1. Oktober 1858 // Artikel
Friedrich Engels // Der Aufstand in Indien

Der Aufstand in Indien

1. Oktober 1858

„New-York Daily Tribune“ Nr. 5443 vom 1. Oktober 1858, Leitartikel
Geschrieben um den 17. Dezember 1858.
Aus dem Englischen.
Quelle: Karl Marx/Friedrich Engels – Werke, (Karl) Dietz Verlag, Berlin. Band 12, Berlin/DDR 1961. S. 574-578.


Der Feldzug in Indien war während der heißen und regnerischen Sommermonate fast völlig eingestellt. Nachdem Sir Colin Campbell durch energische Anstrengungen zu Beginn des Sommers alle wichtigen Positionen in Audh und Rohilkand gesichert hatte, legte er sehr klug seine Truppen in Quartiere, während er das offene Land in den Händen der Aufständischen ließ und seine Bemühungen darauf beschränkte, die Verbindungen aufrechtzuerhalten. Das einzige interessante Ereignis während dieser Zeit in Audh war der Abstecher Sir Hope Grants nach Schahgandsch zum Entsatz Manu Singhs, eines Anführers der Eingeborenen, der nach einigem Hin und Her kürzlich mit den Briten Frieden geschlossen hatte und nun von seinen ehemaligen eingeborenen Verbündeten eingeschlossen war. Der Abstecher erwies sich als einfacher militärischer Spaziergang, obwohl er die Briten große Verluste durch Hitzschlag und Cholera gekostet haben muß. Die Eingeborenen zerstreuten sich, ohne sich zum Kampf zu stellen, und Manu Singh vereinigte sich mit den Briten. Obgleich der leichte Erfolg dieses Streifzuges nicht als Vorzeichen für eine ebenso leichte Unterwerfung ganz Audhs angesehen werden kann, zeigt er doch, daß die Aufständischen völlig den Mut verloren haben. Wenn es im Interesse der Briten lag, während der heißen Jahreszeit auszuruhen, so lag es im Interesse der Aufständischen, sie soviel wie möglich zu beunruhigen. Statt jedoch einen aktiven Guerillakrieg zu organisieren, die Verbindungen zwischen den vom Feind gehaltenen Städten zu unterbrechen, kleinen Gruppen aufzulauern, die Fouriere fortwährend zu beunruhigen, um die Nahrungsmittelversorgung zu verhindern, ohne die keine von den Briten gehaltene große Stadt existieren kann – begnügten sich die Eingeborenen damit, Steuern zu erheben und die Ruhe zu genießen, die ihnen von ihren Gegnern gewährt wurde. Überdies scheinen sie sogar untereinander uneinig gewesen zu sein. Auch gewinnt man nicht den Eindruck, daß sie die wenigen ruhigen Wochen dazu benutzt haben, ihre Streitkräfte zu reorganisieren, ihre Munitionsbestände aufzufüllen oder die Artillerieverluste zu ersetzen. Die Flucht der Sepoys bei Schahgandsch zeigt einen noch größeren Mangel an Vertrauen zu sich selbst und zu ihren Führern als alle bisherigen Niederlagen. Unterdessen wird die geheime Korrespondenz zwischen der Mehrzahl der Anführer und der britischen Regierung fortgesetzt, die schließlich doch gemerkt hat, daß es eigentlich undurchführbar ist, den ganzen Grund und Boden von Audh einzustecken, und die nun durchaus geneigt ist, ihn den früheren Besitzern zu annehmbaren Bedingungen wieder zu überlassen. Da auf diese Weise der endgültige Erfolg der Briten jetzt außer Zweifel steht, wird der Aufstand in Audh wahrscheinlich abklingen, ohne eine Periode aktiver Guerillakriegführung durchzumachen. Sobald sich die Mehrheit der Grundbesitzer mit den Briten einigt, werden die Einheiten der Aufständischen auseinanderfallen, und diejenigen, die von der Regierung zu viel zu befürchten haben, werden sich zu Räubern (dacoits) entwickeln, an deren Ergreifung sich die Bauernschaft gern beteiligen wird.

Die Dschagdispur-Dschungel südwestlich von Audh werden wahrscheinlich ein Zentrum für solche dacoits sein. In diesen undurchdringlichen Wäldern aus Bambus und Unterholz hat sich eine Gruppe Aufständischer unter Amar Singh festgesetzt, der eine ziemlich große Aktivität und Kenntnis des Guerillakrieges beweist; jedenfalls greift er die Briten an, wo er nur kann, anstatt ruhig auf sie zu warten. Wenn, wie befürchtet wird, ein Teil der Aufständischen aus Audh zu ihm stoßen sollte, ehe er von seinem Stützpunkt vertrieben werden kann, werden die Briten weit mehr zu tun bekommen als in der letzten Zeit. Die Dschungel haben nun fast acht Monate lang als Schlupfwinkel für die aufständischen Gruppen gedient, und diese haben die große Hauptstraße von Kalkutta nach Allahabad, die wichtigste Verbindungslinie der Briten, äußerst unsicher machen können.

Im westlichen Indien werden die Aufständischen aus Gwalior immer noch von General Roberts und Oberst Holmes verfolgt. Zur Zeit der Eroberung Gwaliors war es eine schwerwiegende Frage, welche Richtung die zurückgehende Armee einschlagen könnte; denn das ganze Marathenland und ein Teil von Radschputana schienen zur Erhebung bereit, sobald genügend starke Kräfte regulärer Truppen dort eintreffen würden, um einen Kern für den Aufstand zu bilden. Ein Rückzug der Truppen aus Gwalior in südwestlicher Richtung schien damals am wahrscheinlichsten, um ein derartiges Resultat zu erzielen. Doch aus Gründen, die wir den uns vorliegenden Berichten nicht entnehmen können, haben die Aufständischen eine nordwestliche Richtung gewählt. Sie zogen nach Dschaipur, wandten sich von dort südwärts nach Udaipur und versuchten, die Straße nach dem Marathenland zu erreichen. Doch dieses Marschieren auf Umwegen gab Roberts die Möglichkeit, sie einzuholen und ohne große Anstrengung völlig zu schlagen. Die Überreste dieser Truppe, ohne Kanonen, ohne Organisation und Munition, ohne bedeutende Führer, sind nicht die Leute, die geeignet wären, neue Erhebungen zu entfachen. Im Gegenteil, die ungeheure Menge geraubten Gutes, die sie mit sich schleppen und die alle ihre Bewegungen hemmt, scheint bereits die Habgier der Bauern angestachelt zu haben. Jeder umherstreifende Sepoy wird umgebracht und von seiner Last an Gold-Mohurs <indische Münze> befreit. Wenn es schon so weit gekommen ist, kann es General Roberts ruhig der Landbevölkerung überlassen, diese Sepoys endgültig auseinanderzujagen. Die Plünderung der Schätze Sindhias durch seine Truppen bewahrt die Briten vor einer Erneuerung des Aufstandes in einem Gebiet, das gefährlicher ist als Hindustan; denn eine Erhebung im Marathenland würde die Bombay-Armee auf eine recht harte Probe stellen.

In der Umgebung von Gwalior gibt es eine neue Meuterei. Ein kleiner Vasall von Sind, Manu Singh (nicht der Manu Singh von Audh), ist zu den Aufständischen gestoßen und hat sich der kleinen Feste Paori bemächtigt. Dieser Ort ist jedoch bereits von den Briten umzingelt und dürfte bald eingenommen sein.

Inzwischen werden die eroberten Distrikte allmählich befriedet. Die Lage in der Umgebung von Delhi soll sich durch Sir J. Lawrence so völlig beruhigt haben, daß ein Europäer in völliger Sicherheit unbewaffnet und ohne Eskorte reisen könne. Das ganze Geheimnis besteht darin, daß die Bewohner jedes Dorfes für alle in ihrem Gebiet begangenen Verbrechen oder Gewalttätigkeiten gemeinsam verantwortlich gemacht worden sind, daß eine Militärpolizei eingerichtet worden ist und daß vor allem die summarische Rechtsprechung des Kriegsgerichts, die auf die Orientalen so nachhaltig wirkt, überall in vollem Gange ist. Doch dieser Erfolg scheint eine Ausnahme zu sein, da wir aus anderen Gebieten nichts Derartiges hören. Die völlige Befriedung von Rohilkand und Audh, von Bandelkand und vielen anderen großen Provinzen wird noch eine sehr lange Zeit brauchen und den britischen Truppen und Kriegsgerichten noch viel zu schaffen machen.

Doch während der Aufstand in Hindustan klägliche Formen annimmt, die ihm fast jegliche militärische Bedeutung nehmen, hat sich in weiter Ferne, an den äußersten Grenzen Afghanistans, ein Ereignis zugetragen, das die Gefahr großer Komplikationen in sich birgt. In mehreren Sikh-Regimentern in Dera Ismail Chan ist eine Verschwörung aufgedeckt worden; man wollte die Offiziere umbringen und sich gegen die Briten erheben. Ob diese Verschwörung weitere Kreise gezogen hat, können wir nicht sagen. Vielleicht war es nur eine lokale Angelegenheit, die unter einer besonderen Kaste der Sikhs entstanden war; allein wir sind nicht in der Lage, etwas Bestimmtes zu behaupten. Auf jeden Fall ist es ein höchst gefährliches Symptom. Es stehen jetzt fast 100.000 Sikhs in der britischen Armee, und uns ist bekannt, wie dreist sie sind; sie sagen, daß sie heute für die Briten kämpfen, aber daß sie morgen ebensogut gegen sie kämpfen können, ganz wie es Gott gefalle. Da sie tapfer, leidenschaftlich und unstet sind, unterliegen sie noch mehr als andere Orientalen plötzlichen und unerwarteten Impulsen. Sollte ernstlich eine Meuterei unter ihnen ausbrechen, dann würden die Briten allerdings große Mühe haben, sich zu behaupten. Die Sikhs waren unter den Eingeborenen Indiens immer die gefürchtetsten Gegner der Briten; sie hatten ein verhältnismäßig mächtiges Reich geschaffen; sie bilden eine besondere Sekte des Brahmanismus und hassen sowohl die Hindus als auch die Muselmanen. Sie haben das britische „Radsch“ <„Reich“> in höchster Gefahr gesehen; sie haben ein gut Teil dazu beigetragen, es wiederherzustellen, und sie sind sogar davon überzeugt, daß ihr Anteil an dieser Arbeit der entscheidende war. Was ist also natürlicher, als daß sie den Gedanken hegen, die Zeit für eine Umwandlung des britischen Radsch in ein Sikh-Radsch sei gekommen, in dem ein Sikh-Kaiser von Delhi oder Kalkutta aus über Indien herrschen müsse? Vielleicht ist dieser Gedanke unter den Sikhs bei weitem noch nicht ausgereift, vielleicht hat man sie so klug verteilt, daß Europäer ihnen das Gleichgewicht halten und daß jede Erhebung leicht niedergeschlagen werden könnte; daß aber dieser Gedanke bei ihnen besteht, muß unseres Erachtens jedem klar sein, der die Berichte über das Verhalten der Sikhs nach Delhi und Lakhnau gelesen hat.

Im Augenblick jedoch haben die Briten Indien zurückerobert. Der durch die Meuterei der bengalischen Armee ausgelöste große Aufstand scheint sich tatsächlich dem Ende zu nähern. Aber diese zweite Eroberung hat Englands Einfluß auf das indische Volk nicht erhöht. Die von den britischen Truppen geübte grausame Vergeltung, angestachelt durch übertriebene und falsche Berichte über angebliche Greueltaten der Eingeborenen, und der Versuch, das Königreich Audh im großen wie im kleinen zu konfiszieren, haben keine besondere Sympathie für die Sieger hervorgerufen. Im Gegenteil, diese selbst geben zu, daß unter Hindus wie Muselmanen der überlieferte Haß gegen den christlichen Eindringling wütender denn je ist. Wie ohnmächtig dieser Haß auch im Augenblick sein mag, so ist er doch nicht ohne Bedeutung und Belang, solange jene drohende Wolke über dem Sikh-Pandschab steht. Und das ist noch nicht alles. Die beiden großen asiatischen Mächte, England und Rußland, sind jetzt an einem Punkt zwischen Sibirien und Indien angelangt, an dem russische und englische Interessen direkt aufeinanderprallen müssen. Dieser Punkt ist Peking. Binnen kurzem wird sich von hier nach dem Westen eine Linie quer über den gesamten asiatischen Kontinent erstrecken, an der diese gegensätzlichen Interessen ständig aufeinanderprallen werden. So mag die Zeit wohl nicht allzu fern sein, da „sich der Sepoy und der Kosak auf den Ebenen des Oxus begegnen werden“ und wenn diese Begegnung stattfindet, werden die anti-englischen Gefühle von 150.000 eingeborenen Indern eine sehr ernst zu nehmende Angelegenheit sein.