1. September 1924 // Artikel
Antonio Gramsci // Die italienische Krise

Die italienische Krise

1. September 1924

Quelle: Christian Riechers (Hrg.): Antonio Gramsci, Philosopie der Praxis, Eine Auswahl, Frankfurt am Main 1967, S.108-120.
Ursprünglich veröffentlicht in Ordine Nuovo, 1. September 1924.


Der Faschismus hat die radikale Krise des kapitalistischen Regimes, die in Italien wie in der ganzen Welt mit dem Krieg einsetzte, nicht überwunden. Mit seinen repressiven Regierungsmethoden hat er das politische Manifestwerden der allgemeinen kapitalistischen Krise sehr erschwert, ja fast völlig unmöglich gemacht; er hat sie jedoch nicht zum Stillstand gebracht und noch weniger einen Wiederaufschwung und eine Fortentwicklung der nationalen Wirtschaft erreicht. Es heißt allgemein, und auch wir Kommunisten pflegen zu behaupten, die gegenwärtige italienische Lage sei durch den Ruin der Mittelklassen gekennzeichnet. Das stimmt, muß aber in seiner ganzen Bedeutung begriffen werden. Der Ruin der Mittelklassen wirkt sich verheerend aus, weil sich das kapitalistische System nicht weiterentwickelt, vielmehr eine Beschränkung erfährt; es handelt sich nicht um ein Phänomen an sich, das unabhängig von den allgemeinen Bedingungen der kapitalistischen Ökonomie untersucht werden und dessen Konsequenzen man vorhersehen kann; es ist die Krise des kapitalistischen Regimes selbst, dem es nicht mehr gelingt, die lebenswichtigen Bedürfnisse des italienischen Volkes zu befriedigen, dem es nicht gelingt, der großen Masse das Brot zu garantieren und das Dach über dem Kopf. Daß die Krise der Mittelklasse heute im Vordergrund steht, ist eine zufällige politische Tatsache, sie ist bloß die Form der Periode, die wir gerade deshalb „faschistisch“ nennen. Warum? Weil der Faschismus auf dem Boden dieser Krise entstand und sich entwickelte, weil der Faschismus gegen das Proletariat gekämpft hat und zur Macht kam, indem er die Verantwortungslosigkeit und die Feigheit und Dummheit des Kleinbürgertums ausnutzte und organisierte, des Kleinbürgertums, das die Arbeiterklasse haßte, weil es der Arbeiterklasse durch die Macht ihrer Organisation gelang, die Schläge der kapitalistischen Krise zu mildern.

Deswegen erschöpft sich der Faschismus, er wird untergehen, weil er keines seiner Versprechen gehalten hat, weil er keine Hoffnung befriedigt, kein Elend gemildert hat. Er hat den revolutionären Elan des Proletariats geschwächt, die Gewerkschaften dieser Klasse aufgelöst, die Löhne gekürzt und die Arbeitszeit erhöht, aber das genügte nicht, um dem kapitalistischen System eine auch nur begrenzte Lebensfähigkeit zu sichern; auch das Niveau der Mittelklassen mußte sinken, die kleinbürgerliche Wirtschaft mußte ausgeplündert werden. Folglich wurde jede Freiheit, nicht allein die proletarische, erstickt. Das bedeutete Kampf nicht nur gegen die Arbeiterparteien, sondern auch, und vor allem, in einer bestimmten Phase, Kampf gegen alle nichtfaschistischen politischen Parteien, gegen alle nicht direktvom offiziellen Faschismus kontrollierten Vereinigungen. Warum führte in Italien die Krise der Mittelklassen zu radikaleren Konsequenzen als in anderen Ländern, warum konnte der Faschismus entstehen und an die Macht gelangen. Weil bei uns wegen der schwachen industriellen Entwicklung und des regional begrenzten Charakters der Industrie das Kleinbürgertum zahlreicher ist und darüber hinaus, „territorial“ gesehen, die einzig nationale Klasse ist: Die kapitalistische Krise hatte in den Nachkriegs jähren die akute Form eines Zusammenbruchs des Einheitsstaates angenommen, daher wurde das Wiederaufleben einer konfus patriotischen Ideologie begünstigt. Es gab keine andere Lösung mehr als die faschistische, nachdem 1920 die Arbeiterklasse in ihrer Aufgabe gescheitert war, mit ihren Mitteln einen Staat zu gründen, der fähig gewesen wäre, auch die einheitlichen nationalen Erfordernisse der italienischen Gesellschaft zu bewältigen. Das faschistische Regime wird untergehen, weil es ihm nicht gelungen ist, die nach dem Krieg einsetzende Krise der Mittelklasse aufzuhalten, vielmehr hat es sie noch beschleunigt. Der ökonomische Aspekt dieser Krise ist der Ruin des mittleren und kleinen Betriebs: die Zahl der Konkurse ist in diesen beiden Jahren rasch angewachsen. Das Kreditmonopol, das Steuersystem, die Mietgesetzgebung haben den kleinen Handels- und Industriebetrieb zerrieben: der Reichtum ging von der mittleren und kleinen zur großen Bourgeoisie über, ohne daß der Produktionsapparat weiterentwickelt worden wäre. Der Kleinproduzent ist kein Proletarier geworden, er ist nur ein Hungerleider in Permanenz, ein Verzweifelter ohne Zukunftsaussichten. Die Anwendung der faschistischen Gewalt, um die Sparer zu zwingen, ihre Kapitalien in einer bestimmten Richtung zu investieren, hat für die kleinen Industriellen wenig Ergebnisse gebracht: der Erfolg bestand lediglich darin, daß die Auswirkungen der Krise von einer Schicht auf die andere abgewälzt wurden. Dadurch wurde die schon große Unzufriedenheit und das Mißtrauen der Sparer gegen das Monopol der Banken noch stärker, dies Monopol wirkte noch drückender durch die Taktik der Handstreiche, zu denen die Großunternehmer bei der allgemeinen Kreditknappheit Zuflucht nehmen mußten.

Auf dem Lande ist der Prozeß der Krise eng mit der Steuerpolitik des faschistischen Staates verbunden. Seit 1920 bis heute ist das Passivum eines durchschnittlichen Haushalts einer Familie von Halbpächtern oder kleinen Landbesitzern auf ca. 7.000 Lire angestiegen infolge von Steuererhöhungen und von schlechteren Vertragsbedingungen. Die Krise des landwirtschaftlichen Kleinbetriebs manifestiert sich in typischer Weise in Nord- und Mittelitalien. In Süditalien kommen neue Faktoren hinzu, deren wichtigster die Unterbrechung des Auswandererstroms und der daraus resultierende wachsende Bevölkerungsdruck ist; gleichzeitig vermindert sich die Anbaufläche und somit die Ernte. Die Getreideernte des letzten Jahres betrug 68 Millionen Doppelzentner in ganz Italien, das heißt sie lag auf nationaler Ebene über dem Durchschnitt, in Süditalien lag sie aber unter dem Durchschnitt. In diesem Jahr lag die Ernte in ganz Italien unter dem Durchschnitt, in Süditalien gab es eine völlige Mißernte. Die Konsequenzen einer solchen Situation zeigen sich noch nicht allzu heftig, weil die Wirtschaftsbedingungen in Süditalien rückständig sind; sie verhindern, das sich die Krise sofort in ihrer ganzen Auswirkung zeigt wie in den Ländern des entwickelten Kapitalismus: jedoch haben sich bereits in Sardinien schwere Unruhen zugetragen, die auf die Unzufriedenheit im Volk und seine ökonomische Unruhe zurückzuführen sind.

Das faschistische Regime hat die allgemeine Krise des kapitalistischen Systems also nicht aufhalten können. Unter dem faschistischen Regime haben sich die Existenzmöglichkeiten des italienischen Volkes verringert. Eine Einschränkung des Produktionsapparats erfolgte zu einer Zeit, in der der Bevölkerungsdruck anstieg, da die transozeanische Auswanderung erschwert wurde. Der eingeschränkte Industrieapparat konnte sich nur durch die Senkung des Lebensniveaus der Arbeiterklasse vor dem völligen Zusammenbruch retten: auf ihr lasten die Lohnsenkung, die Verlängerung des Arbeitstages und die Teuerung. Das führte zu einer Auswanderung qualifizierter Arbeiter, das heißt zu einer Verarmung an menschlichen Produktivkräften, die einer der größten Reichtümer des Landes waren. Die Mittelklassen, die ihre ganze Hoffnung auf das faschistische Regime gesetzt hatten, sind von der allgemeinen Krise überrollt worden, ja, bei ihr manifestiert sich am typischsten die kapitalistische Krise dieser Zeit.

Diese rasch skizzierten Elemente sollen nur an die Tragweite der jetzigen Situation erinnern, die kein Vermögen zu einer wirtschaftlichen Gesundung in sich trägt. Die ökonomische Krise Italiens kann nur vom Proletariat aufgehalten werden. Nur, wenn es sich in eine europäische, eine Weltrevolution eingliedert, kann das italienische Volk die Fähigkeit wiedererlangen, seine menschlichen Produktivkräfte geltend zu machen und den nationalen Produktionsapparat zu entwickeln. Der Faschismus hat nur die proletarische Revolution verzögert, er hat sie nicht unmöglich gemacht: er hat dazu beigetragen, den Boden für die proletarische Revolution vorzubereiten, sie wird nach dem faschistischen Experiment eine wirkliche Volksrevolution sein.

Die gesellschaftliche und politische Auflösung des faschistischen Regimes manifestierte sich in einer ersten Massenerscheinung bei den Wahlen vom 6. April 1924. Der Faschismus wurde im italienischen Industriegebiet in die Minderheit gedrängt, dort also, wo die wirtschaftliche und politische Macht der Nation konzentriert ist. Die Wahlen vom 6. April zeigten, wie Oberflächlich die Stabilität des Regimes war. Diese Wahlen gaben den Massen wieder Mut, riefen unter ihnen eine gewisse Bewegung hervor und zeigten den Beginn jener demokratischen Welle an, die in den Tagen unmittelbar nach der Ermordung des Abgeordneten Matteotti ihren Höhepunkt fand und die noch heute die Situation kennzeichnet. Die Oppositionsgruppen hatten nach den Wahlen eine enorme politische Bedeutung erlangt; ihre Agitation in den Zeitungen und im Parlament, die die Legitimität der faschistischen Regierung in Frage stellte, trug erheblich zur Auflösung aller vom Faschismus kontrollierten und beherrschten Staatsorgane bei, hatte Rückwirkungen innerhalb des Partita Nazionale Fascista und bewirkte das Abbröckeln seiner Mehrheit. Von da nahm die unerhörte Kampagne von Drohungen gegen die Opposition und die Ermordung eines Abgeordneten der Einheitspartei ihren Ausgang. Die Welle der Entrüstung, die die Untat hervorrief, überraschte die Faschistische Partei, sie zitterte vor Panik. Drei Dokumente, in jenem angstvollen Augenblick von den faschistischen Abgeordneten Finzi, Fillipelli und Cesarino Rossi verfaßt und der Opposition zur Kenntnis gebracht, zeigen, wie die Parteispitze selbst jede Sicherheit verlor und Fehler auf Fehler machte.Von dem Augenblick an lag das faschistische Regime im Todeskampf: es wird nur noch von den Mitläuferkräften gestützt, aber es wird gestützt so wie der Strick den Erhängten stützt.

Das Matteotti-Verbrechen lieferte den Beweis, daß es der faschistischen Partei nie gelingen wird, eine normale Regierungspartei zu werden, daß Mussolini von einem Staatsmann und von einem Diktator nichts als einige äußerliche pittoreske Posen übernommen hatte: er ist kein Element des nationalen Lebens, er ist ein Element ländlich-bäuerlicher Folklore, dazu bestimmt, eher in die Geschichte der provinziellen italienischen Masken einzugehen, als der Reihe von Cromwell, Bolivar und Garibaldi zugerechnet zu werden.

Die antifaschistische Welle im Volk, die das Matteotti-Verbrechen auslöste, fand ihre politische Form in der Abspaltung der Oppositionsparteien vom Parlament. Die Oppositionsversammlung wurde faktisch ein nationales politisches Zentrum, um das sich die Mehrheit des Landes organisierte: die gefühlsmäßige moralische Krise erhielt so einen ausgesprochen institutionellen Charakter, es wurde ein Staat im Staat gebildet, eine antifaschistische Gegenregierung gegenüber der faschistischen Regierung. Die faschistische Partei war zu schwach, um dies zu verhindern: die Krise hatte sie selbst ergriffen und hatte die Reihen der eigenen Organisation durcheinander gebracht. Der erste Versuch, die nationale Miliz zu mobilisieren, schlug völlig fehl, nur 20 Prozent antworteten auf den Appell; in Rom meldeten sich ganze 800 Milizangehörige in den Kasernen. Die Mobilisierung hatte nennenswerte Ergebnisse nur in einigen Agrarprovinzen wie Grosseto und Perugia. Das genügte, um einige Legionen auf Rom marschieren zu lassen, die zu einem blutigen Kampf entschlossen waren.

Die Oppositionsgruppen bleiben weiterhin ein Stützpunkt der antifaschistischen Volksbewegung; sie repräsentieren politisch die demokratische Welle, die für die augenblickliche Phase der gesellschaftlichen Krise Italiens charakteristisch ist. Auch die Meinung der großen Mehrheit des Proletariats orientierte sich anfänglich nach den Oppositionsgruppen. Es war unsere Pflicht als Kommunisten zu verhindern, daß sich ein solcher Zustand auf lange Zeit hinaus konsolidierte. Deshalb trat unsere Parlamentsgruppe in das Oppositionsparlament des Aventin ein, indem sie auf den Charakter hinwies, den die Krise durch die Existenz von zwei Gewalten, zwei Parlamenten, annahm. Hätten die Oppositionsgruppen ihre Pflicht erfüllen wollen, wie es angesichts der aufgebrachten Massen angezeigt schien, dann hätten sie dem objektiven Tatbestand eine bestimmte politische Form geben müssen, aber sie entzogen sich dieser Aufgabe. Man hätte einen Appell an das Proletariat richten müssen, das allein fähig war, einem demokratischen Regime Substanz zu verleihen. Es wäre nötig gewesen, die spontane Streikbewegung, die sich schon abzeichnete, noch zu intensivieren. Die Oppositionsgruppen hatten Angst, von einem möglichen Arbeiteraufstand überwältigt zu werden: sie wollten deshalb bei der Behandlung politischer Probleme den Boden des reinen Parlamentarismus nicht verlassen und wollten sich bei ihrer Kampagne, die Agitation im Lande aufrecht zu erhalten, nur des Prozesses um die Ermordung des Abgeordneten Matteotti bedienen. Die Kommunisten, die kein prinzipielles Mißtrauen gegen die proletarische Aktion hatten und nicht die Form des Parteienblocks annehmen konnten, die das Oppositionskomitee sich gab, wurden an die Luft gesetzt.

Unser Beitritt zum Komitee und dann unser Austritt hatten folgende Konsequenzen:

  1. Wir konnten die heftigste Phase der Krise überwinden, ohne den Kontakt zu den großen Arbeitermassen zu verlieren: in der Isolation wäre unsere Partei von der demokratischen Welle fortgerissen worden.
  2. Wir haben das Monopol der öffentlichen Meinung zerstört, das die Oppositionsgruppen zu errichten drohten: ein immer größerer Teil der Arbeiterklasse überzeugt sich davon, daß der Oppositionsblock einen Halbfaschismus darstellt, der die faschistische Diktatur abschwächend reformieren will, ohne dem kapitalistischen System irgendwelche Vorteile zu entziehen, die ihm der Terror und die Illegalität der letzten Jahre durch das Sinken des Lebensstandards des italienischen Volkes gesichert hatten.

Nach zwei Monaten hat sich die objektive Lage nicht verändert. Es bestehen faktisch noch zwei Regierungen im Land, die gegeneinander kämpfen, um sich die real vorhandenen Kräfte der bürgerlichen Staatsorganisation streitig zu machen. Der Ausgang des Kampfes hängt von den Auswirkungen der allgemeinen Krise innerhalb des Partita Nazionale Fascista ab, von der endgültigen Haltung der Parteien, des Oppositionsblocks, und von der Aktion des revolutionären Proletariats, das von unserer Partei geführt wird. Worin besteht die Krise der Faschismus? Um sie zu verstehen, heißt es, müsse man zunächst das Wesen des Faschismus definieren, aber in Wirklichkeit gibt es kein Wesen des Faschismus im Faschismus. Das Wesen des Faschismus war in den Jahren 1922 und 1923 durch ein bestimmtes System von Kräfteverhältnissen innerhalb der italienischen Gesellschaft gegeben: heute ist dieses System tiefgreifend verwandelt, und das „Wesen“ hat sich verflüchtigt. Das Charakteristikum des Faschismus besteht darin, daß es ihm gelungen ist, eine Massenorganisation des Kleinbürgertums zu bilden. Zum erstenmal in der Geschichte ereignet sich dergleichen. Die Originalität des Faschismus besteht darin, eine adäquate Organisationsform für eine gesellschaftliche Klasse gefunden zu haben, die immer unfähig war, ein einheitliches Gefüge und eine einheitliche Ideologie zu haben: diese Organisationsform ist das Heerlager. Die Miliz ist der Angelpunkt des Partita Nazionale Fascista. Man kann die Miliz nicht auflösen, ohne damit auch die gesamte Partei aufzulösen. Es gibt keine faschistische Partei, die die Quantität Qualität werden läßt, die ein Apparat der politischen Selektion einer Klasse oder einer Schicht ist: es gibt nur ein mechanisches Aggregat ohne differenzierbare politische und geistige Fähigkeiten, das nur lebt, weil es sich während des Bürgerkrieges einen äußerst starken, sich mit der nationalen Ideologie identifizierenden Korpsgeist erworben hat. Außerhalb der militärischen Organisation hat der Faschismus nichts geboten und kann auch nichts bieten, und selbst auf diesem Gebiet ist, was er bieten kann, sehr relativ.

Solchermaßen durch die Umstände bedingt, ist der Faschismus nicht in der Lage, irgendeiner seiner ideologischen Prämissen zu folgen. Der Faschismus sagt heute, er wolle den Staat erobern; zugleich sagt er, er wolle zu einem überwiegend bäuerlichen Phänomen werden. Wie die beiden Behauptungen sich miteinander vertragen, ist schwer zu verstehen. Um den Staat zu erobern, muß man die herrschende Klasse in den Funktionen ablösen können, die für die Regierung über die Gesellschaft wesentlich sind. In Italien wie in allen kapitalistischen Staaten heißt, den Staat erobern, vor allem die Fabrik erobern; es bedeutet, die Kapitalisten in der Herrschaft über die Produktivkräfte des Landes übertreffen zu können. Das kann durch die Arbeiterklasse erreicht werden, nicht aber durch die Kleinbourgeoisie, die in der Produktion keine wesentliche Funktion ausübt und die innerhalb der Fabrik eine nichtproduktive, überwiegend polizeiliche Funktion innehat. Die Kleinbourgeoisie kann den Staat nur erobern, wenn sie sich mit der Arbeiterklasse verbündet, nur wenn sie das Programm der Arbeiterklasse annimmt: Sowjetsystem statt staatlicher Organisation, Rätesystem statt Parlamentskommunismus und nicht Kapitalismus in der Organisation der nationalen und internationalen Wirtschaft.

Die Formel „Eroberung des Staates“ ist sinnlos im Munde der Faschisten oder sie hat nur eine einzige Bedeutung: sich einen Wahlmechanismus auszudenken, der den Faschisten auf ewig und um jeden Preis die parlamentarische Mehrheit verschafft. In Wirklichkeit ist die gesamte faschistische Ideologie ein Zeitvertreib für die Balilla. Sie ist improvisiert und dilettantisch, sie konnte früher in günstigen Fällen die Parteigänger täuschen. Aber heute ist sie dazu bestimmt, selbst von den Faschisten lächerlich gemacht zu werden. Aktives Residuum des Faschismus ist lediglich der militärische Korpsgeist, der durch die Gefahr einer Entfesselung der Volksrache noch gefestigt wird: die politische Krise des Kleinbürgertums, die Tatsache, daß die überwiegende Mehrzahl dieser Klasse zu den Fahnen der Opposition überläuft, daß die von den faschistischen Führern angekündigten allgemeinen Maßnahmen fehlschlagen, all dies kann die militärische Wirksamkeit des Faschismus beachtlich reduzieren, kann sie aber nicht aufheben.

Das System der antifaschistischen demokratischen Kräfte zieht seine Hauptkraft aus der Existenz des Oppositionskomitees, dem es gelungen ist, dem ganzen Spektrum der Parteien eine gewisse Disziplin aufzuerlegen, das von den Maximalisten bis zu den Popolari reicht. Daß sich Maximalisten und Volkspartei einer Disziplin unterwerfen und auf gleicher programmatischer Ebene arbeiten, charakterisiert die Situation am meisten. Diese Tatsache verlangsamt und erschwert die Entwicklung der Ereignisse und bestimmt die Taktik der Opposition in ihrer Gesamtheit, eine Taktik des Abwartens, der umgarnenden Manöver, des geduldigen Zerbröckeins sämtlicher Positionen der faschistischen Regierung. Durch ihre Zugehörigkeit zum Komitee und durch die Annahme der gemeinsamen Disziplin garantieren die Maximalisten die Passivität des Proletariats, versichern der zwischen Faschismus und Demokratie schwankenden Bourgeoisie, daß eine selbständige Aktion der Arbeiterklasse nur sehr viel später möglich sein wird, wenn die neue Regierung schon gebildet und stark genug ist, einen Aufstand der vom Faschismus wie vom demokratischen Antifaschismus enttäuschten Massen zu unterdrücken. Die Anwesenheit der Volksparteiler schützt vor einer faschistisch-volksparteilichen Zwischenlösung wie der vom Oktober 1922. Falls die Maximalisten sich vom Bock lösen und ein Bündnis mit uns eingehen sollten, würde diese Zwischenlösung vom Vatikan befürwortet, sehr wahrscheinlich.

Die Hauptanstrengung der Zwischenparteien (Reformisten und Konstitutionalisten), wobei ihnen die linken Popolari halfen, war bisher darauf gerichtet, die beiden Extreme im gleichen Gefüge zu belassen. Der servile Geist der Maximalisten hat die Rolle des Dummkopfs in der Komödie übernommen: die Maximalisten haben es akzeptiert, in der Opposition so wenig zu gelten wie die Bauernpartei oder die Gruppen der Rivoluzione Liberale.

Die Opposition erhielt die stärkste Unterstützung von den Popolari und den Reformisten, die einen breiten Zulauf in den Städten und auf dem Lande haben. Der Einfluß dieser beiden Parteien wird durch die Konstitutionalisten Amendolas integriert, die dem Oppositionsblock den Anhang breiter Schichten des Heeres, der Frontkämpfer und des Hofes bringen. Die Arbeitseinteilung bei der Agitation zwischen den verschiedenen Parteien erfolgt ihrer Tradition und ihrer gesellschaftlichen Aufgabe entsprechend. Da die Taktik des Blocks dahin tendiert, den Faschismus zu isolieren, haben die Konstitutionalisten die Führung der Bewegung inne. Die Volksparteiler führen einen moralischen Feldzug auf der Grundlage des Prozesses Matteotti, in den das faschistische Regime verwickelt ist, und gegen die blühende Korruption und Kriminalität des Regimes. Die Reformisten übernehmen diese beiden Haltungen und machen sich ganz klein, um ihre demagogische Vergangenheit vergessen zu lassen, um glauben zu machen, daß sie sich davon befreit haben und eins sind mit dem Abgeordneten Amendola und dem Senator Albertini.

Die feste und einheitliche Haltung der Opposition hat beachtliche Erfolge gezeitigt: es ist ohne Zweifel ein Erfolg, eine Krise des „Mitläufertums“ hervorgerufen, das heißt die Liberalen gezwungen zu haben, sich offen vorn Faschismus zu distanzieren und ihm Bedingungen zu stellen. Das führte bereits zu Rückwirkungen auf den Faschismus und rief einen Dualismus zwischen der faschistischen Partei und der Zentralorganisation der Frontkämpfer hervor und wird weitere Folgen haben. Aber das Zentrum des Oppositionsblocks hat sich nach rechts verschoben, der konservative Charakter des Antifaschismus wurde akzentuiert: die Maximalisten haben es nicht bemerkt; sie sind bereit, auch die Hilfstruppen nicht allein für Amendola und Albertini, sondern auch für Salandra und Cadorna abzugeben. Wie wird dieser Machtdualismus enden? Wird es einen Kompromiß zwischen Faschismus und Opposition geben? Und wenn kein Kompromiß möglich ist, wird es dann eine bewaffnete Auseinandersetzung geben?

Ein Kompromiß ist nicht unbedingt auszuschließen: er ist jedoch sehr unwahrscheinlich. Die Krise, die das Land schüttelt, ist kein Oberflächenphänomen, das mit kleinen Maßnahmen und Notbehelfen zu heilen ist: sie ist die geschichtliche Krise der kapitalistischen Gesellschaft Italiens, dessen System sich gegenüber den Bedürfnissen der Bevölkerung als unzulänglich erwiesen hat. Alle Beziehungen haben sich verschärft: die großen Massen der Bevölkerung erwarten etwas anderes als einen kleinen Kompromiß. Gäbe es nur ihn, so bedeutete es den Selbstmord der wichtigsten demokratischen Parteien; auf der Tagesordnung des nationalen Lebens würde sofort der bewaffnete Aufstand mit radikaleren Zielsetzungen stehen. Die Natur der Organisation des Faschismus verbietet ihm, Kollaboranten mit gleichen Rechten zu dulden, der Faschismus will nur Sklaven an der Kette: es kann unter dem faschistischen Regime keine Repräsentativversammlung geben, jede Versammlung wird sofort ein Biwak von Manipeln und ein Bordell für betrunkene Subalternoffiziere. Die Tageschronik vermerkt deshalb nur eine Abfolge politischer Episoden, die ein Symptom für den Zerfall des faschistischen Systems und für die langsame und unabwendbare Abkehr sämtlicher Randkräfte vom faschistischen System sind.

Wird es also zu einem bewaffneten Zusammenstoß kommen? Einen Kampf großen Ausmaßes werden die Oppositionen wie der Faschismus vermeiden. Das umgekehrte Phänomen wie im Oktober 1922 wird eintreten: damals war der faschistische Marsch auf Rom die choreographische Parade eines molekularen Prozesses, in dessen Verlauf die realen Kräfte des bürgerlichen Staates (Heer, Justiz, Polizei, Zeitungen, Vatikan, Freimaurerei, Hof etc.) auf die Seite des Faschismus übergingen. Wenn der Faschismus jetzt Widerstand leisten wollte, würde er in einem langen Bürgerkrieg, an dem das Proletariat und die Bauern teilnehmen müßten, zerrieben. Opposition und Faschismus wünschen nicht, daß ein tiefgreifender Kampf ausbricht und werden dies systematisch verhindern. Der Faschismus wird vielmehr dahin tendieren, die Basis einer bewaffneten Organisation zu bewahren, die ins Feld geschickt werden kann, sobald sich eine neue revolutionäre Welle abzeichnet, und das erregt keineswegs das Mißfallen der Amendola und der Allertini oder auch der Turati und der Treves.

Das Drama wird sich am festgesetzten Datum ereignen, aller Wahrscheinlichkeit nach ist es auf den Tag festgelegt, wenn die Deputiertenkammer wieder eröffnet werden wird. Die militaristische Choreographie vom Oktober 1922 wird durch eine klagvollere demokratische Choreographie ersetzt. Wenn die Oppositionen nicht ins Parlament zurückkehren und die Faschisten die, wie sie sagen, Mehrheit als faschistisch verfassungsgebende Versammlung einberufen, so werden wir der Vereinigung der Oppositionen und dem Schein eines Kampfes zwischen den beiden Volksversammlungen zusehen. Es ist jedoch möglich, daß sich die Lösung im Parlamentssaal vollzieht, wohin die Oppositionen wieder zurückkehren werden, wenn, was sehr wahrscheinlich ist, sich die Mehrheit spaltet, so daß dann die Regierung Mussolini klar in die Minderheit gedrängt wird. In diesem Fall wird es zur Bildung einer provisorischen Regierung aus Generälen, Senatoren und ehemaligen Ministerpräsidenten, zur Auflösung der Kammer und zu einem Belagerungszustand kommen.

Das Terrain, auf dem sich die Krise abwickelt, wird der Mordprozeß Matteotti sein. Es wird noch äußerst dramatische Momente geben, wenn die drei Schriftstücke von Finzi, Filippelli und Rossi veröffentlicht werden und die höchsten Persönlichkeiten des Regimes der Volksleidenschaft zum Opfer fallen. Alle Kräfte des Staates, vor allem die Streitkräfte, unter denen bereits Diskussionen im Gange sind, werden sich endgültig auf die eine oder die andere Seite stellen müssen, und sie werden die bereits abgesprochene und sich abzeichnende Lösung durchsetzen.

Welches muß in der gegenwärtigen Lage die politische Haltung und die Taktik unserer Partei sein? Die Lage ist „demokratisch“, weil die großen, arbeitenden Massen desorganisiert, verstreut, im undifferenzierten Volk aufgelöst sind. Wie immer sich die Krise entwickelt, wir können nur eine Verbesserung der politischen Positionen der Arbeiterklasse erhoffen, nicht aber ihren siegreichen Kampf um die Macht. Die wesentliche Aufgabe unserer Partei besteht in der Eroberung der Mehrheit für die Arbeiterklasse. Die Phase, die wir durchlaufen, ist nicht die des direkten Kampfes um die Macht, sondern eine Übergangsphase zum Kampf um die Macht, eine Phase also der Agitation, der Propaganda, der Organisation. Das schließt natürlich nicht aus, daß es einen blutigen Kampf geben könnte und daß sich unsere Partei nicht schon jetzt darauf vorbereiten müßte. Im Gegenteil. Aber auch diese Kämpfe müssen im Rahmen der Übergangsphase gesehen werden, als Elemente der Propaganda und Agitation, um die Mehrheit zu erlangen. Wenn es in unserer Partei Gruppen und Tendenzen gibt, die aus Fanatismus die Situation forcieren wollen, so muß gegen sie im Namen der ganzen Partei, der ständigen und lebenswichtigen Interessen der proletarischen Revolution Italiens angegangen werden. Die Matteotti-Krise hat uns viele Lehren erteilt. Sie hat uns gelehrt, daß nach drei Jahren Terror und Unterdrückung die Massen sehr vorsichtig geworden sind und keinen Schritt machen wollen, der länger ist als das Bein. Diese Vorsicht heißt Reformismus, Maximalismus, heißt „Oppositionsblock“. Sie wird bestimmt nachlassen, sicher auch in nicht allzu ferner Zeit: aber noch ist diese Vorsicht da und kann nur überwunden werden, wenn wir nie, bei keiner Gelegenheit, in keinem Augenblick, auch wenn wir erfolgreich sind, den Kontakt mit der Gesamtheit der Arbeiterklasse verlieren. So müssen wir gegen jede Rechtstendenz kämpfen, die einen Kompromiß mit den Oppositionen wünscht, die versucht, die revolutionären Entwicklungen unserer Taktik und die Vorbereitungsarbeit für die folgende Phase zu stören.

Die erste Aufgabe unserer Partei besteht darin, daß sie sich ihrer historischen Mission entsprechend rüstet. In jeder Fabrik, in jedem Dorf muß es eine kommunistische Zelle geben, die die Partei und die Internationale vertritt, die politisch zu arbeiten versteht, die Initiative hat. Es muß deswegen noch gegen eine gewisse Passivität in unseren eigenen Reihen angegangen werden, gegen die Tendenz, die Reihen unserer Partei klein zu halten. Wir müssen vielmehr eine große Partei werden, wir müssen versuchen, die größtmögliche Anzahl von revolutionären Arbeitern und Bauern an unsere Organisationen zu ziehen, um sie zum Kampf zu erziehen, um aus ihnen Organisatoren und Führer der Massen zu machen, um sie politisch anzuheben. Der Arbeiter- und Bauernstaat kann nur aufgebaut werden, wenn die Revolution über viele politisch qualifizierte Elemente verfügt: der Kampf für die Revolution kann nur siegreich geführt werden, wenn die großen Massen in ihren lokalen Formationen von fähigen und aufrichtigen Genossen geführt werden. Sonst kehren wir tatsächlich, wie schon die Reaktionäre ausrufen, in die Jahre 1919-20 zurück, in die Jahre der proletarischen Ohnmacht, die Jahre der maximalistischen Demagogie, die Jahre der Niederlage der Arbeiterklasse. Auch die Kommunisten wollen nicht in die Jahre 1919-20 zurückkehren.

Eine große Arbeit steht der Partei in den Gewerkschaften bevor. Ohne große gewerkschaftliche Organisationen kommt man nicht aus der parlamentarischen Demokratie heraus. Die Reformisten können kleine Gewerkschaften wollen, können versuchen, nur Korporationen von Facharbeitern bilden. Wir Kommunisten wollen das Gegenteil und müssen darum kämpfen, daß die großen Massen reorganisiert werden. Gewiß muß man sich das Problem konkret stellen und nicht bloß formal. Die Massen haben die Gewerkschaften verlassen, weil die Confederazione Generale di Lavoro, die doch eine große politische Wirksamkeit hat (sie ist nichts anderes als die reformistische Partei), sich nicht um die Lebensinteressen der Massen kümmert. Es kann nicht unsere Aufgabe sein, eine neue Organisation zu gründen, die das Flüchtlingsdasein der Confederazione verbessert; jedoch können und müssen wir uns das Problem stellen, wie wir durch Fabrik- und Dorfzellen eine sinnvolle Aktivität entwickeln. Die Kommunistische Partei repräsentiert die Totalität der Interessen und Wünsche der Arbeiterklasse: wir sind nicht nur eine parlamentarische Partei. Unsere Partei übernimmt daher auch eine gewerkschaftliche Funktion, sie stellt sich an die Spitze der Massen auch in den kleinen Tageskämpfen um Lohn, den Arbeitstag und die Industriedisziplin, um Wohnungen, ums Brot. Unsere Zellen müssen die Betriebskommissionen dazu drängen, sich bei ihrer Arbeit der gesamten proletarischen Aktivität zu widmen. Deswegen muß in den Betrieben eine breite Bewegung wachgerufen werden, die sich so weit entwickeln kann, daß eine Organisation von städtischen Proletarierkomitees entsteht, die direkt von den Massen gewählt werden und die in der sich abzeichnenden Krise die allgemeinen Interessen der gesamten Arbeiterschaft schützen. Diese Aktivität in der Fabrik und auf dem Dorf wertet die Gewerkschaft auf, gibt ihr Inhalt und Wirksamkeit, wenn zugleich alle fortschrittlichen Elemente des Kampfes gegen die gegenwärtigen reformistischen und maximalistischen Führer zur Gewerkschaftsorganisation zurückkehren. Wer sich von den Gewerkschaften fernhält, ist heute ein Verbündeter der Reformisten, kein revolutionärer Kämpfer: er kann anarchoide Phrasen dreschen, er wird um keinen Deut die eisernen Bedingungen, unter denen sich der wirkliche Kampf vollzieht, verändern können.

In dem Maße, in dem der Partei in ihrer Gesamtheit, und das heißt der Masse der Mitglieder, ihre wesentlichste Aufgabe gelingt, nämlich die Mehrheit der Arbeiter zu gewinnen und die molekulare Umwandlung der Basis des demokratischen Staates zu erreichen, in dem Maß werden wir auf dem der Revolution Fortschritte erzielen und den Übergang zu einer weiteren Entwicklungsphase ermöglichen. Die ganze Partei muß mit all ihren Organismen, aber besonders mit ihrer Presse einheitlich arbeiten, um mit der Arbeit eines jeden einzelnen das beste Ergebnis zu erzielen. Heute sind wir im allgemeinen Kampf gegen das faschistische Regime vereint. Den törichten Kampagnen der Oppositionszeitungen antworten wir, indem wir unseren ernsthaften Willen beweisen, nicht allein den Faschismus Mussolinis und Farinaccis, sondern auch den Halbfaschismus von Amendola, Sturzo und Turati zu zerschlagen. Um das zu erreichen, müssen die großen Massen reorganisiert werden zu einer großen Partei, der einzigen Partei, in der die arbeitende Bevölkerung den Ausdruck ihres politischen Willens und den Schutz ihrer unmittelbaren und dauerhaften Interessen in der Geschichte sehen soll.