1922 // Artikel
Georg Lukács // Methodisches zur Organisationsfrage

Methodisches zur Organisationsfrage

1922

Zuerst veröffentlicht in dieser Form in Georg Lukács: Geschichte und Klassenbewußtsein, 1923, S.298-342.


1.

Die Probleme der Organisation, obwohl sie zeitweilig – wie z.B. als die Anschlußbedingungen diskutiert wurden – im Vordergrund der Kämpfe standen, gehören zu den Fragen, die theoretisch am allerwenigsten durchgearbeitet sind. Die Konzeption der Kommunistischen Partei, befehdet und verleumdet bei allen Opportunisten, instinktiv aufgegriffen und zu eigen gemacht von den besten revolutionären Arbeitern, wird trotzdem noch häufig als eine bloß technische Frage und nicht als eine der wichtigsten geistigen Fragen der Revolution behandelt. Nicht als ob die Materialien zu einer solchen theoretischen Vertiefung der Organisationsfrage fehlen würden. Die Thesen des II. und des III. Kongresses, die Richtungskämpfe der russischen Partei, die praktischen Erfahrungen der letzten Jahre bieten ein überreichliches Material. Aber es scheint, als ob das theoretische Interesse der kommunistischen Parteien (die russische immer ausgenommen) von den Problemen der wirtschaftlichen und politischen Weltlage, von den aus ihr zu ziehenden taktischen Folgerungen und ihrer theoretischen Begründung so sehr in Anspruch genommen wären, daß kein lebendiges und lebhaftes theoretisches Interesse für die Verankerung der Organisationsfrage in der kommunistischen Theorie übrig bliebe. So daß vieles, was hier richtig geschieht, mehr aus einem revolutionären Instinkte heraus richtig ist, als aus einer klaren theoretischen Einstellung. Andererseits lassen sich viele taktisch falsche Einstellungen, z.B. in den Einheitsfrontdebatten, auf unrichtige Auffassung der Organisationsfragen zurückführen.

Diese „Unbewußtheit“ in den Organisationsfragen ist aber ganz bestimmt ein Zeichen der Unreife der Bewegung. Denn Reife oder Unreife lassen sich eigentlich nur daran ermessen, ob eine Einsicht oder Einstellung über das, was zu tun ist, für das Bewußtsein der handelnden Klasse und ihrer führenden Partei in einer abstrakt-unmittelbaren oder konkret-vermittelten Form vorhanden ist. D.h., solange ein zu erreichendes Ziel in noch unerreichbarer Ferne liegt, können zwar besonders Scharfsichtige das Ziel selbst, sein Wesen und seine gesellschaftliche Notwendigkeit bis zu einem gewissen Grade klar sehen. Sie werden aber dennoch unfähig sein, die konkreten Schritte, die zum Ziele führen könnten, die konkreten Mittel, die aus ihrer – eventuell – richtigen Einsicht zu gewinnen wären, sich selbst bewußt zu machen. Zwar können auch die Utopisten den Tatbestand, von dem ausgegangen werden muß, richtig sehen. Was sie zu bloßen Utopisten macht, ist, daß sie ihn nur als Tatsache, oder höchstens als zur Lösung aufgegebenes Problem zu sehen imstande sind, ohne zur Einsicht gelangen zu können, daß gerade hier, gerade im Problem selbst, sowohl die Lösung, wie der Weg zur Lösung mitgegeben sind. So „sehen sie im Elend nur das Elend, ohne die revolutionäre umstürzende Seite darin zu erblicken, welche die alte Gesellschaft über den Haufen werfen wird“. 1 Der hier hervorgehobene von doktrinärer und revolutionärer Wissenschaft geht aber über den von Marx analysierten Fall hinaus und erweitert sich zu einem typischen Gegensatz in der Bewußtseinsentwicklung der revolutionären Klasse. Mit dem Fortschritt auf dem Wege zur Revolutionierung des Proletariats verlor das Elend seinen bloßen Gegebenheitscharakter und ist in die lebendige Dialektik des Handelns einbezogen worden. Aber an seine Stelle treten – je nach dem Stadium, in dem sich die Entwicklung der Klasse befindet – andere Inhalte, denen gegenüber das Verhalten der proletarischen Theorie eine sehr ähnliche Struktur aufweist, wie die, die hier von Marx analysiert wurde. Denn es wäre eine utopistische Illusion, zu glauben, daß die Überwindung des Utopismus durch die gedankliche Überwindung seiner ersten primitiven Erscheinungsform, die Marx hier vollzogen hat, für die revolutionäre Arbeiterbewegung bereits vollbracht worden ist. Diese Frage, die letzten Endes die Frage der dialektischen Beziehung von „Endziel“ und „Bewegung“, die Frage der Beziehung von Theorie und Praxis ist, wiederholt sich in immer entwickelterer Form, allerdings mit stets wechselnden Inhalten, auf jeder enscheidenden Stufe der revolutionären Entwicklung. Denn eine Aufgabe wird in ihrer abstrakten Möglichkeit immer früher sichtbar, als die konkreten Formen ihrer Verwirklichung. Und die Richtigkeit oder Falschheit der Fragestellungen wird eigentlich erst wirklich diskutabel, wenn dieses zweite Stadium erreicht ist, wenn jene konkrete Totalität erkennbar wird, die Umwelt und Weg zu ihrer Verwirklichung zu sein bestimmt ist. So ist der Generalstreik in den ersten Debatten der II. Internationale eine rein abstrakte Utopie gewesen, die erst durch die erste russische Revolution, durch den belgischen Generalstreik usw. die Umrisse einer konkreten Form erlangt hat. So mußten jedes Jahr des akut revolutionären Kampfes vergehen, bevor der Arbeiterrat seinen utopisch-mythologischen Charakter als Allheilmittel für alle Fragen der Revolution verloren hat und als das, was er ist, für das außerrussische Proletariat sichtbar wurde. (Womit ich keineswegs behaupten will, daß dieser Klärungsprozeß schon abgeschlossen ist; Ich bezweifle es sogar sehr, doch da der Arbeiterrat hier nur als Beispiel herbeigezogen wurde, soll darauf nicht näher eingegangen werden.)

Gerade die Fragen der Organisation sind am längsten in einem solchen utopischen Halbdunkel geblieben. Dies ist kein Zufall. Denn die Entwicklung der großen Arbeiterparteien vollzog sich zumeist in Zeiten, in denen die Frage der Revolution nur als eine sämtliche Handlungen des täglichen Lebens unmittelbar bestimmende Frage galt. Wo es also nicht notwendig schien, sich das Wesen und den voraussichtlichen Gang der Revolution theoretisch konkret klar zu machen, um daraus Folgerungen auf die Art, wie der bewußte Teil des Proletariats darin bewußt zu handeln hat, zu ziehen. Die Frage der Organisation einer revolutionären Partei läßt sich aber nur aus einer Theorie der Revolution selbst organisch entwickeln. Erst wenn die Revolution zur Tagesfrage geworden ist, wird die Frage der revolutionären Organisation mit gebieterischer Notwendigkeit ins Bewußtsein der Massen und ihrer theoretischen Wortführer gerückt.

Aber auch dann bloß allmählich. Denn selbst die Tatsache der Revolution, selbst die Notwendigkeit, zu ihr als aktueller Tagesfrage Stellung zu nehmen, wie dies zur Zeit und nach der ersten russischen Revolution der Fall war, konnte hier keine richtige Einsicht erzwingen. Teilweise freilich deshalb, weil der Opportunismus bereits so tief in den proletarischen Parteien Wurzel gefaßt hat, daß dadurch eine richtige theoretische Erkenntnis der Revolution unmöglich geworden ist. Aber selbst dort, wo dieses Motiv vollkommen gefehlt hat, wo eine klare Erkenntnis über die bewegenden Kräfte der Revolution vorhanden war, konnte diese sich nicht zur Theorie der revolutionären Organisation entwickeln. Hier stand, teilweise wenigstens, gerade der unbewußte, theoretisch unverarbeitete, bloß gewachsener Charakter der vorhandenen Organisation im Wege der prinzipiellen Klarheit. Denn die russische Revolution hat die Grenzen der westeuropäischen Organisationsformen klar enthüllt. Das Problem der Massenaktionen, des revolutionären Massenstreiks zeigt ihre Ohnmacht den spontanen Bewegungen der Massen gegenüber; erschüttert die opportunistische Illusion, die in dem Gedanken der „organisatorischen Vorbereitung“ solcher Aktionen steckt; erweist, daß solche Organisationen den realen Aktionen der Masse stets nur nachhinken, sie hemmen und hindern, statt sie fördern oder gar führen zu können. Rosa Luxemburg, die die Bedeutung der Massenaktionen am klarsten sieht, geht weiter über diese bloße Kritik hinaus. Sie erblickt die Schranke des bis dahin üblichen Organisationsgedankens sehr scharf in seiner falschen Beziehung zur Masse: „Die Überschätzung und die falsche Einschätzung der Rolle der Organisation im Klassenkampfe des Proletariats“ sagt sie 2, „wird gewöhnlich ergänzt durch die Geringschätzung der unorganisierten Proletariermasse und ihrer politischen Reife.“ Ihre Folgerungen geben also einerseits auf die Polemik gegen diese Überschätzung der Organisation, andererseits auf die Bestimmung der Aufgabe der Partei, die „nicht in der technischen Vorbereitung und Leitung des Massenstreikes, sondern vor allem in der politischen Führung der ganzen Bewegung bestehen“ soll. 3

Damit war ein großer Schritt in der Richtung auf klare Erkenntnis der Organisationsfrage getan: indem die Organisationsfrage aus ihrer abstrakten Isoliertheit herausgerissen wurde (Aufhören der „Überschätzung“ der Organisation), ist der Weg beschritten worden, ihr die richtige Funktion im Revolutionsprozeß zuzuweisen. Dazu wäre es aber notwendig gewesen, daß Rosa Luxemburg die Frage der politischen Führung wieder organisatorisch wendet: daß sie jene organisatorischen Momente aufdeckt, die die Partei des Proletariats zur politischen Führung befähigen. Was sie daran verhindert hat, diesen Schritt zu tun, ist an anderer Stelle ausführlich behandelt worden. Hier muß nur darauf hingewiesen werden, daß dieser Schritt schon einige Jahre früher getan wurde: in dem Organisationsstreit der russischen Sozialdemokratie; daß Rosa Luxemburg ihn genau gekannt, sich jedoch in dieser einen Frage auf die Seite der rückständigen, der die Entwicklung hemmende Richtung (der Menschewiki) gestellt hat. Es ist nun keineswegs zufällig, daß die Punkte, die die Spaltung der russischen Sozialdemokratie hervorgebracht haben, einerseits die Auffassung des Charakters der kommenden Revolution und die daraus folgenden Aufgabe (Koalition mit der „progressiven Bourgeoisie oder Kampf an der Seite der Bauernrevolution ), andererseits die Organisationsfragen gewesen sind. Für die außerrussische Bewegung ist es aber verhängnisvoll geworden, daß die Einheit, die unzertrennliche, dialektische Zusammengehörigkeit beider Fragen damals von keinem (Rosa Luxemburg mitinbegriffen) verstanden wurde. Denn dadurch wurde nicht nur versäumt, die Fragen der revolutionären Organisation wenigstens propagandistisch im Proletariate zu verbreiten, um es auf diese Weise wenigstens geistig auf das Kommende vorzubereiten (mehr war damals kaum möglich), sondern selbst die richtigen politischen Einsichten von Rosa Luxemburg, Pannekoek und anderer konnten sich – auch als politische Richtungen – nicht hinreichend konkretisieren; sie blieben, nach Rosa Luxemburgs Worten, latent, bloß theoretisch, ihre Verbindung mit der konkreten Bewegung hat einen noch immer utopischen Charakter beibehalten. 4

Denn die Organisation ist die Form der Vermittlung zwischen Theorie und Praxis. Und wie in jedem dialektischen Verhältnis erlangen auch hier die Glieder der dialektischen Beziehung erst in und durch ihre Vermittlung Konkretion und Wirklichkeit. Dieser Theorie und Praxis vermittelnde Charakter der Organisation zeigt sich am deutlichsten darin, daß die Organisation für voneinander abweichende Richtungen eine viel größere, feinere und sicherere Empfindlichkeit zeigt, als jedes andere Gebiet des politischen Denkens und Handelns. Während in der bloßen Theorie die verschiedenartigsten Anschauungen und Richtungen friedlich nebeneinander leben können, ihre Gegensätze nur die Form von Diskussionen aufnehmen, die sich ruhig im Rahmen einer und derselben Organisation abspielen können, – ohne diese sprengen zu müssen, stellen sich dieselben Fragen, wenn sie organisatorisch gewendet sind, als schroffe, einander ausschließende Richtungen dar. Aber jede „theoretische“ Richtung oder Meinungsverschiedenheit muß augenblicklich ins Organisatorische umschlagen, wenn sie nicht bloße Theorie, abstrakte Meinung bleiben will, wenn sie wirklich die Absicht hat: den Weg zu ihrer Verwirklichung zu zeigen. Es wäre aber ebenfalls ein Irrtum, zu glauben, daß das bloße Handeln, die bloße Aktion einen wirklichen und zuverlässigen Maßstab für die Richtigkeit der einander bekämpfenden Anschauungen oder selbst für ihre Vereinbarkeit oder Unvereinbarkeit abzugeben fähig ist. Eine jede Aktion ist – an und für sich – ein Gewirr von einzelnen Handlungen einzelner Menschen und Gruppen, das in gleich falscher Weise sowohl als gesellschaftlich-geschichtlich völlig hinreichend motiviertes, „notwendiges“ Geschehen, wie als Folge von „Fehlern“ beziehungsweise von „richtigen“ Entschlüssen Einzelner aufgefaßt werden kann. Dieses an sich wirre Gefühl gewinnt erst Sinn und Wirklichkeit, wenn es in seiner geschichtlichen Totalität, also in seiner Funktion im Geschichtsprozesse, in seiner Vergangenheit und Zukunft vermittelnden Rolle aufgefaßt wird. Eine Fragestellung aber, die die Erkenntnis einer Aktion, als die Erkenntnis ihrer Lehren für die Zukunft, als Antwort auf die Frage: „was nun zu tun sei?“ auffaßt, stellt das Problem bereits organisatorisch. Sie versucht, in der Erwägung der Lage, in der Vorbereitung und Führung der Aktion jene Momente aufzufinden, die von der Theorie notwendig zu einem ihr möglichst angemessenen Handeln geführt haben; sie sucht also die wesentlichen Bestimmungen auf, die Theorie und Praxis verbinden.

Es ist klar, daß eine wirklich fruchtbare Selbstkritik, ein wirkliches fruchtbares Aufdecken der „Fehler“, die begangen wurden, nur auf diese Weise möglich ist. Die Anschauung von der abstrakten „Notwendigkeit“ des Geschehens führt Zum Fatalismus; die bloße Annahme, daß „Fehler“ oder Geschicklichkeit Einzelner das Gelingen oder Versagen verursacht haben, kann wiederum für das kommende Handeln keine entscheidend fruchtbaren Lehren bieten. Es wird von diesem Standpunkt doch als mehr oder weniger „zufällig“ erscheinen müssen, daß gerade dieser oder jener an diesem oder jenem Punkt gestanden ist, diesen oder jenen Fehler gemacht hat usw. Die Feststellung eines solchen Fehlers kann nicht weiter als zur Feststellung, daß die betreffende Person für ihren Posten untauglich war, führen zu einer Einsicht, die, wenn richtig, nicht wertlos, aber für die wesentliche Selbstkritik doch nur sekundär ist. Gerade die übertriebene Bedeutung, die eine solche Betrachtung den einzelnen Personen gibt, zeigt, daß sie die Rolle dieser Personen, ihre Möglichkeit, so entscheidend und auf solche Weise die Aktion zu bestimmen, nicht zu objektivieren fähig ist, daß sie sie ebenso fatalistisch hinnimmt, wie der objektive Fatalismus das ganze Geschehen hingenommen hat. Wird aber diese Frage über das bloß Einzelne und Zufällige hinausgetrieben, wird in dem richtigen oder fehlerhaften Handeln einzelner Personen zwar eine mitbestimmende Ursache des ganzen Komplexes erblickt, aber darüber hinaus der Grund untersucht, welche die objektiven Möglichkeiten ihres Handelns und die objektiven Möglichkeiten der Tatsache waren, daß gerade diese Personen auf diesen Posten standen usw. – so ist die Frage bereits wieder organisatorisch gestellt. 5 Denn in diesem Falle wird die Einheit, die die Handelnden miteinander in ihrer Aktion verknüpft hat, bereits als objektive Einheit des Handelns, auf ihre Tauglichkeit für dieses bestimmte Handeln untersucht; es wird die Frage gestellt, ob die organisatorischen Mittel des Umsetzens der Theorie in die Praxis die richtigen gewesen sind.

Freilich kann der „Fehler“ in der Theorie, in der Zielsetzung oder in der Erkenntnis der Lage selbst liegen. Jedoch nur eine organisatorisch orientierte Fragestellung macht es möglich, die Theorie vom Gesichtspunkt der Praxis aus wirklich zu kritisieren. Wird die Theorie unvermittelt neben eine Aktion gestellt, ohne daß es klar würde, wie ihre Einwirkung auf jene gemeint ist, also ohne die organisatorische Verbindung zwischen ihnen klar zu machen, so kann die Theorie selbst nur in bezug auf ihre immanenten theoretischen Widersprüche usw. kritisiert werden. Diese Funktion der organisatorischen Fragen macht es verständlich, daß der Opportunismus seit jeher die größte Abneigung dagegen empfand, aus theoretischen Differenzen organisatorische Folgerungen zu ziehen. Die Haltung der deutschen Rechtsunabhängigen und der Serratianer zu den Aufnahmebedingungen des II. Kongresses, ihre Versuche, die sachlichen Differenzen zur kommunistischen Internationale vom Gebiet der Organisation auf das Gebiet des „rein Politischen“ hinüberzuspielen, ging von ihrem richtigen opportunistischen Gefühl aus, daß auf diesem Gebiet die Differenzen sehr lange in einem latenten, praktisch unausgetragenem Zustand verharren können, während die organisatorische Fragestellung des II. Kongresses eine augenblickliche und klare Entscheidung erzwingen mußte. Diese Haltung ist aber nichts Neues. Die ganze Geschichte der zweiten Internationale ist voll von solchen Versuchen, die verschiedenartigsten, sachlich scharf auseinandergehenden, einander ausschließenden Anschauungen in der theoretischen „Einheit“ eines Beschlusses, einer Resolution so zusammenzufassen, daß ihnen allen Rechnung getragen wird. Was dann zur selbstverständlichen Folge hat, daß solche Beschlüsse keine Richtung für das konkrete Handeln weisen, ja gerade in dieser Hinsicht stets mehrdeutig bleiben und die verschiedenartigsten Auslegungen gestatten. Die II. Internationale konnte also – eben weil sie in solchen Beschlüssen allen organisatorischen Folgerungen geflissentlich aus dem Wege ging – sich theoretisch auf sehr vieles einlassen, ohne sich im geringsten auf etwas Bestimmtes festlegen und verpflichten zu müssen. So konnte z.B. die sehr radikale Stuttgarter Resolution über den Krieg, in der aber keine organisatorischen Verpflichtungen auf ein konkretes, bestimmtes Handeln, keine organisatorischen Richtlinien, wie gehandelt werden sollte, keine organisatorischen Garantien für das tatsächliche Verwirklichen des Beschlusses enthalten waren, angenommen werden. Die opportunistische Minderheit zog keine organisatorischen Konsequenzen aus ihrer Niederlage, – weil sie empfand, daß der Beschluß selbst keine organisatorischen Konsequenzen haben würde. Darum konnten aber, nach dem Zerfall der Internationale, sich alle Richtungen auf sie berufen.

Der Schwächepunkt von allen außerrussischen radikalen Richtungen der Internationale lag also darin, daß sie ihre vom Opportunismus der offenen Revisionisten und des Zentrums abweichenden, revolutionären Stellungnahmen nicht organisatorisch konkretisieren konnten oder wollten. Damit haben sie es aber für ihre Gegner, besonders fürs Zentrum, ermöglicht, diese Abweichungen vor dem revolutionären Proletariat zu vermischen; ihre Opposition verhinderte auch das Zentrum in keiner Weise daran, vor dem revolutionär empfindenden Teile des Proletariats als Hüter des wahren Marxismus zu figurieren. Es kann unmöglich die Aufgabe dieser Zeilen sein, weder eine theoretische noch eine geschichtliche Erklärung für die Herrschaft des Zentrums in der Vorkriegszeit zu geben. Es soll nur darauf erneut hingewiesen werden, daß die nicht aktuelle Bedeutung, die die Revolution und die Stellungnahme zu ihren Problemen in der Tagesbewegung gespielt hat, die Möglichkeit für die Haltung des Zentrums bot: Polemik sowohl gegen den offenen Revisionismus wie gegen die Forderung des revolutionären Handelns; theoretische Abwehr des ersteren, ohne ihn ernsthaft aus der Parteipraxis entfernen zu wollen; theoretische Bejahung der letzteren Richtung bei Aberkennung ihrer Aktualität für den Augenblick. Dabei konnte, wie z.B. von Kautsky und Hilferding, der allgemein revolutionäre Charakter des Zeitalters, die geschichtliche Aktualität der Revolution zugegeben werden, ohne daß ein Zwang entstanden wäre, diese Einsicht auf die Entscheidungen des Tages anzuwenden. Darum blieben für das Proletariat diese Meinungsverschiedenheit bloße Meinungsverschiedenheiten innerhalb der dennoch revolutionären Arbeiterbewegungen, und eine klare Scheidung der Richtungen ist unmöglich geworden. Aber diese Unklarheit hat auch auf die Anschauungen der Linken selbst zurückgewirkt. Indem die Wechselwirkung mit der Handlung für diese Auffassungen unmöglich gemacht wurde, konnten sie sich selbst auch nicht durch die produktive Selbstkritik der Umsetzung in die Tat weiterentwickeln, konkretisieren. Sie haben – selbst wo sie sachlich der Wahrheit nahe kamen – einen stark abstrakt-utopischen Charakter bewahrt. Man denke etwa an Pannekoeks Polemik gegen Kautsky in der Frage der Massenaktionen. Aber auch Rosa Luxemburg war, aus demselben Grunde, nicht imstande, ihre richtigen Gedanken von der Organisation des revolutionären Proletariats als politischer Führerin der Bewegung weiter zu entwickeln. Ihre richtige Polemik gegen die mechanischen Organisationsformen der Arbeiterbewegung, z.B. in der Frage der Beziehung von Partei und Gewerkschaft, von organisierten und unorganisierten Massen führte einerseits zu einer Überschätzung der spontanen Massenaktionen, andererseits konnte ihre Konzeption der Führung von einem bloß theoretischen, bloß propagandistischen Beigeschmack nicht völlig frei werden.

2.

Daß hier kein Zufall, kein bloßer „Fehler“ dieser so bedeutenden und bahnbrechenden Denkerin vorliegt, ist an anderer Stelle auseinandergesetzt worden. 6 Das für diesen Zusammenhang Wesentliche solcher Gedankengänge läßt sich am besten als die Illusion einer „organischen“ rein proletarischen Revolution zusammenfassen. Im Kampfe gegen die opportunistische, „organische“ Entwicklungslehre, daß das Proletariat allmählich, durch langsames Wachsen die Majorität der Bevölkerung erobern und so mit rein legalen Mitteln die Macht erringen wird 7, ist eine revolutionär „organische“ Theorie der spontanen Massenkämpfe entstanden. Diese lief – allen klugen Vorbehalten zum Trotz – letzten Endes doch darauf hinaus, daß die ständige Verschärfung der wirtschaftlichen Lage, der notwendig eintretende imperialistische Weltkrieg, die ihnen zufolge herannahende Periode der revolutionären Massenkämpfe mit gesellschaftlich-geschichtlicher Notwendigkeit spontane Massenaktionen des Proletariats hervorbringt, in denen sich dann jene Klarheit über Ziele und Wege der Revolution in der Führung bewähren wird. Diese Theorie hat aber damit den rein proletarischen Charakter der Revolution zur stillschweigenden Voraussetzung gemacht. Freilich ist etwa Rosa Luxemburgs Auffassung vom Umfang des Begriffes „Proletariat“ eine ganz andere, als die der Opportunisten. Zeigt sie doch mit großer Eindringlichkeit, wie die revolutionäre Lage große Massen des bis dahin unorganisierten, für Organisationsarbeit unerreichbaren Proletariats (Landarbeiter usw.) mobilisiert; wie jene Massen in ihren Handlungen einen unvergleichlich höheren Grad von Klassenbewußtsein zeigen, als die Partei und die Gewerkschaften selbst, die sie als unreif, „unentwickelt“ von oben herab zu behandeln sich anmaßen. Trotzdem liegt aber auch dieser Konzeption der rein proletarische Charakter der Revolution zugrunde. Einerseits erscheint das Proletariat einheitlich auf dem Schlachtplan, andererseits sind jene Massen, deren Aktionen behandelt werden, rein proletarische Massen. Und so muß es auch sein. Denn nur im Klassenbewußtsein des Proletariats kann die richtige Einstellung auf das revolutionäre Handeln so tief verankert, so tief instinktiv verwurzelt sein, daß nur ein Bewußtmachen, eine klare Führung vonnöten ist, um das Handeln selbst auf dem richtigen Wege weiterzuführen. Nehmen aber auch andere Schichten an der Revolution in entscheidender Weise teil, so kann zwar ihre Bewegung – unter Umständen – die Revolution fördern, sie kann aber ebenso leicht eine konterrevolutionäre Richtung annehmen, da in der Klassenlage dieser Schichten (Kleinbürger, Bauern, unterdrückte Nationen usw.) keineswegs eine notwendige Richtung ihres Handelns auf die proletarische Revolution hin vorgezeichnet ist, noch sein kann. In bezug auf solche Schichten, auf das Vorwärtstreiben ihrer Bewegungen zugunsten der proletarischen Revolution, auf das Verhindern, daß ihr Handeln die Konterrevolution fördert, muß eine so gedachte revolutionäre Partei notwendig versagen.

Sie muß es aber auch in bezug auf das Proletariat selbst. Denn die Partei in dieser organisatorischen Zusammenstellung entspricht einer Vorstellung von dem Zustand des proletarischen Klassenbewußtseins, in dem es sich nur darum handelt, das Unbewußte bewußt, das Latente aktuell zu machen usw. Besser gesagt: in dem dieser Prozeß des Bewußtwerdens nicht eine fürchterliche innere ideologische Krise des Proletariats selbst bedeutet. Es handelt sich hier nicht um die Widerlegung jener opportunistischen Angst vor der „Unreife“ des Proletariats zur Übernahme und zum Bewahren der Macht. Diesen Einwand hat Rosa Luxemburg bereits Bernstein gegenüber schlagend widerlegt. Sondern es handelt sich darum, daß das Klassenbewußtsein des Proletariats sich nicht parallel mit der objektiven ökonomischen Krise, gradlinig und im ganzen Proletariat in gleicher Weise entwickelt. Das große Teile des Proletariats geistig unter dem Einflusse der Bourgeoisie bleiben, daß die schärfste Entwicklung der ökonomischen Krise sie nicht aus dieser Haltung herausreißt, daß also das Verhalten des Proletariats, seine Reaktion auf die Krise an Heftigkeit und Intensität weit hinter der Krise selbst zurückbleibt8

Diese Sachlage, auf der die Möglichkeit des Menschewismus beruht, hat zweifellos ebenfalls objektiv ökonomische Grundlagen. Marx und Engels 9 haben schon sehr früh diese Entwicklung, die Verbürgerlichung jener Arbeiterschichten beobachtet, die aus den Monopolprofiten des damaligen Englands eine – ihren Klassengenossen gegenüber – bevorzugte Stellung erhalten haben. Diese Schicht hat sich mit dem Eintritt in die imperialistische Phase des Kapitalismus überall entwickelt und sie ist zweifellos eine wichtige Stütze der allgemein opportunistischen, revolutionsfeindlichen Entwicklung großer Teile der Arbeiterklasse geworden. Es ist aber meines Erachtens unmöglich, von hier aus die ganze Frage des Menschewismus zu erklären. Denn erstens ist diese bevorzugte Stellung heute bereits vielfach erschüttert, ohne daß daraus die Position des Menschewismus eine entsprechende Erschütterung erfahren hätte. Auch hier bleibt vielfach die subjektive Entwicklung des Proletariats hinter dem Tempo der objektiven Krise zurück, so daß man in diesem Motiv unmöglich die alleinige Ursache des Menschewismus suchen darf, wenn man ihm nicht die bequeme theoretische Position einräumen will: aus dem Fehlen eines durchgehenden und klaren Willens zur Revolution im Proletariate auf das Fehlen einer objektiv revolutionären Lage schließen zu dürfen. Zweitens haben aber die Erfahrungen der Revolutionskämpfe keineswegs eindeutig gezeigt, daß die revolutionäre Entschlossenheit und der Kampfwille des Proletariats sich einfach nach der ökonomischen Schichtung seiner Teile gliedern würde. Es zeigen sich hier große Abweichungen von einer einfachen, gradlinigen Parallelität und große Abweichungen der Reife des Klassenbewußtseins innerhalb ökonomisch gleichgestellten Arbeiterschichten.

Aber erst auf dem Boden einer nicht fatalistischen, nicht „ökonomistischen“ Theorie werden diese Feststellungen wirklich bedeutsam. Wird die gesellschaftliche Entwicklung so aufgefaßt, daß der ökonomische Prozeß des Kapitalismus zwangsläufig und automatisch über Krisen in den Sozialismus führt, so sind die hier angedeuteten ideologischen Momente nur Konsequenzen einer falschen Fragestellung. Dann sind sie in der Tat nur Symptome dafür, daß die objektiv entscheidende Krise des Kapitalismus noch nicht da ist. Denn ein Zurückbleiben der proletarischen Ideologie hinter der ökonomischen Krise, eine ideologische Krise des Proletariats ist – für solche Anschauungen – etwas prinzipiell Unmögliches. Aber die Lage verändert sich auch dann nicht wesentlich, wenn die Auffassung über die Krise – bei Beibehaltung des ökonomistischen Fatalismus der Grundeinstellung – eine revolutionär optimistische wird. D.h. wenn die Unvermeidlichkeit der Krise, die Unvermeidlichkeit ihrer Auswegslosigkeit für den Kapitalismus festgestellt wird. In diesem Falle kann das hier behandelte Problem auch nicht als Problem anerkannt werden; nur aus dem „Unmöglich“ wird ein „Noch nicht“. Nun hat aber Lenin mit großem Recht darauf hingewiesen, daß es keine Lage gibt, die an und für sich auswegslos wäre. In welcher Lage immer der Kapitalismus sich befinden mag, es werden sich stets „rein ökonomische“ Lösungsmöglichkeiten zeigen; es fragt sich nur, ob diese Lösungen, wenn sie aus der theoretisch reinen Welt der Ökonomie in die Wirklichkeit der Klassenkämpfe heraustreten, dort auch durchführbar, durchsetzbar werden. Für den Kapitalismus wären also – an und für sich – Auswege denkbar. Ob sie auch durchführbar sind, hängt aber vom Proletariate ab. Das Proletariat, die Tat des Proletariats versperrt dem Kapitalismus den Ausweg aus dieser Krise. Freilich: daß dem Proletariate jetzt diese Macht in die Hände gegeben ist, ist die Folge der „naturgesetzlichen“ Entwicklung der Wirtschaft. Diese „Naturgesetze“ bestimmen aber nur einerseits die Krise selbst, geben ihr einen Umfang und eine Ausdehnung, die eine „ruhige“ Weiterentwicklung des Kapitalismus unmöglich machen. Ihr ungehindertes Auswirken (im Sinne des Kapitalismus) würde jedoch nicht zu seinem einfachen Untergang, zum Übergang in den Sozialismus führen, sondern über eine lange Periode von Krisen, Bürgerkriegen und imperialistischen Weltkriegen auf immer höherer Stufe, „zu dem gemeinsamen Untergang der kämpfenden Klassen“, in einen neuem Zustand der Barbarei.

Andererseits haben diese Kräfte und ihre „naturgesetzliche“ Entfaltung ein Proletariat geschaffen, dessen physische wie ökonomische Gewalt für den Kapitalismus sehr geringe Chancen gibt, nach dem Schema der früheren Krisen eine rein ökonomische Lösung, eine Lösung, in der das Proletariat nur als Objekt der ökonomischen Entwicklung figuriert, zu erzwingen. Diese Macht des Proletariats ist die Folge objektiv-ökonomischer „Gesetzmäßigkeiten“. Die Frage jedoch, wie diese mögliche Macht zur Wirklichkeit wird, wie das Proletariat, das heute tatsächlich ein bloßes Objekt des Wirtschaftsprozesses ist und nur potentiell, nur latent auch sein mitbestimmendes Subjekt, in Wirklichkeit als sein Subjekt hervortritt, ist von diesen „Gesetzmäßigkeiten“ mehr automatisch-fatalistisch bestimmt. Oder genauer: ihre automatisch-fatalistische Bestimmung trifft heute nicht mehr den Kernpunkt der wirklichen Macht des Proletariats. So weit nämlich die Reaktionen des Proletariats auf die Krise sich rein den kapitalistischen „Gesetzmäßigkeiten“ der Wirtschaft gemäß auswirken, soweit sie sich als höchstens spontane Massenaktionen zeigen, so zeigen diese im Grunde genommen eine den Bewegungen der vorrevolutionären Periode vielfach ähnliche Struktur. Sie brechen spontan aus (Die Spontaneität einer Bewegung ist nur der subjektiv-massenpsychologische Ausdruck für ihre rein ökonomisch-gesetzmäßige Determiniertheit), fast ausnahmslos als eine Abwehr gegen einen wirtschaftlichen – seltener: politischen – Vorstoß der Bourgeoisie, gegen ihren Versuch, für die Krise eine „rein ökonomische“ Lösung zu finden. Sie hören aber ebenfalls spontan auf, flauen ab, wenn ihre unmittelbaren Ziele als erfüllt oder als aussichtslos erscheinen. Es scheint also, daß sie ihren „naturgesetzlichen“ Ablauf bewahrt haben.

Dieser Schein verblaßt jedoch, wenn diese Bewegungen nicht abstrakt, sondern in ihrer wirklichen Umwelt, in der geschichtlichen Totalität der Weltkrise betrachtet werden. Diese Umwelt ist das Sichauswirken der Krise auf sämtliche Klassen, also nicht nur auf Bourgeoisie und Proletariat. Denn es ist ein qualitativer und prinzipieller Unterschied, ob in einer Lage, wo der ökonomische Prozeß im Proletariate eine spontane Massenbewegung hervorruft, der Stand der ganzen Gesellschaft ein – im großen Ganzen – stabiler ist oder sich in ihm eine tiefgehende Umgruppierung aller gesellschaftlichen Kräfte, eine Erschütterung der Machtgrundlage der herrschenden Gesellschaft vollzieht. Darum gewinnt die Erkenntnis von der bedeutsamen Rolle nicht proletarischer Schichten in der Revolution, von ihrem nicht rein proletarischen Charakter eine so entscheidende Bedeutung. Jede Minoritätsherrschaft kann sich nur dann halten, wenn es ihr möglich ist, die nicht direkt und unmittelbar revolutionären Klassen ideologisch ins Schlepptau zu bekommen, von ihnen eine Unterstützung ihrer Macht oder wenigstens eine Neutralität in ihrem Machtkampfe zu erreichen. (Daß hierzu das Bestreben tritt, Teile der revolutionären Klasse ebenfalls zu neutralisieren usw., versteht sich von selbst.) Dies bezieht sich auf die Bourgeoisie in besonders gesteigertem Maße. Sie hat die tatsächliche Gewalt viel weniger unmittelbar in Händen, als es frühere herrschende Klassen (z.B. die Bürger der griechischen Stadtstaaten, der Adel zur Blütezeit des Feudalismus) gehabt haben. Sie ist viel stärker darauf angewiesen, einerseits mit den konkurrierenden, vor ihr herrschenden Klassen Frieden oder Kompromisse zu schließen, um den von diesen beherrschten Machtapparat für ihre eigenen Zwecke dienstbar machen zu können und andererseits ist sie gezwungen, die tatsächliche Ausübung der Gewalt (Armee, niedere Bureaukratie usw.) in die Hände von Kleinbürgern, Bauern, Angehörigen unterdrückter Nationen usw. zu legen. Verschiebt sich nun infolge der Krise die wirtschaftliche Lage dieser Schichten, wird ihr naiver und undurchdachter Zusammenhalt zu dem von der Bourgeoisie geleiteten Gesellschaftssystem erschüttert, so kann der ganze Herrschaftsapparat der Bourgeoisie sozusagen auf einen Schlag auseinanderfallen: das Proletariat kann als Sieger, als einzig organisierte Macht dastehen, ohne daß eine ernsthafte Schlacht überhaupt geschlagen worden wäre, geschweige denn, daß das Proletariat in ihr wirklich gesiegt hätte.

Die Bewegungen dieser Zwischenschichten sind wirklich spontan und nur spontan. Sie sind wirklich bloße Früchte von sich blind „naturgesetzlich“ auswirkenden gesellschaftlichen Naturmächten; und als solche sind auch sie selbst im gesellschaftlichen Sinne – blind. Da diese Schichten kein auf die Umgestaltung der ganzen Gesellschaft beziehbares und bezogenes Klassenbewußtsein haben 10; da sie deshalb stets ausschließlich partikulare Klasseninteressen vertreten, die nicht einmal scheinbar objektive Interessen der Gesamtgesellschaft sind; da ihre objektive Verknüpfung mit dem Ganzen nur kausal, d.h. nur von den Verschiebungen des Ganzen verursacht, nicht aber auf Veränderung des Ganzen gerichtet sein kann; da deshalb ihre Richtung auf das Ganze und die ideologische Form, die diese annimmt, einen zufälligen Charakter hat, wenn sie auch in ihrem Entstehen als kausal-notwendig begriffen werden kann: ist das Sichauswirken dieser Bewegungen von ihren äußerlichen Gründen bestimmt. Welche Richtung sie schließlich annehmen, ob sie auf weitere Zersetzung der bürgerlichen Gesellschaft ausgehen, ob sie wieder vom Bürgertum ausgenützt, ob sie nach Ergebnislosigkeit ihrer Anläufe in Passivität versinken usw., ist nicht im inneren Wesen dieser Bewegungen selbst vorgezeichnet, sondern hängt weitgehendst vom Verhalten der bewußtseinsfähigen Klassen, von Bourgeoisie und Proletariat ab. Wie immer aber ihr späteres Schicksal sich gestalten mag, der bloße Ausbruch solcher Bewegungen kann sehr leicht dazu führen, die ganze Maschinerie, die die bürgerliche Gesellschaft zusammenhält und in Bewegung bringt, stillzulegen. Die Bourgeoisie – wenigstens zeitweilig aktionsunfähig zu machen.

Die Geschichte aller Revolutionen von der großen französischen ab zeigt in steigendem Maße diese Struktur. Das absolute Königstum, später die halbabsoluten, halbfeudalen Militärmonarchien, auf die sich die ökonomische Vorherrschaft der Bourgeoisie in Mittel- und Osteuropa gestützt hat, pflegen bei Ausbruch der Revolution „auf einmal“ jeden Halt in der Gesellschaft zu verlieren. Die gesellschaftliche Macht liegt sozusagen herrenlos auf der Straße. Die Möglichkeit der Restauration ist nur dadurch gegeben, daß es keine revolutionäre Schicht gibt, die mit dieser herrenlosen Macht etwas anzufangen vermag. Die Kämpfe des entstehenden Absolutismus mit dem Feudalismus zeigen eine ganz andere Struktur. Da dort die kämpfenden Klassen viel unmittelbarer selbst die Träger ihrer eigenen Gewaltorganisationen waren, ist der Klassenkampf auch viel, unmittelbarer der Kampf von Gewalt gegen Gewalt gewesen. Man denke an die Entstehung des Absolutismus in Frankreich, z.B. an die Frondekämpfe. Selbst der Untergang des englischen Absolutismus verläuft ähnlich, während schon der Zusammenbruch des Protektorats und noch mehr des – viel verbürgerlichteren – Absolutismus von Ludwig XVI. den modernen Revolutionen ähnlicher ist. Die unmittelbare Gewalt wird hier von „außen“ von noch nicht zusammengebrochenen absoluten Staaten oder von feudal gebliebenen Gebieten (Vendée) hineingetragen. Dagegen kommen die rein „demokratischen“ Machtkomplexe im Laufe der Revolution sehr leicht in eine ähnliche Lage: während sie zur Zeit des Zusammenbruches gewissermaßen von selbst entstanden und alle Macht an sich gerissen haben, stehen sie – infolge der rücklaufenden Bewegung der sie tragenden unklaren Schichten – ebenso plötzlich von jeder Macht entblößt da. (Kerensky, Károlyi.) Wie sich diese Entwicklung in den westlichen, bürgerlich und demokratisch fortgeschritteneren Staaten abspielen wird, ist heute noch nicht ganz klar ersichtlich. Immerhin hat sich Italien von Kriegsende bis etwa 1920 in einer sehr ähnlichen Lage befunden und die Machtorganisation, die es sich seitdem erschuf (Fascismus), bildet einen der Bourgeoisie gegenüber relativ unabhängigen Gewaltapparat. Über die Auswirkungen von Auflösungserscheinungen in kapitalistisch hochentwickelten Ländern mit großen Kolonialgebieten haben wir noch keine Erfahrungen; besonders darüber nicht, wie die Kolonialaufstände, die hier teilweise die Rolle der inneren Agraraufstände spielen, sich auf die Haltung des Kleinbürgertums, der Arbeiteraristokratie (und demzufolge auf Armee usw.) auswirken würden.

Es entsteht demzufolge eine gesellschaftliche Umwelt für das Proletariat, die den spontanen Massenbewegungen, selbst in dem Fall, daß diese – für sich betrachtet – ihre alte Wesensart bewahrt hätten, eine ganz andere Funktion in der gesellschaftlichen Totalität zuweisen würde, wie sie sie in der stabilen kapitalistischen Ordnung gehabt haben. Hier treten aber sehr wesentliche quantitative Veränderungen in der Lage der kämpfenden Klassen ein. Erstens ist die Kapitalkonzentration noch weiter fortgeschritten, wodurch das Proletariat – wenn es organisatorisch und bewußtseinsmäßig dieser Entwicklung auch nicht völlig zu folgen vermochte – ebenfalls stark konzentriert wurde. Zweitens macht es der krisenhafte Zustand dem Kapitalismus immer unmöglicher, in der Form von kleinen Konzessionen dem Druck des Proletariats auszuweichen. Seine Rettung aus der Krise, die „ökonomische“ Lösung der Krise kann nur durch eine verschärfte Ausbeutung des Proletariats erfolgen. Darum betonen die taktischen Thesen des III. Kongresses sehr richtig, daß „ein jeder Riesenstreik die Tendenz hat, sich in einen Bürgerkrieg und in einen unmittelbaren Kampf um die Macht umzuwandeln“.

Aber doch nur: die Tendenz. Und daß diese Tendenz, trotzdem die ökonomischen und gesellschaftlichen Voraussetzungen ihrer Verwirklichung in mehreren Fällen gegeben waren, sich doch nicht zur Wirklichkeit gesteigert hat: ist eben die ideologische Krise des Proletariats. Diese ideologische Krise zeigt sich einerseits darin, daß die objektiv äußerst prekäre Lage der bürgerlichen Gesellschaft sich im Kopfe der Proletarier doch in der Form ihrer alten Solidität spiegelt; daß das Proletariat vielfach noch immer sehr stark in den Gedanken- und Gefühlsformen des Kapitalismus befangen bleibt. Andererseits erhält diese Verbürgerlichung des Proletariats eine eigene organisatorische Form in den menschewistischen Arbeiterparteien und der von ihnen beherrschten Gewerkschaftsführung. Diese Organisationen arbeiten nun bewußt darauf, die bloße Spontaneität der Bewegungen des Proletariats (ihre Abhängigkeit von ihrem unmittelbaren Anlaß, ihre Zerstückelung nach Beruf, Land usw.) auf der Stufe der bloßen Spontaneität zu bewahren und ihr Umschlagen in der Richtung auf das Ganze, sowohl in der territorialen, beruflichen usw. Zusammenfassung wie in der Vereinheitlichung der wirtschaftlichen Bewegung mit der politischen zu verhindern. Wobei den Gewerkschaften mehr die Funktion der Atomisierung, der Entpolitisierung der Bewegung, des Verdeckens der Beziehung zum Ganzen zukommt; während die menschewistischen Parteien mehr den Beruf erfüllen, die Verdinglichung im Bewußtsein des Proletariats ideologisch und organisatorisch zu fixieren, es auf der Stufe der relativen Verbürgerlichung festzuhalten. Diese ihre Funktion können sie aber nur erfüllen, weil diese ideologische Krise im Proletariat vorhanden; weil ein ideologisches – Hineinwachsen in Diktatur und Sozialismus für das Proletariat auch theoretisch eine Unmöglichkeit ist; weil also die Krise zugleich mit der ökonomischen Erschütterung des Kapitalismus auch eine ideologische Umwälzung des im Kapitalismus, unter dem Einfluß der Lebensformen der bürgerlichen Gesellschaft entwickelten Proletariats bedeutet. Eine ideologische Umwälzung, die zwar infolge der ökonomischen Krise und der durch sie gegebenen objektiven Möglichkeit der Machtergreifung entstanden ist, deren Ablauf jedoch keineswegs eine automatisch – „gesetzmäßige“ Parallelität mit der objektiven Krise selbst aufnimmt, deren Lösung nur die freie Tat des Proletariats selbst sein kann.

„Es ist lächerlich“ sagt Lenin 11 in einer nur formell, nicht im Wesen der Sache karikierend übertriebenen Weise, „sich vorzustellen, daß an einem Orte sich ein Heer in Frontstellung aufrichten und sagen wird: „wir sind für den Sozialismus!“, und an einem anderen Orte ein anderes Heer, das erklären wird: „wir sind für den Imperialismus“, und daß das dann eine soziale Revolution sein wird.“ Die Fronten von Revolution und Konterrevolution entstehen vielmehr in einer sehr abwechslungsvollen und vielfach äußerst chaotischen Form. Da können Kräfte, die heute in der Richtung auf die Revolution wirken, morgen leicht in entgegengesetzter Richtung wirksam sein. Und – was besonders wichtig ist – folgen diese Richtungsänderungen keineswegs einfach und mechanisch aus der Klassenlage oder gar aus der Ideologie der betreffenden Schicht selbst, sondern werden von den stets wechselnden Beziehungen zur Totalität der geschichtlichen Lage und der gesellschaftlichen Kräfte entschieden beeinflußt. So daß es gar keine besondere Paradoxie ist, zu sagen, daß etwa Kemal Pascha (unter bestimmten Umständen) eine revolutionäre, während eine große „Arbeiterpartei“ eine konterrevolutionäre Kräftegruppierung darstellt. Unter diesen richtunggebenden Momenten ist aber die richtige Erkenntnis des Proletariats über seine eigene geschichtliche Lage ein Faktor allerersten Ranges. Der Ablauf der russischen Revolution im Jahre 1917 zeigt dies in geradezu klassischer Weise: wie die Parolen des Friedens, des Selbstbestimmungsrechts, der radikalen Lösung der Agrarfrage aus an sich schwankenden Schichten ein (für den Augenblick) für die Revolution brauchbares Heer geschaffen und jeden Machtapparat der Konterrevolution vollends desorganisiert, aktionsunfähig gemacht haben. Es nützt wenig, wenn dagegen gesagt wird: die Agrarrevolution, die Friedensbewegung der Massen hätte sich auch ohne kommunistische Partei, ja auch gegen sie ausgewirkt. Erstens ist dies absolut unbeweisbar; die Niederlage der im Oktober 1918 ebenfalls spontan ausgebrochenen Agrarbewegung in Ungarn zeugt z.B. dagegen; es wäre bei einer „Einheitlichkeit“ (bei einer konterrevolutionären Einheit) aller „maßgebenden“ „Arbeiterparteien“ eventuell auch in Rußland möglich gewesen, die Agrarbewegung niederzuschlagen oder abflauen zu lassen. Zweitens hätte „dieselbe“ Arbeiterbewegung, wenn sie sich gegen das städtische Proletariat durchgesetzt hätte, in bezug auf die soziale Revolution seinen durchaus konterrevolutionären Charakter erhalten. Schon dies eine Beispiel zeigt, wie wenig die Gruppierung der gesellschaftlichen Kräfte in den akuten Krisenlagen der sozialen Revolution nach mechanisch-fatalistischen Gesetzmäßigkeiten beurteilt werden darf. Es zeigt, wie entscheidend die richtige Einsicht und der richtige Entschluß des Proletariats in die Waagschale fällt; wie sehr die Entscheidung der Krise vom Proletariate selbst abhängt. Dabei muß noch bemerkt werden, daß die Lage Rußlands im Vergleich zu der der westlichen Länder eine relativ einfache war; daß die Massenbewegungen dort noch eher den reinen Charakter der Spontaneität aufgewiesen haben; daß der organisatorische Einfluß der gegenwirkenden Kräfte kein alteingewurzelter gewesen ist usw. So daß wohl ohne Übertreibung gesagt werden kann, daß die hier festgestellten Bestimmungen für die westlichen Länder in gesteigertem Maßstabe zutreffen. Um so mehr als der unterentwickeltere Charakter Rußlands, der Mangel einer langen legalen Tradition der Arbeiterbewegung – um von dem fertigen Dasein einer kommunistischen Partei vorläufig noch ganz zu schweigen – dem russischen Proletariate die Möglichkeit einer schnelleren Überwindung der ideologischen Krise gegeben haben. 12

So legt die Entwicklung der ökonomischen Kräfte des Kapitalismus die Entscheidung über das Schicksal der Gesellschaft in die Hände des Proletariats. Engels 13 bezeichnet den Übergang, den die Menschheit nach dem hier zu vollziehenden Umsturz vollbringt, als „den Sprung aus dem Reiche der Notwendigkeit in das Reich der Freiheit“ Daß aber dieser Sprung – trotzdem oder gerade weil er ein Sprung ist – seinem Wesen nach einen Prozeß vorstellt, versteht sich für den dialektischen Materialismus von selbst. Spricht doch auch Engels an der angeführten Stelle davon, daß die Veränderungen in dieser Richtung sich „in stets steigendem Maße“ vollziehen werden. Es fragt sich nur, wohin der Anfangspunkt dieses Prozesses zu setzen ist? Das nächstliegende wäre freilich, dem Wortlaut von Engels zu folgen und das Reich der Freiheit einfach als Zustand in die Zeit nach der ganz vollzogenen sozialen Revolution zu verlegen und damit jede Aktualität dieser Frage abzulehnen. Es fragt sich nur, ob mit dieser Feststellung, die dem Wortlaute von Engels zweifellos entspricht, die Frage auch wirklich erschöpft ist? Es fragt sich, ob ein Zustand auch nur denkbar sein, geschweige denn gesellschaftlich verwirklicht werden kann, der nicht von einem langen, auf ihn hinwirkenden Prozeß vorbereitet worden ist, der seine Elemente, wenn auch in einer vielfach unangemessenen, in einer dialektischen Umschläge bedürfenden Form enthalten und entwickelt hat? Ob also eine schroffe, dialektische Übergänge ausschließende Trennung des „Reiches der Freiheit“ von dem Prozeß, der es ins Leben zu rufen bestimmt ist, nicht eine ähnliche utopische Struktur des Bewußtseins aufzeigt, wie die schon behandelte Trennung von Endziel und Bewegung?

Wenn aber das „Reich der Freiheit“, im Zusammenhange mit dem Prozeß, der zu ihm führt, betrachtet wird, so ist es zweifellos, daß schon das erste geschichtliche Auftreten des Proletariats – freilich in jeder Beziehung unbewußt – hierauf intentioniert hat. Das Endziel der proletarischen Bewegung, so wenig es die einzelnen Etappen des Anfangsstadiums – selbst theoretisch – unmittelbar zu beeinflussen imstande sein kann, ist doch als Prinzip, als Gesichtspunkt der Einheit von keinem Moment des Prozesses ganz abzulösen. Es darf jedoch nicht vergessen werden, daß die Periode der entscheidenden Kämpfe von den vorhergehenden sich nicht bloß an Umfang und Intensität der Kämpfe selbst unterscheidet, sondern daß diese quantitativen Steigerungen nur Symptome für die tiefgehenden qualitativen Unterschiede sind, die diese Kämpfe von den früheren abheben. War auf früherer Stufe, nach den Worten des Kommunistischen Manifestes selbst das „massenhafte Zusammenhalten der Arbeiter noch nicht die Folge ihrer eigenen Vereinigung, sondern die Folge der Vereinigung der Bourgeoisie“ so wiederholt sich dieses Selbständigwerden, dieses „sich zur Klasse organisieren“ des Proletariats auf immer höherer Stufe, bis der Zeitpunkt, die Periode der endgültigen Krise des Kapitalismus gekommen ist: die Epoche, in der die Entscheidung immer mehr in der Hand des Proletariats liegt.

Diese Sachlage bedeutet keinesfalls, daß die objektiven ökonomischen „Gesetzmäßigkeiten“ aufgehört hätten, zu funktionieren. Im Gegenteil, sie werden noch lange nach dem Sieg des Proletariats in Geltung bleiben und erst mit dem Entstehen der klassenlosen, vollständig unter menschlicher Kontrolle stehenden Gesellschaft – wie der Staat – absterben. Das Neue an der gegenwärtigen Lage bedeutet bloß – bloß! – so viel, daß die blinden Mächte der kapitalistisch-ökonomischen Entwicklung die Gesellschaft dem Abgrund entgegentreiben; daß die Bourgeoisie nicht mehr die Macht besitzt, die Gesellschaft über den „toten Punkt“ ihrer ökonomischen Gesetze nach kurzen Schwankungen hinauszuhelfen; daß aber das Proletariat die Möglichkeit besitzt, die vorhandenen Tendenzen der Entwicklung bewußt ausnützend, der Entwicklung selbst eine andere Richtung zu geben. Diese andere Richtung ist: die bewußte Regelung der Produktionskräfte der Gesellschaft. Und indem dies bewußt gewollt wird, wird das „Reich der Freiheit“ gewollt; ist der erste bewußte Schritt in der Richtung auf seine Verwirklichung getan.

Dieser Schritt folgt allerdings „notwendig“ aus der Klassenlage des Proletariats. Jedoch diese Notwendigkeit hat selbst den Charakter eines Sprunges. 14 Die praktische Beziehung zum Ganzen, die wirkliche Einheit von Theorie und Praxis, die den früheren Handlungen des Proletariats nur sozusagen unbewußt innegewohnt hat, tritt in ihr klar und bewußt zutage. Auch in früheren Stadien der Entwicklung wurde die Aktion des Proletariats oft sprunghaft auf eine Höhe getrieben, deren Zusammenhang und Kontinuität mit der vorausgehenden Entwicklung erst nachträglich bewußt gemacht und als notwendiges Produkt der Entwicklung begriffen werden konnte. (Man denke an die Staatsform der Kommune von 1871.) Hier jedoch muß das Proletariat diesen Schritt bewußt vollziehen. Kein Wunder, daß alle in den Gedankenformen des Kapitalismus Befangenen vor diesem Sprung zurückschrecken, mit aller Energie ihres Denkens sich an die Notwendigkeit, als „Gesetz der Wiederholung“ der Erscheinungen, als Naturgesetz anklammern und das Entstehen eines radikal Neuen, von dem wir noch keine „Erfahrung“ haben können, als Unmögliches zurückzuweisen. Am klarsten wurde diese Scheidung, nachdem sie bereits in den Kriegsdebatten berührt war, von Trotzki in schier Polemik Kautsky gegenüber betont. „Denn das grundlegende bolschewistische Vorurteil besteht eben darin, daß man das Reiten nur erlernen kann, wenn man fest auf einem Pferde sitzt.“ 15 Aber Kautsky und seinesgleichen sind nur als Symptome der Sachlage bedeutsam: als theoretischer Ausdruck für die ideologische Krise der Arbeiterklasse, als des Moments ihrer Entwicklung, wo sie „von neuem vor der unbestimmten Ungeheuerlichkeit ihrer eigenen Zwecke“ zurückschreckt, ihrer Aufgabe, die sie doch auf sich nehmen muß und nur in dieser bewußten Form auf sich nehmen kann, wenn sie nicht in der Krise des zusammenbrechenden Kapitalismus gemeinsam mit der Bourgeoisie schmach- und leidvoll zugrunde gehen will.

3.

Sind die menschewistischen Parteien der organisatorische Ausdruck für diese ideologische Krise des Proletariats, so ist die kommunistische Partei ihrerseits die organisatorische Form für den bewußten Ansatz zu diesem Sprung und auf diese Weise der erste bewußte Schritt dem Reiche der Freiheit entgegen. Aber ebenso wie früher der allgemeine Begriff des Reiches der Freiheit selbst klargelegt und gezeigt wurde, daß sein Nahen keineswegs ein plötzliches Aufhören der objektiven Notwendigkeiten des Wirtschaftsprozesses zu bedeuten hat, muß auch jetzt diese Beziehung der kommunistischen Partei auf das kommende Reich der Freiheit näher betrachtet werden. Vor allem ist festzustellen: Freiheit bedeutet hier nicht die Freiheit des Individuums. Nicht als ob die entwickelte kommunistische Gesellschaft keine Freiheit des Individuums kennen würde. Im Gegenteil. Sie wird die erste Gesellschaft in der Geschichte der Menschheit sein, die diese Forderung wirklich ernst nimmt und tatsächlich verwirklicht. Jedoch auch diese Freiheit wird keineswegs die heute von den Ideologen der bürgerlichen Klasse gemeinte Freiheit sein. Um die gesellschaftlichen Voraussetzungen der wirklichen Freiheit zu erkämpfen, müssen Schlachten geschlagen werden, in denen nicht nur die gegenwärtige Gesellschaft, sondern auch der von ihr produzierte Menschenschlag untergehen wird. „Das jetzige Geschlecht“, sagt Marx 16, „gleicht den Juden, die Moses durch die Wüste führt. Es hat nicht nur eine neue Welt zu erobern, es muß untergehen, um den Menschen Platz zu machen, die einer neuen Welt gewachsen sind.“ des gegenwärtig lebenden Menschen ist die Freiheit des durch den verdinglichten und verdinglichenden Besitz isolierten Individuums: eine Freiheit gegenüber den anderen (ebenfalls isolierten) Individuen. Eine Freiheit des Egoismus, des Sichabschließens; eine Freiheit, für die Solidarität und Zusammenhang höchstens als unwirksame, „regulative Ideen“ in Betracht kommen. 17 Diese Freiheit heute unmittelbar ins Leben rufen zu wollen, bedeutet auf die tatsächliche Verwirklichung der wirklichen Freiheit praktisch zu verzichten. Diese „Freiheit“, die einzelnen Individuen ihre gesellschaftliche Lage oder innere Beschaffenheit bieten mag, unbekümmert um die anderen Menschen auszukosten, heißt also: die unfreie Struktur der heutigen Gesellschaft, soweit es vom betreffenden Individuum abhängt, praktisch zu verewigen.

Das bewußte Wollen des Reiches der Freiheit kann also nur das bewußte Tun jener Schritte bedeuten, die diesem tatsächlich entgegenführen. Und in der Einsicht, daß individuelle Freiheit in der heutigen bürgerlichen Gesellschaft nur ein korruptes und korrumpierendes, weil auf die Unfreiheit der anderen unsolidarisch basiertes Privileg sein kann, bedeutet es gerade: den Verzicht auf individuelle Freiheit. Es bedeutet das bewußte Sich-unterordnen jenem Gesamtwillen, der die wirkliche Freiheit wirklich ins Leben zu rufen bestimmt ist, der heute die ersten, schweren, unsicheren und tastenden Schritte ihr gegenüber zu tun ernsthaft unternimmt. Dieser bewußte Gesamtwille ist die kommunistische Partei. Und wie jedes Moment eines dialektischen Prozesses enthält auch sie, freilich nur im Keime, in primitiver, abstrakter und unentfalteter Form jene Bestimmungen, die dem Ziele, das sie zu verwirklichen bestimmt ist, zukommen: die Freiheit in ihrer Einheit mit der Solidarität. Die Einheit dieser Momente ist die Disziplin. Nicht nur, weil bloß infolge einer Disziplin die Partei zu einem aktiven Gesamtwillen zu werden fähig ist, während jede Einführung des bürgerlichen Begriffes der Freiheit das Entstehen dieses Gesamtwillens verhindert und die Partei in ein loses, aktionsunfähiges Aggregat von Einzelpersonen verwandelt. Sondern weil gerade die Disziplin auch für den Einzelnen den ersten Schritt zu der heute möglichen – freilich dem Stand der gesellschaftlichen Entwicklung entsprechend auch noch recht primitiven – Freiheit bedeutet, die in der Richtung auf das überwinden der Gegenwart liegt.

Daß jede kommunistische Partei ihrem Wesen nach einen höheren Typus der Organisation vorstellt, als jede bürgerliche Partei oder opportunistische Arbeiterpartei, zeigt sich gleich in den höheren Ansprüchen, die sie an ihre einzelnen Mitglieder stellt. Dies trat bereits zur Zeit der ersten Spaltung der russischen Sozialdemokratie klar zutage. Während die Menschewiki (wie jede im Wesen bürgerliche Partei) die einfache Annahme des Parteiprogramms für hinreichend zur Mitgliedschaft gefunden haben, war für die Bolschewiki Parteimitglied zu sein gleichbedeutend mit aktiver, persönlicher Teilnahme an der revolutionären Arbeit. Dieses Prinzip der Parteistruktur hat sich im Laufe der Revolution nicht geändert. Die Organisationsthesen des III. Kongresses stellen fest: „Die Annahme eines kommunistischen Programmes ist aber erst die Kundgebung des Willens, kommunistisch zu werden … zur ernsten Durchführung des Programmes ist die Heranziehung aller Mitglieder zu beständiger, alltäglicher Mitarbeit die erste Bedingung.“ Dieses Prinzip ist bis heute freilich vielfach bloßes Prinzip geblieben. Das ändert aber gar nichts an seiner grundlegenden Wichtigkeit. Denn wie das Reich der Freiheit uns nicht auf einmal, gewissermaßen als gratia irresistibilis, geschenkt werden kann, wie das „Endziel“ nicht außerhalb des Prozesses auf uns irgendwo wartet, sondern jedem einzelnen Moment des Prozesses prozeßhaft innewohnt, so ist die kommunistische Partei, als revolutionäre Bewußtseinsform des Proletariats, ebenfalls etwas Prozeßartiges. Rosa Luxemburg hat sehr richtig erkannt, daß „die Organisation als Produkt des Kampfes entstehen“ muß. Sie hat bloß den organischen Charakter dieses Prozesses überschätzt und die Bedeutung des bewußten, bewußt-organisatorischen Elementes in ihm unterschätzt. Aber die Einsicht dieses Irrtums darf nicht dahin übersteigert werden, daß man nun das Prozeßartige der Organisationsformen ganz übersieht. Denn trotz der Tatsache, daß für die außerrussischen Parteien (da die russischen Erfahrungen ausgewertet werden konnten) die Prinzipien dieser Organisation von vornherein bewußt vorgeschwebt haben, kann das Prozeßartige ihres Entstehens und Wachsens doch durch keine organisatorischen Maßnahmen einfach überschlagen werden. Die Richtigkeit der organisatorischen Maßnahmen kann zwar diesen Prozeß außerordentlich beschleunigen, kann der Klärung des Bewußtseins die größten Dienste leisten und ist deshalb die unerläßliche Vorbedingung des Entstehens der Organisation. Die kommunistische Organisation kann aber doch nur im Kampfe erarbeitet, nur dadurch verwirklicht werden, daß die Richtigkeit und die Notwendigkeit gerade dieser Form des Zusammenhaltes für jedes einzelne Mitglied durch eigene Erfahrung bewußt wird.

Es handelt sich also um die Wechselwirkung von Spontaneität und bewußter Regelung. Dies ist an und für sich in der Entwicklung von Organisationsformen durchaus nichts Neues. Im Gegenteil. Es ist die typische Art der Entstehung neuer Organisationsformen. Engels 18 beschreibt z.B., wie gewisse militärische Aktionsformen infolge der objektiven Notwendigkeit des zweckmäßigen Handelns aus den unmittelbaren Instinkten der Soldaten, ohne theoretische Vorbereitung, ja gegenüber der damals geltenden theoretischen Einstellung, also auch gegenüber den bestehenden militärischen Organisationsformen sich spontan durchgesetzt haben und erst nachträglich organisatorisch fixiert worden sind. Das Neue in dem Bildungsprozeß der kommunistischen Parteien besteht bloß in der veränderten Beziehung von spontanem Handeln und bewußter, theoretischer Voraussicht, in dem allmählichen Verschwinden, in dem andauernden Bekämpfen der reinen post festum Struktur des bürgerlichen, verdinglichten bloß „anschauendenden“ Bewußtseins. Diese veränderte Beziehung beruht darauf, daß auf dieser Stufe der Entwicklung für das Klassenbewußtsein des Proletariats die objektive Möglichkeit einer nicht mehr post festum Einsicht in die eigene Klassenlage und in das ihr entsprechende richtige Handeln bereits vorhanden ist. Obwohl für jeden einzelnen Arbeiter, infolge der Verdinglichung seines Bewußtseins, der Weg zur Erlangung des – objektiv möglichen – Klassenbewußtseins, zur inneren Einstellung, in der er dieses Klassenbewußtsein für sich erarbeitet, ebenfalls bloß durch das nachträgliche Klarwerden über seine unmittelbaren Erfahrungen führen kann; obwohl also das psychologische Bewußtsein für jeden Einzelnen seinen post festum Charakter bewahrt. Dieser Widerstreit von individuellem Bewußtsein und Klassenbewußtsein in jedem einzelnen Proletarier ist durchaus nicht zufällig. Denn die kommunistische Partei als höhere Organisationsform den anderen Parteiorganisationen gegenüber zeigt sich gerade darin, daß in ihr – und in ihr zum erstenmal in der Geschichte – der aktiv-praktische Charakter des Klassenbewußtseins einerseits als die einzelnen Handlungen eines jeden Individuums unmittelbar beeinflussendes Prinzip, andererseits und zugleich als die geschichtliche Entwicklung bewußt mitbestimmender Faktor zur Geltung gelangt.

Diese doppelte Bedeutung der Aktivität, ihre gleichzeitige Beziehung auf den einzelnen Träger des proletarischen Klassenbewußtseins und auf den Gang der Geschichte, also die konkrete Vermittlung zwischen Mensch und Geschichte, ist für den Typus der hier entstehenden Organisationsform entscheidend. Für den alten Typus der Parteiorganisation – einerlei, ob es sich dabei um bürgerliche Parteien oder opportunistische Arbeiterparteien handelt – kann der Einzelne nur als „Masse“ nur als Gefolge, als Nummer vorkommen. Max Weber 19 bestimmt diesen Typus der Organisation sehr richtig: „Allen gemeinsam ist: daß einem Kern von Personen, in deren Händen die aktive Leitung … liegt, sich ‚Mitglieder‘ mit wesentlich passiverer Rolle zugesellen, während die Masse der Verbandsmitglieder nur eine Objektrolle spielt.“ Diese Objektrolle wird durch die formale Demokratie, durch die „Freiheit“, die in diesen Organisationen herrschen mag, nicht aufgehoben, sondern im Gegenteil fixiert und verewigt. Das „falsche Bewußtsein“, die objektive Unmöglichkeit, durch bewußtes Handeln in den Gang der Geschichte einzugreifen, spiegelt sich organisatorisch in der Unmöglichkeit, aktive politische Einheiten (Parteien) zu bilden, die zwischen dem Handeln jedes einzelnen Mitgliedes und der Aktivität der ganzen Klasse zu vermitteln berufen wären. Da diese Klassen und Parteien im objektiven geschichtlichen Sinne nicht aktiv sind, da ihre scheinbare Aktivität nur ein Reflex ihres fatalistischen Getragenseins von unbegriffenen geschichtlichen Mächten sein kann, müssen in ihnen sämtliche Erscheinungen, die aus der Getrenntheit von Bewußtsein und Sein, von Theorie und Praxis, aus der Struktur des verdinglichten Bewußtseins folgen, zutage treten. D.h., als Gesamtkomplexe stehen sie dem Lauf der Entwicklung bloß anschauend, kontemplativ gegenüber. Dementsprechend treten in ihnen, die beiden zusammengehörenden, stets zugleich auftretenden, gleich falschen Auffassungen über den Gang der Geschichte notwendig auf: die voluntaristische Überschätzung der aktiven Bedeutung des Individuums (des Führers) und die fatalistische Unterschätzung der Bedeutung der Klasse (der Masse). Die Partei gliedert sich in einen aktiven und einen passiven Teil, wobei der letztere nur gelegentlich und stets nur auf Kommando des ersteren in Bewegung gebracht werden soll. Die „Freiheit“ die in solchen Parteien für die Mitglieder vorhanden sein mag, ist demzufolge nichts mehr, als die Freiheit der Beurteilung von fatalistisch abrollenden Ereignissen oder Verfehlungen von Einzelnen seitens mehr oder weniger, aber niemals mit dem Zentrum ihres Daseins, mit ihrer ganzen Persönlichkeit beteiligter Zuschauer. Denn die Gesamtpersönlichkeit der Mitglieder kann von solchen Organisationen niemals erfaßt werden, ja sie können ein solches Erfassen nicht einmal erstreben. Wie alle gesellschaftlichen Formen der „Zivilisation“ beruhen auch diese Organisationen auf genauester, mechanisierter Arbeitsteilung, auf Bureaukratisierung, auf genauer Abwägung und Trennung von Rechten und Pflichten. Die Mitglieder hängen nur durch abstrakt erfaßte Teile ihrer Existenz mit der Organisation zusammen, und diese abstrakten Zusammenhänge objektivieren sich als getrennte Rechte und Pflichten. 20

Die wirklich aktive Teilnahme an allen Ereignissen, das wirklich praktische Verhalten aller Mitglieder einer Organisation ist nur durch Einsatz der Gesamtpersönlichkeit zu leisten. Erst wenn das Handeln in einer Gemeinschaft zur zentralen persönlichen Angelegenheit eines jeden einzelnen Beteiligten wird, kann die Trennung von Recht und Pflicht, die organitsatorische Erscheinungsform der Abtrennung des Menschen von seiner eigenen Vergesellschaftung, seiner Zerstückelung durch die gesellschaftlichen Mächte, die ihn beherrschen, aufgehoben werden. Engels betont, bei der Beschreibung der Gentilverfassung 21 gerade diesen Unterschied sehr scharf: „Nach innen gibt es noch keinen Unterschied zwischen Rechten und Pflichten.“ Nach Marx 22 ist es aber das besondere Kennzeichen des Rechtsverhältnisses, daß da Recht „seiner Natur nach nur in Anwendung von gleichem Maßstab bestehen“ kann; aber die notwendig ungleichen Individuen „sind nur an gleichen Maßstab meßbar, soweit man sie unter einen gleichen Gesichtspunkt bringt … und weiter nichts in ihnen sieht, von allem anderen absieht“. Jede menschliche Beziehung also, die mit dieser Struktur, mit der Abstraktion von der Gesamtpersönlichkeit des Menschen, mit seiner Subsumierung unter einem abstrakten Gesichtspunkt bricht, ist ein Schritt in der Richtung des Durchbrechens dieser Verdinglichung des menschlichen Bewußtseins. So ein Schritt jedoch setzt den tätigen Einsatz der Gesamtpersönlichkeit voraus. Damit ist es klar geworden, daß die Formen der Freiheit in den bürgerlichen Organisationen nichts mehr sind, als ein „falsches Bewußtsein“, von der tatsächlichen Unfreiheit; d.h. eine Struktur des Bewußtseins, wo der Mensch formal frei sein Eingefügtsein in ein System wesensfremder Notwendigkeiten betrachtet und die formale „Freiheit“ dieser Kontemplation mit einer wirklichen Freiheit verwechselt. Erst mit dieser Einsicht hebt sich die scheinbare Paradoxie unserer früheren Behauptung auf: daß die Disziplin der kommunistischen Partei, das bedingungslose Aufgehen der Gesamtpersönlichkeit eines jeden Mitgliedes in der Praxis der Bewegung der einzig mögliche Weg zur Verwirklichung der echten Freiheit ist. Und zwar nicht nur für die Gesamtheit, die erst in einer solchen Organisationsform den Hebel zum Erringen der objektiven gesellschaftlichen Voraussetzungen dieser Freiheit erlangt, sondern auch für das einzelne Individuum, für das einzelne Mitglied der Partei, das nur auf diesem Wege zur Realisierung der Freiheit auch für sich selbst schreiten kann. Die Frage der Disziplin ist also einerseits eine elementar praktische Frage für die Partei, eine unerläßliche Vorbedingung ihres wirklichen Funktionierens, sie ist aber andererseits keine bloß technisch-praktische Frage, sondern eine der höchsten und wichtigsten geistigen Fragen der revolutionären Entwicklung. Diese Disziplin, die nur als bewußte und freie Tat des bewußten Teiles, der Vorhut der revolutionären Klasse, entstehen kann, ist ohne ihre geistigen Voraussetzungen nicht zu verwirklichen. Ohne – wenigstens instinktive – Erkenntnis von diesem Zusammenhang zwischen Gesamtpersönlichkeit und Parteidisziplin für jedes einzelne Parteimitglied muß diese Disziplin zu einem verdinglichten und abstrakten System von Rechten und Pflichten erstarren, die Partei Rückfälle in den Organisationstypus des bürgerlichen Parteiwesens erleiden. So wird es verständlich, daß die Organisation einerseits – objektiv die größte Empfindlichkeit für den revolutionären Wert oder Unwert theoretischer Anschauungen und Richtungen zeigt; und daß andererseits – subjektiv – die revolutionäre Organisation einen sehr hohen Grad von Klassenbewußtsein voraussetzt.

4.

So wichtig es nun ist, diese Beziehung der kommunistischen Parteiorganisation zu ihren einzelnen Mitgliedern theoretisch klar zu sehen, so verhängnisvoll wäre es, hier stehenzubleiben: die Organisationsfrage von einer formal-ethischen Seite zu nehmen. Denn die hier geschilderte Beziehung des Einzelnen zu dem Gesamtwillen, dem er sich mit seiner ganzen Persönlichkeit unterordnet, kommt – isoliert betrachtet – keineswegs bloß der kommunistischen Partei allein zu, sondern ist vielmehr ein Wesenszeichen vieler utopistischer Sektenbildungen gewesen. Ja manche Sekten konnten diese formal-ethische Seite der Organisationsfrage, eben weil sie sie als das alleinige oder wenigstens als das schlechthin ausschlaggebende Prinzip und nicht als bloßes Moment des ganzen Organisationsproblems aufgefaßt haben, sichtbarer und deutlicher zur Offenbarung bringen als die kommunistischen Parteien. In seiner formal-ethischen Einseitigkeit hebt sich aber dieses Organisationsprinzip selbst auf: seine Richtigkeit, die kein bereits erreichtes und erfülltes Sein, sondern bloß die richtige Richtung auf das zu verwirklichende Ziel bedeutet, hört mit dem Auflösen der richtigen Beziehung auf das Ganze des Geschichtsprozesses auf, etwas Richtiges zu sein. Darum wurde bei dem Herausarbeiten der Beziehung zwischen Einzelnen und Organisation auf das Wesen der Partei als auf das konkrete Vermittlungsprinzip zwischen Mensch und Geschichte ein entscheidendes Gewicht gelegt. Denn nur indem der in der Partei zusammengefaßte Gesamtwille ein aktiver und bewußter Faktor der geschichtlichen Entwicklung ist, der sich dementsprechend in stetiger, lebendiger Wechselwirkung zu dem gesellschaftlichen Umwälzungsprozeß befindet, wodurch seine einzelnen Glieder ebenfalls in eine lebendige Wechselwirkung zu diesem Prozeß und zu seinem Träger, der revolutionären Klasse, geraten, können die Forderungen, die von hier aus an den Einzelnen gestellt werden, ihren formal-ethischen Charakter verlieren. Darum hat Lenin 23 bei Behandlung der Frage, wodurch sich die revolutionäre Disziplin der kommunistischen Partei erhält, neben der Hingebung der Mitglieder die Beziehung der Partei zur Masse und die Richtigkeit ihrer politischen Leitung in den Vordergrund gestellt.

Diese drei Momente sind aber voneinander nicht zu trennen. Die formal-ethische Auffassung des Sektenwesens scheitert gerade daran, daß sie die Einheit dieser Momente, die lebendige Wechselwirkung zwischen Parteiorganisation und unorganisierter Masse nicht zu erfassen vermag. Jede Sekte, mag sie sich auch noch so ablehnend gegen die bürgerliche Gesellschaft gebärden, mag sie – subjektiv – noch so tief von dem Abgrund, der sie von dieser trennt, überzeugt sein, offenbart gerade an diesem Punkt, daß sie im Wesen ihrer Geschichtsauffassung doch noch auf bürgerlichem Boden steht; daß dementsprechend die Struktur eigenen Bewußtseins dem bürgerlichen nahe verwandt ist. Diese Verwandtschaft kann letzten Endes auf eine ähnliche Fassung der Zweiheit von Sein und Bewußtsein zurückgeführt werden; auf die Unfähigkeit, ihre Einheit als dialektischen Prozeß, als den Prozeß der Geschichte, zu begreifen. Es ist von diesem Standpunkt aus gleich, ob diese objektiv vorhandene dialektische Einheit in ihrer falschen, sektenhaften Spiegelung als starres Sein oder als gleich starres Nichtsein gefaßt wird; ob den Massen – mythologisierend – die richtige Einsicht für das revolutionäre Handeln bedingungslos zugesprochen oder die Auffassung vertreten wird, daß die „bewußte“ Minderheit für die „unbewußte“ Masse zu handeln hat. Beide extreme Fälle, die hier nur als Beispiele herbeigezogen wurden, da eine selbst andeutende Behandlung der Typologie der Sekten weit über diesen Rahmen hinausgehen würde, gleichen einander und dem bürgerlichen Bewußtsein darin, daß in ihnen der wirkliche Geschichtsprozeß von der Bewußtseinsentwicklung der „Masse“ getrennt betrachtet wird. Wenn die Sekte für die „unbewußte“ Masse, an ihrer Stelle, in ihrer Stellvertretung handelt, läßt sie die geschichtlich notwendige und darum dialektische, organisatorische Trennung der Partei von der Masse in Permanenz erstarren. Wenn sie hingegen in der spontanen, instinktiven Bewegung der Masse restlos aufzugehen versucht, muß sie das Klassenbewußtsein des Proletariats den augenblicklichen Gedanken, Empfindungen usw. der Massen einfach gleichsetzen und muß jeden Maßstab für die objektive Beurteilung des richtigen Handelns verlieren. Sie ist dem bürgerlichen Dilemma von Voluntarismus und Fatalismus anheimgefallen. Sie stellt sich auf einen Standpunkt, von wo aus es unmöglich wird, entweder die objektiven oder die subjektiven Etappen der geschichtlichen Entwicklung zu beurteilen. Sie ist gezwungen, die Organisation entweder maßlos zu überschätzen oder ebenso maßlos zu unterschätzen. Sie muß die Frage der Organisation von den allgemeinen, praktisch-geschichtlichen, von den strategisch-taktischen Fragen getrennt, isoliert behandeln.

Denn der Maßstab und der Wegweiser für die richtige Beziehung von Partei und Klasse kann nur im Klassenbewußtsein des Proletariats aufgefunden werden. Einerseits bildet die reale, objektive Einheit des Klassenbewußtseins die Grundlage der dialektischen Verbundenheit in der organisatorischen Trennung von Klasse und Partei. Andererseits bedingt das nichteinheitliche Vorhandensein, die verschiedenen Grade der Klarheit und Tiefe dieses Klassenbewußtseins in den verschiedenen Individuen, Gruppen und Schichten des Proletariats die Notwendigkeit der organisatorischen Abtrennung der Partei von der Klasse. Bucharin 24 hebt deshalb richtig hervor, daß bei einer innerlich einheitlichen Klasse die Parteibildung etwas Überflüssiges wäre. Die Frage ist nur: ob der organisatorischen Selbständigkeit der Partei, der Herauslösung dieses Teiles aus dem Ganzen der Klasse objektive Unterschiede der Schichtung in der Klasse selbst entsprechen, oder ob die Partei von der Klasse nur infolge ihrer Bewußtseinsentwicklung, infolge ihres Bedingtseins durch und ihrer Rückwirkung auf die Bewußtseinsentwicklung der Mitglieder getrennt ist? Es wäre natürlich töricht, die objektiv-ökonomischen Schichtungen innerhalb des Proletariats ganz zu übersehen. Es darf aber nicht vergessen werden, daß diese Schichtungen keineswegs auf auch nur ähnlich objektiven Differenzen beruhen, wie jene sind, die die Scheidung der Klassen selbst objektiv-ökonomisch bestimmen. Ja, sie können vielfach nicht einmal als Unterarten dieser Trennungsprinzipien gelten. Wenn z.B. Bucharin hervorhebt, daß „ein Bauer, der soeben in eine Fabrik eingetreten ist, etwas ganz anderes ist, als ein Arbeiter, der von Kindesbeinen an in der Fabrik arbeitet“ so ist das allerdings ein Unterschied des „Seins“, liegt aber auf völlig anderer Ebene, wie der andere – ebenfalls von Bucharin angeführte – Unterschied zwischen dem Arbeiter des modernen Großbetriebes und dem der kleinen Werkstätte. Denn im zweiten Falle handelt es sich um eine objektiv verschiedene Stellung im Produktionsprozeß, während im ersten Fall bloß die individuelle Lage (mag sie auch noch so typisch sein) im Produktionsprozeß geändert wird. In diesem Fall handelt es sich also darum, wie schnell das Individuum (oder die Schicht) sich seiner neuen Lage im Produktionsprozeß bewußtseinsmäßig anzupassen fähig ist, wie lange die psychologischen Überreste seiner alten verlassenen Klassenlage auf die Herausbildung seines Klassenbewußtseins hemmend einwirken. Während im zweiten Fall die Frage aufgeworfen wird, ob die Klasseninteressen, die sich objektiv-ökonomisch aus solchen verschiedenen Lagen innerhalb des Proletariats ergeben, groß genug sind, um eine Differenziation innerhalb der objektiven Klasseninteressen der ganzen Klasse hervorzubringen. Hier handelt es sich also darum, ob das objektive, das zugerechnete 25 Klassenbewußtsein selbst als differenziert, geschichtet gedacht werden muß, dort bloß darum, welche – eventuell typische – Lebensschicksale auf das Sich-durchsetzen dieses objektiven Klassenbewußtseins hemmend einwirken.

Es ist klar, daß theoretisch bloß der zweite Fall wirklich von Bedeutung ist. Denn der Opportunismus ging, von Bernstein an, stets darauf aus: einerseits die objektiv-ökonomischen Schichtungen innerhalb des Proletariats als derart tiefgehend darzustellen, andererseits die Ähnlichkeit in der „Lebenslage“ zwischen einzelnen proletarischen, halproletarischen, kleinbürgerlichen usw. Schichten so stark zu betonen, daß in dieser „Differenzierung“ die Einheit und die Selbständigkeit der Klasse verlorengehe. (Das Görlitzer Programm der SPD ist der letzte, bereits klare, organisatorisch gewordene Ausdruck dieser Tendenz.) Selbstredend werden gerade die Bolschewiki die letzten sein, das Dasein solcher Differenzierungen zu übersehen. Es fragt sich nur: welche Art des Seins, welche Funktion in der Totalität des gesellschaftlich-geschichtlichen Prozesses ihnen zukommt? Inwiefern die Erkenntnis dieser Differenzierungen zu (vorwiegend) taktischen, inwiefern sie zu (vorwiegend) organisatorischen Fragestellungen und Maßnahmen führt? Diese Fragestellung scheint im ersten Augenblick auf bloß begriffliche Haarspaltereien hinauszulaufen. Es muß jedoch bedacht werden, daß eine organisatorische Zusammenfassung – im Sinne der kommunistischen Partei – eben die Einheit des Bewußtseins, also die Einheit des ihm zugrunde liegenden gesellschaftlichen Seins voraussetzt, während ein taktisches Zusammengehen durchaus möglich ist, ja notwendig werden kann, wenn die geschichtlichen Umstände in verschiedenen Klassen, deren gesellschaftliches Sein objektiv verschieden ist, Bewegungen hervorrufen, die, obwohl von verschiedenartigen Ursachen bestimmt, doch vom Standpunkt der Revolution zeitweilig in der gleichen Richtung laufen. Wenn aber das objektive gesellschaftliche Sein wirklich verschieden ist, so können diese gleichen Richtungen nicht in dem gleichen Sinne „notwendig“ sein , wie bei gleicher klassenmäßiger Grundlage. D.h. bloß im ersten Fall ist die gleiche Richtung das gesellschaftlich Notwendige, dessen Eintreten in der Empirie zwar durch verschiedene Umstände gehemmt werden kann, aber sich auf die Dauer doch durchsetzen muß, während im zweiten Fall bloß eine Kombination verschiedener geschichtlicher Umstände dieses Konvergieren der Bewegungsrichtungen hervorgebracht hat. Es ist eine Gunst der Umstände, die taktisch ausgewertet werden muß, da sie sonst, vielleicht unwiderbringlich, verlorengeht. Freilich ist auch die Möglichkeit eines solchen Zusammengehens von Proletariat und halbproletarischen usw. Schichten keineswegs zufällig. Aber es ist in der Klassenlage des Proletariats allein notwendig begründet: da das Proletariat sich nur durch die Vernichtung der Klassengesellschaft befreien kann, ist es gezwungen, seinen Befreiungskampf auch für alle unterdrückten, ausgebeuteten Schichten zu führen. Ob diese aber in den Einzelkämpfen an seiner Seite oder im Lager seiner Gegner stehen werden, ist vom Standpunkt dieser Schichten mit unklarem Klassenbewußtsein mehr oder weniger „zufällig“ Es hängt – wie früher gezeigt wurde – sehr stark von der richtigen Taktik der revolutionären Partei des Proletariats ab. Hier also, wo das gesellschaftliche Sein der handelnden Klassen verschieden ist, wo ihre Verbindung nur durch die weltgeschichtliche Sendung des Proletariats vermittelt wird, kann nur das begrifflich stets gelegentliche, wenn auch in der Praxis oft andauernde – taktische Zusammengehen bei strenger organisatorischer Trennung im Interesse der revolutionären Entwicklung liegen. Denn das Entstehen der Einsicht in den halbproletarischen usw. Schichten, daß ihre Befreiung von dem Sieg des Proletariats abhängt, ist ein derart langwieriger Prozeß, ist bei diesen Schichten so großen Schwankungen unterworfen, daß ein mehr als taktisches Zusammengehen das Schicksal der Revolution gefährden könnte. Nun wird es verständlich, warum unsere Frage so scharf gestellt werden mußte: ob den Schichtungen innerhalb des Proletariats selbst eine ähnliche (wenn auch schwächere) Abstufung des objektiven gesellschaftlichen Seins, der Klassenlage und dementsprechend des objektiven, zugerechneten Klassenbewußtseins zukommt? Oder ob diese Schichtungen nur dadurch entstehen, wie leicht oder wie schwer dieses wahre Bewußtsein der Klasse sich in den einzelnen Schichten, Gruppen und Individuen des Proletariats durchsetzt? Ob also die – zweifellos vorhandenen – objektiven Abstufungen in der Lebenslage des Proletariats nur die Perspektive bestimmen, aus der die – zweifellos als verschieden erscheinenden – Interessen des Augenblicks betrachtet werden, die Interessen selbst aber, nicht nur weltgeschichtlich, sondern aktuell und unmittelbar, wenn auch nicht für jeden Arbeiter im Augenblick erkennbar, objektiv zusammenfallen? Oder ob – wegen eines objektiven Unterschieds im gesellschaftlichen Sein – diese Interessen selbst auseinandergehen können?

Ist die Frage so gestellt, so kann die Antwort nicht mehr zweifelhaft sein. Die Worte des Kommunistischen Manifestes die beinahe Wort für Wort in die Thesen über „die Rolle der kommunistischen Partei in der proletarischen Revolution“ des II. Kongresses übernommen wurden, daß die „kommunistische Partei keine von der gesamten Arbeiterklasse abweichenden Interessen hat, daß sie sich von der gesamten Arbeiterklasse dadurch unterscheidet, daß sie eine Übersicht über den ganzen historischen Weg der Arbeiterklasse in ihrer Gesamtheit hat und bestrebt ist, auf allen Biegungen dieses Weges nicht die Interessen einzelner Gruppen oder einzelner Berufe zu verteidigen, sondern die Interessen der Arbeiterklasse in ihrer Gesamtheit“, sind nur dann verständlich und sinnvoll, wenn die Einheit des objektiv-ökonomischen Seins für das Proletariat bejaht wird. Dann aber sind jene Schichtungen im Proletariate, die zu den verschiedenen Arbeiterparteien, zu der Entstehung der kommunistischen Partei führen, keine objektiv-ökonomischen Schichtungen des Proletariats, sondern Abstufungen in dem Entwicklungsgang seines Klassenbewußtseins. Einzelne Arbeiterschichten sind durch ihr ökonomisches Dasein ebensowenig unmittelbar dazu vorherbestimmt, Kommunisten zu werden, wie der einzelne Arbeiter als Kommunist geboren wird. Für jeden in der kapitalistischen Gesellschaft geborenen und unter seinem Einfluß aufgewachsenen Arbeiter ist ein an Erfahrungen mehr oder weniger schwerer Weg zurückzulegen, um in sich das richtige Bewußtsein über die eigene Klassenlage verwirklichen zu können.

Der Kampf der kommunistischen Partei geht um das Klassenbewußtsein des Proletariats. Ihre organisatorische Trennung von der Klasse bedeutet in diesem Falle nicht soviel, als ob sie statt der Klasse selbst für die Interessen der Klasse kämpfen wollte. (Wie dies etwa die Blanquisten getan haben.) Tut sie auch dies, was im Laufe der Revolution zuweilen vorkommen kann, so geschieht es nicht in erster Reihe um der objektiven Ziele des betreffenden Kampfes willen (die auf die Dauer sowieso nur durch die Klasse selbst erkämpft oder bewahrt werden können), sondern um den Entwicklungsprozeß des Klassenbewußtseins zu befördern und zu beschleunigen. Denn der Prozeß der Revolution ist – im geschichtlichen Maßstabe – gleichbedeutend mit dem Entwicklungsprozeß des proletarischen Klassenbewußtseins. Die organisatorische Loslösung der kommunistischen Partei von der breiten Masse der Klasse selbst beruht auf der bewußtseinsmäßig verschiedenen Gliederung der Klasse, ist aber zugleich dazu da, um den Prozeß der Ausgleichung dieser Schichtungen – auf dem erreichbar höchsten Niveau – zu befördern. Die organisatorische Selbständigkeit der kommunistischen Partei ist notwendig, damit das Proletariat sein eigenes Klassenbewußtsein, als geschichtliche Gestalt, unmittelbar erblicken könne; damit in jedem Ereignis des alltäglichen Lebens jene Stellungnahme, die das Interesse der Gesamtklasse erfordert, klar und für jeden Arbeiter verständlich in Erscheinung trete; damit für die ganze Klasse das eigene Dasein als Klasse ins Bewußtsein gehoben werde. Während die Organisationsform der Sekten das „richtige“ Klassenbewußtsein (soweit diese in einer solchen abstrakten Isolierung überhaupt gedeihen kann) künstlich von Leben und Entwicklung der Klasse abgesondert, bedeutet die Organisationsform der Opportunisten den Ausgleich dieser Schichtungen des Bewußtseins auf dem niedrigsten Niveau oder bestenfalls auf dem Niveau des Durchschnitts. Daß die jeweiligen tatsächlichen Handlungen der Klasse weitgehend von diesem Durchschnitt bestimmt werden, ist selbstverständlich. Da aber dieser Durchschnitt nicht etwas statisch-statistisch Bestimmbares ist, sondern selbst die Folge des revolutionären Prozesses, ist es ebenso selbstverständlich, daß ein organisatorisches Sichstützen auf den vorgefundenen Durchschnitt seine Entwicklung zu hemmen, ja sein Niveau zu senken bestimmt ist. Während das klare Herausarbeiten der höchsten Möglichkeit, die in einem bestimmten Augenblick objektiv gegeben ist, also die organisatorische Selbständigkeit der bewußten Vorhut, selbst ein Mittel ist, die Spannung zwischen dieser objektiven Möglichkeit und dem tatsächlichen Bewußtseinszustand des Durchschnitts in einer die Revolution befördernden Weise auszugleichen.

Die organisatorische Selbständigkeit ist sinnlos und führt zur Sekte zurück, wenn sie nicht zugleich die ununterbrochene taktische Rücksichtnahme auf den Bewußtseinszustand der breitesten, der zurückgebliebensten Massen bedeutet. Hier wird die Funktion der richtigen Theorie für das Organisationsproblem der kommunistischen Partei sichtbar. Sie soll die höchste, objektive Möglichkeit des proletarischen Handelns repräsentieren. Dazu ist aber die richtige theoretische Einsicht die unerläßliche Vorbedingung. Eine opportunistische Organisation, da sie eine mehr oder weniger lose Zusammenfassung heterogener Bestandteile zu bloß gelegentlichen Handlungen ist, da ihre Handlungen von den unbewußten, bereits nicht mehr hemmbaren Bewegungen der Massen eher geschoben werden, als daß die Partei sie wirklich leiten würde, da der organisatorische Zusammenhalt der Partei im Wesen eine in mechanisierte Arbeitsteilung fixierte Hierarchie von Führern und Funktionären ist, zeigt den Konsequenzen einer falschen Theorie gegenüber eine geringere Empfindlichkeit, als eine kommunistische Organisation. (Daß die unausgesetzte falsche Anwendung falscher Theorien doch zum Parteizusammenbruch führen muß, ist eine andere Frage.) Gerade der eminent praktische Charakter der kommunistischen Organisation, ihr Wesen als Kampfpartei setzt einerseits die richtige Theorie voraus, da sie sonst sehr bald an den Folgen der falschen Theorie scheitern müßte; andererseits produziert und reproduziert diese Organisationsform die richtige theoretische Einsicht, indem sie die Empfindlichkeit der Organisationsform für die Folgen einer theoretischen Einstellung bewußt und organisatorisch steigert. Handlungsfähigkeit und Fähigkeit zur Selbstkritik, zur Selbstkorrektur, zur theoretischen Weiterentwicklung stehen also in unlösbarer Wechselwirkung. Auch theoretisch handelt die kommunistische Partei nicht stellvertretend für das Proletariat. Ist sein Klassenbewußtsein, in bezug auf Denken und Handeln der ganzen Klasse etwas Prozeßartiges und Fließendes, so muß sich dies in der organisatorischen Gestalt dieses Klassenbewußtseins, in der kommunistischen Partei widerspiegeln. Nur mit dem Unterschied, daß sich hier eine höhere Bewußtseinsstufe organisatorisch objektiviert hat: dem mehr oder weniger chaotischen Auf und Ab in der Entwicklung dieses Bewußtseins in der Klasse selbst, der Abwechslung von Ausbrüchen, in denen eine alle theoretische Voraussicht weit übertreffende Reife des Klassenbewußtseins sich offenbart, mit halb lethargischen Zuständen der Unbeweglichkeit, des alles Erduldens, der bloß unterirdischen Weiterentwicklung steht hier ein bewußtes Betonen der Beziehung des „Endzieles“ zu dem gegenwärtig aktuellen und notwendigen Handeln 26 gegenüber. Das Prozeßartige, das Dialektische des Klassenbewußtseins wird also in der Theorie der Partei zur bewußt gehandhabten Dialektik.

Diese ununterbrochene dialektische Wechselwirkung zwischen Theorie, Partei und Klasse, dieses Gerichtetsein der Theorie auf die unmittelbaren Bedürfnisse der Klasse bedeutet mithin keineswegs ein Aufgehen der Partei in der Masse des Proletariats. Die Debatten über die Einheitsfront haben bei fast allen Gegnern dieser Taktik den Mangel an dialektischer Auffassung, den Mangel an Verständnis für die wirkliche Funktion der Partei im Prozeß der Bewußtseinsentwicklung des Proletariats gezeigt. Ich spreche gar nicht von jenen Mißverständnissen, die die Einheitsfront als sofortige organisatorische Wiedervereinigung des Proletariats gedacht haben. Aber die Furcht, daß die Partei durch eine zu große Annäherung an die – scheinbar – „reformistischen“ Tagesparolen, durch gelegentliches taktisches Zusammengehen mit den Opportunisten ihren kommunistischen Charakter verlieren könnte, zeigt, daß das Vertrauen zu der richtigen Theorie, zu der Selbsterkenntnis des Proletariats als Erkenntnis seiner objektiven Lage auf einer bestimmten Stufe der geschichtlichen Entwicklung, zu dem dialektischen Innewohnen des „Endzieles“ in jeder revolutionär richtig erfaßten Tagesparole in weiten Kreisen der Kommunisten sich noch nicht genügend gefestigt hat; daß sie noch häufig – in sektenhafter Weise – für das Proletariat handeln, statt durch ihr Handeln den realen Prozeß der Entwicklung seines Klassenbewußtseins befördern zu müssen meinen. Denn diese Anschmiegung der Taktik der kommunistischen Partei an jene Momente des Lebens der Klasse, in denen gerade das richtige Klassenbewußtsein sich – wenn auch vielleicht in falscher Form – emporzuringen scheint, bedeutet keineswegs, daß sie nun unbedingt bloß den augenblicklichen Willen der Massen zu erfüllen gewillt wäre. Im Gegenteil. Gerade weil sie den höchsten Punkt des objektiv-revolutionär Möglichen zu erreichen bestrebt ist – und das augenblickliche Wollen der Masse ist oft der wichtigste Teil, das wichtigste Symptom hierfür -, ist sie zuweilen gezwungen, gegen die Massen Stellung zu nehmen; ihnen den richtigen Weg durch Negation ihres gegenwärtigen Wollens zu zeigen. Sie ist gezwungen, darauf zu rechnen, daß das Richtige an ihrer Stellungnahme den Massen erst post festum, nach vielen bitteren Erfahrungen begreiflich wird.

Aber weder diese noch jene Möglichkeit der Zusammenarbeit mit den Massen darf zum allgemeinen taktischen Schema verallgemeinert werden. Die Entwicklung des proletarischen Klassenbewußtseins (also: die Entwicklung der proletarischen Revolution) und die der kommunistischen Partei sind zwar – weltgeschichtlich betrachtet – ein und derselbe Prozeß. Sie bedingen sich also in der Praxis des Alltags wechselseitig in der innigsten Weise, ihr konkretes Wachstum erscheint aber dennoch nicht als ein und derselbe Prozeß, ja er kann nicht einmal eine durchgehende Parallelität aufzeigen. Denn die Art, wie dieser Prozeß sich abspielt, in welcher Form gewisse objektiv-ökonomische Veränderungen im Bewußtsein des Proletariats verarbeitet werden und vor allem, wie sich innerhalb dieser Entwicklung die Wechselwirkung! von Partei und Klasse gestaltet, läßt sich nicht auf schematisierte „Gesetzmäßigkeiten“ zurückzuführen. Das Erwachen der Partei, ihre äußere wie innere Konsolidation spielt sich freilich nicht im luftleeren Raum der sektenhaften Isolierung, sondern inmitten der historischen Wirklichkeit, in ununterbrochener, dialektischer Wechselwirkung mit der objektiven Wirtschaftskrise und den durch sie revolutionierten Massen ab. Es kann geschehen, daß der Lauf der Entwicklung – wie etwa in Rußland zwischen den beiden Revolutionen – der Partei die Möglichkeit bietet, sich vor den entscheidenden Kämpfen zur vollen inneren Klarheit durchzuarbeiten. Es kann aber auch, wie in einigen Ländern Mittel- und Westeuropas, der Fall vorliegen, daß die Krise die breiten Massen so weit und so schnell revolutioniert, daß sie teilweise auch organisatorisch Kommunisten werden, bevor sie sich die inneren bewußtseinsmäßigen Voraussetzungen dieser Organisationen erkämpft haben, so daß kommunistische Massenparteien entstehen, die erst im Laufe der Kämpfe zu wirklich kommunistischen Parteien werden müssen usw. Wie weit sich diese Typologie der Parteibildung auch verzweigen mag, wie sehr in gewissen extremen Fällen der Schein entstehen könnte, als würde die kommunistische Partei organisch-“gesetzmäßig“ aus der Wirtschaftskrise herausgewachsen, der entscheidende Schritt, die bewußte, innerlich-organisatorische Zusamenfassung der revolutionären Vorhut, also das wirkliche Entstehen einer wirklichen kommunistischen Partei, bleibt doch die bewußte und freie Tat dieser bewußten Vorhut selbst. An diesem Tatbestand ändert nichts, um nur zwei extreme Fälle zu nehmen, ob eine relativ kleine, innerlich gefestigte Partei sich in Wechselwirkung mit den breiten Schichten des Proletariats zur großen Massenpartei entfaltet oder aus der spontan entstandenen Massenpartei – nach manchen inneren Krisen eine kommunistische Massenpartei wird. Denn das theoretische Wesen all dieser Vorgänge bleibt doch dasselbe: die Überwindung der ideologischen Krise, das Erkämpfen des richtigen, proletarischen Klassenbewußtseins. Von diesem Standpunkt ist es gleich gefährlich für die Entwicklung der Revolution, wenn der Faktor der Zwangsläufigkeit dieses Prozesses überschätzt und angenommen wird, irgendeine Taktik wäre fähig, selbst eine Reihe von Aktionen, geschweige denn den Gang der Revolution selbst, in zwangsläufiger Steigerung über sich hinaus und zu weiter gesteckten Zielen zu führen, wie es verhängnisvoll wäre, zu glauben, daß die beste Aktion der größten und bestorganisierten kommunistischen Partei mehr erreichen könnte, als das Proletariat, für ein Ziel, das es selbst – wenn auch nicht ganz bewußt – anstrebt, in der richtigen Weise in den Kampf zu führen. Es wäre freilich ebenfalls falsch, den Begriff des Proletariats auch hier bloß statisch-statistisch zu nehmen; „der Begriff der Masse ändert sich eben im Laufe des Kampfes“ sagt Lenin. Die kommunistische Partei ist eine – im Interesse der Revolution – selbständige Gestalt des proletarischen Klassenbewußtseins. Es gilt, sie in dieser doppelten, dialektischen Beziehung: zugleich als Gestalt dieses Bewußtseins, wie als Gestalt dieses Bewußtseins, also zugleich in ihrer Selbständigkeit und ihrem Zugeordnetsein theoretisch richtig zu begreifen.

5.

Diese genaue, wenn auch stets wechselnde, den Umständen angepaßte Trennung des taktischen von dem organisatorischen Zusammengehen in der Beziehung von Partei und Klasse nimmt als inneres Problem der Partei die Form der Einheit der taktischen und organisatorischen Fragen auf. Für dieses innere Leben der Partei stehen uns freilich in noch gesteigertem Maße, als bei den vorher behandelten Fragen, fast nur die Erfahrungen der russischen Partei als wirkliche und bewußte Schritte in der Richtung auf Verwirklichung der kommunistischen Organisation zur Verfügung. So wie die außerrussischen Parteien in den Zeiten ihrer „Kinderkrankheiten“ vielfach eine Neigung zur sektenhaften Auffassung der Partei gezeigt haben, so neigen sie später vielfach dazu, neben der propagandistischen und organisatorischen Einwirkung der Partei auf die Masse, neben ihrem Leben nach „außen“ ihr „inneres“ Leben zu vernachlässigen. Auch dies ist selbstredend eine „Kinderkrankheit“, die teilweise durch das schnelle Entstehen großer Massenparteien, durch die fast ununterbrochene Aufeinanderfolge wichtiger Entscheidungen und Handlungen, durch die Notwendigkeit für die Parteien „nach außen“ zu leben bestimmt ist. Aber die kausale Folge, die zu einem Fehler geführt hat, zu begreifen, bedeutet keineswegs, sich mit ihm abzufinden. Um so weniger, als gerade die richtige Art des Handelns „nach außen“ am sinnfälligsten zeigt, wie sinnlos es ist, im inneren Leben der Partei, zwischen Taktik und Organisation zu unterscheiden; wie stark diese ihre innere Einheit auf die innige Verknüpfung des „nach innen“ gerichteten Lebens der Partei mit ihrem Leben „nach außen“ einwirkt (wenn diese Trennung in der Empirie für jede kommunistische Partei, als Erbschaft der Umwelt, aus der sie entstanden ist, vorläufig fast unüberwindbar scheint). So muß jeder aus der unmittelbaren, alltäglichen Praxis sich darauf besinnen, daß organisatorische Zentralisation der Partei (mit allen Problemen der Disziplin, die aus ihr folgen, die nur die andere Seite von ihr bilden) und Fähigkeit zur taktischen Initiative sich wechselseitig bedingende Begriffe sind. Einerseits setzt die Möglichkeit, daß eine von der Partei angestrebte Taktik sich in den Massen auswirke, ihr Sichauswirken innerhalb der Partei voraus. Nicht nur in einem mechanischen Sinne der Disziplin, daß die einzelnen Teile der Partei sich fest in den Händen der Zentrale befinden, daß sie als wirkliche Glieder eines Gesamtwillens nach außen wirken. Sondern gerade darin, daß die Partei ein derart einheitliches Gebilde wird, in dem sich jede Umstellung der Kampfrichtung als Umgruppierung aller Kräfte, jede Veränderung der Einstellung sich bis auf das einzelne Parteimitglied auswirkt; in dem also die Empfindlichkeit der Organisation für Richtungsänderungen, für Erhöhung der Kampftätigkeit, für Rückzug usw. aufs äußerste gesteigert ist. Daß dies keinen „Kadavergehorsam“ sie die Möglichkeit einer gesunden, die Aktionsfähigkeit steigernden Selbstkritik am meisten befördert. 27 Andererseits ist es selbstverständlich, daß der feste organisatorische Zusammenhalt der Partei ihr nicht bloß die objektive Fähigkeit zur Aktion verleiht, sondern zugleich die innere Atmosphäre in der Partei schafft, die ein tatkräftiges Eingreifen in die Ereignisse, ein Ausnützen der von ihnen gebotenen Chancen ermöglicht. So muß eine wirklich durchgeführte Zentralisation aller Kräfte der Partei schon kraft ihrer inneren Dynamik die Partei in der Richtung auf Aktivität und Initiative vorwärtstreiben. Während das Gefühl der ungenügenden organisatorischen Festigung notwendig hemmend und lähmend auf die taktischen Entschlüsse, ja selbst auf die theoretische Grundeinstellung der Partei einwirken muß. (Man denke etwa an die KPD zur Zeit des Kapp-Putsches.)

„Für eine kommunistische Partei“ sagen die Organisationsthesen des III. Kongresses, „gibt es keine Zeit, in der die Parteiorganisation nicht politisch aktiv sein könnte.“ Diese taktische und organisatorische Permanenz nicht nur der revolutionären Kampfbereitschaft, sondern der revolutionären Aktivität selbst, kann nur bei vollem Verständnis für die Einheit von Taktik und Organisation richtig verstanden werden. Denn wird die Taktik von der Organisation getrennt, wird in beiden nicht derselbe Entwicklungsprozeß des proletarischen Klassenbewußtseins erblickt, so ist es unvermeidlich, daß der Begriff der Taktik dem Dilemma von Opportunismus und Putschismus verfällt: daß die „Aktion“ entweder eine isolierte Tat der „bewußten Minderheit“ zur Ergreifung der Macht, oder etwas bloß den Tageswünschen der Massen angepaßtes, etwas „Reformistisches“ bedeutet, während der Organisation bloß die technische Rolle der „Vorbereitung“ der Aktion zukommt. (Die Auffassung von Serrati und seinen Anhängern sowie die von Paul Levi stehen auf dieser Stufe.) Die Permanenz der revolutionären Lage bedeutet aber keineswegs, daß die Machtergreifung seitens des Proletariats in jedem Augenblick möglich wäre. Sie bedeutet nur soviel, daß infolge der objektiven Gesamtlage der Ökonomie jeder Änderung dieser Lage, jeder von ihr verursachten Bewegung in den Massen eine revolutionär wendbare Tendenz innewohnt, die im Proletariat zur Weiterentwicklung seines Klassenbewußtseins ausgewertet werden kann. In diesem Zusammenhang ist aber die innere Weiterentwicklung der selbständigen Gestalt dieses Klassenbewußtseins, der kommunistischen Partei ein Faktor allerersten Ranges. Das Revolutionäre der Lage äußert sich in erster Reihe und am augenfälligsten in der ständig abnehmenden Stabilität der gesellschaftlichen Formen, verursacht durch die ständig abnehmende Stabilität des Gleichgewichts der gesellschaftlichen Kräfte und Mächte, auf deren Zusammenarbeit die bürgerliche Gesellschaft beruht. Das Selbständigwerden, das zur Gestaltwerden des proletarischen Klassenbewußtseins kann also nur dann für das Proletariat sinnvoll werden, wenn es tatsächlich in jedem Augenblick den revolutionären Sinn gerade dieses Augenblicks für das Proletariat verkörpert. Die Richtigkeit des revolutionären Marxismus ist dementsprechend in einer objektiv revolutionären Lage viel mehr, als die bloß „allgemeine“ Richtigkeit einer Theorie. Eben weil sie ganz aktuell, ganz praktisch geworden ist, muß die Theorie zum Wegweiser für jeden einzelnen Schritt des Alltags werden. Dies ist jedoch nur möglich, wenn die Theorie ihren rein theoretischen Charakter völlig ablegt, wenn sie rein dialektisch wird, d.h. jeden Gegensatz des Allgemeinen und des Besonderen, des Gesetzes und des ihm „subsumierten“ Einzelfalles, also des Gesetzes und seiner Anwendung und damit zugleich jeden Gegensatz von Theorie und Praxis praktisch aufhebt. Während die auf Verlassen der dialektischen Methode beruhende Taktik und Organisation der Opportunisten der „Realpolitik“ den Forderungen des Tages darin genug tut, daß sie die Festigkeit der theoretischen Grundlegung aufgibt, andererseits aber gerade in ihrer Alltagspraxis der erstarrenden Schematik ihrer verdinglichten Organisationsformen und ihrer taktischen Routine anheimfällt, muß die kommunistische Partei gerade die dialektische Spannung des Festhaltens des „Endzieles“ in der genausten Anschmiegung an die konkreten Gebote der Stunde in sich lebendig erhalten und bewahren. Für jeden einzelnen würde diese eine „Genialität“ voraussetzen, auf die eine revolutionäre Realpolitik niemals rechnen kann. Sie ist aber dazu keineswegs gezwungen, da gerade die bewußte Ausbildung des kommunistischen Organisationsprinzips der Weg ist, den Erziehungsprozeß in dieser Richtung, in der Richtung auf praktische Dialektik in der revolutionären Vorhut zu bewerkstelligen. Denn diese Einheit von Taktik und Organisation, die Notwendigkeit, daß jede Anwendung der Theorie, jeder taktische Schritt sofort organisatorisch gewendet wird, ist das bewußt angewendete Korrektivprinzip gegen die dogmatische Erstarrung, der jede Theorie – von im Kapitalismus aufgewachsenen Menschen mit verdinglichtem Bewußtsein angewendet – unaufhörlich ausgesetzt ist. Dies Gefahr ist um so größer, als ja dieselbe kapitalistische Umwelt, die diese Schematisierung des Bewußtseins hervorbringt, in ihrem gegenwärtigen krisenhaften Zustand immer neue Formen aufnimmt und für ein schematisches Erfassen immer unerreichbarer wird. Was also heute richtig ist, kann morgen falsch sein. Was bis zu einer bestimmten Intensität heilbringend ist, kann etwas darüber oder darunter verhängnisvoll werden. „Man braucht aber nur“, sagt Lenin 28 über gewisse Formen des kommunistischen Dogmatismus, „einen kleinen Schritt weiter zu tun – offenbar in derselben Richtung – und die Wahrheit verwandelt sich in einen Fehler.“

Denn der Kampf gegen die Einwirkungen des verdinglichten Bewußtseins ist selbst ein langwieriger und hartnäckige Kämpfe erfordernder Prozeß, in dem man sich weder auf eine bestimmte Form solcher Einwirkungen, noch auf die Inhalte bestimmter Erscheinungen festlegen darf. Aber die Herrschaft des verdinglichten Bewußtseins über die heute lebenden Menschen wirkt gerade in solchen Richtungen. Wird die Verdinglichung an einem Punkt überwunden, so entsteht augenblicklich die Gefahr, daß der Bewußtseinszustand dieser Überwindung zu einer neuen ebenfalls verdinglichten – Form erstarrt. Gilt es etwa für die Arbeiter, die im Kapitalismus leben, den Wahn zu überwinden, als bildeten die Wirtschafts- und Rechtsformen der bürgerlichen Gesellschaft die „ewige“ die „vernunftgemäße“ die „natürliche“ Umwelt des Menschen, gilt es also, die übermäßige Achtung, die sie vor ihrer gewohnten gesellschaftlichen Umwelt empfinden, zu brechen, so kann nach Übernahme der Macht, nach dem Niederwerfen der Bourgeoisie im offenen Klassenkampf der so entstehende „kommunistische Hochmut“, wie ihn Lenin genannt hat, ebenso gefährlich werden, wie früher der menschewistische Kleinmut der Bourgeoisie gegenüber gewesen ist. Gerade weil der richtig aufgefaßte historische Materialismus der Kommunisten – im schroffen Gegensatz zu den opportunistischen Theorien – davon ausgeht, daß die gesellschaftliche Entwicklung unaufhörlich Neues, und zwar in qualitativem Sinne produziert 29, muß jede kommunistische Organisation darauf eingestellt sein, ihre eigene Empfindlichkeit jeder neuen Erscheinungsform gegenüber, ihre Fähigkeit, von allen Momenten der Entwicklung zu lernen, soweit wie nur möglich zu steigern. Sie muß verhindern, daß die Waffen, mit denen gestern ein Sieg erfochten wurde, infolge ihrer Erstarrung heute zu einem Hemmnis des weiteren Kampfes werden. „Wir müssen vom Kommis lernen“, sagt Lenin in seiner eben angeführten Rede über die Aufgaben der Kommunisten in der neuen Wirtschaftspolitik.

Schmiegsamkeit, Wandlungs- und Anpassungsfähigkeit der Taktik und straff zusammengefaßte Organisation sind also nur zwei Seiten ein und derselben Sache. Dieser tiefste Sinn der kommunistischen Organisationsform wird aber – selbst in kommunistischen Kreisen – selten in seiner ganzen Tragweite erfaßt. Obwohl von seiner richtigen Anwendung nicht nur die Möglichkeit des richtigen Handelns abhängt, sondern auch die innere Entwicklungsfähigkeit der kommunistischen Partei. Lenin wiederholt hartnäckig die Ablehnung eines jeden Utopismus in bezug auf das Menschenmaterial, mit dem die Revolution gemacht und zum Siege geführt werden muß: es besteht notwendig aus Menschen, die in der kapitalistischen Gesellschaft erzogen und von ihr verdorben worden sind. Aber die Ablehnung von utopistischen Hoffnungen oder Illusionen bedeutet keineswegs, daß man bei der Anerkennung dieses Tatbestandes fatalistisch stehen bleiben dürfte. Es müssen nur, da jede Erwartung einer inneren Umwandlung der Menschen, solange der Kapitalismus besteht, eine utopistische Illusion wäre, organisatorische Vorkehrungen und Garantien gesucht und gefunden werden, die geeignet sind, den verderbnisbringenden Folgen dieser Sachlage entgegenzuarbeiten, ihr unvermeidliches Auftreten sofort zu korrigieren, die dadurch entstandenen Auswüchse auszumerzen. Der theoretische Dogmatismus ist ja nur ein Spezialfall jener Erstarrungserscheinungen, denen jeder Mensch und jede Organisation in der kapitalistischen Umwelt ununterbrochen ausgesetzt ist. Die kapitalistische Verdinglichung 30 des Bewußtseins bringt zugleich eine Überindividualisierung und eine mechanische Versachlichung der Menschen zustande. Die nicht auf menschlicher Eigenart beruhende Arbeitsteilung läßt die Menschen einerseits in ihrer Tätigkeit schematisch erstarren, macht Automaten ihrer Beschäftigung, bloße Routiniers aus ihnen. Andererseits aber übersteigert sie zugleich ihr individuelles Bewußtsein, das infolge der Unmöglichkeit in der Tätigkeit selbst die Befriedigung und das Sichausleben der Persönlichkeit zu finden, leer und abstrakt geworden ist, zu einem brutalen, habgierigen oder ehrsüchtigen Egoismus. Diese Tendenzen müssen auch in der kommunistischen Partei, die ja niemals mit dem Anspruch aufgetreten ist, die ihr angehörenden Menschen durch ein Wunder innerlich zu verwandeln, weiterwirken. Um so mehr, als die Notwendigkeiten des zweckmäßigen Handelns jeder kommunistischen Partei ebenfalls eine weitgehende sachliche Arbeitsteilung aufzwingen, die notwendig diese Gefahren der Erstarrung, des Bureaukratismus, der Korruption usw. in sich birgt.

Das innere Leben der Partei ist ein ständiges Ankämpfen gegen diese ihre kapitalistische Erbschaft. Das entscheidende organisatorische Kampfmittel kann nur die Heranziehung der Parteimitglieder in ihrer Gesamtpersönlichkeit zur Parteitätigkeit sein. Nur wenn die Funktion in der Partei kein Amt ist, das ja eventuell mit voller Hingebung und Gewissenhaftigkeit, aber doch nur als Amt ausgeübt wird, sondern die Aktivität aller Mitglieder sich auf alle nur möglichen Arten der Parteiarbeit bezieht; wenn diese Tätigkeit noch dazu je nach den sachlichen Möglichkeiten abgewechselt wird, kommen die Mitglieder der Partei mit ihrer Gesamtpersönlichkeit in eine lebendige Beziehung zu der Totalität des Parteilebens und der Revolution, hören sie auf, bloße Spezialisten zu sein, die notwendig der Gefahr der inneren Erstarrung unterworfen sind. 31 Auch hier zeigt sich wiederum die unzertrennbare Einheit von Taktik und Organisation. jede Funktionärshierarchie in der Partei, die im Zustand des Kampfes absolut unvermeidlich ist, muß auf dem Geeignetsein eines bestimmten Typus der Begabungen für die sachlichen Anforderungen einer besimmten Phase des Kampfes beruhen. Geht die Entwicklung der Revolution über diese Phase hinaus, so wäre eine bloße Änderung der Taktik, ja selbst eine Änderung der Formen der Organisation (etwa übergehen von Illegalität zu Legalität) für eine wirkliche Umstellung zum nunmehr richtigen Handeln durchaus nicht ausreichend. Es muß zugleich eine Umstellung der Funktionärshierarchie in der Partei erfolgen; die Personenauswahl muß der neuen Kampfweise genau angepaßt werden. 32 Dies läßt sich selbstredend weder ohne „Fehler“ noch ohne Krisen verwirklichen. Die kommunistische Partei wäre eine phantastisch-utopische selige Insel im Meere des Kapitalismus, wenn ihre Entwicklung nicht ständig diesen Gefahren unterworfen wäre. Das entscheidend Neue an ihrer Organisation ist nur, daß sie in bewußter, in ständig bewußterer Form gegen diese innere Gefahr ankämpft.

Geht solcherart ein jedes Mitglied der Partei mit seiner ganzen Persönlichkeit, mit seiner ganzen Existenz in das Leben der Partei auf, so ist es dasselbe Prinzip der Zentralisation und der Disziplin, das für die lebendige Wechselwirkung zwischen dem Willen der Mitglieder und dem der Parteileitung, für das Zurgeltungkommen des Willens und der Wünsche, der Anregungen und der Kritik der Mitglieder der Leitung gegenüber zu sorgen hat. Eben dadurch, daß jeder Entschluß der Partei sich in Handlungen sämtlicher Mitglieder der Partei auswirken muß, daß aus jeder Parole Taten der einzelnen Mitglieder zu folgen haben, in denen diese ihre ganze physische und moralische Existenz aufs Spiel setzen, sind sie nicht nur in der Lage, sondern geradezu gezwungen, mit ihrer Kritik sofort einzusetzen; ihre Erfahrungen, ihre Bedenken usw. augenblicklich zur Geltung zu bringen. Besteht die Partei aus einer bloßen, von den Massen der gewöhnlichen Mitglieder isolierten Funktionärshierarchie, deren Handlungen gegenüber jenen im Alltag nur eine Zuschauerrolle zukommt, ist das Handeln der Partei als Ganzes nur ein gelegentliches, so entsteht in den Mitgliedern eine gewisse, aus blindem Vertrauen und Apathie gemischte Gleichgültigkeit den Alltagshandlungen der Partei gegenüber. Ihre Kritik kann bestenfalls eine Kritik post festum (auf Kongressen usw.) sein, die selten einen bestimmenden Einfluß auf die wirkliche Richtung der Handlungen in der Zukunft ausübt. Dagegen ist die tätige Teilnahme aller Mitglieder an dem Alltagsleben der Partei, die Notwendigkeit, sich mit ihrer Gesamtpersönlichkeit für jede Aktion der Partei einzusetzen, das einzige Mittel, das einerseits die Parteileitung dazu zwingt, ihre Entschlüsse den Mitgliedern wirklich verständlich zu machen, sie von ihrer Richtigkeit zu überzeugen, da sie sie sonst unmöglich richtig durchführen könnten. (Je durchorganisierter die Partei ist, je wichtigere Funktionen auf jedes Mitglied – z.B. als Mitglied einer Gewerkschaftsfraktion usw. – gebürdet sind, desto stärker ist diese Notwendigkeit.) Andererseits müssen diese Auseinandersetzungen bereits vor der Aktion, aber auch während des Handelns gerade diese lebendige Wechselwirkung zwischen dem Willen der Gesamtpartei und dem der Zentrale herbeiführen; sie müssen modifizierend, korrigierend usw. auf den tatsächlichen Übergang vom Entschluß zur Tat einwirken. (Auch hier ist diese Wechselwirkung desto größer, je stärker die Zentralisation und die Disziplin gestaltet sind.) Je tiefer diese Tendenzen sich durchsetzen, desto stärker schwindet die aus der Struktur der bürgerlichen Parteien überbrachte, schroffe und übergangslose Gegenüberstellung von Führer und Masse; wobei der Wechsel der Funktionärshierarchie noch stärkend mitwirkt. Und die – vorläufig noch – unvermeidliche post festum Kritik verwandelt sich immer stärker in einen Austausch konkreter und allgemeiner, taktischer und organisatorischer Erfahrungen, die dann auch immer stärker auf die Zukunft gerichtet sind. Die Freiheit ist eben – wie das schon die klassische deutsche Philosophie erkannt hat etwas Praktisches, eine Tätigkeit. Und nur indem die kommunistische Partei zu einer Welt der Tätigkeit für jedes ihrer Mitglieder wird, kann sie die Zuschauerrolle des bürgerlichen Menschen der Notwendigkeit des unbegriffenen Geschehens gegenüber und ihre ideologische Form, die formelle Freiheit der bürgerlichen Demokratie wirklich überwinden. Die Trennung der Rechte von den Pflichten ist nur bei der Trennung der aktiven Führer von der passiven Masse, bei dem stellvertretenden Handeln der Führer für die Masse, also bei einer fatalistisch-kontemplativen Handlung der Masse möglich. Die wahre Demokratie, die Aufhebung der Trennung der Rechte von den Pflichten ist aber keine formelle Freiheit, sondern eine innigst verknüpfte, solidarische Tätigkeit der Glieder eines Gesamtwillens.

Die viel verlästerte und verleumdete Frage der „Säuberung“ der Partei ist nur die negative Seite desselben Problems. Auch hier – wie in allen Fragen – mußte der Weg von der Utopie zur Wirklichkeit zurückgelegt werden. So hat sich z.B. die Forderung der 21 Bedingungen des II. Kongresses, daß jede legale Partei von Zeit zu Zeit solche Säuberungen vorzunehmen habe, als eine utopische Forderung, die mit der Entwicklungsphase der entstehenden Massenparteien des Westens unvereinbar ist, erwiesen. (Der III. Kongreß hat sich auch über diese Frage viel zurückhaltender geäußert.) Ihre Aufstellung war aber trotzdem kein „Fehler“ Denn sie bezeichnet klar und scharf die Richtung, die die innere Entwicklung der kommunistischen Partei einschlagen muß, wenn auch die geschichtlichen Umstände die Form der Durchführung dieses Prinzips bestimmen werden. Gerade weil die Organisationsfrage die tiefste und geistigste Frage der revolutionären Entwicklung ist, ist das Hineintragen solcher Probleme ins Bewußtsein der revolutionären Vorhut, selbst wenn sie momentan praktisch nicht zu verwirklichen sind, unbedingt notwendig gewesen. Die Entwicklung der russischen Partei zeigt aber in großartiger Form die praktische Bedeutung dieser Frage; u.z. wie dies abermals aus der unzertrennbaren Einheit von Taktik und Organisation folgt, nicht nur für das innere Leben der Partei selbst, sondern auch für ihre Beziehung zu den breiten Massen aller Werktätigen. Die Reinigung der Partei ist in Rußland je nach den verschiedenen Etappen der Entwicklung in sehr verschiedenen Weisen erfolgt. Bei der letzten, die im Herbst vorigen Jahres durchgeführt wurde, wurde vielfach das äußerst interessante und bedeutsame Prinzip eingeführt, daß die Erfahrungen und Urteile der parteilosen Arbeiter und Bauern verwertet wurden, daß diese Massen zu der Arbeit der Reinigung der Partei herangezogen worden sind. Nicht als ob die Partei nunmehr jedes Urteil dieser Massen blindlings angenommen hätte, aber doch soweit, daß ihre Anregungen und Ablehnungen bei dem Ausscheiden der korrupten, der verbureaukratisierten, von den Massen entfremdeten und revolutionär unzuverlässigen Elementen weitgehende Berücksichtigung fanden. 33

So zeigt auf entwickelter Stufe der kommunistischen Partei diese intimste innere Parteiangelegenheit die intimste Beziehung zwischen Partei und Klasse. Sie zeigt, wie sehr die scharfe, organisatorische Trennung der bewußten Vorhut von den breiten Massen nur ein Moment des einheitlichen, aber dialektischen Entwicklungsprozesses der ganzen Klasse, der Entwicklung ihres Bewußtseins ist. Sie zeigt aber zugleich, daß dieser Prozeß, je klarer und energischer er die Notwendigkeiten des Augenblicks mit ihrer geschichtlichen Bedeutung vermittelt, desto klarer und energischer das einzelne Parteimitglied in seiner Tätigkeit als Einzelnen erfaßt, benützt, zur Entfaltung bringt und beurteilt. So wie die Partei als Ganzes die verdinglichten Trennungen nach Nationen, Berufen usw., nach Erscheinungsformen des Lebens (Wirtschaft und Politik) durch ihr auf revolutionäre Einheit und Zusammenfassung gerichtetes Handeln aufhebt, um die wahre Einheit der proletarischen Klasse herzustellen, so zerreißt sie für ihr einzelnes Mitglied, gerade durch ihre straff zusammenfassende Organisation, durch die aus ihr folgende eiserne Disziplin, durch die Forderung des Einsatzes der Gesamtpersönlichkeit die verdinglichten Hüllen, die in der kapitalistischen Gesellschaft das Bewußtsein des Einzelnen umnebeln. Daß dies ein langwieriger Prozeß ist, daß wir erst an seinem Anfang stehen, kann und darf uns nicht daran verhindern, bestrebt zu sein: das Prinzip, das hier in Erscheinung tritt, das nahende „Reich der Freiheit“ als Forderung für den klassenbewußten Arbeiter in der heute möglichen Klarheit zu erkennen. Gerade weil das Entstehen der kommunistischen Partei nur das bewußt getane Werk der klassenbewußten Arbeiter sein kann, ist hier jeder Schritt in der Richtung auf richtige Erkenntnis zugleich ein Schritt der Verwirklichung entgegen.


Anmerkungen

1. Elend der Philosophie, S.109.

2. Massenstreik, S.47

3. Ebenda, S.49. Üner diese Frage sowie andere, später zu behandelnde Fragen vgl. den sehr interessanten Aufsatz J. Révais, Kommunistische Selbstkritik und der Fall LeviKommunismus II, 15/16. Zur ausführlichen Auseinandersetzung mit ihm fehlt hier freilich der Raum.

4. Über die Folgen dieser Lage vergleiche die Kritik Lenins der Juniusbroschüre, sowie die der Stellungnahme der deutschen, üpolnischen und holländischen Linke im weltkrieg (Gegen den Strom). Aber noch das Spartakusprogramm behandelt in seiner Skizzierung des Ganges der Revolution die Aufgaben des Proletariats reichlich utopisch-unvermittelt. Bericht über den Gründungsparteitag der KPD, S.51.

5. Vergl. als Muster einer methodisch richtigen, auf Organisationsfragen eingestellten Kritik, die Rede Lenins am 11. Kongreß der KPR, wo er die Unfähigkeit auch der in den früheren Kämpfen bewährten Kommunisten in den wirtschaftsfragen zentral auffaßt, und die einzelnen Fehler als Symptome erscheinen läßt. Daß dies an der Schärfe der Kritik den Einzelnen gegenüber nichts ändert, versteht sich von selbst.

6. Vgl. den vorangehenden Aufsatz. (Kritische Bemerkungen über Rosa Luxemburgs Kritik der russischen Revolution)

7. Vgl. darüber die Polemik von Rosa Luxemburg gegen die Mainzer Resolution Davids, Massenstreik, S.59, sowie ihre Ausführungen in der Programmrede am Gründungsparteitag der KPD über die „Bibel“ des Legalismus: Engels Vorwort zu dem Klassenkämpfenl.c., S.22ff.

8. Diese Auffassung ist nicht einfach eine Folge der sogenannte langsamen Entwicklung der Revolution. Lenin hat bereits am 1. Kongreß die Befürchtung ausgesprochen, „daß die Kämpfe so stürmisch werden, daß das bewußtsein der Arbeitermassen mit dieser Entwicklung nicht Schritt halten kann.“ Auch die Auffassung des Spartakusprogramms, daß die KP es ablehnt, die Macht zu übernehmen, nur weil die bürgerliche und sozialdemokratische „Demokratie“ abgewirtschaftet hat, geht von der Auffassung aus, daß der objektive Zusammenbruch der bürgerlichen Gesellschaft früher erfolgen kann, als die Festigung des revolutionären Klassenbewußtseins im Proletariat. Bericht über die Gründungsparteitag, S.56.

9. Eine gute Zusammenfassung ihrer Äußerungen findet man in Gegen den Strom, S.516-517.

10. Vgl. den Aufsatz Klassenbewußtsein.

11. Gegen den Strom, S.412.

12. Es soll damit nicht behauptet werden, daß diese Frage für Rußland endgiltig erledigt ist. Sie besteht vielmehr solange, wie der Kampf mit dem Kapitalismus dauert. Nur nimmt sie in Rußland andere (und voraussichtlich schwächere) Formen an, als in Europa, dem geringeren Einfluß entsprechend, den die kapitalistische Denk- und Empfindungsweise auf das Proletariat ausgeübt haben. Über das Problem selbst vergl. Lenin, Der Radikalismus, S.92-93.

13. Antidühring, S.306.

14. Vgl. den Aufsatz Funktionswechsel des historischen Materialismus.

15. Terrorismus und Kommunismus, S.82. Ich halte es für keineswegs zufällig, freilich nicht im philosophischen Sinne, daß die Polemik Trotzkis Kautsky gegenüber auf politischem Gebiet die wesentlichen Argumente der Polemik Hegels gegen die Erkenntnistheorie Kants wiederholt. Vg. Hegels Werke XV, S.54. Kautsky hat übrigens später die Gesetzlichkeit des Kapitalismus als unbedingt für die Zukunft giltig, selbst bei Unmöglichkeit der Erkenntnis der Entwicklungstendenzen, formuliert. Vgl. Die proletarische Revolution und ihr Programm, S.57.

16. Klassenkämpfe, S.85.

17. Vgl. die Methodologie der Ethik bei Kant und Fichte; in der tatsächlichen Ausführung ist dieser Individualismus wesentlich abgeschwächt. Aber z.B. Fichte betont, daß die, Kant recht verwandte Form: „beschränke deine Freiheit so, daß der andere neben dir auch frei sein könne“, keine absolute, sondern nur eine „hypothetische Gültigkeit“ (in seinem system) hat. Grundlage des Naturrechtes, § 7, IV. Werke (neue Ausgabe) II, S.93.

18. Anti-Dühring, S.174ff., besonders S.176.

19. Wirtschaft und Gesellschaft, S.169.

20. Eine gute Beschreibung dieser Organisationsformen findet man in den Thesen zur Organisationsform des III. Kongresses (II, S.6). sie werden dort treffend mit der Organisation des bürgerlichen Staates verglichen.

21. Ursprung, S.164.

22. Kritik des Gothaer Programms, Ausgabe von Korsch, S.26-27.

23. Der „Radikalismus“, die Kinderkrankheit des Kommunismus, S.6-7.

24. Klasse, Partei, FührerDie Internationale, Berlin 1922, IV, S.22.

25. Über diesen Begriff vgl. den Aufsatz Klassenbewußtsein.

26. Über die Beziehung von Endziel und augenblicklichem Handeln vergl. den Aufsatz Was ist orthodoxer Marxismus?

27. „Auf die Politik und die Parteien ist – mit entsprechenden Änderungen – das anwendbar, was sich auf einzelne Personen bezieht. Klug ist nicht derjenige, der keine Fehler macht, solche Menschen gibt es nicht und kann es keine geben. Klug ist derjenige, der nicht besonders wesentliche Fehler macht und der sie schnell und leicht zu korrigieren versteht.“ Lenin, Der Radikalismus etc., S.17.

28. Ebd., S.80.

29. Schon die Akkumulationsdebatten bewegen sich um diesen Punkt. Noch schärfer die Auseinandersetzung über Krieg und Imperialismus. Vgl. Sinowjew gegen Kautsky: Gegen den Strom, S.321. Besonders scharf in der Rede von Lenin am 11. Kongreß über Staatskapitalismus: „Ein staatlicher Kapitalismus, in der Form, in der wir sie haben, wird von keiner Theorie und in keiner Literatur analysiert aus dem einfachen Grund, weil alle gebräuchlichen, mit diesen Worten verbundenen Vorstellungen der bürgerlichen Regierung und der kapitalistischen Gesellschaftsordnung angepaßt sind. Wir aber besitzen einer Gesellschaftsordnung, die das Geleise des Kapitalismus verlassen hat und noch auf kein neues Geleise gekommen ist, denn diesen Staat lenkt nicht die Bourgeoisie, sondern das Proletariat. Und von uns hängt es ab, von der kommunistischen Partei und der Arbeiterklasse hängt es ab, welcher Art dieser staatliche Kapitalismus sein wird.“

30. Vgl. darüber den Aufsatz Die Verdinglichung und das Bewußtsein des Proletariats.

31. Man lese darüber den sehr interessanten Abschnitt über Parteipresse in den Organisationsthesen des III. Kongresses nach. Im Punkt 48 ist diese Forderung ganz klar ausgesprochen. Aber die ganze Organisationstechnik, z.B. Beziehung der Parlamentsfraktion zum ZK, die Abwechslung von legaler und illegaler Arbeit usw. ist auf dieses Prinzip aufgebaut.

32. Vgl. darüber die Rede Lenins am allrussischen Metallarbeiterkongreß. 6.3.1922, sowie am 11. Kongreß der KPR über die parteiorganisatorischen Folgen der neuen Wirtschaftspolitik.

33. Vgl. Lenin Artikel: Prawda, 2.9.1921. Daß diese organisatorische Maßnahme zugleich eine glänzende taktische Maßnahme zur Hebung der Autorität der kommunistischen Partei, zur Befestigung ihrer Beziehung zu den werktätigen Massen ist, wird ohne weitere Erörterung einleuchten.