5. Februar 1919 // Artikel
Antonio Gramsci // Ein Sowjet in Turin

Ein Sowjet in Turin

5. Februar 1919

Quelle: Christian Riechers (Hrg.): Antonio Gramsci, Philosopie der Praxis, Eine Auswahl, Frankfurt am Main 1967, S. 27–29.
Zuerst veröffentlicht in Avanti! (Turin), 5. Februar 1919.


Die Fiat-Werke sind eine nordamerikanische Kolonie geworden, in der die rechtschaffenen wilsonianischen Pioniere hartnäckig und ausdauernd daran arbeiten, in Italien des Völkerbunds ersten gesellschaftlichen Kern zu schaffen. Der Kapitalist Agnelli ist überzeugter Vertreter des dauerhaften Friedens. Überzeugt und bereitwillig. Eine große Idee hat sein Bewußtsein erobert. Kann ein Tatmensch, ein Schöpfer, ein Demiurg vom Format Giovanni Agnellis es zulassen, daß große Ideen in der Dachstube des Bewußtseins vermodern? Das Bewußtsein Giovanni Agnellis ist ein interesseloser Granitblock ohne Sprünge: Treue heißt hier Aktion, universeller Begriff bedeutet konkrete geschichtliche Tat. Agnelli ist ein moderner Mensch, ein militanter Anhänger der demokratischen Ideologie; er will die Freiheit der Völker, die Anerkennung der mit plebiszitärer Selbstbestimmung und verfassungsgebender Versammlung getauften und gefirmten Nationalitäten. Er will konkret und schafft deshalb, als treuer Kämpfer für sein Ideal, in der Aktionssphäre seines individuellen Willens die notwendigen Bedingungen, auf daß das Wahre Wirklichkeit werde, auf daß das Ideal sich als wirksames geschichtliches Institut realisiere. Und so ist Fiat organische, gesellschaftliche Kernzelle des Bundes der freien Völker geworden.

Auf daß die Völker frei seien, ist es notwendig, daß die Individuen sich zur nationalen Freiheit „disziplinieren“. Die Individuen, die aus Berufsverpflichtung und praktischen Gründen der Existenz in die Fiat-Werke gehen, könnten entgegengesetzte Interessen und dem freien Völkerbund widersprechende Ideale haben. Es ist daher notwendig, sie einer rigorosen Kontrolle, einer Desinfektion zu unterziehen und einer jeden ihrer Handlungen zuvorzukommen, die die Verwirklichung von Agnellis Gedanken stören könnten. Die Fiat-Werke, Urzelle des kommenden Völkerbundes, verwandelt sich in einen souveränen Staat mit einem Monarchen, einem ausführenden Ministerium und den Organen der normalen Staatsverwaltung, die im vulgären Sprachgebrauch Polizei heißen. Daher also die geschichtliche und rationale Rechtfertigung der „Tauben“, die die innere Ordnung der Fiat-Werke garantieren („Tauben“: eine geniale sprachliche Intuition, in denen sich Wirklichkeit, Gedanke, Frieden in der Ordnung, wohlverstandene Freiheit und Autorität vermischen; die Taube als Abzeichen der Werkspolizei gewählt zu haben, dokumentiert die moderne und wilsonianische Genialität des Cavaliere Agnelli). Die „Tauben“ haben sich schnell mit der finalistischen Dialektik des Bundes identifiziert, die anzukündigen und zu erzeugen sie bestimmt sind; sie wissen, daß die beste Regierungsmethode im Vorbeugen, nicht im Unterdrücken liegt. Deshalb nehmen sie von vornherein an, daß jeder Bürger des neuen glücklichen Fiat-Staats ein Dieb sei, und kontrollieren und kontrollieren, durchsuchen und durchstöbern. Man darf sich nicht beleidigt fühlen; das Regime der freien Völker hat seine unvermeidlichen Erfordernisse, denen man sich um des glücklichen Fortschritts der Menschheit willen unterwirft.

Wie muß man sich der politischen Kontrolle unterwerfen? Könnte sich die neue Ordnung Wilsons verwirklichen, wenn Propaganda- und Handlungsfreiheit unbesonnenen Aufwieglern gewährt würde, die unverschämterweise wagen, anders als Wilson und Agnelli zu denken? Der Völkerbund will den dauerhaften Frieden, im Inneren und nach außen. Der Klassenkampf, der die Produktions- und Tauschverhältnisse stört, bewirkt im Inneren Unwohlsein und erzeugt die Notwendigkeit äußerer Kriege. Um die Nachfrage der Belegschaften zu befriedigen, müßte der Kapitalist auf den Zentralstaat Druck ausüben, um ihn dazu zu bringen, neue Exportmärkte zu erobern; nun also, grüßen Sie mir den dauerhaften Frieden? Es ist deshalb die politische Kontrolle nötig, die die Konzentration der Arbeiter um eine Idee, die sozialistische Idee, verhindert; eine Idee, die unverschämte Bedürfnisse und unverschämte Fragen wachruft und – Gipfel der Unverschämtheit! – fruchtbare und entsprechende Mittel anrät, um die Kapitalisten zu zwingen, diese unverschämten Forderungen zu erfüllen. Daher also die rationale und geschichtliche Rechtfertigung der Gründung eines Korps zur politischen Überwachung im glücklichen souveränen Fiat-Staat, der den Arbeitern zuvorkommt, Propaganda für den Avanti! und für die Idee der proletarischen Sowjets zu treiben.

So wird Fiat zum organischen Ursprung des Völkerbundes, nicht etwa des Staatenbundes. Der politisch im Parlament zusammengefaßte Staat ist eine kleinbürgerliche politische Form. Der kapitalistische Staat ist der Völkerbund, ein ausgesprochener Klassenstaat, kosmopolitisch wie der Kapitalismus selbst. Die geschichtlich wirksamen Organe des Völkerbundes sind die industriellen Zusammenballungen, die Sowjets der Kapitalisten. In Italien ist der erste Sowjet der Kapitalisten geboren, die Fiat-Werke Giovanni Agnellis, ein kleiner lokaler Staat mit eigener Polizei, mit einem eigenen Organ der vorbeugenden Justiz, mit einem eigenen „allgemeinen“ Gesetz, das den Völkerbund begründen soll oder die ausgesprochene Diktatur des Kapitalismus. Sie schafft den Klassenkampf durch weißen Terror ab, um zu verhindern, daß Sowjets der Proletarier errichtet werden, die die Klassen mit rotem Terror abschaffen. Die historische Dialektik entwickelt sich weiter und bringt die Gegensätze zur Einheit. Wir sind beim Sowjet angekommen. Die weitere Entwicklung wird zeigen, welche geschichtliche Kraft dauerhaft das Substantiv adjektivieren wird: kapitalistisch oder proletarisch?