28. Oktober 1913 // Artikel
Franz Mehring // Die marxistische Formel

Die marxistische Formel

28. Oktober 1913

gezeichnet, Leipziger Volkszeitung Nr. 251, 28. Oktober 1913. 
Nach Gesammelte Schriften, Band 8, S. 284-287


Als im Frühjahr dieses Jahres die sozialdemokratische Fraktion der Berliner Stadtverordnetenversammlung bei gegebenem Anlass erklärte, dass die Arbeiterklasse keinen Anlass habe, der Zeit von 1813 feierlich zu gedenken, da erhob sich in der Parteipresse sofort lebhafter Widerspruch, und es gehört zu den erfreulichen Erscheinungen unsres Parteilebens, dass die Partei im allgemeinen bei allem noch so notwendigen und schroffen Widerspruch gegen den byzantinisch-monarchistischen Festschwindel doch dem Befreiungskriege gerecht zu werden verstanden hat.

Um so peinlicher berührt es, wenn die „ap.-Korrespondenz“1 in einem Artikel, der auch in die „Leipziger Volkszeitung“ übergegangen ist, eine „Nachbetrachtung zur Völkerschlachtfeier“ anstellt, die wieder auf den Standpunkt zurückkehrt, dass die Sozialdemokratie keinen Anlass gehabt hätte, des Jahres 1813 feierlich zu gedenken. Sie beruft sich dabei auf einen Artikel des „Vorwärts“, von dem wir dahingestellt sein lassen, ob er anfechtbar gewesen ist. Das Zentralorgan hat, wie üblich, auch in dieser Frage keine prinzipiell klare Stellung eingenommen, aber da es ebendeshalb nicht vor, sondern hinter der Parteipresse marschiert, so kommt nichts darauf an, ob es einmal danebengehauen hat oder nicht. Der andere Fall aber, der die Stirn der „ap.-Korrespondenz“ in finstere Falten legt, ist die Beteiligung unserer Jenaer Genossen an einer Festsitzung des Gemeinderats zur Erinnerung an die Leipziger Schlacht, wobei sie auf „das deutsche Volk und Vaterland gehocht“ haben sollen. Tatsächlich haben die Jenaer Genossen sich an einer Feier beteiligt, deren Redner die historische Entwicklungslinie von den preußischen Landwehrmännern über die bürgerliche Demokratie von 1848 bis zu August Bebel gezogen hat, und da brauchen sie wirklich nicht die Entschuldigung der Kleinstädterei, die ihnen die „ap.-Korrespondenz“ großmütig gewährt. In der „kleinen Stadt“ besitzt man dann mehr von marxistischem Geiste, als in mancher Großstadt vorhanden zu sein scheint.

Die „ap.-Korrespondenz“ ist so gütig anzuerkennen, dass die Fichte, Arndt, Gneisenau „ganze Kerle“ gewesen seien, aber „wie völlig fremd ist ihr Geist doch der heutigen revolutionären Klasse“! Das „freie Deutschland“, das sie meinten und das durch die Fürsten eskamotiert wurde, wäre nach Ansicht der „ap.-Korrespondenz“ bestenfalls ein bürgerliches Deutschland gewesen. Das ist ja auch unbestreitbar; wir geben zu, dass die Fichte und Arndt und Gneisenau noch keine Ahnung vom Erfurter Programm gehabt haben. Aber welch ein „Opportunist“ war dann der unglückliche Lassalle, der die Jenaer Genossen noch weit übertroffen und eine begeisterte Festrede zu Fichtes hundertstem Geburtstage nicht nur angehört, sondern sogar selbst gehalten hat. Damit hat er gar noch Schule gemacht, denn vor wenigen Jahren erst hat die ganze Partei auch Schillers hundertsten Geburtstag gefeiert, obgleich es vollkommen richtig ist, dass – um mit der „ap.-Korrespondenz“ zu sprechen – die „Freiheit“, die Schiller meinte, „bei ihrer vollständigen Verwirklichung nur die schrankenlose Herrschaft des Kapitals, die schlimme Ausbeutung des Volkes bedeutet“ hätte.

Es lohnt sich in der Tat nicht, ernsthaft über die Auffassung der „ap.-Korrespondenz“ zu streiten. Wenn wir uns in eine Auseinandersetzung mit ihr einlassen, so geschieht es nur, weil wir die marxistische Formel, die das geistige Leben der Partei zu erwürgen droht, in diesem Falle geradezu mit Händen greifen können. Man kann der unsterblichen Geistesarbeit eines Marx, die uns einen freien und überlegenen Blick in die tiefsten Zusammenhänge der historischen Entwicklung gegeben hat, nicht ärger spotten, als wenn man sie in die Forderung verknöchert, alles zu missachten und über die Schulter anzusehen, was vor Marx gewesen ist.

Die Erhebung der Landwehren von 1813 war ein mit unvergleichlichem Heldenmut geführter Kampf gegen eine unbarmherzige Ausbeutung und Unterdrückung, und die heutige Arbeiterklasse, die in einem gleichen Kampfe steht, hat allen Anlass, derer ehrend zu gedenken, die jenen Kampf geführt haben. Es ist gar nichts damit gesagt, dass Napoleon eine Masse feudalen Unrats vom deutschen Boden gefegt habe und der Kampf gegen ihn ein Kampf gegen die Revolution gewesen sei. Der Kapitalismus hat allem feudalen Wesen oder Unwesen noch ganz anders mitgespielt, als Napoleon konnte oder wollte; er ist der größte Revolutionär, den die Welt je gesehen hat. Gleichwohl erheben wir uns gegen die kapitalistische Ausbeutung und Unterdrückung, und wir können uns nichts besseres wünschen, als dass wir unsern Kampf gegen sie so ausdauernd und siegreich führen, wie die Landwehren vor hundert Jahren den Ihrigen gegen die napoleonische Ausbeutung und Unterdrückung geführt haben.

Der wirkliche Unterschied zwischen damals und heute besteht darin, dass wir wissen, wie alle Ausbeutung und Unterdrückung mit der Wurzel ausgerottet werden kann, was unsre Vorfahren vor hundert Jahren nicht wussten und auch unmöglich wissen konnten. Dieses Unterschiedes sollen wir uns immer bewusst bleiben, aber unsre schärfere und tiefere Erkenntnis berechtigt uns nicht, hochmütig auf die Kämpfer von 1813 herabzusehen. Das war am wenigsten die Art des Mannes, dem wir in erster Reihe unsre schärfere und tiefere Erkenntnis verdanken. Seine Sympathien waren allemal mit denen, die, soweit die geschichtliche Kunde reicht, gegen Ausbeutung und Unterdrückung gekämpft haben, und dabei sollte es auch für uns bleiben.

Würde es sich bei dem Artikel der „ap.-Korrespondenz“ nur um eine gelegentliche Entgleisung handeln, so könnte man gern ein Auge zudrücken. Aber es ist System in der Sache. Erst vor wenigen Monaten wurde ein wissenschaftliches Werk der Genossin Luxemburg2, das eine Fülle neuen Lichts über die wichtigsten Probleme des proletarischen Klassenkampfes verbreitet, totzuschlagen versucht, weil einige marxistische Formeln darin als unrichtig nachgewiesen wurden. In dasselbe Fach gehört der subalterne Fanatismus, womit kürzlich in der „Neuen Zeit“ die glorreichen Anfänge der deutschen Sozialdemokratie als „opportunistisch“ verschrien wurden, weil sie nicht in die marxistische Formel zu pressen sind, so sehr sie sich mit marxistischem Geiste vertragen.3 Der erste große Schritt, sagt Engels einmal, womit eine moderne Arbeiterbewegung zu beginnen hat, ist ihre Konstituierung als besondere Arbeiterpartei, einerlei wie, und sei es selbst mit einem äußerst konfusen und mangelhaften Programm4, was übrigens viel mehr auf die ehemaligen Eisenacher als die ehemaligen Lassalleaner zutraf. Es ist derselbe Engels, der aufs eindringlichste davor gewarnt hat, die Marxsche Theorie der Entwicklung auf eine starre Orthodoxie herniederzubringen5, zu der die Arbeiter sich nicht aus ihrem eigenen Klassengefühl emporarbeiten sollen, sondern die sie als Glaubensartikel sofort und ohne Entwicklung hinunterzuwürgen haben.

Überflüssig zu sagen, dass die Verknöcherung des Marxismus in allerhand Formelkram nur dem Revisionismus auf die Beine hilft und nicht nur ihm. Insbesondere der Versuch der „ap.-Korrespondenz“, der ostelbischen Bevölkerung historische Erinnerungen zu vergällen, die ihr mit Recht teuer sind, erinnert an eine bekannte Anekdote aus dem frühen Mittelalter. Ein heidnischer Germanenhäuptling wollte eben ins Bad der christlichen Taufe steigen, als er zur Beseitigung seiner letzten Zweifel an den taufenden Priester die Frage richtete: Sind meine tapferen Vorfahren im Himmel oder in der Hölle? Der Priester antwortete: Natürlich in der Hölle, worauf ihm der Täufling den Rücken kehrte: Na, dann will ich lieber mit meinen Eltern in der Hölle braten, als ohne sie in deinem Himmel selig sein.

Seit manchem Jahrhundert hat dieser heidnische Naturbursche die Lacher auf seiner Seite gehabt und nicht der priesterliche Taps. Und wenn anders die ehrlichste Politik auch stets die klügste Politik ist, so wollen wir den Landwehren von 1813 nicht die historischen Ehren versagen, die sie sich mit Strömen von Blut und Schweiß erkauft haben.


Anmerkungen

1. Gemeint sind Artikel von Anton Pannekoek (1873-1960), die dieser als Schulungsleiter der Sozialdemokratischen Partei in Bremen verfasste. Sie wurden vervielfältigt, an die Redaktionen der sozialdemokratischen Presseorgane verschickt und stets in der „Bremer Bürger-Zeitung“ abgedruckt. Sie erschienen bis zum Ausbruch des ersten Weltkrieges.

2. Rosa Luxemburg: Die Akkumulation des Kapitals. Ein Beitrag zur ökonomischen Erklärung des Imperialismus, Berlin 1913.

3. Gemeint ist der Artikel von K. Kautsky: Nachgedanken zu den nachdenklichen Betrachtungen. In: Die Neue Zeit, 31. Jg. 1912/13, Zweiter Band, S. 532-540 und 558-568.

4. Zum Beispiel: „Der erste große Schritt, worauf es in jedem neu in die Bewegung eintretenden Land ankommt, ist immer die Konstituierung der Arbeiter als selbständige politische Partei, einerlei wie, solange es nur eine distinkte Arbeiterpartei ist.“ (Engels an F. A. Sorge, 29. November 1886. In: Karl Marx/Friedrich Engels: Ausgewählte Briefe, Berlin 1953, S. 470.)

5. Engels an F. Kelley-Wischnewetzky, 28. Dezember 1886. In: Ebenda, S. 475.