1896 // Artikel
Franz Mehring // Nietzsche gegen den Sozialismus

Nietzsche gegen den Sozialismus

1896

Die ideologischen Historiker, die der Philosophie ein selbständiges, von der ökonomischen Struktur der jeweiligen Gesellschaft unabhängiges oder so gut wie unabhängiges Dasein irgendwo in den Wolken zuschreiben, sind durch nichts so leicht und so schnell zu widerlegen, wie durch das nächstliegende Beispiel, durch die drei Modephilosophen, welche das deutsche Bürgertum in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts besessen hat. Schopenhauer, Hartmann und Nietzsche – diese drei, wenn man ihren Verehrern glaubt, über allen Völkern und Zeiten thronenden Weltweisen, die aus ihrem schöpferischen Genius das Welträtsel gelöst haben, wurzeln mit allen Fasern ihres Wesens in den verschiedenen Perioden der ökonomischen Entwicklung, die ihre Klasse seit fünfzig Jahren durchlaufen hat.

Für Schopenhauer hat Kautsky vor neun Jahren in der „Neuen Zeit“ den entsprechenden Nachweis geführt. Seitdem ist manches Neue über Schopen­hauer erschienen; seine Verehrer haben sich abgemüht, ihn von allen Flecken zu säubern, und in gewissem Sinne ist ihnen das auch gelungen. In gewissem Sinne, wenn auch schwerlich in einem ihnen genehmen Sinne. So weist Grisebach in seiner Biographie Schopenhauers unseres Erachtens ganz über­zeugend nach, daß Schopenhauer bei seinem Zerwürfnis mit Mutter und Schwester, entgegen der früheren Annahme, der minder schuldige, dagegen die Mutter der schuldigere Teil gewesen sei. Was aber dabei der Mensch Schopenhauer gewinnt, das verliert der Philosoph Schopenhauer. Hatte man bisher angenommen, daß Schopenhauers Kapitel über die Weiber, das nicht am wenigsten dazu beigetragen hat, seinen Namen unter den Spießbürgern berühmt zu machen, der bürgerlichen Philisterfamilie auf den Leib ge­schrieben sei, so braucht man jetzt nur dieses Kapitel neben Grisebachs Biographie zu halten, um auf den ersten Blick zu erkennen, daß jenes Weib aller Völker und Zeiten, das Schopenhauer zeichnen will, der photographische Abklatsch der Frau Hofrätin Adele Schopenhauer ist und daß alles, was Schopenhauer in der rechtlichen Stellung der Frau anders haben will, mit der Pfiffigkeit eines Winkclkonsulenten ausgetiftelt ist an der Hand der ökonomischen Beschwerden, die er gegen seine Mutter und Schwester zu haben glaubte. Gewiß mag die Frau Hofrätin Adele Schopenhauer für gewisse beschränkte Kreise der deutschen Frauenwelt, für die „reiche Witwe“ des ästhetisch-aufklärerischen und bedientenhaft-höfischen Teeklatsches, der um die Wende des Jahrhunderts in den deutschen Re­sidenzen und Residenzlein grassierte, typisch gewesen sein, und daraus mag sich erklären, daß Schopenhauers Schilderung des Weibes das deutsche Philistertum begeistert hat. Aber welche komische Anmaßung ist es, aus diesen kläglichen Erfahrungen eines rückständigen Erdenwinkels heraus eine Philosophie über das Weib aller Völker und Zeiten schreiben zu wollen.

Hartmann vertritt eine andere Phase in der historischen Entwicklung des deutschen Bürgertums: das „Unbewußte“, das heißt die gänzliche Preisgabe des bürgerlichen Klassenbewußtseins, durch die der deutsche Philister sich den gnädigen Schutz der preußischen Bajonette erkaufen mußte. Schopen­hauer hatte noch immer seinen Stolz als Philosoph; wie demütig der vor­märzliche Philister sein mochte, soviel hielt er noch auf sich, um die klassische Literatur und Philosophie nicht ganz als „toten Hund“ zu betrachten. Dagegen ist Hartmann der preußische Gamaschenknopf a.D., der alles über den preußischen Korporalstock klopft. Freilich war er auch schlimmer daran als der 1860 gestorbene Schopenhauer; er mußte vom Sozialismus essen, und daran stirbt alle bürgerliche Philosophie. Die Aufsätze, die Hartmann, wie früher schon, so neuerdings in der „Gegenwart“ über die Sozialdemokratie veröffentlicht hat, gehören zu den gesinnungstüchtigen Leistungen, die berechtigten Anspruch auf den roten Adler vierter und vielleicht selbst dritter Güte gewähren. Sonst haben sie weiter keinen Zweck.

Endlich ist Nietzsche der Philosoph des Großkapitals, das so weit erstarkt ist, um die Hilfe der preußischen Bajonette entbehren zu können. Als wir vor sechs Jahren einmal diese Auffassung näher begründeten, wußten die Jünger des Propheten nicht recht, ob sie den „sozialistischen Lümmel“, wie sich die „Zukunft“ in ihrer holden Art ausdrückte, wegen unerhörten Banausentums verachten oder wegen unerhörter Lästerung anklagen sollten. Und in der Tat – da das Großkapital in seiner Art eine revolutionäre Aufgabe in der Weltgeschichte zu erfüllen hat, so finden sich bei Nietzsche mancherlei Redensarten, die revolutionär klingen. Auch seine Ausfälle gegen das klassenbewußte Proletariat, so ingrimmig sie waren, ließen sich etwa noch in leidlicher Weise dadurch erklären, daß er das menschliche Elend zu überschwenglich haßte, um an eine Selbstbefreiung der Armen und Elenden glauben zu können. Es fehlte eine philosophische Auseinandersetzung Nietzsches mit dem Sozialismus. Das war für einen Philosophen am Ende des neunzehnten Jahrhunderts zwar ein großer Fehler, denn ein Philosoph, der sich mit der mächtigsten Bewegung seiner Zeit nicht auseinanderzusetzen weiß, ist alles andere, nur kein Philosoph. Aber diese Lücke ließ die Möglichkeit offen, die großkapitalistische Philosophie Nietz­sches zu vertuschen und die Tatsache zu beschönigen, daß er den proleta­rischen Klassenkampf bekämpfte aus denselben erhebenden Gedankenkrei­sen heraus wie der erste beste Börsenjobber oder das erste beste Reptil.

Diese Lücke in Nietzsches Werken ist nunmehr ausgefüllt worden durch ein Kapitel über den Sozialismus, das demnächst in einem Bande seiner hinterlassenen Schriften erscheinen soll. Vorläufig ist es abgedruckt in der „Zukunft“, die in bezeichnender Weise die Begeisterung für Nietzsche mit der Begeisterung für Väterchen, für Bismarck und – für Herrn v. Tausch zu einer vierdimensionalen Begeisterung vereinigt. Wären die Bannflüche Nietzsches gegen den Sozialismus nicht an einer so beglaubigten Stelle er­schienen, so wäre man versucht, sie für eine Satire auf den Nietzscheanismus, für eine beißend wahre, aber boshaft in wenige Sätze zusammengedrängte Satire zu halten. Nietzsche war wie Schopenhauer und im Gegensatz zu dem auf die dürren, preußischen Glaubensformeln eingeschworenen Hartmann ein geistreicher Kauz; sein Schicksal ist ein besonders merkwürdiges Beispiel dafür, in welchen Abgrund von Abgeschmacktheit, Gedankenlosigkeit und Unwissenheit das Essen vom Sozialismus die gescheitesten Köpfe des Ka­pitalismus stürzen kann.

Die Unwissenheit Nietzsches geht schon daraus hervor, daß er die „Ge­rechtigkeit“ zum „Prinzip der Sozialisten“ macht. Er hat also nie eine Schrift des wissenschaftlichen Sozialismus in der Hand gehabt. Seine Wissenschaft vom Sozialismus schöpft er aus politisch und sozial reaktionären Schriften, die wie Leos und Treitschkes Pamphlete vor zwanzig oder selbst vor vierzig Jahren erschienen sind. Gleich Nietzsches erster Satz gegen den Sozialismus ist ein Plagiat von Leo. Nietzsche schreibt: „Man täuscht sich als Zuschauer über die Leiden und Entbehrungen der niederen Schichten des Volkes, weil man unwillkürlich nach dem Maße der eigenen Empfindung mißt, wie als ob man selber mit seinem höchst reizbaren und leidensfähigen Gehirn in die Lage jener versetzt werde. In Wahrheit nehmen die Leiden und Entbeh­rungen mit dem Wachstum der Kultur des Individuums zu, die niedersten Schichten sind die Stumpfesten: ihre Lage verbessern heißt sie leidensfähiger machen.“ Das ist wörtlich Leos Theorie der „Schwielenhaut“, welche für den Armen erträglich macht, was für die Reichen unerträglich ist. Freilich sind es schon dreißig Jahre her, daß Albert Lange in einem vortrefflichen Kapitel seiner vortrefflichen „Arbeiterfrage“ diese Theorie in ihrer ganzen Hohlheit aufgedeckt hat, und seitdem schämen sich bürgerliche Gelehrte, die noch ein wenig auf sich halten, mit ihr vorzurücken; selbst ein so engbrüstiger Ökonom wie Roscher hat gegen sie mobil gemacht. Aber da sämtliche Börsenjobber und sämtliche Reptile daran festhalten, daß die Rothschild, Stumm und Krupp als Heilande der Menschheit täglich „leidensfähiger“ werden, so verfehlt Nietzsche nicht, diesem Mammonskultus den philosophischen Segen zu spenden.

Weit mehr als Leo wird Treitschke von Nietzsche geplündert. Treitschkes Ansicht, daß eitel Freude in der irdischen Welt sein würde, wenn sich das Proletariat nur entschließen könnte, einen Lobgesang auf die „fröhliche Armut“ anzustimmen, gibt Nietzsche so wieder: „Nicht durch Veränderung der Institutionen wird das Glück auf der Erde vermehrt, sondern dadurch, daß man das finstere, schwächliche, grüblerische, gallichte Temperament aussterben macht. Die äußere Lage tut wenig hinzu oder hinweg. Insofern die Sozialisten meistens jene üble Art von Temperament haben, verringern sie unter allen Umständen das Glück auf der Erde, selbst wenn es ihnen gelingen sollte, neue Ordnungen zu stiften.“ Oder Treitschkes Sätze von der aristokratischen Gliederung der Gesellschaft, von dem Glau­ben der Sozialdemokratie als dem Glauben einer Hure, von dem Mangel jedes neuen fruchtbaren Gedankens in der Sozialdemokratie echot Nietzsche wie folgt: „Nur innerhalb des Herkommens, der festen Sitte, der Beschränkung gibt es Wohlbehagen auf der Welt; die Sozialisten sind mit allen Mächten verbündet, welche das Herkommen, die Sitte, die Beschränkung zerstören; neue konstitutive Fähigkeiten sind bei ihnen noch nicht sichtbar geworden.“ Wie man sieht, ist Nietzsche immer etwas wässeriger und weitschweifiger als Treitschke, aber das ist nun einmal das Schicksal aller Epigonen.

Und ein einfacher Plagiator ist Nietzsche bei alledem nicht. Es ist ja seine Aufgabe, dem althergebrachten kapitalistischen Schwatz eine feinere oder auch gröber kapitalistische Färbung zu geben. Wenn Nietzsche schreibt: „Faßt man nicht das Wohlbefinden des einzelnen ins Auge, sondern die Ziele der Menschheit, so fragt es sich sehr, ob in jenen geordneten Zuständen, welche der Sozialismus fordert, ähnliche große Resultate der Menschheit sich ergeben können, wie die ungeordneten Zustände der Vergangenheit sie er­geben haben. Wahrscheinlich wächst der große Mensch und das große Werk in der Freiheit der Wildnis auf. Andere Ziele als große Menschen und große Werke hat die Menschheit nicht“, so ist der Grund ton dieser Sätze schon von Treitschke angeschlagen worden! Treitschke bekämpft auch den Sozialismus mit dem Einwände, daß die Ziele der Menschheit über dem Wohlbefinden der einzelnen ständen, aber alles was recht ist: so – wahrhaftig wie heute war der Kapitalismus vor zwanzig Jahren noch nicht. Treitschke sagte viel­mehr, der Kapitalismus schaffe „geordnete“, der Sozialismus aber „un­geordnete Zustände“, und er glaubt allerdings auch noch an andere „Ziele der Menschheit“ als an die in der „Freiheit der Wildnis“ aufgewachsenen „großen Menschen“ Rothschild, Krupp und Stumm und deren „große Werke“. Er gab sogar zu, daß die Menschheit schon schönere Tage gesehen habe als die Zeiten, welche „große Menschen“ und „große Werke“ in der kapitalistischen „Freiheit der Wildnis“ aufwachsen lassen.

Oder wenn Nietzsche sagt: „Weil sehr viel harte und grobe Arbeit getan werden muß, so müssen auch Menschen erhalten werden, welche sich dieser Arbeit unterziehen, soweit nämlich Maschinen sie nicht ersparen können“, so ist dieser Satz an und für sich sogar wörtlich aus Treitschke ausgehauen. Aber Treitschke sah darin sozusagen ein tragisches Schicksal des Men­schengeschlechts, während Nietzsche folgenden genialen Ausweg weiß: „Man könnte vielleicht an eine massenhafte Einführung barbarischer Völ­kerschaften aus Asien und Afrika denken, so daß die zivilisierte Welt fort­während die unzivilisierte Welt sich dienstbar macht. „In den siebziger Jahren kannte der große Kapitalismus noch nicht oder noch nicht so heftig wie in den achtziger und neunziger Jahren die heiße Sehnsucht nach dem Import chinesischer Kulis. Nietzsche gibt diesem famosen Gedanken natürlich nur die philosophische Weihe, um die „übermäßig sehr leidenden“ europäischen Arbeiter von der „Arbeit zu befreien“, über welche Naivität ihres getreuen Sängers sich die „großen Menschen“ in ihren „großen Werken“ halbtot lachen werden.

Oder noch ein Beispiel und das schlagendste von allen! Treitschke beginnt sein Pamphlet mit der Erklärung, daß der Sozialismus die „tatsächliche Ungleichheit“ der Menschen übersehe, und in diese Fußstapfe tappt auch Nietzsche getreulich. Treitschke führt dann weiter aus, jene tatsächliche Ungleichheit habe immer bestanden, aber sie wachse mit der wachsenden Kultur; er sagt: „Gewiß ist der Wilde mit Wilden weniger ungleich, als wir Kulturmenschen uns voneinander unterscheiden, da jener erst wenige Kräfte seines Wesens entwickelt hat“, was historisch ganz richtig ist, so verkehrt immer die Schlußfolgerung sein mag, die Treitschke in dem Sinne daraus zieht, daß die wachsende Ungleichheit der Menschen die angebliche Gleich­macherei des Sozialismus unmöglich mache. Nun ist aber allmählich dem Kapitalismus die fatale Ahnung aufgedämmert, daß der Sozialismus die tatsächliche Ungleichheit der Menschen nicht übersieht, was außerordentlich töricht von ihm sein würde; daß er sie einerseits, soweit sie natürlichen Ursprungs ist, soweit sie den Mann vom Weibe, das Kind vom Greise usw. unterscheidet, ohne alle Widerrede anerkennt, und daß er ihr andererseits, soweit sie gesellschaftlichen Ursprungs ist und sich zu einem furchtbaren Hemmnis alles menschlichen Fortschritts gestaltet hat, seine stärksten Argumente verdankt. Prophet Nietzsche gibt diese fatale Ahnung mit den Worten wieder, der Sozialismus ziehe „seine begeisternde Kraft“ aus dem Entschlüsse, über die Differenzen zwischen den Menschen hinwegzusehen, ihre tatsächliche Ungleichheit als „wandelbar“ zu betrachten. Was tut er nun in dieser Klemme? Er sagt wörtlich: „In Hinsicht auf das Bild des Menschen, welches ferne Pfahlbauzeiten gewähren“, hat der Sozialismus „jedenfalls recht: wir Menschen dieser Zeit sind im wesentlichen gleich“. Schön, wenn auch durchaus falsch, aber welche tatsächliche Ungleichheit „übersieht“ der Sozialismus denn? Nietzsche sagt wieder wörtlich: „Den Unterschied von gut und böse, intelligent und dumm.“ Derselbe kapitalistische Prophet, der ein eigenes Buch geschrieben hat, um nachzuweisen, daß die „Herrenmoral“ des kapitalistischen „Übermenschen“ den Unterschied von gut und böse nicht kenne, „jenseits von gut und böse“ stehe, endet in seiner Bekämpfung des Sozialismus mit dem alten Kinderspotte, daß die menschliche Gleichheit in der kapitalistischen „Freiheit der Wildnis“ hergestellt sei, mit der kleinen Einschränkung, daß die guten und intelligenten Menschen zu Kapitalisten, die bösen und dummen Menschen zu Proletariern werden.

Es ist beinahe noch eine Beleidigung für die Börsenjobber und die Reptile, wenn man sagt, daß sie den Sozialismus aus denselben Gedankenkreisen heraus bekämpfen wie Nietzsche.