8. Oktober 1910 // Artikel
Franz Mehring // Die Moabiter Krawalle

Die Moabiter Krawalle

8. Oktober 1910

Die Neue Zeit, 29. Jg. 1910/11, Erster Band, S. 33-35.
Nach Gesammelte Schriften, Band 15, S. 514-516


Es sind ziemlich genau vierzig Jahre her, seit Moabiter Krawalle monatelang die politische Diskussion im preußischen Staate beschäftigten, um die Jahreswende von 1869 auf 1870. Damals hatte irgendein katholischer Orden ein Klösterlein in Moabit gegründet, und auf dies Gebäude sollte ein „Sturm“ von der protestantischen Bevölkerung versucht worden sein; irren wir nicht, waren ein paar Steine gegen Fenster und Türen geflogen. Aber die Sache wurde als große Haupt- und Staatsaktion behandelt: der „Moabiter Klostersturm“ war lange Zeit eine stehende Rubrik in der Presse, und erst als der Deutsch-Französische Krieg heran brach, wurde die Episode vergessen.

Es lohnt sich wohl, daran zu erinnern zur Belehrung und auch zur Beschämung für die Neunmalweisen, die den Wald vor Bäumen nicht sehen und mit dem Philistertrost, dass ja doch alles nichts nütze, den schnellen Schritt der historischen Entwicklung bestreiten. Unter welch anderen Zeichen stehen die Moabiter Krawalle, die heute ihre Wellen schlagen, weit über die deutschen Grenzen hinaus! Der Vergleich zwischen damals und heute zeigt auch den Blinden und Tauben, wie sehr die Arbeiterfrage alle anderen Interessenkonflikte verschlungen hat und wie sehr der Kampf zwischen den „großen Ideen“ katholischer Volksverdummung und protestantischer Geistesfreiheit, oder wie diese hochtönenden Schlagworte sonst noch lauten, in den Hintergrund tritt hinter einem einfachen Arbeiterstreik, der in seinen Wirkungen die ganze Reichsherrlichkeit zum europäischen Gespött macht.

Die feindlichen Brüder vom damaligen „Moabiter Klostersturm“ sind gegenüber den Moabiter Krawallen von heute ein Herz und eine Seele; „Kreuz-Zeitung“ und „Germania“ liegen sich in den Armen und haben den Streit um ihren Gott völlig geopfert der Anbetung des Teufels, der die Arbeiterbewegung mit eisernem Fuße zertreten soll. Sie liebäugeln mit Ausnahmegesetzen und Zuchthausvorlagen; das gemeine Recht des Landes ist ihnen nicht einen Pappenstiel wert, um ihre Rache zu kühlen an den unbotmäßigen Massen, deren Befreiung nicht möglich ist, ohne die Grundrente und den Kapitalprofit zu schmälern und endlich aufzuheben. Auf diesem Rhodus tanzen sie wie rasende Derwische, und wenn es nach ihnen geht, werden die Tage wiederkehren, wo die zivilisierte Welt auf das neudeutsche Reich mit Fingern wies, als eine Stätte ebenso brutaler wie feiger Korruption.

Die ersten Sturmvögel dieser Korruption sind die Arbeitswilligen, die die Moabiter Krawalle in erster Reihe verschuldet haben, ein Lumpenproletariat, worin, nur auf noch tieferer Stufenleiter, die Dezemberbande des falschen Bonaparte und die Spitzelgarde des würdigen Bismarck wiedergeboren sind. Unsere Leser werden aus der Tagespresse die holden Bekenntnisse kennen, die der Häuptling der Arbeitswilligen in den Busen bürgerlicher Ausfrager geschüttet hat; es ist nicht übertrieben, wenn wir sagen, dass vor diesem Abgrund menschlicher Niedertracht die Chenu und de la Hodde Bonapartes oder auch die Ihring-Mahlow und Naporra Bismarcks zurückgebebt sein würden. Und um die herausfordernde Rohheit dieses Abschaums der Menschheit vor einer angeblichen Bedrohung durch ehrliche Arbeiter zu schützen, wird die staatliche Macht mobil gemacht, auf dass sich das Wort von Karl Marx bestätigt:

„Der Auswurf der bürgerlichen Gesellschaft bildet schließlich die heilige Phalanx der Ordnung.“

Karl Marx: Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte. In: Marx/Engels: Werke, Bd. 8, S. 123.

Es soll gar nicht bestritten werden, dass sich diese Anschauung, wie sie den Vorkämpfern für Thron und Altar zum Gemeingut geworden ist, durch eine unüberschreitbare Kluft scheidet von der Anschauung der arbeitenden Klassen. Sie sind es, die mit ihrem Blute und ihrem Mark die bürgerliche Gesellschaft erhalten, aber sie müssten kein Blut mehr in den Adern und kein Mark mehr in den Knochen haben, wenn sie ohne ein Erbeben des ganzen inneren Menschen mit ansehen sollten, dass jene Arbeitswilligen, die ihr Anführer mit so drastischer Offenheit geschildert hat, unter dem Schutze der gesetzlichen Organe die öffentlichen Straßen unsicher machen. Wehe jedoch, wenn sie ihre Empörung nicht unter der Maske des rührseligen Philisters zu verschließen wissen. Dann reitet die Schutzgarde der Arbeitswilligen mit hauendem Säbel und schießender Flinte auf sie ein und schlägt mit mörderischer Gewalt nieder, was sich überhaupt auf Märkten und Straßen sehen lässt, seien es harmlose Kinder oder wehrlose Frauen oder auch die Berichterstatter ausländischer Zeitungen, die sich des Verbrechens schuldig machen, aus allzu großer Nähe die Wunder des preußischen Staates zu betrachten.

Danach kommen dann die Gescheitelten und Geschorenen, die Ritter und die Heiligen, kurz die „Edelsten und Besten“ der herrschenden Klassen, und schreien nach neuen Gewaltstreichen gegen das gemeine Recht des Landes. Und sicherlich werden sie nicht zögern, ihre edlen Absichten auszuführen, wenn sie können. Darüber darf sich die Arbeiterklasse nicht irgendwelcher Illusion hingeben, und ebenso wenig darüber, dass sie allein den drohenden Schlag abwenden kann. Die alte Erfahrung, dass sie in allen entscheidenden Fragen zwar die achtungswerte, aber ohnmächtige Hilfe einzelner bürgerlicher Ideologen, jedoch niemals die wirksame Hilfe einer bürgerlichen Klasse oder Partei findet, hat sich bei den Moabiter Krawallen abermals bestätigt. Selbst solche freisinnige Blätter, die sich in der letzten Zeit den Anschein zu geben versuchten, als hätten sie wirklich einiges Interesse und Verständnis für die Arbeiterklasse, haben bei diesem Anlass in der schmählichsten Weise versagt. Sie standen als Hintertreffen hinter der Polizei, deren Vordertreffen die Arbeitswilligen waren. So hat zum Beispiel das „Berliner Tageblatt“, das sich als der Himmel weiß wie erhaben über den liberalen Zeitungstross aufzuspielen versucht, nicht nur die blutige Polizeiwirtschaft in Moabit beschönigt, sondern selbst seine Spalten den Beschwerden angesehener Beamter und ähnlicher bürgerlicher Elemente verschlossen, die den polizeilichen Säbel am eigenen Leibe zu spüren bekommen hatten.

Diese Haltung der bürgerlichen Presse ist das nicht am wenigsten bemerkenswerte Symptom der Moabiter Krawalle. Schöne Redensarten, solange noch irgendeine Hoffnung dämmert, dass die Arbeiterklasse den politischen Karren der Bourgeoisie aus dem Sumpfe zieht, worin er bis über die Räder steckt, aber elender Verrat, sobald die Sache halbwegs ernsthaft zu werden beginnt. Halbwegs ernsthaft, denn die Moabiter Krawalle waren bei alledem noch keine allzu arge Belastungsprobe der bürgerlichen Intelligenz und der bürgerlichen Courage.

Nein, die Arbeiterklasse ist allein auf sich angewiesen, wenn sie die sauberen Pläne vereiteln will, die die Scharfmacher durch die Moabiter Krawalle verfolgen. Aber ihre Kraft reicht auch aus, das schnöde Spiel zu verleiden, denn gar zu plump ist es eingeleitet und gar zu plump ist es ausgeführt worden. So plump, dass selbst der schläfrigste Philister den Kopf zu schütteln beginnt; so plump, dass sich der Hohn und Spott des Auslandes über die jammervolle Mache ergießt. Hält die Arbeiterklasse Fuß beim Male, wie es sich von selbst versteht, so werden die Moabiter Krawalle mit der Wucht der Schande auf ihre Urheber zurückfallen und ein schweres Gewicht mehr sein unter den Gewichten, die den Schnapsblock in den Abgrund ziehen.


Anmerkungen

Moabiter Krawalle – Im September 1910 streikten die Arbeiter der Firma Kupfer & Co., einer dem Stinnes-Konzern angeschlossenen Kohlengroßhandlung in Berlin-Moabit. Als Streikbrecher des Streikbrechervermittlers Hintze, geschützt durch die Polizei, provokatorisch auftraten, kam es zu blutigen Zusammenstößen zwischen der Polizei und der Bevölkerung. Die brutal vorgehende Polizei tötete zwei und verwundete zahlreiche Personen. In zwei großen Prozessen – vom 9. November 1910-11. Januar 1911 vor einer Berliner Strafkammer und vom 9.-23. Januar 1911 vor dem Schwurgericht des Berliner Landgerichts I – wurde gegen 18 Angeklagte verhandelt, von denen 14 insgesamt 67½Monate Gefängnis erhielten. Der Rest wurde freigesprochen.