Mai 1934 // Briefe
Harry Whyte // Kann ein Homosexueller Mitglied der Kommunistischen Partei sein?

Kann ein Homosexueller Mitglied der Kommunistischen Partei sein?

Mai 1934

An den Genossen Stalin!

Der Inhalt meines Schreibens in Kürze ist folgender: der Autor dieses Briefes, Mitglied der Kommunistischen Partei Großbritanniens, bittet um eine theoretische Begründung der Resolution des Zentralexekutivkomitees der UdSSR vom 7. März bezüglich der strafrechtlichen Verantwortlichkeit von Homosexualität. Der Autor des Briefes versucht das Problem von einem marxistischen Blickwinkel aus zu betrachten und findet, dass das Dekret sowohl zu den Tatsachen, als auch zu den marxistisch-leninistischen Prinzipien im Widerspruch steht. Resümee der Argumente, die ausführlich im beiliegenden Brief ausgeführt werden:

1. Die Lage der Homosexuellen im Kapitalismus ist im Ganzen analog der Lage der Frauen, farbiger Rassen, nationaler Minderheiten und anderer Gruppen, die aufgrund dieser oder jener Gründe Unterdrückung ausgesetzt sind.

2. Die Einstellung der bourgeoisen Gesellschaft zur Homosexualität gründet sich auf dem Widerspruch zwischen: a) der Notwendigkeit des Kapitalismus, über „Kanonenfutter“ und ein disponibles Arbeitsheer zu verfügen (was zu repressiven Gesetzen gegen die Homosexualität führt, die als Bedrohung für die Geburtenzahlen angesehen wird) und b) der stetig wachsenden Verarmung der Massen im Kapitalismus (was zum Zerfall der Arbeiterfamilie und zu anwachsender Homosexualität führt).

3. Dieser Widerspruch kann nur in einer Gesellschaft gelöst werden, in der die Abschaffung von Arbeitslosigkeit und das kontinuierliche Anwachsen des materiellen Wohlstands der Werktätigen Bedingungen schaffen, unter denen Menschen mit normaler geschlechtlicher Orientierung die Ehe eingehen können.

4. Die Wissenschaft behauptet, dass es eine unbedeutende Minderheit der Bevölkerung gibt, die an konstitutioneller Homosexualität leidet.

5. Die Existenz einer solch unbedeutenden Minderheit stellt unter den Bedingungen der Diktatur des Proletariats keine Bedrohung für die Gesellschaft dar.

6. Das neue Gesetz zur Homosexualität rief die verschiedensten und widersprüchlichsten Auslegungen hervor.

7. Das Gesetz vom 7. März steht in einem grundlegenden Widerspruch zum Hauptprinzip des zu dieser Frage früher existierenden Gesetzes.

8. Das Gesetz vom 7. März fordert dem Wesen nach eine „Gleichmacherei“ im Bereich des Geschlechtslebens.

9. Das Gesetz vom 7. März ist vom Standpunkt der Wissenschaft, welche die Existenz der konstitutionellen Homosexualität beweist und kein Mittel zur Veränderung der geschlechtlichen Einstellung der Homosexuellen kennt, unsinnig und ungerecht.

Obwohl ich ein ausländischer Kommunist bin, der noch keine Überführung in die KP der UdSSR (B) bekommen hat, denke ich, dass es Ihnen, dem Führer des Weltproletariats, nicht unnatürlich erscheinen wird, dass ich mich mit der Bitte an Sie richte, eine Frage zu beleuchten, die, wie mir scheint, eine große Bedeutung für eine ganze Reihe von Kommunisten sowohl in der UdSSR als auch in anderen Ländern der Welt hat. Die Frage ist folgende: Kann ein Homosexueller ein Mensch sein, der es wert ist, Mitglied der Kommunistischen Partei zu sein?

Das unlängst erlassene Gesetz zur strafrechtlichen Verfolgung der Homosexualität, das vom Zentralexekutivkomitee der UdSSR am 7.März bestätigt wurde, bedeutet offensichtlich, dass ein Homosexueller nicht für würdig befunden werden kann, den Ehrennamen eines Sowjetbürgers zu tragen und folglich erst recht nicht Mitglied der KP der UdSSR (B) sein kann. Persönliches Interesse an dieser Frage, denn ich bin selbst ein Homosexueller, hat mich dazu bewogen, mich mit diesem Problem an eine ganze Reihe von Genossen aus dem OGPU und dem Volkskommissariat der Justiz zu wenden sowie an einige Psychiater und an den Genossen Borodin, den Chefredakteur der Zeitung, für die ich arbeite.

Alles, was ich erreicht habe, ist eine Ansammlung gegensätzlicher Meinungen, die zeigen, dass unter diesen Genossen kein klares theoretisches Verständnis davon herrscht, was als Grundlage für die Annahme des erwähnten Gesetzes gedient haben könnte. Der erste Psychiater, den ich zu dieser Frage konsultierte, hat mir zweimal beteuert, nachdem er dieses mit dem Volkskommissariat für Justiz abgesprochen hatte, dass seine Patienten, soweit sie ehrliche Bürger oder gute Kommunisten seien, ihr Privatleben so gestalten könnten, wie es ihnen beliebe. Genosse Borodin verhält sich nach seinen eigenen Worten ablehnend zur Homosexualität, und gab in diesem Zusammenhang zu verstehen, dass er mich nichtsdestotrotz für einen guten Kommunisten halte, dass man mir vertrauen könne und dass ich mein Privatleben führen könne, wie es mir gefalle. Einige Zeit zuvor, als die Verhaftungen der Homosexuellen gerade erst begannen, war Genosse Borodin weit davon entfernt, mich als strafrechtlich Verfolgten zu behandeln und hielt mich außerdem für keinen schlechten Kommunisten, was seinen Ausdruck darin fand, dass er mich zum Redaktionsleiter beförderte. Das ist der allerverantwortungsvollste Posten, abgesehen von den Mitgliedern des Redaktionskollektivs . Einige Zeit später, als schon der Gesetzesentwurf vom 17. Dezember existierte, aber noch vor der Veröffentlichung am 7.März, habe ich mich, in Verbindung mit der Verhaftung einer Person, zu der ich in homosexueller Beziehung stand, ans OGPU gewandt und mir wurde mitgeteilt, dass gegen mich keine Beschuldigungen vorlägen.

All diese Anfragen ließen den Eindruck entstehen, dass die sowjetischen Justizorgane nicht die Homosexualität im Allgemeinen verfolgten, sondern bestimmte sozial gefährliche Homosexuelle. Sollte dies wirklich so sein, besteht dann die Notwendigkeit eines allgemeingültigen Gesetzes? Andererseits hatte ich schon nach der Veröffentlichung des Gesetzes vom 7. März ein Gespräch im OGPU und mir wurde mitgeteilt, dass das Gesetz in jedem aufgedeckten Fall von Homosexualität in voller Strenge zur Anwendung kommen wird. In Verbindung mit der bezüglich dieser Frage existierenden Unklarheit wende ich mich an Sie in der Hoffnung, dass Sie Zeit für eine Antwort finden werden. Erlauben Sie mir im Zusammenhang damit, Ihnen das Problem so zu erläutern, wie ich es verstehe.

Zu Beginn möchte ich unterstreichen, dass ich die Situation der Homosexuellen, die nach ihrer Klassenzugehörigkeit Arbeiter oder Werktätige allgemein sind, analog zur Lage der Frauen in der kapitalistischen Gesellschaft und analog zur Lage der vom Imperialismus unterdrückten farbigen Rassen betrachte. Die Situation ähnelt in vielem auch der Lage der Juden unter der Hitlerdiktatur, ja überhaupt lässt sich unschwer die Analogie zu jeder beliebigen sozialen Schicht erkennen, die der Ausbeutung und Verfolgung unter den Bedingungen der kapitalistischen Herrschaft ausgesetzt ist. Bei der Analyse der Verfolgung von Homosexuellen muss man im Hinterkopf behalten, dass es zwei Arten von Homosexuellen gibt: erstens, solche, die von Geburt an Homosexuelle sind (wenngleich unter den Wissenschaftlern auch unterschiedliche Ansichten zu der Frage der Ursachen existieren, gibt es doch keinerlei Meinungsdifferenzen, dass es irgendwelche tiefliegenden Gründe für Homosexualität gibt); zweitens gibt es Homosexuelle, die ein normales Geschlechtsleben kannten, aber in der Folge homosexuell geworden sind, angetrieben motiviert manchmal durch Lasterhaftigkeit und manchmal auch aufgrund wirtschaftlicher Überlegungen. Was die zweite Gruppe angeht, lässt sich die Frage verhältnismäßig einfach klären. Leute, die aufgrund ihrer Verderbtheit zu Homosexuellen werden, gehören normalerweise zur Bourgeoisie. Einzelne Vertreter dieser Klasse gelangen auf diesen Pfad, nachdem sie sich mit allen Arten von Befriedigungen und Perversitäten übersättigt haben, die im Bereich der sexuellen Beziehungen mit Frauen möglich sind. Unter denen, die diesen Weg aufgrund wirtschaftlicher Überlegungen einschlagen, finden wir Vertreter des Kleinbürgertums, des Lumpenproletariats und, es möge nicht eigenartig erscheinen, des Proletariats. Aufgrund der finanziellen Not, die sich besonders in Krisenzeiten noch verschärft, sind diese Leute gezwungen, sich vorübergehend einer solchen Möglichkeit der Befriedigung ihrer geschlechtlichen Bedürfnisse zuzuwenden, denn das Fehlen finanzieller Mittel beraubt sie der Möglichkeit, zu heiraten oder wenigstens eine Prostituierte aufzusuchen. Es gibt auch solche, die nicht wegen der Befriedigung ihrer sexuellen Triebe Homosexuelle werden, sondern um sich mit der Prostitution ihr Brot zu verdienen (dieses Phänomen hat eine besondere Verbreitung im gegenwärtigen Deutschland gefunden).

Jedoch hat die Wissenschaft festgestellt, dass es auch konstitutionelle Homosexuelle gibt. Die Untersuchungen haben gezeigt, dass Homosexuelle dieser Art in gleichem Verhältnis in allen Gesellschaftsklassen zu finden sind. Man kann sogar als gegeben annehmen, dass mit geringen Abweichungen die Homosexuellen im Allgemeinen ca. 2 % der Bevölkerung ausmachen. Geht man von dieser Annahme aus, dann ergibt sich, dass es in der UdSSR ungefähr 2 Millionen Homosexuelle gibt, ganz zu schweigen davon, dass unter ihnen ganz sicher auch solche sind, die den sozialistischen Aufbau unterstützen. Sollte es denn wirklich möglich sein, dass eine so große Anzahl von Menschen eingesperrt werden soll, wie es das Gesetz vom 7. März fordert? Ähnlich wie die Frauen aus der Klasse der Bourgeoisie in bedeutend geringerem Maße unter den Ungerechtigkeiten der kapitalistischen Herrschaft zu leiden haben ( Sie erinnern sich natürlich an diese Aussage Lenins), so haben auch die konstitutionellen Homosexuellen, welche der herrschenden Klasse angehören, weitaus weniger unter den Verfolgungen zu leiden, als Homosexuelle aus den Reihen der Arbeiter. Man muss sagen, dass es sogar in der UdSSR Verhältnisse gibt, die das Sein der Homosexuellen erschweren und sie oft in eine schwierige Lage versetzen (ich meine die Schwierigkeiten, einen Geschlechtspartner zu finden, denn aufgrund der Tatsache, dass die Homosexuellen eine Minderheit in der Bevölkerung ausmachen, sind sie gezwungen, auf die eine oder andere Art ihre wahren Neigungen zu verstecken).

Welche Einstellung hat die bourgeoise Gesellschaft zu den Homosexuellen? Kann man, sogar unter Berücksichtigung der Verschiedenheiten der Gesetzgebungen unterschiedlicher Länder, die bezüglich dieser Frage existieren, über eine irgendwie spezifisch bourgeoise Einstellung zu dieser Frage sprechen? Ja, man kann! Unabhängig von den Gesetzen ist der Kapitalismus mit all seinen Klasseninteressen gegen die Homosexualität. Das kann man im ganzen Verlauf der Geschichte beobachten, aber in besonderem Maße tritt es gerade jetzt in den Zeiten der allgemeinen Krise des Kapitalismus zu Tage. Der Kapitalismus, der für sein Blühen eines riesigen disponiblen Arbeitsheeres und Kanonenfutters bedarf, betrachtet die Homosexualität als Bedrohungsfaktor für die Geburtenraten (wie allgemein bekannt existieren in kapitalistischen Ländern Gesetze, welche die Abtreibung und andere Verhütungsmaßnahmen bestrafen).

Natürlich ist die Einstellung der Bourgeoisie zur Homosexualität typische Heuchelei. Ein homosexueller Bourgeois verspürt kaum Unannehmlichkeiten durch die Härte des Gesetzes. Jeder, der auch nur ein bisschen vertraut ist mit der inneren Geschichte der kapitalistischen Klasse, kennt die sich wiederholenden Skandale auf diesem Gebiet, wobei die in diese Angelegenheiten verwickelten Mitglieder der herrschenden Klasse in einem nur sehr geringfügigen Maße zu leiden haben. Ich kann in Verbindung damit einen wenig bekannten Fall anführen. Vor einigen Jahren wurde einer der Söhne von Lord und Lady Astor wegen Homosexualität verurteilt. Die Presse Englands und Amerikas verschwieg auf Drängen des Lords diese Tatsache. Eine Ausnahme stellte die Zeitung „Morning Advertiser“ dar. Sie ist das Sprachrohr der Bierhersteller, die das Interesse hatten, Lord und Lady Astor zu kompromittieren, da diese für die Einführung des „Antialkoholgesetzes“ agitierten. Die Tatsache wurde so aufgrund der inneren Klassenwidersprüche der Herrschenden öffentlich. Der Bourgeois kann dank seines Vermögens der Strafe des Gesetzes entgehen, das in seiner ganzen Härte die homosexuellen Arbeiter trifft, ausgenommen die Fälle, wo letztere sich an Mitglieder der herrschenden Klasse prostituieren.

Ich sagte bereits, dass der Kapitalismus die Homosexualität bekämpft, weil er Kanonenfutter und ein vorrätiges disponibles Arbeitsheer braucht. Aber gleichzeitig schafft der Kapitalismus objektive Bedingungen für das Anwachsen der Zahl der Homosexuellen, indem er die Lebensbedingungen der Arbeiter verschlechtert, die aufgrund der finanziellen Not diesen Weg einschlagen. Dieser Widerspruch fand seinen Ausdruck darin, dass der Faschismus den Päderasten Van der Lubbe als Werkzeug für seine Provokation benutzte und dann auf grausame Art die liberal-intellektuelle Befreiungsbewegung der Homosexuellen unterdrückte, die von Dr. Magnus Hirschfeld geführt wurde (siehe Braunbuch, welches den Fall Hirschfeld als Beispiel für das antikulturelle Barbarentum der Faschisten anführt).(gemeint ist das „Braunbuch über Reichstagsbrand und Hitlerterror“, Basel 1933, auf Initiative der KPD herausgegeben. Das Braunbuch verleumdet schwule Männer und stellt den Reichstagsbrand als ein schwules Nazikomplott hin, Verf.)

Ebenfalls als ein Ausdruck dieser Widersprüchlichkeit stellt sich die Figur des André Gide dar, homosexueller französischer Schriftsteller, der einer der Führer in der antifaschistischen Bewegung war und ein begeisterter Freund der UdSSR. Die Homosexualität Gides ist in Frankreich weiten Teilen der Öffentlichkeit bekannt, da er darüber offen in seinen Büchern schrieb. Ungeachtet dessen ist seine Autorität als Weggenosse der kommunistischen Partei Frankreichs bei den Massen ungebrochen. Die Tatsache, dass Gide sich der revolutionären Bewegung anschloss, ist dem Wachstum dieser Bewegung und der Festigung der Führung der kommunistischen Partei durch die Massen nicht abträglich.( Nachdem Gide allerdings 1936 begann, die SU zu kritisieren, wurde er u. A. als päderastischer Greis beschimpft und fallengelassen, Verf.) Das zeigt meiner Meinung nach, dass die Massen der Homosexualität gegenüber nicht intolerant sind. Der Faschismus, der mit der Lobpreisung der “Rassenreinheit“ und der häuslichen Tugenden auftritt, steht zur Homosexualität noch rigoroser als die Regierung vor Hitler. Aber da der Faschismus die Arbeiterfamilie zerstört und das Anwachsen der Massenarmut bedingt, stimuliert er eigentlich die Entwicklung der Homosexualität, jener, welche ich zur zweiten Gruppe zähle, d.h. der aus finanzieller Not.

Die einzige Auflösung dieses Widerspruchs ist die revolutionäre Veränderung der gegenwärtigen Ordnung und die Schaffung einer Gesellschaft, in der es keine Arbeitslosigkeit gibt, der Wohlstand der Massen wächst, die Familie nicht mehr als ökonomische Einheit besteht. Dann wird niemand mehr aus Not heraus zur Päderastie gedrängt. Was die sogenannten konstitutionellen Homosexuellen angeht, so machen sie eine so unbedeutende Prozentzahl aus, dass sie keine Bedrohung für die Geburtenzunahme in der sozialistischen Gesellschaft darstellen können. „Im Ganzen haben die Ergebnisse des Wachstums des materiellen Wohlstands dazu geführt, dass, während in den kapitalistischen Ländern mit der Zunahme der Armut auch die Sterblichkeit steigt, in der UdSSR die Sterblichkeit sinkt und die Geburtenzahlen steigen. Im Vergleich zur Vorkriegszeit hat sich das Bevölkerungswachstum in der Sowjetunion um 1/3 erhöht, während es im kapitalistischen Europa um 10 % gesunken ist. Unser Land hat jetzt bei einer Bevölkerungs- zahl von 165 Millionen im Jahr das gleiche Wachstum, wie das kapitalistische Europa mit einer Bevölkerungszahl von 360 Millionen – wie Sie sehen, ist bei uns das Tempo auch in diesem Bereich rasant (Lachen)“. (Vortrag des Genossen Kaganovic über die Arbeit des ZK der KPdSU(B) auf der Konferenz der Moskauer Organisation. –Kursiv Genosse Kaganovic, übersetzt nach dem Brief Whytes) Ungeachtet der ungewöhnlich strengen Ehegesetze in kapitalistischen Länder finden Perversionen in der Sphäre des normalen Geschlechtslebens in kapitalistischen Ländern eine entscheidend größere Verbreitung als in der UdSSR, wo die Ehegesetzgebung weitaus freier und vernünftiger ist als in der übrigen Welt. Zwar ist bekannt, dass in den ersten Jahren der Revolution so einige versuchten, die von den neuen sowjetischen Ehegesetzen gewährte Freiheit auszunutzen, jedoch wurde dieser Missbrauch nicht mit repressiven Mitteln beseitigt, sondern mit umfassender politisch-erzieherischer und kultureller Arbeit und der auf das sozialistische Ziel gerichteten Wirtschaftsentwicklung. Mir scheint, dass in Bezug auf Homosexualität (der zweiten Gruppe) sich eine ähnliche Richtlinie als nutzbringender erweisen würde.

Ich habe das Vorbringen einer gesonderten Kampflosung zur Befreiung der homosexuellen Werktätigen von den kapitalistischen Ausbeuterbedingungen immer für falsch gehalten. Ich glaube, dass diese Befreiung nicht zu trennen ist vom gemeinsamen Kampf für die Befreiung der ganzen Menschheit aus der Unterdrückung der privaten Ausbeutung. Es war nicht mein Vorhaben, daraus ein Problem zu machen und diese Frage theoretisch zu stellen, um eine bestimmte Parteimeinung bezüglich dieser Sache zu erzwingen. Andererseits stellt sich in der heutigen Zeit diese Frage aufgrund der realen Gegebenheiten von selbst und es scheint mir von wesentlicher Bedeutung zu sein, prinzipielle Klarheit bezüglich dieser Frage zu erlangen. Der Genosse Borodin hat mir bewiesen, dass die Tatsache, dass ich selbst ein Homosexueller bin, in keiner Weise meinen Wert als Revolutionär verringert. Er hat mir großes Vertrauen entgegengebracht, indem er mich zum Redaktionsleiter ernannte. Er hat mich damals nicht als Menschen, der möglicherweise zukünftig oder gegenwärtig strafrechtlich belangbar ist, behandelt. Er hat ebenso gezeigt, dass mein Privatleben nichts darstellt, was auch nur im geringsten Maße meine Position als Partei- und Redaktionsmitglied schädigen könnte.

Als ich ihm direkt die Frage bezüglich der Verhaftungen stellte, hat er erneut und durch ihn das OGPU bestätigt, das im vorliegenden Fall die Gründe politischer Natur und ganz und gar nicht gesellschaftlich-moralischer Art waren, obwohl schon damals der Entwurf des Gesetzes vom 17. Dezember vorlag. Nachdem ich die entsprechenden Nachfragen beim OGPU gestellt hatte, wurde mir mitgeteilt: “Gegen Sie liegt nichts Belastendes vor“. Als ich vom Gesetzentwurf des 17. Dezember erfuhr, habe ich ähnliche Antworten von einer ganzen Reihe von Leuten erhalten. Wahr ist, dass der Genosse Degot’ aus dem Volkskommissariat für Justiz das Gesetz damit begründete, dass die Homosexualität eine Art bourgeoiser Ausgeburt sei. Der Facharzt für Psychiatrie, mit dem ich bezüglich dieser Frage sprach, lehnte es überhaupt ab, an die Existenz eines solchen Gesetzes zu glauben, solange, bis ich ihm ein Exemplar davon zeigte. Es ist absolut offensichtlich, dass, trotz des Vorhandenseins einer ganzen Reihe falscher Vorstellungen bei einigen Genossen, die öffentliche Meinung bezüglich dieser Frage in der Zeit vor der Veröffentlichung des Gesetzes in keiner Weise feindlich gegenüber den Homosexuellen war . Und das verwunderte mich kein bisschen.

Die Verhaftungen der Homosexuellen habe ich als vollkommen gesetzmäßige Handlung aufgenommen, da die Gründe dafür politischer Natur waren. Wie ich bereits sagte, befand sich all das im Einklang mit meiner oben bereits angeführten Analyse des Problems und ebenso wenig widersprach es dem öffentlichen Standpunkt der sowjetischen Gesellschaft. Der Genosse Borodin wies mich darauf hin, dass ich dem Artikel über Homosexualität in der Großen Sowjetenzyklopädie keine große Aufmerksamkeit schenken müsse, da, wie er sagte, der Autor des Artikels selbst ein Homosexueller war und der Artikel in einer Zeit gedruckt wurde, als noch ein ganze Reihe solcher Neigungen unentdeckt waren. Ich denke, man muss nicht mit Misstrauen an die Geschichte der Kommunistischen Partei herangehen, wenn sie von einem Kommunisten geschrieben wurde; wenn dieser Artikel auch von einem Homosexuellen geschrieben wurde, so ist alles, was von ihm verlangt wurde, eine objektive und wissenschaftliche Herangehensweise an die Homosexualität. Zweites ist mir die Wirksamkeit der sowjetischen politischen Kontrolle über die Presse zu gut bekannt, als dass man die Möglichkeit der Veröffentlichung eines Artikels mit ernsthaften Neigungen in einer solchen Publikation wie der Großen Sowjetenzyklopädie zugelassen hätte. Wenn das in Bezug auf einzelne Artikel in irgendeinem unbedeutenden Magazin oder einer Zeitung möglich ist, so jedoch nicht in der Großen Sowjetenzyklopädie. Ich war in jedem Falle der Ansicht, dass man zu einer Publikation, deren Redakteure solche Leute wie Molotov, Kujbyšev, Pokrovskij (oder wenigstens Bucharin, obwohl er weniger Vertrauen verdient) sind, vollstes Vertrauen haben könnte.

Andererseits hat der Artikel in der Großen Sowjetenzyklopädie für meinen Standpunkt keine große Bedeutung. Die Einstellung der sowjetischen Öffentlichkeit bezüglich dieser Frage war mit genügender Klarheit im Gesetz ausgedrückt, welches bis zur Annahme des Gesetzes vom 7. März existierte. Hätte das Gesetz nichts zu diesem Problem ausgesagt, so hätten früher Zweifel herrschen können. Aber das Gesetz enthielt tatsächlich eine Position zu dieser Frage. Es schützte die Interessen der Gemeinschaft, indem es die Verführung und den Missbrauch Minderjähriger verbot. Als Schlussfolgerung ergibt sich daraus, dass es homosexuelle Beziehungen zwischen Volljährigen nicht verbot. Natürlich ist das Gesetz dialektisch, denn es wandelt sich mit den Veränderungen der Umstände. Es ist jedoch offensichtlich, dass, als das erste Gesetz verabschiedet wurde, die Frage der Homosexualität als ganze in Betracht gezogen wurde( das kann man zumindest auf der Grundlage der Schussfolgerung annehmen, die sich aus dem Gesetz ergibt). Durch dieses Gesetz wurde ausgedrückt, dass die sowjetische Regierung das Prinzip der Verfolgung von Homosexualität überhaupt ablehnte. Dieses Prinzip ist von fundamentalem Charakter und Grundprinzipien ändert man bekanntermaßen nicht, um sie in Einklang mit neuen Gegebenheiten zu bringen. Die Grundprinzipien für solche Ziele zu verändern bedeutet, ein Opportunist zu sein und kein Dialektiker. Ich bin in der Lage zu verstehen, dass veränderte Umstände auch einige gesetzmäßige Teilveränderungen, die Anwendung neuer Mittel des sozialen Schutzes erfordern, aber ich kann nicht verstehen, wie veränderte Verhältnisse uns dazu bringen können, eines der Hauptprinzipien zu verändern.

Ich habe auf der Suche nach der Antwort auf die Frage über die Möglichkeit der „Heilung“ der Homosexualität zwei Psychiater aufgesucht. Vielleicht versetzt Sie das in Erstaunen. Ich gebe zu, dass das von meiner Seite opportunistisch war (in diesem Falle kann man das wohl entschuldigen), aber mich trieb das Bestreben, doch wenigstens irgendeine Lösung für dieses verdammte Dilemma zu finden. Am allerwenigsten würde ich in Widerspruch mit dem Beschluss der sowjetischen Regierung treten wollen. Ich war bereit, alles zu tun, nur um der Notwendigkeit zu entgehen, im Widerspruch zum sowjetischen Gesetz zu stehen. Ich habe mich dafür entschieden, ungeachtet dessen, dass mir nicht bekannt war, ob die zeitgenössischen Wissenschaftler in der Lage waren, die wirkliche Natur der Homosexualität aufzudecken und eine Möglichkeit der Umwandlung Homosexueller in Heterosexuelle, d. b. in Menschen, die den Geschlechtsakt nur mit Vertretern des anderen Geschlechts vollziehen, zu finden. Wenn wirklich eine solche Möglichkeit gefunden würde, dann wäre natürlich alles einfacher.

Aber um ehrlich zu sein, auch wenn eine solche Möglichkeit gegeben wäre, wäre ich mir trotzdem unsicher, wie wünschenswert die Umwandlung von Homosexuellen in Heterosexuelle wirklich ist. Natürlich können bestimmte politische Motive existieren, damit es wünschenswert wird. Aber mir scheint, dass die Notwendigkeit einer solchen ausgleichenden Maßnahme unterstützt werden muss durch ungewöhnlich gewichtige Motive. Zweifelsohne ist es wünschenswert, dass die Mehrheit der Leute normale geschlechtliche Beziehungen hat. Ich befürchte nur, dass es so nie sein wird. Und ich denke, dass die Bestätigung für meine Befürchtung in den Fakten der Geschichte zu finden ist. Ich denke, man kann mit Überzeugung sagen, dass die Mehrheit der Leute sich ein normales Geschlechtsleben wünscht und wünschen wird. Allerdings bezweifle ich die Möglichkeit sehr, dass alle Menschen ganz gleich sein werden bezüglich ihrer sexuellen Neigungen. Ich erinnere daran, dass die Homosexuellen nur 2 % der Bevölkerung ausmachen. Bedenken Sie, dass darunter auch so außergewöhnliche, talentierte Leute wie Sokrates, Leonardo da Vinci, Michel Angelo, Shakespeare und Tschaikowsky waren. Das sind die, von denen bekannt war, dass sie homosexuell waren. Aber wie viele talentierte Leute gab es noch unter den Homosexuellen, die ihre wahren Neigungen versteckten? Ich will auf keinen Fall die absurde Theorie unterstützen, dass die Homosexuellen zu einer Art Übermenschen gehören, dass Homosexualität und Genialität Synonyme sind oder dass sich die Homosexuellen eines Tages an der Gesellschaft rächen könnten für ihre Leiden, indem sie sich vereinen, um die Heterosexuellen unter ihre Macht zu stellen. „Theorien“ ähnlicher Art wurden bereits von Engels in seinem Brief an Marx vom 22. Juni 1869 mit gebührender Verachtung, wie sie es auch verdient haben, verurteilt. In diesem Brief schreibt Engels über die von einer Clique deutscher bourgeoiser Homosexueller hervorgebrachte „Theorie“, die ihre eigene besondere Organisation gegründet haben. Engels charakterisiert diese ganze Angelegenheit mit dem Epitheton „Schweinerei“.

Die Tatsache, dass gerade die politische „Theorie“ der Organisation und nicht die spezifische sexuelle Neigung der Mitglieder die Empörung von Engels hervorriefen, ist darin zu erkennen, dass Engels in einem Brief vom 8. Februar 1890 an Sorge schreibt: „Hier ist also wieder Sturm im Teetopf. Du wirst die Krakeelerei im „Labour Elector“ gesehen haben wegen Parker 372, dem Unterredakteur des „Star“, der in einem Lokalblatt den Lord Euston direkt der Päderastie beschuldigt hatte in Verbindung mit den bugger-Skandalen2 unter der hiesigen Aristokratie. Der Artikel war infam, aber nur persönlich, politisch war die Sache kaum. Aber er erregte großen Skandal…“ 2 Homosexuellenskandalen 372„The Labour Elector“ vom 25. Januar und l. Februar 1890 hatte in redaktionellen Notizen heftige Kritik an dem Auftreten Ernest Parkes gegen Lord Euston geübt. Tom Mann, George Bateman u.a. wandten sich im „Labour Elector“ vom l. Februar 1890 gegen diese Veröffentlichungen. 353 Marx/Engels, Werke, Bd. 37, S.353 Die Tatsache, dass Engels das Problem eines Vertreters der feindlichen Klasse, der als Homosexueller beschuldigt wird und einen Skandal beim Adel ausgelöst hat „kaum als politische Frage“ und als „Sturm im Teetopf“ bewertet, hat für uns eine große prinzipielle Bedeutung. Betrachtet man die Homosexualität als Hauptmerkmal der bourgeoisen Degeneriertheit, dann ist es richtig, einzelne Ausprägungen derselben anzugreifen, besonders in einer Zeit, als die homosexuellen Skandale eine solche Verbreitung in der Schicht des Adels hatten. Allerdings geht aus dem Zitat hervor, dass Engels die Homosexualität nicht als spezifisch bourgeoise Form der Degeneriertheit betrachtete. Er griff sie nur dann an, wenn sie, [die Homosexualität, Anm. d. Ü.] wie zum Beispiel im Fall der mit Deutschland in Verbindung stehenden Fakten eine politische Form der Vereinigung bestimmter bourgeoiser Elemente annahm. Wenn die Sache jedoch keine politische Färbung hatte, wie im oben angeführten Fall, hielt Engels es für unnötig, die Homosexualität anzugreifen.

Ich schätze, dass einige Arten von Talent, insbesondere Talente in Bereich der Kunst, verblüffenderweise häufig mit Homosexualität einhergehen. Das sollte man im Kopf behalten und mir scheint, man sollte die Gefahren der geschlechtlichen „Gleichmacherei“ sorgfältig abwägen gerade für den Bereich der sowjetischen Kultur, da wir noch nicht über ausreichend wissenschaftliche Erklärungen bezüglich der Homosexualität verfügen. „Zweitens ist es jedem Leninisten bekannt, wenn er wirklich ein Leninist ist, daß die Gleichmacherei auf dem Gebiet der Bedürfnisse und der persönlichen Lebensweise ein reaktionärer, kleinbürgerlicher Unsinn ist, der irgendeiner primitiven Sekte von Asketen, aber keiner marxistisch organisierten sozialistischen Gesellschaft würdig ist (mein Kursiv, H.W.), denn man kann nicht verlangen, daß alle Menschen die gleichen Bedürfnisse und den gleichen Geschmack haben, daß alle Menschen in ihrer persönlichen Lebensweise sich nach ein und demselben Muster richten…. Daraus die Schlußfolgerung zu ziehen, daß der Sozialismus die Gleichmacherei, die Gleichstellung, die Nivellierung der Bedürfnisse der Mitglieder der Gesellschaft, die Nivellierung ihres Geschmacks und ihrer persönlichen Lebensweise fordere, daß nach dem Plan der Marxisten alle die gleichen Kleider tragen und die gleichen Speisen in der gleichen Menge essen müssen, heißt Plattheiten reden und den Marxismus verleumden.“ (Stalin, Rechenschaftsbericht an den 17. Parteitag über die Arbeit des ZK der KPdSU(B), Werke Bd. 13, S. 314 f.) Mir scheint, dass dieser Auszug aus dem Bericht des Genossen Stalin eine unmittelbare Beziehung zu der von mir untersuchten Frage hat. Das Wichtigste ist allerdings, dass selbst dann, wenn man in der heutigen Zeit eine solche Gleichmacherei anstreben würde, man sie nicht erreichen könnte, weder mittels medizinischer noch mittels gesetzlicher Methoden. Als beide von mir aufgesuchten Psychiater unter dem Druck meiner Fragen gezwungen waren zuzugeben, dass Fälle unheilbarer Homosexualität existieren, habe ich meine Haltung bezüglich dieser Frage endgültig festgelegt.

Man muss zugeben, dass eine solche Angelegenheit wie unabänderliche Homosexualität existiert, ich habe noch keine Fakten gefunden, die dem widersprechen würden, und daraus, so scheint mir, muss man folglich die unausweichliche Existenz einer solchen Minderheit in der Gesellschaft annehmen – sei es eine kapitalistische oder gar eine sozialistische -. In diesem Falle lässt sich keinerlei Rechtfertigung dafür finden, dass man diese Menschen für ihre spezifischen Bedürfnisse, für deren Herausbildung sie in keiner Weise etwas können und die sie nicht in der Lage sind zu verändern, sogar wenn sie dies wünschten , strafrechtlich zur Verantwortung zieht. Auf diese Art habe ich versucht, diese Frage im Einklang mit den Prinzipien des Marxismus-Leninismus, so wie ich sie verstehe, zu diskutieren, wobei ich am Ende zum Widerspruch zwischen dem Gesetz und den aus meiner Argumentation entstandenen Schlussfolgerungen gelangt bin. Gerade dieser Widerspruch zwingt mich dazu, eine autoritative Stellungnahme zu dieser Problematik zu wünschen.

Mit kommunistischem Gruß Harry Whyte.

Meine Adresse: B. Afanas’evskij, Nr. 5, Wg.11, Tel. 3-34-33. Büro: Petrovskij Str. Nr. 8, “Moskau Daily News”. Tel 2-58-71 3-33-26