1. August 1906 // Artikel
Franz Mehring // Kolonialskandale

Kolonialskandale

1. August 1906

Die Neue Zeit, 24. Jg. 1905/06, Zweiter Band, S. 617-620. Nach Gesammelte Schriften, Band 15, S. 175-179


Seit einiger Zeit sind im „Reiche der Gottesfurcht und frommen Sitte“ allerlei Kolonialskandale im Gange, und sie nehmen neuerdings einen Umfang an, der selbst den teutschesten Patrioten die bis zum Übermaß gebüßte Lust verleiden wird, über die kapitalistische Korruption bei anderen Völkern die Nase zu rümpfen und sich in pharisäerhaften Betrachtungen über die eigene Tugendhaftigkeit zu ergehen.

Im Grunde genommen ist freilich die ganze deutsche Kolonialpolitik, die nun schon ins dritte Jahrzehnt geht, ein fortlaufender Skandal, selbst wenn man sie nur mit der Kolonialpolitik anderer Nationen vergleicht. Handelskolonien – und um solche handelt es sich allein bei der deutschen Kolonialpolitik – sind immer Ausbeutungskolonien, die auf der Ausraubung und Plünderung exotischer Ländereien und Völkerschaften beruhen. Sie bekehren den „Wilden“, nicht um ihm die himmlische Seligkeit im Jenseits zu sichern, sondern um ihn im Diesseits aufnahmefähiger für den Konsum europäischer Waren zu machen, und sie „lehren“, das heißt, sie zwingen ihn zu arbeiten, nicht weil Arbeit das Leben süß macht, sondern um Mehrwert aus seinen abgerackerten Knochen zu schöpfen.

Alle die Gräuel und Scheußlichkeiten, die das Gefolge der Zwangsarbeit bilden, werden nun aber noch dadurch gesteigert, dass sich die verkommensten Mitglieder der „zivilisierten“ Nationen in den Ausbeutungskolonien zusammenzufinden pflegen, Abenteurer, Spekulanten, Muttersöhnchen, die in der Heimat nicht gut tun wollen, Gesindel aller Art. Im achtzehnten Jahrhundert ging das Sprichwort: La canaille de l’Europe, c’est l’aristocratie des Indes (Der Auswurf Europas ist die Aristokratie Indiens), und dies Wort hat im zwanzigsten Jahrhundert noch nicht seine Geltung verloren. Es ist leicht einzusehen, wohin bei solchen Elementen der Besitz der unumschränkten Gewalt über ein wehrloses unterwürfiges Volk führt. Wie befleckt auch die Geschichte aller europäischen Nationen sein mag, sie ist noch ein Tugendbild, verglichen mit der Kolonialgeschichte, in der alle Schandtaten aufgehäuft sind, die teuflische Bosheit zu ersinnen vermag.

Das sind keine sozialdemokratischen Übertreibungen, sondern historische Wahrheiten von solcher Trivialität, dass man sie bei den frömmsten Historikern findet. W. Howitt, ein englischer Historiker, der aus dem Christentum seine Spezialität macht, sagt darüber: „Die Barbareien und ruchlosen Gräueltaten der so genannten christlichen Rassen, in jeder Region der Welt und gegen jedes Volk, das sie unterjochen konnten, finden keine Parallele in irgendeiner Ära der Weltgeschichte, bei irgendeiner Rasse, ob noch so wild, ungebildet, mitleidlos und schamlos.“ Selbst ein Mann wie Treitschke wagte in seinen jüngeren Tagen nicht zu entscheiden, welchem der europäischen Völker der Preis der kolonialpolitischen Ruchlosigkeit gebühre, was ihn freilich nicht gehindert hat, die patriotische Trommel zu rühren, als Bismarck, der in seinen vernünftigen Tagen auch „kein Kolonialmensch“ war, in den wachsenden Verlegenheiten seines Zusammenbruchs mit der Flaggenhissung auf ein paar afrikanischen Sand- oder Sumpfwüsten begann. Verlogen, wie sie ins Leben trat, als ein elender Wahlpuff, konnte die deutsche Kolonialpolitik am wenigsten den angeborenen und unveräußerlichen Charakter aller Kolonialpolitik verleugnen; an Gräuel und Scheußlichkeiten stand sie bald der Kolonialpolitik keiner anderen Nation nach; dafür bürgen die Namen der Leist, der Wehlan, des Hänge-Peters, des Jesco von Puttkamer und wie diese Biedermänner sonst noch heißen.

In einem freilich zeichnet die deutsche Kolonialpolitik sich vor anderen aus, ist sie unvergleichlich unter allen Völkern, von denen die alte und die neue Geschichte zu erzählen weiß. Sie ist so arm an Gold wie reich an Schmutz. Andere Nationen haben ihre Jahrbücher mit dieser ungeheuren Sündenschuld doch nur belastet um kapitalistischer Lebensinteressen willen; es ist bekannt, eine wie entscheidende Rolle das Kolonialsystem bei der ursprünglichen Akkumulation des Kapitals gespielt hat. Es reifte treibhausmäßig Handel und Schifffahrt, sicherte den aufschießenden Manufakturen die Absatzmärkte und eine durch das Marktmonopol potenzierte Akkumulation. Der außerhalb Europas direkt durch Plünderung, Sklaverei und Raubmord erbeutete Schatz floss ins Mutterland zurück und verwandelte sich hier in Kapital. Das Kolonialsystem warf, wie Marx sagt, mit einem Schub und Bautz alle alten Götzen über den Haufen. Es proklamierte die Plusmacherei als einzigen und letzten Zweck der Menschheit.1

Mit alledem hat die deutsche Kolonialpolitik nichts zu schaffen. Sie wurde künstlich ins Leben gerufen, als der deutsche Kapitalismus längst auf festen Füßen stand und sein nächster historischer Fortschritt nur noch eine umwälzende Sozialpolitik sein konnte. Nicht zuletzt um diesem Fortschritt zu entgehen, griffen die herrschenden Klassen auf das Trugbild einer Kolonialpolitik zurück, die angeblich die deutsche Nation mit märchenhaften Schätzen überschütten würde. Aber was sich einmal in der Geschichte als Tragödie abgespielt hat, das lässt sich nach dem bekannten Worte Hegels nur als Posse wiederholen. Und eine Posse ist die deutsche Kolonialpolitik von Anbeginn gewesen, eine blut- und schmutztriefende Posse, aber auch eine Posse, deren Eintrittspreis die Taschen des deutschen Volkes ausfegte. Nach der Berechnung eines bürgerlichen Blattes ist seit zwanzig Jahren nahezu eine Milliarde Mark in diesen unersättlichen Schlund geworfen worden, der sich niemals schließen wird. So teuer hat es sich noch kein Volk werden lassen, um ein Elend zu erzeugen, das gen Himmel schreit, und eine Korruption, die gen Himmel duftet. Unter den grandios-grotesken Narreteien der Weltgeschichte wird die deutsche Kolonialpolitik immer einen hervorragenden Ehrenplatz behaupten.

Wenn sie aber ihrer Natur nach von jeher ein fortlaufender Skandal gewesen ist, so scheint sie jetzt in einen jener ungeheuren Skandale zu explodieren, die in der absteigenden Geschichte der kapitalistischen Gesellschaft die eigenartigen Marksteine bilden. Es ist hier nicht der Ort, in die Einzelheiten einzugehen, die unseren Lesern aus der Tagespresse bekannt sind, und zwar um so weniger, als jeder neue Tag neue Unsauberkeiten an die Oberfläche wirft. Sieht man selbst von der Affäre des Jesco v. Puttkamer ab, die sich dem Wesen nach nicht von den früheren Affären der Leist, Wehlan und Peters unterscheidet, so erscheint jetzt ein großes Handlungshaus auf der Bildfläche, das, wenn nicht mit einem Minister, so doch mit der Familie eines Ministers in engen Geschäftsbeziehungen steht und sich durch einen von ihr bestochenen Offizier Millionen auf Millionen unrechtmäßigen Rebbachs aus der Reichskasse hat zuschanzen lassen. Und diese Gaunereien haben sich in dem „bestverwalteten“ Staate jahrelang fort gesponnen, unter Täuschung des Reichstags, bis sie nicht etwa durch die Sorgfalt der Aufsichtsbehörden, sondern durch die Rache eines betrogenen Weibes aufgedeckt worden sind. Die Aufsichtsbehörden haben vielmehr subalterne Beamte, die ihnen rechtzeitige und, wie sich nunmehr herausstellt, zutreffende Enthüllungen aus dem Kolonialsumpfe machten, wegen „böswilliger und leichtfertiger Beschuldigung“ als lästige Querulanten disziplinieren und auf die Straße werfen lassen.

Bestätigt sich auch nur ein Teil von alledem, so steht die deutsche Kolonialpolitik vor einer moralischen Niederlage, durch die dann auch das ganze gegenwärtige Regierungssystem selbst in den Augen der blödesten Philister schwer kompromittiert werden würde. Es ist charakteristisch, dass die Klatsch- und Sensationsblätter der kapitalistischen Presse nach anfänglichen Ableugnungsversuchen nun desto gieriger in dem Skandal wühlen; die Verwesung hat immer schon einen hohen Grad erreicht, wenn diese Geier sich auf das Aas zu stürzen beginnen. Danach werden wohl einige Sündenböcke in die Wüste gejagt werden; zum Vertuschen ist es zu spät. Trotzdem wird es aber nicht zum „gründlichen Ausbrennen der Eiterbeule“ kommen, wie bürgerliche Blätter in ihrem geschmackvollen Kauderwelsch sagen. Die Wurzel des Übels ist die Kolonialpolitik; sie wird immer ein Herd der Korruption bleiben, wenn auch deren ärgste Auswüchse einmal beschnitten werden.

Der agitatorisch aufklärende Gewinn solcher Skandalgeschichten fällt allemal denen zu, die entschlossen sind, mit der ganzen kapitalistischen Wirtschaft aufzuräumen. Deshalb wird sich auch die Ultramontane Partei täuschen, die nicht übel geneigt wäre, aus dem Rohre des Kolonialsumpfes ihre Pfeifen zu schneiden. Ihr Schreckenskind Erzberger macht mit Vorliebe „Enthüllungen“ auf diesem Gebiete und droht noch mehr damit, als dass er sie wirklich macht. Dieser würdige Volksvertreter scheint gar nicht zu empfinden, wie sehr er sich selbst bloßstellt, wenn er damit renommiert, dass er „auspacken“ werde, sobald man es wagen würde, ihn oder seine Gewährsmänner bei den Ohren zu nehmen. Dabei hat er sich – wäre die Sache nicht an sich traurig, so müsste man sagen: in der lustigsten Weise – beim Ohre nehmen lassen und den Untersuchungsrichter, der ihn als Zeuge in einer der berühmten Untersuchungssachen gegen Unbekannt vernahm, in den Saal des Reichstags geführt, um seine Schränke durchsuchen zu lassen, während die Bürobeamten des Reichstags wenigstens einen Protest gegen diese Verletzung der parlamentarischen Immunität einlegten.

Das ist denn nun ein besonderer Spektakel in dem allgemeinen Kolonialskandal. Kann der Zeugniszwang gegen einen Abgeordneten angewandt werden, um Auskunft über Dinge zu erlangen, die er als Abgeordneter erfahren hat? Und steht der Reichstag der Polizei, dem Staatsanwalt, dem Untersuchungsrichter offen? Wie diese Fragen beantwortet werden müssen, ist selbst den Liberalen und den Ultramontanen klar, aber die loddrige Art, wie ihrerzeit die Reichsverfassung abgefasst worden ist, macht sich jetzt wieder in ihren üblen Konsequenzen geltend, ganz abgesehen von dem tatsächlichen Präzedenz, dass unter dem Sozialistengesetz die Achtgroschenjungens der Madai und Krüger kein angenehmeres Stelldichein kannten als die Journalistentribüne des Reichstags.

Die Ultramontane Partei hat sich von ihrem Schreckenskind eine böse Suppe einbrocken lassen. Die leichtfertige Opferung der parlamentarischen Immunität fällt auf sie selbst zurück, und wenn sie die Kolonialskandale für ihre demagogischen Zwecke ausbeuten will, so wird sie bald auf ein Pentagramm stoßen, das ihr Pein macht. Die Dinge sind jetzt reif genug, den Wählern klarzumachen, dass man entweder die ganze Kolonialpolitik zum Hause hinauswirft oder dass man mitschuldig ist an allen ihren Skandalen.


Anmerkungen

1. Siehe Karl Marx: Das Kapital, Erster Band. In: Ebenda, Bd. 23, S. 782.