13. Januar 1893 // Artikel
Friedrich Engels // Zum jüngsten Pariser Polizeistreich

Zum jüngsten Pariser Polizeistreich

13. Januar 1893

„Vorwärts“ Nr. 11 vom 13. Januar 1893
Geschrieben am 10. Januar 1893.
Quelle: Karl Marx/Friedrich Engels – Werke. (Karl) Dietz Verlag, Berlin. Band 22, 3. Auflage 1972, unveränderter Nachdruck der 1. Auflage 1963, Berlin/DDR. S. 356/357.


Die Pariser Bourgeoispresse verkündet mit großem Pomp, die Polizei habe ein höchst niederträchtiges Komplott entdeckt. Einige „russische Nihilisten“ hätten sich verschworen, den sanftmütigen Zar und Selbstherrscher aller Reußen ins Jenseits zu befördern; aber die Polizei wachte, die „Misse- und auch Attentäter“ wurden gefaßt, der großherzige Vater des russischen Vaterlandes war gerettet.

Bei Lichte besehen, stellt sich nun heraus, daß die „russischen Nihilisten“ diesen Namen insofern verdienen, als sie mit Russen nihil – nichts – zu schaffen haben. Sie sind einfach Polen, die nur das Unglück haben, unter dem Zepter des Petersburger Väterchens geboren zu sein. Leute, die in Paris sehr ruhig und zurückgezogen lebten und nicht so einfältig waren, Attentatskomplotte zu machen – dies Fach überlassen vernünftige Leute heutzutage der Polizei. Und die bloße Notwendigkeit, mit den polnischen Namen dieser „russischen Nihilisten“ vor die Öffentlichkeit zu rücken, genügte, um den ganzen Attentats- und Komplottsvorwand auch für die Polizei unhaltbar zu machen. Sie mußte ihren Havas-Reuter instruieren, die Leute würden bloß aus Frankreich ausgewiesen werden.

Wozu überall der Lärm? Sehr einfach.

Die Regenten der opportunistisch-radikalen Bourgeoisrepublik – Minister, Senatoren, Deputierte – sind allesamt in den Panama-Skandal verwickelt, die einen als Bestochene, die anderen als Mitwisser und Verhehler. Sie sind aber auch der Ansicht, das Publikum habe sich lange genug mit dieser Seite ihrer unsauberen Existenz beschäftigt. Sie denken: Die Welt hat jetzt genug davon gesprochen, daß wir die Republik durch unsere Gaunereien in Mißkredit gebracht haben. Zeigen wir nunmehr, daß wir auch imstande sind, diese Republik politisch zu diskreditieren. Zeigen wir, daß wir im Bauchrutschen vor dem Zar den seligen Bismarck noch um sechs Kriecherlängen schlagen. Die russische Gesandtschaft wünscht, Einsicht in die Papiere der polnischen Emigration zu nehmen, beweisen wir unsre brennende Begierde, ihr alles zu Füßen zu legen, was sie nur wünscht: nicht nur die Papiere, auch die Polen selbst gleich mit, wenn es sein muß, ganz Frankreich!

Uns kann es ganz recht sein, wenn die Bourgeoisrepublik sich auf diese Weise selbst ruiniert. Ihre Erben stehen vor der Tür: Nicht die Monarchisten, die eben wieder sehr stark komplottieren, die aber trotzdem nicht gefährlich sind, sondern die Sozialisten werden diese Erben sein. Was aber auch für uns zu arg wird, das ist die Dummheit dieser Leute, der jetzigen Machthaber in Frankreich. Sie betteln um die Gunst und Gnade des offiziellen Rußlands, sie lecken ihm die Stiefel, sie erniedrigen sich vor dieser russischen Diebesbande, sie ernennen den Zar zum wirklichen Herrscher Frankreichs und Leiter der französischen Politik – und dieser Zar ist in einer Ohnmachtslage, die ihm absolut unmöglich macht, Frankreich irgendwelchen wirklichen Dienst zu leisten. Der gegenwärtige Winter beweist, daß die Hungersnot auf Jahre hinaus in Rußland in Permanenz erklärt ist; die Hülfsquellen des Landes sind für lange Zeit erschöpft, die Finanzlage ist geradezu verzweifelt. Es ist nicht Frankreich, das Rußlands bedarf, im Gegenteil, es ist Rußland, das ohne französische moralische Unterstützung vollständig gelähmt wäre. Hätten diese französischen Bourgeois einigen Verstand, sie könnten ihren russischen Bundesgenossen zu allem zwingen, was kein Geld und keinen Krieg kostet. Statt dessen liegen sie im Staub vor ihm und lassen sich ausbeuten für russische Staatszwecke, wie selbst Preußen nicht in seiner tiefsten Erniedrigung. Und dabei kommen sie sich gar schlau vor und ahnen nicht, wie man sie, diese dummen Teufel, in Petersburg auslacht!

Paris vaut bien une messe – Paris ist schon eine Messe wert, sagte Heinrich IV., als er durch Übertritt zum Katholizismus die Kapitulation von Paris erlangte. La France vaut bien une Marseillaise – Frankreich ist schon eine Marseillaise wert, sagte Alexander III., als ihm, im Moment seiner größten politischen Hilfs- und Ratlosigkeit, der Admiral Gervais Frankreich zu Füßen legte.