acht Tagen zum siegreichen Ende geführt wurde.

Wir schrieben in unserem letzten Artikel, daß der preußische Plan eines Einfalls in Böhmen mit zwei durch das Riesengebirge getrennten Armeen nur dann gerechtfertigt werden könnte, wenn Böhmen von feindlichen Truppen frei sei. General Benedeks geheimnisvoller Plan scheint hauptsächlich darin bestanden zu haben, gerade solch eine Lage zu schaffen. Es scheinen nur zwei österreichische Armeekorps – das 1. (Clam-Gallas) und das 6. (Ramming) – in der Nordwestecke Böhmens gestanden zu haben, wo – wie wir dies von Anfang an erwarteten – die entscheidenden Aktionen erfolgen mußten. Wenn damit beabsichtigt war, die Preußen in eine Falle zu locken, dann ist das Benedek so gut gelungen, daß er selbst in die Falle ging. Dennoch, der preußische Vormarsch in zwei Kolonnen, die durch etwa vierzig bis fünfzig Meilen unpassierbaren Geländes getrennt sind, zu einem Vereinigungspunkt, der zwei volle Tagemärsche von den Ausgangspunkten entfernt und im Bereich der feindlichen Linien liegt – dieser Vormarsch bleibt auf jeden Fall und unter allen Umständen ein höchst gefährliches Manöver, das mit einer vollständigen Niederlage hätte enden können, wären nicht Benedeks sonderbare Langsamkeit, die unerwartete Stoßkraft der preußischen Truppen und die Hinterlader gewesen.

Der Vormarsch Prinz Friedrich Karls erfolgte mit drei Korps (dem 3., 4. und 2., das letzte als Reserve) über Reichenberg, nördlich einer schwer passierbaren Bergkette, an deren Südseite General Herwarth mit eineinhalb Korps (dem 8. und einer Division des 7.) vorrückte. Zur gleichen Zeit stand der Kronprinz mit dem 1., 5. und 6. Korps und der Garde in den Bergen bei Glatz. Die Armee war also in drei Heersäulen geteilt – 45.000 Mann auf dem rechten Flügel, 90.000 Mann im Zentrum und 120.000 Mann auf dem linken Flügel -, wobei keine dieser Heersäulen die anderen unterstützen konnte, zumindest nicht für einige Tage. Wenn überhaupt jemals, so bot sich hier einem General, der über mindestens die gleiche Zahl Soldaten verfügte, die Gelegenheit, seinen Gegner einzeln zu schlagen. Aber man scheint nichts dergleichen unternommen zu haben. Am 26. Juni hatte Prinz Friedrich Karl den ersten ernsten Zusammenstoß bei Turnau mit einer Brigade des 1. Korps, durch den er die Verbindung mit Herwarth herstellte; am 27. nahm der letztere Münchengrätz, während die erste Kolonne der Armee des Kronprinzen, das 5. Korps, über Nachod hinaus vorrückte und das 6. österreichische Korps (Ramming) entscheidend schlug; am 28., dem einzigen etwas unglücklichen Tag für die Preußen, nahm die Vorhut Prinz Friedrich Karls Gitschin, wurde jedoch durch die Kavallerie General Edelsheims wieder hinausgeworfen, während das 1. Korps der Armee des Kronprinzen bei Trautenau durch das 10. österreichische Korps unter Gablenz aufgehalten wurde und dabei einige Verluste erlitt; es wurde erst durch den Vormarsch der Garde in Richtung Eipel, auf einer zwischen dem 1. und 5. preußischen Korps liegenden Straße, entsetzt. Am 29. stürmte Prinz Friedrich Karl Gitschin, und die Armee des Kronprinzen vernichtete das 6., 8. und 10. österreichische Korps vollständig. Am 30. wurde ein neuer Versuch Benedeks, mit dem 1. Korps und der sächsischen Armee Gitschin wiederzuerobern, glänzend zurückgeschlagen, wonach die beiden preußischen Armeen die Vereinigung vollzogen. Die Österreicher erlitten Verluste in einer Stärke von mindestens eineinhalb Korps, während die der Preußen weniger als ein Viertel davon betragen.

Wir sehen also, daß die Österreicher am 27. Juni nur über zwei Armeekorps zu je etwa 33.000 Mann verfügten, am 28. über drei, am 29. über vier und, wenn die Angaben eines preußischen Telegramms stimmen, über den Teil eines fünften Korps (des 4. Korps); und erst am 30. konnte das sächsische Armeekorps zur Unterstützung anrücken. So fehlten denn während dieser ganzen Zeit zwei, wenn nicht drei Korps auf dem Kampffeld, während die Preußen in Böhmen ihre gesamten Kräfte konzentrierten. Bis zum Abend des 29. Juni war tatsächlich die Masse der österreichischen Truppen auf dem Kriegsschauplatz zahlenmäßig kaum stärker als jede der beiden preußischen Armeen, und da sie nacheinander in den Kampf geführt wurden und die Verstärkungen erst nach der Niederlage der bereits eingesetzten Truppen eintrafen, war das Ergebnis verheerend.

Das 3. Armeekorps (Erzherzog Ernst), das bei Custozza kämpfte, soll unmittelbar nach jener Schlacht mit der Eisenbahn nach Norden geschickt worden sein und wird in einigen Berichten mit bei den Truppen erwähnt, die unter dem Befehl Benedeks operierten. Aber dieses Korps, mit dem die Armee einschließlich der Sachsen auf insgesamt neun Korps anwachsen würde, konnte nicht mehr rechtzeitig anrücken, um noch in die Kämpfe der letzten Junitage einzugreifen.

Was für Fehler auch im Operationsplan der Preußen gelegen haben mögen, durch ihre Schnelligkeit und entschiedenen Aktionen haben sie diese wieder wettgemacht. Man kann an den Operationen keiner ihrer beiden Armeen etwas aussetzen. Kurz, scharf und entschieden waren alle ihre Schläge und hatten vollen Erfolg. Diese Energie erschlaffte auch nach der Vereinigung der beiden Armeen nicht; sie marschierten weiter vorwärts, und bereits am 3. Juli traf die gesamte preußische Armee auf Benedeks vereinigte Kräfte und versetzte diesen einen letzten vernichtenden Schlag.

Es ist kaum anzunehmen, daß Benedek diese Schlacht aus eigenem Willen annahm. Zweifellos zwang ihn die schnelle Verfolgung durch die Preußen, sich mit seiner ganzen Armee in einer starken Position zu halten, um seine Truppen neu zu formieren und dem Train seiner zurückgehenden Armee einen Tag Vorsprung zu geben, wobei er nicht erwartete, daß er tagsüber mit ganzer Kraft angegriffen werde, und darauf hoffte, sich während der Nacht zurückziehen zu können. Ein Mann in seiner Lage mit vier vollständig geschlagenen Korps und nach solch ungeheuren Verlusten würde niemals eine sofortige Entscheidungsschlacht anstreben, wenn er die Möglichkeit eines sicheren Rückzuges hatte. Doch die Preußen scheinen ihn zum Kampf gezwungen zu haben; das Ergebnis war die vollständige Niederlage der Österreicher, die jetzt, falls der Waffenstillstand noch nicht abgeschlossen ist, versuchen werden, unter äußerst ungünstigen Bedingungen auf Olmütz oder Wien zurückzugehen, denn die geringste Bewegung der Preußen zur Umgehung des österreichischen rechten Hügels müßte zahlreiche österreichische Abteilungen von der direkten Marschlinie abschneiden und in die Glatzer Berge treiben, wo sie gefangengenommen würden. Die „Nordarmee“, noch vor zehn Tagen in Europa ein ausgezeichnetes Heer, hat aufgehört zu bestehen.

Zweifellos hat daran das Zündnadelgewehr mit seinem Schnellfeuer einen großen Anteil gehabt. Ohne dieses Gewehr wäre es wohl kaum zur Vereinigung der beiden preußischen Armeen gekommen; und ganz gewiß konnte dieser gewaltige und schnelle Erfolg nicht ohne solch eine überlegene Feuerkraft erzielt werden, neigt doch die österreichische Armee im allgemeinen weniger zur Panik als die meisten europäischen Armeen. Doch für den Erfolg waren noch andere Umstände ausschlaggebend. Wir haben bereits die ausgezeichnete Verfassung und die entschiedenen Aktionen der beiden preußischen Armeen vom Augenblick ihres Einmarsches in Böhmen an erwähnt. Wir können hinzufügen, daß sie in diesem Feldzug auch vom System der Kolonne abgingen und ihre Truppen hauptsächlich in deployierter Linie vorrücken ließen, um so jedes Gewehr einsetzen und die Soldaten vor dem Artilleriefeuer schützen zu können. Man muß anerkennen, daß die Bewegungen auf dem Marsch wie auch vor dem Feinde mit einer Ordnung und Genauigkeit ausgeführt wurden, die niemand hätte erwarten können von einer Armee und Führung, an denen der Rost von fünfzig Friedensjahren saß. Und schließlich mußte die ganze Welt über das entschlossene Vorgehen dieser jungen Truppen bei ausnahmslos jedem Gefecht überrascht sein. Es ist leicht gesagt, daß es die Hinterlader taten, doch sie gehen nicht von selbst los, es bedarf tapferer Herzen und starker Arme, um sie zu führen. Die Preußen fochten sehr oft gegen eine Übermacht und waren fast überall der angreifende Teil. Die Österreicher hatten daher die Wahl des Terrains. Und beim Angriff auf starke Stellungen und befestigte Städte schwinden die Vorteile der Hinterlader beinahe völlig; da hat das Bajonett die Arbeit zu verrichten, und davon gab es eine ganze Menge zu tun. Die Kavallerie ging überdies mit derselben Entschlossenheit vor, und bei ihr sind kalter Stahl und Schnelligkeit der Pferde die einzigen Waffen beim Angriff. Die französischen Zeitungsenten, wonach die preußische Kavallerie ihre Gegner zuerst mit Karabinerfeuer (aus Hinterladern oder anderen Waffen) überschüttete und sich erst dann mit dem Säbel auf sie stürzte, konnten nur dort entstehen, wo die Kavallerie sehr oft zu diesem Trick Zuflucht genommen hat und dafür stets bestraft worden ist, indem sie durch den überlegenen Ansturm des Angreifers niedergeworfen wurde. Es ist nicht verfehlt zu sagen, daß die preußische Armee in einer einzigen Woche die beste Position eroberte, die sie je innehatte. Sie kann sich jetzt sicher fühlen, jedem anderen Gegner überlegen zu sein. Es gibt in der Geschichte keinen Feldzug, wo ein gleichermaßen hervorragender Erfolg in ebenso kurzer Zeit und ohne irgendeine bemerkenswerte Schlappe erzielt worden ist, außer der Schlacht bei Jena, in der die gesamte damalige preußische Armee vernichtet wurde, und der Schlacht bei Waterloo, wenn wir hierbei von der Niederlage bei Ligny absehen.