19. Juni 1922 // Artikel
Alexandra Kollontai // Das Fest des Frühlings der Arbeiterrevolution

Das Fest des Frühlings der Arbeiterrevolution

19. Juni 1922

Zum ersten Mal veröffentlicht in der Zeitung „Iswestija“ (Nachrichten) vom 19. Juni 1922 (Odessa). Der vorliegende Abdruck erfolgt auf der Grundlage des geringfügig gekürzten Zeitungstextes. Die Thematik der Rückkehr von Stockholm nach Russland wurde durch die Memoiren „In Kerenskis Kerker“ erweitert. Nach „Ich habe viele Leben gelebt“. Berlin 1980, S. 354-361


Es war in den heißen, historischen „Junitagen“, in den Tagen des ersten spontanen Ansturms der Arbeiter auf das Bollwerk des Kapitalismus. Die Wogen der unausbleiblichen Arbeiterrevolution, an die nur die Bolschewiki, die wissenschaftlich, marxistisch zu denken vermochten, fest und unerschütterlich glaubten, schlugen immer höher. Der Rausch des „Patriotismus“, der Mitte Juni seinen Höhepunkt erreicht hatte, begann nach den ersten Niederlagen an der Front mit einer Geschwindigkeit abzuflauen, wie es die Sozialpaktierer nicht erwartet hatten. Bei den lebhaften Diskussionen, die auf den Straßen geführt wurden und bei denen die Soldaten aus den Schützengräben, die Arbeiter und die Matrosen als Hauptgegner des Krieges auftraten, trugen die bolschewistischen Redner immer häufiger den Sieg davon. Nach der ersten, von der Redaktion der „Rabotniza“ veranstalteten, offen internationalistischen Kundgebung, die viele Tausend Teilnehmer zählte, begannen die bolschewistischen Versammlungen, den Meetings der Paktierer den Rang abzulaufen. In den Truppenteilen wurde mit jedem Tag stärker nach bolschewistischen Rednern verlangt. In den Arbeitervierteln hatte die Losung der Bolschewiki „Alle Macht den Sowjets!“ feste Wurzeln geschlagen. Je mehr sich die paktiererische Regierung im Kampf gegen die Teuerung und an der Front als unfähig erwies, um so erfolgreicher griffen die Ideen der Bolschewiki um sich. Die Bourgeoisie und ihre Lakaien tobten in ohnmächtigem Zorn und überschütteten die Bolschewiki in ihren Zeitungen tagtäglich kübelweise mit Schmutz. Sie bezichtigten sie des „Verrats“ und der Spionage, verbreiteten, sie stünden im Dienste Kaiser Wilhelms, und brachten gegen jeden einzelnen Bolschewiken und alle Bolschewiki zusammen die phantastischsten, niederträchtigsten Beschuldigungen vor.

Bereits zweimal hatten die Arbeiter, Matrosen und Soldaten vor der Partei die Notwendigkeit des Losschlagens zur Sprache gebracht. Einmal wurde diese Frage sogar auf einer Fraktionssitzung der Bolschewiki im Petrograder Sowjet positiv entschieden, wurden Tag und Stunde der Aktion festgelegt.1 Besonders die Matrosen drängten. Das Zentralkomitee der Baltischen Flotte drohte, in Helsingfors von sich aus loszuschlagen, wenn die Partei „zögern“ und „Angst haben“ werde. Das Zentralkomitee antwortete jedoch fest und unbeirrbar, es sei noch zu früh. Sammelt erst Kräfte! Betreibt Agitation, festigt eure Stellung in den Sowjets und in den Betriebskomitees!

Der Erfolg der Bolschewiki trug Verwirrung in die Reihen der Provisorischen Regierung. Eine personelle Umgruppierung wurde in die Wege geleitet. Die Bourgeoisie, die den spontanen Druck der Volksmassen spürte, versuchte, die Lage zu retten, indem sie mehr Menschewiki und Sozialrevolutionäre in die Regierung nahm.2 Die allermeisten Sowjets waren damals noch nichts weiter als ein fügsames Werkzeug der Provisorischen Regierung.

Indessen warteten die von der Revolution geweckten und erwartungsvollen werktätigen Massen, die den Glauben an die Richtigkeit des politischen Kurses der Paktierer verloren hatten und zugleich voller Glauben an sich selbst, an ihre eigenen Kräfte waren, begierig auf eine Möglichkeit, selbst und nach ihrem Dafürhalten das Staatsruder herumzureißen und zu führen. „Solange sich die Sowjets nicht in unseren Händen befinden, werden wir weder mit dem Krieg noch mit der Teuerung Schluss machen können.“ – „Und werden kein Land bekommen“, fügten die Bauern in den grauen Militärmänteln hinzu. Und während der unglaublich von sich eingenommene Kerenski in der Rolle eines „Oberzuredners“ die Fronten inspizierte und sich die Kadetten, Sozialrevolutionäre und Menschewiki in den Sowjets und im Kabinett überschlugen, um sich bei der Entente lieb Kind zu machen, zog in den Volksmassen rasch, gewissermaßen als Versuch, die erste revolutionäre Sturmbö auf.

Ende Juni 1917 delegierte mich das Zentralkomitee zu einer Konferenz der Zimmerwalder, die in Stockholm stattfand.3 Ich fuhr nur für kurze Zeit, für anderthalb bis zwei Wochen, doch reiste ich ungern. Der unvermeidliche, immer näher rückende Sturm lag bereits in der Luft. Immer wieder kamen Abordnungen von Arbeitern, Soldaten und Matrosen auf die Moika in die bescheidene Redaktion der „Prawda“, wo in einem kleinen düsteren Zimmer Wladimir Iljitsch arbeitete. Die Abordnungen drängten das Zentralkomitee und suchten Wladimir Iljitsch zu überzeugen, dass es, „wenn man jetzt nicht losschlägt, dann zu spät sein wird“. Doch Wladimir Iljitsch lächelte nur und wiederholte fest und ruhig: „Es ist noch zu früh.“

Eines Abends herrschte Alarmstimmung. Es schien, als würden sich die Massen spontan in den Kampf stürzen, noch bevor der organisierte Teil des Proletariats genügend vorbereitet war …

Zur Konferenz der Zimmerwalder musste ich fahren, um zu erreichen, dass die Zimmerwalder Linke die Linie der Bolschewiki anerkannte. Das war zu jenem Zeitpunkt eine ziemlich aussichtslose Mission. Die meisten, ja die allermeisten Zimmerwalder standen dem „Bolschewismus“ misstrauisch und verständnislos gegenüber; noch beherrschten der Nimbus der Februarrevolution und die Popularität Kerenskis die Köpfe der ausländischen Genossen. Der Bolschewismus erschreckte sie durch seine Kühnheit, seine Neuartigkeit und seinen revolutionären Geist. Vielen schien er eine Utopie. Die Bolschewiki selbst wurden von den „nüchternen“ und „erfahrenen“ Politikern als politische Grünschnäbel angesehen. „Und zudem seid ihr ja nur eine Handvoll“, sagten sie. „Die Armee, die Bauern und die breiten Massen der Arbeiter werden euch niemals folgen. Sie werden euch nicht verstehen.“

Zur Konferenz kamen die erwarteten Delegierten nicht vollzählig, und so wurde eine „Informations“beratung daraus. Wir diskutierten etwa drei Tage, doch die Beschlüsse hatten nicht den Charakter von Resolutionen. Soweit ich mich entsinne, nahmen an der Konferenz Worowski und ich von den Bolschewiki, Grimm (Zimmerwalder Büro), Balabanowa (für Italien), Zeth Höglund und Fredrik Ström (Schweden) und jemand von den Menschewiki teil. Die Menschewiki sprachen auf der Konferenz in dem Ton von „Staatsmännern“. Ihr Hauptargument gegen den Kurs der Bolschewiki bestand in der Behauptung, die Bolschewiki seien angeblich ein „winziges Häuflein“, den Massen sei die Idee der „Macht der Sowjets“ völlig fremd. Die Konferenz verlief sich in fruchtlosen Diskussionen und Verhandlungen. Mit der endgültigen Formulierung der Konferenzbeschlüsse wurde das Zimmerwalder Büro beauftragt. Die ausländischen Genossen waren, auch wenn sie mit uns sympathisierten, der Ansicht, die Menschewiki hätten recht: Die Masse in Russland, in diesem politisch und wirtschaftlich so rückständigen Russland, würde sich nicht auf die Seite der Bolschewiki stellen. Wie sehr irrten sie sich da, wie schlecht stellten sie sich das unausbleibliche Anrollen der revolutionären Wogen vor …

Am 5. Juli wurde ich vom Klingeln des Telefons geweckt.

„Haben Sie von dem Aufstand in Petrograd gelesen?4 Die Provisorische Regierung hat beschlossen, ihn abzuwürgen. Die Bolschewiki werden verhaftet. Die Sache ist ernst.“

Das war die erste Kunde von den Juliereignissen, die mich im Ausland erreichte, wo ich schon über eine Woche weilte. Die bürgerliche Presse berichtete natürlich genüsslich von Versuchen der Bolschewiki, eine „Rebellion“ der Matrosen und Soldaten anzuzetteln. Es wurde sogar geschrieben, die Aktionen der Bolschewiki würden geistig und materiell vom deutschen Generalstab „inspiriert“ …

Bruchstückhafte, sensationell aufgemachte und widersprüchliche Nachrichten erhielten wir durch Zeitungstelegramme und durch die „jüngsten Darstellungen“ zufälliger Augenzeugen. Doch je mehr Nachrichten zusammenkamen, um so unumstößlicher wurde die Tatsache, dass der Aufstand spontan, entgegen dem Willen und dem Wunsch der Partei ausgebrochen war; dennoch stand er, von Arbeitern, Matrosen und Soldaten geführt, voll und ganz unter bolschewistischen Losungen.

War das nicht die beste Antwort an die ausländischen Genossen, an die schwankenden Zimmerwalder, dass die revolutionäre Welle mit historischer Zwangsläufigkeit in die Diktatur des Proletariats, in eine neue Form der staatlichen Ordnung, in die Macht der Sowjets einmünden musste? Nicht nur ein Häuflein von Bolschewiki möchte das, sondern die Arbeiterklasse selbst sucht und schafft sich die für sie am besten geeignete Form der Leitung des Staates in der Periode ihrer Diktatur und passt sie ihren Klasseninteressen an. Und es sind nicht nur die Bolschewiki, sondern es ist die Masse des werktätigen Volkes in Russland, die sich der Fortsetzung des imperialistischen Krieges widersetzt …

Eine Stunde nach der ersten Kunde von den Ereignissen saß ich mit Worowski in einem kleinen Café, wo wir die Lage besprachen. Eines war klar: Für diesmal hatte die Provisorische Regierung den Sieg davongetragen, und die Abrechnung mit den Anhängern der Losung „Alle Macht den Sowjets!“ würde alles andere als harmlos sein …

In dem Café wurden wir von Hanecki aufgestöbert, der uns die neuesten Nachrichten aus Russland brachte. Der Aufstand war von den Matrosen der Baltischen Flotte ausgegangen. Viele Parteimitglieder waren verhaftet. Lenin war es vorerst gelungen, der Verhaftung zu entgehen, doch er wurde gesucht. Die Presse legte die Tatsache, dass sich Lenin „verbarg“, als klaren Beweis gegen ihn und als sicheres Zeichen dafür aus, dass die Bolschewiki nichts anderes als Agenten Deutschlands wären.

Abends berichteten dann die Zeitungen auch schon von mir, ich sei „im Sonderauftrag“ ins Ausland gefahren. Diese Meldungen erschwerten meinen Aufenthalt in Schweden. Ich war bei Beginn des Krieges wegen antiimperialistischer Propaganda aus Schweden ausgewiesen worden, und die schwedischen Genossen hatten nur mit Mühe bei ihren Behörden erreicht, dass mir für die zehn Tage, die die Konferenz in Stockholm dauerte, die Einreise erlaubt wurde. Diese zehn Tage waren nun schon fast abgelaufen. Es bestand kaum Hoffnung, dass mir nach den Juliereignissen das Visum verlängert würde.

Am nächsten Tag meldeten die ausländischen bürgerlichen Zeitungen voller Genugtuung, dass die „Rebellion“ endgültig niedergeschlagen sei, dass Kerenski und seine Leute in der Koalitionsregierung die Versuche der Bolschewiki, einen Aufstand anzuzetteln und Deutschland unter die Arme zu greifen, im Keime erstickt hätten …

Mochten die Julitage dem Bolschewismus äußerlich auch eine Niederlage beschert haben, allein die Tatsache, dass ein Aufstand stattgefunden hatte, und der Umstand, dass die Masse in ihrem revolutionären Lauf der gründlich durchdachten Taktik der Partei zuvorgekommen war, bargen das Samenkorn des künftigen Sieges des Bolschewismus in sich.

Die ausländischen Genossen, die der Zimmerwalder Gruppe angehörten, waren geneigt, in der Niederlage der Julitage einen neuen Beweis für den „utopischen Charakter des Bolschewismus“ zu sehen. Sie mussten jedoch eingestehen, dass die Masse den Bolschewiki folgte. Und die besten, ehrlichsten Teilnehmer der Zimmerwalder Konferenz wurden nachdenklich und begannen, an der Richtigkeit der Behauptungen der Menschewiki zu zweifeln, der Bolschewismus besitze in Russland weder Boden noch Unterstützung …

Äußerlich waren die Bolschewiki besiegt, der Aufstand war niedergeschlagen worden. Doch in den Kreisen der Provisorischen Regierung herrschte völlige Verwirrung, im Kabinett gaben sich die Minister die Klinke in die Hand, die Regierung begann, vor den Sowjets zu liebedienern, die irrsinnige Furcht vor den Ideen des Bolschewismus nahm immer mehr zu. Und je erbitterter die bürgerlich-paktiererische Macht, deren Tage gezählt waren, die neue, aufsteigende Klasse bekämpfte, die erstmals in der Geschichte begonnen hatte, an die eigenen Kräfte zu glauben, um so deutlicher lag auf der Hand, dass der Sieg unweigerlich der neuen Klasse und ihrer Vorhut, den Bolschewiki, gehören würde!

Sobald feststand, dass in Russland ein Prozess gegen die Bolschewiki inszeniert wurde, denen man schwerste Staatsverbrechen zur Last legte, entschloss ich mich, unverzüglich nach Russland zurückzukehren.

Ich weiß noch, dass mir Worowski abriet, überstürzt zu handeln, und mir zu beweisen suchte, dass jetzt möglicherweise sehr nötig Kräfte im Ausland gebraucht würden. Nach Russland fahren bedeutete zwangsläufig Festnahme. Doch meine Angst, von Russland abgeschnitten zu sein, war stärker als jede Vernunft. Ich beschloss zu fahren. Soja Schadurskaja, die gerade erst aus Paris gekommen war, schloss sich mir an.

Für die Rückreise hatte ich nicht genügend Geld. Ich musste mir welches von Worowski leihen, und zwar a conto Zentralkomitee (dieses „Konto“ war äußerst problematisch und bescheiden, während die Zeitungen immerzu von deutschem Gold krakeelten, das angeblich auf die Bolschewiki „ hernieder regnete „).

Der Bahnsteig auf dem Stockholmer Bahnhof. Freundlich, doch ein wenig besorgt blickende Genossen, russische und schwedische. Sie gaben mir das Geleit zur Reise „in Kerenskis Kerker“. So war es an jenem Tag auch zu lesen (ich glaube, am 20. Juli nach dem neuen Kalender in der Zeitung „Politiken“, dem Organ der linken schwedischen Sozialisten), doch an die Verhaftung dachte ich natürlich am allerwenigsten. Wie hätte ich damals jenem Machtvollen, Gewaltigen, das das werktätige Volk in Russland vollbrachte, fern sein können?


Anmerkungen

1. Gemeint sind die Ereignisse vom 8. bis 18. Juni (21. Juni bis 1. Juli) 1917, die mit der Vorbereitung und Durchführung einer friedlichen Demonstration gegen die Politik der Provisorischen Regierung verbunden waren. Die Partei der Bolschewiki bereitete die Demonstration unter ihren revolutionären Losungen vor. Sie fand am 18. Juni (1. Juli) statt und legte Zeugnis vom revolutionären Geist der Massen und vom enorm gestiegenen Ansehen der Partei ab.

2. In der Zeit vom 2. bis 7. (15.–18.) Juli trat eine Gruppe von Ministern der Provisorischen Regierung zurück, und zwar im Zusammenhang mit den Misserfolgen bei der Offensive an der Front und der wachsenden Unzufriedenheit der Werktätigen, die ihren Ausdruck in Demonstrationen fand, zu denen es in den größten Arbeiterzentren des Landes kam. Die zweite Koalitionsregierung wurde am 24. Juli (6. August) des Jahres 1917 gebildet.

3. Gemeint ist die Informationsberatung der Zimmerwalder Linken, die im Zusammenhang mit der Vorbereitung der III. Zimmerwalder Konferenz durch die Internationale Sozialistische Kommission in Stockholm stattfand. Lenin war für den Bruch mit der Zimmerwalder Vereinigung und die unverzügliche Organisierung der III. Internationale. A. M. Kollontai und W. W. Worowski wurden als Vertreter des Zentralkomitees der SDAPR(B) nach Stockholm entsandt. Die Beratung fand nicht unter vollständiger Beteiligung statt, da die Vertreter der deutschen Sozialdemokratie abreisten.

4. Gemeint ist die spontane Reaktion der Massen am 3. und 4. (16. und 17.) Juli, zu der es auf Grund der Unzufriedenheit mit der Politik der Provisorischen Regierung kam. Die Bolschewiki waren gegen die Aktion. Ihrer Ansicht nach war die Krise noch nicht herangereift. Dennoch beschlossen sie, sich an die Spitze der Bewegung zu stellen, um ihr einen organisierten und friedlichen Charakter zu geben. Am 4. (17.) Juli wurde die Massendemonstration der Arbeiter, Soldaten und Matrosen auseinander geschossen. Die Regierung ging zum Angriff auf die Arbeiterorganisationen und die Partei der Bolschewiki über und riss im ganzen Land die Macht an sich. Das Ende der Doppelherrschaft war angebrochen.