25. April 1925 // Artikel
Ernst Thälmann // Tiefer hinein in die Massen!

Tiefer hinein in die Massen!

25. April 1925

Die Rote Fahne vom 25. April 1925.
Thälmann, Ernst: Reden und Aufsätze zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung , Bd. 1, Berlin 1956, S. 140 – 144


Die Lehren aus dem zu Ende gehenden Wahlkampfe müssen schon jetzt gezogen und noch für die letzte Wahlarbeit und darüber hinaus für die gesamte Parteiarbeit ausgenutzt werden. Ich fasse sie in die alte Mahnung Lenins zusammen:

Tiefer hinein in die Massen!

Wir müssen tiefer in die Massen hineingehen, wir müssen uns tiefer in die Massen einwurzeln! Täuschen wir uns nicht darüber, daß die Verwirrungsmanöver unserer Feinde noch immer große Erfolge haben.

„Reichsblock“ wie „Volksblock“ führen einen Wahlkampf, der mit „Programmen“ nichts zu tun hat, sondern krasser, plumper als je auf Stimmenfang ausgeht. So öffentlich haben sie das bisher nie zugestanden. Was wir immer hervorgehoben haben, wird von ihnen bestätigt: In allen wesentlichen Fragen der Politik sind sie sich einig – von der Dawespolitik und neuen Kriegsvorbereitung bis zur schärfsten Kommunistenverfolgung und zur weiteren Verelendung der Arbeiterklasse! Diese Politik soll dem „Wiederaufbau Deutschlands“, dem „Frieden“, der „Freiheit“, dem „Wohlstand“ und sonst welchen schönen Dingen dienen. Jeden Tag verkündet der „Reichsblock“, Hindenburg wolle nicht die Rückkehr zur Monarchie, und der „Volksblock“ bestätigt: Hindenburgs „Programm“ ist „unser Programm“, nur – er wird es gar nicht durchführen können. Das alte Spiel wird wiederholt, das schon bei Luthers Regierungserklärung vorgeführt wurde: Die schwarzrotgoldenen Parteien, besonders die SPD, erklärten: Wir sind mit den Richtlinien Luthers einverstanden, es sind unsere Richtlinien, allein wir trauen Luther und seinen Ministerkollegen nicht! Die Schwarzrotgoldenen (u. a. Hermann Müller, Rudolf Breitscheid) seien am besten geeignet, die von Luther dargestellten Aufgaben zu lösen. Sie sind sich auch einig in der Stärkung des monarchistischen Einflusses. Worum sie streiten? Um die Posten, und dazu brauchen sie das „Volk“ – als Stimmvieh. So hat die SPD 8 Millionen Stimmen für Brauns Ministerpräsidentschaft verschachert. Und mehr als dieses. Sie hat das Volk, das zur Wahlurne gerufen ist, stärker als je eingelullt: Mit der Wahl werde sein Schicksal entschieden, es könne sich nach der Wahl auf den neuen Präsidenten verlassen. Gerade auf diese Illusion – die Wahl sei entscheidend – bauen „Volksblock“ und „Reichsblock“ mit ihrer Demagogie.

Vor allem die SPD hofft, durch die stärkste Förderung der Illusion, den Widerstand in ihren eigenen Reihen zu überwinden. Denn nur unter der Begründung: der Bourgeois Vertreter Dr. Marx sei gegenüber Hindenburg das „kleinere Übel“, durch Marx werde die monarchistische Reaktion gebannt, kann sie die in jahrzehntelanger Erziehung der Vorkriegszeit gegen das Zentrum eingestellte Partei zur Stimmabgabe und zur Wahlarbeit für den Zentrumsmann bringen. Pfaffe und General – das sind die Symbole des alten militaristischen Regimes, die Vertreter des berüchtigten schwarzblauen Blocks! Unter dem Eindruck der tatsächlich vorhandenen monarchistischen Gefahr versteckt sich der sozialdemokratische Arbeiter hinter dem Pfaffenrock – und fordert die revolutionären Arbeiter auf, ebenfalls zu Marx zu gehen. So viele Arbeiter bilden sich tatsächlich ein, durch die Wahl von Marx sei die Gefahr beseitigt. Die SPD führt keinen Kampf gegen die monarchistische Gefahr, die sie selbst heraufbeschworen und gestärkt hat. Die Arbeiter sollen auf das Wort „Republik“ hereinfallen und nicht nach den Tatsachen fragen.

Unsere Aufgabe war es und bleibt es: diese Illusionen als das zu enthüllen, was sie sind: eben als Illusionen. Die SPD-Führer verfechten nur ihre Führerinteressen, ihre Parlamentsmandate ihre Minister- und Beamtenposten (Regierungsräte, Stadträte Bürgermeister usw.), ihre Stellungen im Partei- und Gewerkschaftsapparat. Die können sie nur vertreten, indem sie bürgerliche Politik treiben und den „Ideen“ der Bourgeoisie dienen (Dawesplan, Garantiepakt, Produktivität der Wirtschaft, Verschärfung der Ausbeutung, Kommunistenverfolgungen, Auslieferung der Reichswehr, der Polizei, Verwaltung, Schule an die monarchistische Reaktion), also deren Verbündete und Agenten sind. Sie werben für Marx und für die Marx-Politik, um Brauns Ministerposten zu sichern! Wir sagen: Wer Marx wählt, hält seinem eigenen Henker den Strick hin, genauso, wie wenn er Hindenburg wählt!

Wir haben unsere Politik der schärfsten Kampfansage gegen die Bourgeoisie und ihre Lakaien verfochten. Wir werden sie energischer, klarer, einfacher verfechten müssen! Es genügt nicht, daß wir wissen: es gibt keinen anderen Ausweg als den Kampf. Wir müssen es den Massen begreiflich machen, wir müssen sie für den Kampf gegen vermehrte Ausbeutung und monarchistische Gefahr mobilisieren. Darum: Wir müssen tiefer, näher zu den Massen, um sie von den Agenten der Bourgeoisie loszulösen, um sie für unsere richtige Politik zu gewinnen. Das ist in Zeiten der Flaute, in Zeiten der scheinbaren Stabilisierung (die deutsche wie die internationale Bourgeoisie kommen aus Schwierigkeiten nicht heraus, jede Krise ist die Wurzel einer neuen Krise; aber sie sind jetzt nicht unmittelbar bedroht), in Zeiten nach einer großen Niederlage, wie sie das deutsche Proletariat im Jahre 1923 erlitten hat, nicht leicht. Die Bourgeoisie arbeitet mit allen Mitteln des Terrors gegen uns. Das schändliche Urteil in Leipzig hat es wieder bewiesen.

Das muß heißen: Wir müssen sie mit Geduld und Zähigkeit aufklären, wir müssen Sprachrohr aller Nöte und Vorkämpfer in allen Tagesforderungen der Massen sein, wir müssen ihnen den Tagesausweg und in Verbindung damit den Endausweg zeigen, wir müssen verstehen, ihnen aus ihren Tagesnöten die großen Zusammenhänge zu zeigen, den „kleinen“ Tageskampf in seiner Verflechtung mit dem großen nationalen und internationalen Machtkampf zu führen. Dazu gehört, daß wir in Betrieb und Gewerkschaft die unermüdlichsten, opferfreudigsten, energischsten Kollegen sind und daß wir von den Betriebszellen und Gewerkschaftsfraktionen aus unsere Arbeit einheitlich zu organisieren verstehen. Viel mehr als in akut revolutionären Zeiten hängt es in Zeiten der Niederlagenstimmung, der Passivität der Massen vom subjektiven Faktor, von der Tatkraft und Geduld der Partei ab.

„Die Revolution ist aus!“ – so frohlocken SPD und Bourgeoisie. „Die Revolution ist aus!“ – darum werden Todesurteile und 100 Jahre Freiheitsstrafen verhängt, darum werden Tausende in Bulgarien hingerichtet, darum folgen Aussperrungen über Aussperrungen.

Die Antwort aus Betrieben und Gewerkschaften, die Antwort der Arbeiter muß die von uns propagierte sein:

Die Revolution lebt!

Sie lebt in der roten Kampffront aller Ausgebeuteten und Unterdrückten unter Führung der KPD!

Die Bourgeoisie wird ihrer Schwierigkeiten nicht Herr. Sie hat Atempausen nur von Gnaden der Ausgebeuteten. Neue Krisen, neue Kämpfe kommen! Die Arbeiterschaft darf nicht blind in sie hineinlaufen, dann läuft sie in den Krieg hinein. Dann hilft sie einem neuen Monarchismus!
Wir müssen sie sehend machen, wir müssen sie erobern – Tag für Tag! Der 26. April und der 1. Mai müssen Sammeltage, Demonstrationstage werden für die rote Front!