1. Januar 1929 // Artikel
Walter Ulbricht // Wozu brauchen wir Selbstkritik?

Wozu brauchen wir Selbstkritik?

1. Januar 1929

„Der Parteiarbeiter“ Nr. 1, Januar 1929.


Im ZK und auch auf der Reichsparteiarbeiterkonferenz wurde die Anwendung der Selbstkritik im Zusammenhänge mit der Berichterstattung über die Beschlüsse des VI. Weltkongresses und mit den Kampferfahrungen der letzten Monate als eine wichtige Aufgabe der Parteiorganisation festgelegt. Sowohl die Presse wie die Funktionärorgane zeigen aber, daß die Massen der Funktionäre und der Parteimitglieder sowie die sympathisierenden Arbeitermassen zur Erfüllung dieser Aufgabe noch nicht in der notwendigen Weise herangezogen wurden.

Die Förderung der Selbstkritik ist besonders jetzt in der Zeit der Aktivierung der Arbeiterbewegung notwendig.

Die Selbstkritik muß als ein Mittel angewandt werden, um die entsprechend der Veränderung der gesamten Situation notwendige Wendung in der Taktik der Partei zum Gemeingut der Massen der Parteimitglieder und der sympathisierenden Arbeiter zu machen.

Die Erfahrungen des Ruhrkampfes haben die Konsequenzen der Koalitions- und wirtschaftsdemokratischen Politik der Sozialdemokratie besonders offenbar gemacht. Breiten Arbeitermassen ist in diesem Zusammenhang klargeworden, daß die zentrale Frage die Organisierung der proletarischen Klassenfront unter Führung der Kommunistischen Partei und der revolutionären Gewerkschaftsopposition ist. Es ist im Zusammenhang mit der prinzipiellen Verschärfung des Kampfes gegen den Reformismus jene Einstellung zu überwinden, die immer wieder hoffnungsvoll auf die reformistischen Führer sieht, anstatt die Massen zum Kampfe zu mobilisieren und zu organisieren.
In dieser Situation schwenken einige Parteimitglieder offen zur Sozialdemokratie über. Damit ist aber die opportunistische Gefahr in der Partei noch nicht überwunden, sondern es wurden lediglich die Führer dieser linkssozialdemokratischen Auffassungen aus der Partei entfernt. Diese Elemente werden auch weiterhin von außen her den Kampf gegen die Politik der Partei unter Ausnutzung der sozialdemokratischen Presse und durch Herausgabe eigener Organe führen und versuchen, die Parteimitglieder, die sich nicht durch eigene Kampferfahrungen von der Richtigkeit der Politik der Partei überzeugt haben, ins Schwanken zu bringen.

Die Selbstkritik muß also als ein Mittel angewendet werden, um die Massen der Parteimitglieder auf Grund ihrer konkreten Erfahrungen zu befähigen, aus eigener Initiative die Beschlüsse der Komintern und der Partei und die Direktive der Parteiorgane richtig anzuwenden.

Wie wenig die Gesamtpartei auf die großen Aufgaben in der gegenwärtigen Situation eingestellt ist, zeigt die ungenügende Durchführung der Solidaritätskampagne während des Ruhrkampfes. Wohl wurden die Geldsammlungen verhältnismäßig gut durchgeführt, aber die politische Massenarbeit war noch schwach.

Die Selbstkritik muß als ein Mittel zur Überwindung der Passivität und der opportunistischen Einstellungen in der Partei angewendet werden, wobei immer zu berücksichtigen ist, daß viele Genossen opportunistische Auffassungen in verschiedenen Fragen vertreten, ohne sich dessen selbst bewußt zu sein. Deshalb muß die Selbstkritik konkret und positiv sein, das heißt, es muß an die konkreten Erfahrungen im Tätigkeitsbereich der Genossen angeknüpft und gesagt werden, wie die Aufgaben hätten durchgeführt werden müssen und in Zukunft durchgeführt werden sollen.

Die Erfahrungen des Ruhrkampfes, die Fragen der Schlichtungspolitik, der Tariftreue, der Bedeutung der Kampfleitungen und der Methoden zur Herstellung der proletarischen Klassenfront, der Taktik bei den Betriebsräte wählen usw. müssen mit den Erfahrungen der Arbeiter in ihrem eigenen Tätigkeitsbereiche in Zusammenhang gebracht werden. Es ist klar, daß der größte Teil der taktischen Fehler infolge einer falschen Einschätzung des Reformismus, ungenügender Informationen über die Beschlüsse des RGI-Kongresses in der Frage der Streikstrategie usw. geschieht Deshalb ist es wichtig, daß von der prinzipiellen Einschätzung des Reformismus und der Aufgabenstellung für die Einheitsfronttaktik ausgegangen wird, wie sie vom VI. Weltkongreß und vom IV. RGI-Kongreß (Kampf um die Streikführung, Schlichtungswesen, Tariftreue, Frage der Unorganisierten usw.) festgelegt wurden. Den Arbeitern muß der Zusammenhang zwischen der Politik des neuen deutschen Imperialismus, der Stellung der Sozialdemokratie zur Wehrfrage und der wirtschaftsdemokratischen Propaganda der Reformisten vor Augen geführt werden, damit die Genossen in der Lage sind, im konkreten Kampfe den Arbeitern diese Zusammenhänge zu zeigen, und die Tagesagitation auf dieser prinzipiellen Basis durchzuführen.

Indem die Selbstkritik als Mittel zur Aktivierung der Partei angewendet wird, ist sie eine wichtige Voraussetzung für die Heranziehung neuer Funktionäre, für die Verbreiterung des Funktionärkörpers.

In dem Maße, wie die Initiative der unteren Organe wächst, ist es auch möglich, den Funktionärkörper zu verbreitern und immer mehr Parteimitglieder zur ständigen aktiven Parteiarbeit heranzuziehen. In manchen Städten wird es zweckmäßig sein, in diesem Zusammenhang die Zusammensetzung des Funktionärkörpers zu überprüfen und festzustellen, ob die Betriebsarbeiter entsprechend ihrer Bedeutung bei der Beratung und Durchführung der Parteiaufgaben vertreten sind. Ebenso notwendig ist es, bei der Neuwahl der unteren Leitungen, die im Zusammenhang mit der Berichterstattung über den Weltkongreß durchgeführt werden soll, auf jeden Fall die Leitungen durch neue, aktive Funktionäre zu ergänzen.

Die Erfahrungen der letzten Kämpfe lehren, wie notwendig die lebendige Verbindung zwischen Parteileitung und Mitgliedschaft ist. Wenn die Parteileitungen dazu übergehen, den einzelnen Ortsgruppen und Zellen praktisch zu helfen, die Lehren aus der bisherigen Arbeit zu ziehen und die nächsten Aufgaben herauszuarbeiten, und wenn im Zusammenhang damit die Leitungen aufmerksam hören, wie die Zellenmitglieder über die Direktiven der Parteileitungen urteilen, dann wird auf diesem Wege nicht nur die Aktivität der Organisationen erhöht, sondern auch die Autorität der Leitungen gestärkt. Es ist zum Beispiel zweckmäßig, daß Bezirks-, Unterbezirks- und Ortsgruppenleitungen Kommissionen von etwa drei Genossen bestimmen, die systematisch eine Zelle nach der anderen besuchen, um mit den Genossen die Erfahrungen und Aufgaben zu besprechen.

Außer dieser konkreten innerparteilichen Entwicklung der Selbstkritik ist es notwendig, in der Öffentlichkeit diese Selbstkritik zu üben. Zum Beispiel ist es nützlich, Parteimitglieder und auch Parteilose zu veranlassen, sich in unserer Tagespresse über die Taktik der Partei im Ruhrkampf zu äußern. Das kann durch persönliche Aufforderung, aber noch besser durch öffentliche Fragestellung in der Tagespresse eingeleitet werden. Eine solche öffentliche Erörterung dieser Frage ist ein wichtiges Mittel zur Massenerziehung und damit zur Verstärkung des Einflusses der Partei. Diese Kritik der Arbeiter im positiven Sinne braucht die Partei. Diese Kritik aber hat nichts mit den Argumenten jener Kritikaster zu tun, die behaupten, daß die Partei die Gewerkschaftsarbeit vernachlässigt, und die, wenn man Beweise fordert, allgemeine Phrasen erzählen. Diese Kritik hat auch nichts mit der „Kritik“ zu tun, die behauptet, daß die Partei sich im Ruhrgebiet nicht genügend um die Gewerkschaftsarbeit gekümmert habe; denn die Betreffenden beweisen dann nur, daß sie keine Ahnung davon haben, daß gerade die Massenmobilisierung und Organisierung in den Betrieben die Basis für die Arbeit in den gewerkschaftlichen Organisationen ist. Zweifellos werden die Rechten und Versöhnler versuchen, unter der Losung der Selbstkritik ihre Plattform zu propagieren. Das wird die Partei nicht zulassen.

Die Kritik der Arbeiter, die den Zweck hat, der Partei zu helfen, Fehler zu vermeiden und die Aufgaben noch besser als bisher zu erfüllen, muß in weitestem Maße gefordert werden: die fraktions-oder gruppenmäßige Kritik bestimmter Richtungen in der Partei muß ebenso rücksichtslos bekämpft werden. Durch die Vorstöße der Rechten und Versöhnler darf sich die Partei nicht hindern lassen, jene gesunde Selbstkritik zu fördern, die ein wichtiges Mittel zur Überwindung der opportunistischen Gefahr in der Partei ist.