1900 // Artikel
Rosa Luxemburg // Zur Verteidigung der Nationalität

Zur Verteidigung der Nationalität

1900

Roza Luksemburg: W obronie narodowolci, Poznan 1900.
Rosa Luxemburg, Gesammelte Werke, Bd. 1, 1. Halbbd., Berlin 1982, S. 810–28.


1. Das System der Entnationalisierung

Auf das polnische Volk wurde von seiten der preußischen Regierung ein neuer Anschlag verübt! Durch die Verordnung des Kultusministers Studt werden die letzten Reste der polnischen Sprache in den Schulen der Stadt Posen beseitigt 1 der einzige bisher noch in polnischer Sprache abgehaltene [Unterricht, der] Religionsunterricht, wird von nun an ebenfalls in deutscher Sprache gelehrt werden! Unsere Kinder, die den halben Tag in der Schule zubringen, sollen während dieser Zeit kein Wort in der Sprache ihres Volkes, in der Sprache ihrer Väter und Mütter mehr hören. Die Bildung, die geistige Nahrung, die sie für das ganze Leben in der Schule in sich aufnehmen sollen, wird ihnen in einer völlig fremden und für sie unverständlichen Sprache dargeboten! Sind das nicht unerhörte Verhältnisse? Die Schulen werden doch dazu gegründet, das Volk schickt doch seine Kinder dazu in die Schulen, damit sie in ihnen das Licht der Wissenschaft in sich aufnehmen, damit sie zu verständigen und gebildeten Menschen heranwachsen, sich selbst zum Nutzen und ihrem Lande zur Freude. In Posen indessen soll die Schule nicht der Bildung der Kinder dienen, sondern dazu, sie zu geistigen Krüppeln zu machen, die ihre eigene Nationalität und Sprache nicht kennen, nicht zur Saat von Wissen und Zivilisation, sondern zur gewaltsamen Verbreitung des Deutschtums.

Das ist nicht der erste Anschlag der preußischen Behörden auf unsere Sprache und unsere Nationalität. Seit mehr als zwanzig Jahren verdrängt die Regierung Schritt für Schritt die polnische Sprache aus den Posener Schulen, beseitigt sie das polnische Element aus den Ämtern und aus dem öffentlichen Leben, verwendet sie Hunderte von Millionen für die „Kolonisation“, d. h. für die Eindeutschung unserer Gegenden, ist sie bemüht, Deutsche – Bauern und Handwerker – gewaltsam auf polnischen Boden zu verpflanzen, und all das mit einer Hartnäckigkeit und Ausdauer, die einer besseren Sache würdig wären.

Was wollen sie dadurch erreichen? Es ist klar: Die polnische Sprache, die polnische Nationalität sollen in Preußen verschwinden, drei Millionen des polnischen Volkes sollen vergessen, daß sie als Polen geboren wurden, und sich in Deutsche verwandeln! Die Kinder sollen die Sprache ihrer Väter und Mütter vergessen, die Enkel sollen vergessen, daß ihre Großväter einst auf polnischem Boden lebten!

Die Haare stehen einem zu Berge, wenn man diese Versuche bedenkt, und die Faust ballt sich aus Verzweiflung, daß derartige Dinge am hellichten Tage vor den Augen des gesamten Europas und der ganzen zivilisierten Welt seit Jahrzehnten geschehen, und keiner der Mächtigen läßt sich vernehmen, niemand drängt die germanisierende Übermacht zurück; die Hakatisten 2 spotten nur unserer Ohnmacht und führen in größter Ruhe ihr Werk der Entwurzelung des Polentums weiter, als täten sie das ehrbarste und rechtmäßigste Werk der Welt. Es ist also ein Verbrechen, in der eigenen Sprache zu sprechen, die man mit der Muttermilch eingesogen hat, es ist also ein Vergehen, einem Volke anzugehören, in dem man zur Welt gekommen ist.

Wahrlich, es ist höchste Zeit, daß das polnische Volk seine Leblosigkeit abschüttelt, daß es seiner Empörung Ausdruck gibt, daß es sich zum Kampf gegen die Germanisierung erhebt. Auf welche Weise ist dieser Kampf zu führen, auf welchem Wege ist die Verteidigung der polnischen Nationalität am wirksamsten zu erreichen – das sind Fragen, über die es ernstlich nachzudenken verlohnt.

2. Wessen Schuld?

Vor allem, wer sind die wahren Schuldigen dieser Unterdrückung, die die Polen in Preußen erleiden müssen? Wen sollen wir für diese Germanisierungsgewalttaten verantwortlich machen? Gewöhnlich sagt man: Der Deutsche ist schuld, die Deutschen unterdrücken uns. So schreiben immer unsere polnischen Zeitungen im Posenschen. Aber ist es denn möglich, die Schuld auf das ganze deutsche Volk zu schieben, auf die ganzen 50 Millionen Deutsche? Das wäre eine große Ungerechtigkeit, und das wäre vor allem ein grober Fehler, durch den wir selbst am meisten zu leiden hätten. Sich die Sache deutlich vorzustellen, wo die eigentliche Ursache unserer Unterdrückung liegt, ist unbedingt notwendig, wenn wir uns ernsthaft und erfolgreich an die Verteidigung unserer bedrohten Nationalität machen wollen.

Es ist sonnenklar, daß vor allem die preußische Regierung der Urheber der Germanisierung ist. Sie ist es, die eigenhändig seit Jahrzehnten eine Unterdrückungspolitik gegenüber den Polen führt. Die preußischen Kultusminister geben eine Verordnung nach der anderen heraus, die die polnische Sprache aus den Schulen verdrängen, die preußischen Innenminister befehlen der Polizei, polnische Volksversammlungen in Oberschlesien und in anderen Provinzen aufzulösen, die preußischen Präsidenten und Landräte erfinden auf eigene Faust Dutzende von Methoden, um die polnische Bevölkerung zu schikanieren und zu reizen. Hinter der preußischen Regierung aber steht wie eine Mauer die Regierung des Deutschen Reiches, deren Kanzler zugleich preußischer Ministerpräsident ist, so daß zwischen der gesamtdeutschen und der preußischen Regierung gewöhnlich die vorzüglichste Harmonie herrscht, insbesondere, wenn es sich um die Verfolgung der Polen handelt.

Aber die Regierungsbehörden wären, obwohl sie gewaltige Mittel in ihren Händen haben, völlig machtlos, wenn ihnen einflußreiche Schichten der deutschen Gesellschaft Widerstand leisten würden. Gegen den ausdrücklichen Willen dieser Kreise würde es die deutsche Regierung und noch weniger die preußische niemals wagen, die Polen mit einer derartigen Verbissenheit zu verfolgen. Keine Regierung ist imstande, sich lange zu halten, wenn die ganze Gesellschaft aufrichtig und energisch ihre Politik verurteilt. Die Germanisierungspolitik der Regierungsstellen muß also in gewissen Schichten des deutschen Volkes sicher Unterstützung finden und findet sie auch wirklich. Wir kennen doch jene Herren Hakatisten gut, die die öffentliche Meinung auf die Polen hetzen wie den Hund auf den Hasen, die ungebeten, aus eigenem bösen Willen spezielle Vereine zur Ausrottung des Polentums gründen. Diese entschiedensten Aufwiegler zur Germanisierung gehören größtenteils der Klasse der deutschen Gutsbesitzer und Fabrikanten an. Es ist auch wahr, daß sich nur eine Meine Handvoll der deutschen Gutsbesitzer und Industriellen unter die schändliche Fahne des Hakatismus gestellt hat. Aber wie verhalten sich wohl die breitesten Schichten angesichts der Übergriffe des Hakatismus und der Germanisierungsverordnungen der Regierung? Protestieren sie, sind sie empört, suchen sie diese Politik zu verhindern? Die beste Antwort gibt ein Blick in die deutsche Presse und auf das Verhalten der verschiedenen Parteien im deutschen Reichstag und im preußischen Landtag.

Sowohl in ihrer Presse als auch im Parlament und im Landtag verhalten sich fast alle deutschen Parteien entweder geradezu wohlwollend zum Hakatismus oder mit kalter Gleichgültigkeit gegenüber den Verfolgungen des Polentums, oder sie schwingen sich bestenfalls zu einem leisen Murren über die Erscheinungen auf, gegen die jeder gerechte Mensch Blitze schleudern müßte. Die Konservativen und die Liberalen, jene Parteien der Großgrundbesitzer und der Industriemillionäre, knirschen bei jeder Gelegenheit geradezu mit den Zähnen über die Polen und klatschen jedweden Germanisierungsanschlägen der Regierung Beifall. Die sogenannten Freisinnigen verschiedener Schattierungen, d. h. die Vertreter der Handels- und Finanz- weit, begünstigen teilweise im Geiste ebenfalls die Ausrottung des Polentums, teilweise – um ihre Ehre zu wahren, denn sie nennen sich doch nicht umsonst „Freisinnige“! – knurren sie von Zeit zu Zeit in dieser oder jener kleinen Zeitung über den Hakatismus. Dieses Knurren beachtet die Regierung natürlich genausowenig wie das Bellen eines Hundes. Die katholische Partei schließlich, das sogenannte Zentrum, an welchem sich die Polen in Preußen seit Jahrzehnten festhalten wie ein Betrunkener am Laternenpfahl, dieses Zentrum tut ebenfalls zum Schutze des polnischen Volkes nur so viel, daß es in seinen Zeitungen von Zeit zu Zeit seinige scheinbar boshafte Bemerkungen über die Germanisierungsversudie der Regierung und der Hakatisten schreibt. Im Grunde jedoch sind diese Kritiker des Zentrums gewöhnlich sogenannte „Waschlappen“, über die sich die Regierung selbstverständlich insgeheim lustig macht. Wenn der Zentrumspartei tatsächlich und aufrichtig an der Verteidigung der Polen gelegen wäre, so fände sie ein Mittel dafür! Das Zentrum ist doch die stärkste Partei im Parlament, die die meisten, die 107 Abgeordnete zählt. Kein wichtiges Gesetz kann im Parlament gegen den Widerstand des Zentrums durchgebracht werden. So war es zum Beispiel mit dem letzten Projekt der Flottenverstärkung 3, an dem der Regierung so viel gelegen war. Solange die Zentrumspartei die Nase rümpfte und vorgab, daß sie mit dieser neuen Belastung für das arme Volk nicht einverstanden sei, so lange hing die ganze Regierungsvorlage an einem Faden, und die Minister antichambrierten in der Zentrumspartei, um sie mit allen Mitteln zu besänftigen und zur Zustimmung zu bewegen. Wenn nun, angenommen, das Zentrum damals erklärt hätte: Wir sind mit der Flottenverstärkung so lange nicht einverstanden, bis die Regierung feierlich verspricht, daß sie alle weiteren Verfolgungen des polnischen Volkes unterläßt, so hätte die Regierung sicher nachgeben müssen, und die katholische Partei hätte bewiesen, daß ihr die polnische Sache tatsächlich am Herzen liegt. Aber das Zentrum dachte damals nicht einmal an die Polen, sondern stellte eine andere Bedingung: daß es der Verdoppelung der Flotte zustimmen werde, wenn die Regierung die Erhöhung der Zölle für Getreide und andere Lebensmittelprodukte verspricht! Das Zentrum zeigte also, daß dieser „katholischen“ Partei nicht die Freiheit des Gewissens und der Nationalität von drei Millionen polnischer Katholiken am Herzen liegt, sondern die Geldsackinteressen von einigen tausend Großgrundbesitzern in Deutschland, denen die Verteuerung der landwirtschaftlichen Produkte durch Zölle goldene Profite in die Taschen treibt. Daß aber diese Teuerung Tausenden von Vätern und Müttern aus der armen Bevölkerung Tränen über ihr Unglück herauspreßt – solche Dinge beachtet die Zentrumspartei nicht.

In der Tat, wie kann man da an die Freundschaft der Zentrumsleute mit dem polnischen Volk glauben, wie von ihnen eine aufrichtige Verteidigung des bedrückten Polentums erwarten, wenn die Zentrumspartei, besonders in Preußen, hauptsächlich aus Großgrundbesitzern besteht und aus sogenannten Kohlenbaronen, d. h. aus dem Adel und aus Millionären, genauso wie die anderen aufgezählten Parteien, die Konservativen oder die Nationalliberalen. Vom deutschen Adel und den Industriemillionären aber eine Verteidigung des bedrückten polnischen Volkes zu erwarten wäre reiner Wahnsinn. Bekanntlich werden die meisten Zentrumsabgeordneten in Oberschlesien, in der Rheinprovinz und in Westfalen gewählt, d. h. gerade in all jenen Gegenden, wo sich die großen Kohlengruben und Hütten befinden. Diese „katholischen“ Grafen verdienen Millionen an ihren Gruben; und wer arbeitet in ihnen Tag und Nacht, in Finsternis und Stickluft, um den Grafen der Zentrumspartei das Gold zu vermehren? Das arme polnische Volk! In Oberschlesien schuften Hunderttausende von polnischen Berg- und Hüttenarbeitern im Schweiße ihres Angesichts für die Herren Ballestrem, Donnersmarck und andere; in Westfalen und in der Rheinprovinz vegetieren Tausende des polnischen Volkes, die ebenfalls in das Joch der Gruben- und Hüttenarbeit gespannt sind.

Aus der Arbeit, dem Elend und der Benachteiligung dieses polnischen Volkes häufen die katholischen Grafen Millionen an, indem sie dem polnischen Bergmann nur so viel Lohn geben, daß er sich gerade ernähren kann, indem sie ihn in Elend und Schmutz halten, schlimmer als ihre Schweine oder Kühe im Stall. Wie kann man da erwarten, daß diese „katholischen“ Grafen sich des bedrückten polnischen Volkes annehmen könnten, wo sie doch selbst vom Unrecht, das sie diesem Volk antun, leben? Wie sollen diese Zentrumsgrafen dafür sorgen, daß das Kind des polnischen Volkes sein Gebet in der Muttersprache verrichten kann, wo sie dieses polnische Volk in einem solchen Elend halten, daß es für seine Kinder kein Stück Brot und keine Kleidung hat!

Die Hoffnungen der Polen auf die Hilfe der Zentrumspartei stammen aus früheren Zeiten, als Bismarck den Katholizismus im Deutschen Reich in brutalster Weise verfolgte und damit die Katholiken zwang, sich für die Verteidigung ihres Glaubens zusammenzuschließen. Zu jener Zeit des sogenannten Kulturkampfes 4, vor 10–15 Jahren, war die Zentrumspartei nicht so stark wie heute und konnte angesichts der Übermacht der Nationalliberalen, d. h. der protestantischen Kapitalisten, im Parlament keinen großen Einfluß ausüben. Die Bismarcksche Verfolgung vereinigte unter dem Zentrumsbanner Katholiken der verschiedensten Stände: schlesische und oberschlesische Magnaten, rheinische Handwerker, bayerische Bauern und sogar einen Teil der Arbeiterklasse. Infolgedessen wurde die katholische Partei gewissermaßen zu einer Vertreterin der arbeitenden Volksschichten und nahm unter deren Druck eine demokratische, fortschrittliche Gestalt an.

Damals trat auch die katholische Partei gegen die Regierung auf, gegen die Bedrückung des Volkes durch hohe Steuern, Zölle und die Einziehung zum Militär; auch gegen alle Angriffe auf die Gewissensfreiheit, die Sprache und die Nationalität. Damals wurde auch die polnische Frage vom Zentrum eifriger verteidigt, da, wie man sagt, der Hungrige den Hungrigen und der Geschlagene den Geschlagenen am besten versteht. Als die deutschen Katholiken am eigenen Leibe zu fühlen bekamen, was Verfolgung, Unterdrückung und Ungerechtigkeit seitens der Regierung bedeuten, hatten sie auch für die Bedrückung der Polen ein empfindsames Herz.

Doch die Zeiten haben sich geändert, den „Kulturkampf“ mitsamt seinem Schöpfer, Bismarck, holte der Teufel. Die Regierung begriff, daß sie durch die Verfolgung der Katholiken diese nur vereinte, stärkte und zu ihren Feinden machte. Heute ist die katholische Partei, wie wir schon sagten, die stärkste im deutschen Parlament, die Regierung muß nach ihrer Pfeife tanzen, die Verfolgungen des Katholizismus haben aufgehört, und die Zeitungen munkeln sogar, daß es den Jesuitenpatern bald gestattet werden wird, nach Deutschland zurückzukehren. Aber wie hat sich durch diese Umstände die katholische Partei geändert! Als die Bedrückung des Katholizismus aufhörte und da die eigene Haut nicht mehr schmerzt, hörte auch das Fremden angetane Unrecht auf, die Zentrumsleute zu interessieren. In diesem bunten Durcheinander von Schichten und Ständen, das die katholische Partei darstellt, gelangen die Magnaten, die Industriellen, mit einem Wort, die Parasiten und Reaktionäre immer mehr an die Spitze. Auch die ganze Politik des Zentrums nimmt eine andere Gestalt an. Verschwunden sind Mitleid und Sorge um das arme arbeitende Volk, verschwunden ist auch die Sorge um die Polen. Heute stimmt die katholische Partei im Parlament für die Erhöhung der Zölle, d. h. für die Verteuerung der Lebensmittel, erfindet selbst noch neue Steuern für die Bevölkerung, stimmt für die Vergrößerung des Heeres und der Flotte im „lieben deutschen Vaterland“; die Polen aber hat sie fast vergessen und zeigt ihnen nur von Zeit zu Zeit ein freundliches Gesicht, um sie an der Leine führen zu können und damit die polnischen Abgeordneten im Parlament wie früher auf das Kommando des Zentrums hören. Die Verteidigung des Katholizismus ist gegenwärtig für das Zentrum nur noch ein verblichenes Firmenschild, eine leere Phrase; endlich ist es an den Tag gekommen, daß eine Partei, die aus Magnaten, Grafen und Industriemillionären besteht, keine Verteidigerin der Bedrückten und Schwachen sein kann. Früher waren die Zentrumsleute Feinde der deutschen Regierung und Freunde des Volkes, heute sind sie Freunde der Regierung und Feinde des Volkes. Das sollte endlich unser polnisches Volk begreifen und aufhören, sich auf Grund vergangener, unwiederbringlicher Zeiten an die Türklinke der Katholikenpartei zu klammern.

Wir werden also bei keiner der genannten deutschen Parteien Schutz finden. Wenn die deutsche Regierung, wenn die preußischen Minister es sich erlauben, die Polen so offen zu verfolgen, und das Hakatistengesindel es wagt, uns laut anzukeifen, so tragen die Verantwortung dafür gerade alle die Klassen des deutschen Volkes, die entweder durch ihren Beifall oder ihr Schweigen oder durch heuchlerische Verteidigung des Polentums nur den Druck der Germanisierung aufrechterhalten. Es ist ihre Schuld, daß es die Regierung wagt, drei Millionen deutscher Bürger wie Wesen zweiter Klasse zu behandeln, denen es nicht einmal erlaubt ist, eine eigene Sprache zu haben und, wie man sagt, Gott auf ihre Weise zu preisen! Gegen das polnische Volk halten der Adel, die Magnaten, Fabrikanten, Bankiers und Kohlengrubenbesitzer, mit einem Wort, diese ganze Klasse der Reichen und Begüterten, die von fremder Hände Arbeit und der Ausbeutung des armen Volkes lebt, mit der deutschen Regierung zusammen. Ob Protestanten, ob Katholiken, ob Juden – uns gegenüber sind sie alle gleich, ebenso wie die preußische Regierung, die uns entnationalisiert.

Das ist auch nicht weiter verwunderlich. Solche Leute wie der Adel, die Industriellen, die Kapitalisten kennen in der Politik nur ein Ziel – den Geldprofit, ihr Götze ist das goldene Kalb und ihr Glaube die Ausbeutung. Alle anderen Losungen und Phrasen, die ihre verschiedenen Parteien verkünden, wie „Patriotismus“, „katholischer Glaube“, „Freisinn“, „Antisemitismus“, „Fortschritt“, das sind nur Mäntelchen von verschiedener Farbe und Form, hinter denen sich immer ein und dasselbe Ziel verbirgt: Gewinnsucht und Gier nach Bereicherung. Wenn die preußischen Konservativen und Freisinnigen so glühende deutsche Patrioten sind und die Polen gewaltsam in Deutsche umwandeln wollen, so geschieht das aus keinem anderen Grunde als dem, weil das Germanisierungs„geschäft“ nach Gewinn riecht. Ist das denn nicht angenehm für das deutsche Bürgertum, daß es Tausende seiner Söhnchen in einkömmlichen Stellungen im Posenschen als Beamte, Lehrer, Zeitungsschreiberlinge, Kaufleute und Handwerker unterbringen und endlich einen Teil seiner Bauern mit polnischem Boden satt machen kann? Alles dies wäre verloren, müßte in polnischen Händen bleiben, wenn nicht die Notwendigkeit erfunden worden wäre, die Polen einzudeutschen. Es lebe also das liebe „deutsche Vaterland“, welches sich auch diesmal als Milchkuh benutzen ließ, und los auf die Polen!

Wenn sich der deutsche Patriotismus aber einmal nicht auszahlt, so drehen sich dieselben preußischen Konservativen sofort wie eine Wetterfahne im Wind. So ist zum Beispiel bekannt, daß die deutschen Bauernknechte in Scharen aus Preußen nach dem Westen, in die Industriestädte fliehen, da sie auf den preußischen Gütern nicht mehr Hunger und Prügel dulden wollen. Aber der arme polnische Bauernknecht von jenseits der Grenze, aus dem Königreich Polen, ist mit allem einverstanden, ist unwissend und deshalb sanft wie ein Lamm. Und dieselben deutschen Magnaten, die in Preußen jede Spur des Polentums so sehr beseitigen wollen und jeden Augenblick „lieb Vaterland“ im Munde haben, lassen zu Tausenden polnische Bauernknechte aus dem Königreich kommep, weil sie billiger und dümmer sind, weil sie sich leichter das Fell über die Ohren ziehen lassen und über die Peitsche nicht böse sind. Wenn also die Ausrottung des Polentums lohnt, dann hoch der Hakatismus! Ist aber die Verbreitung des Polentums für das Gut nötig, so möge der dumme polnische Knecht gegrüßt sein! Wenn nur der Profit fließt!

Wir erwähnten schon oben, daß auch das Zentrum, die deutschen Katholiken, die die Phrase von der Verteidigung des Glaubens und der Freundschaft mit den Polen im Munde führen, sich gleichzeitig durch die Arbeit des polnischen katholischen Berg- und Hüttenarbeiters in Oberschlesien mästen. Auch für sie ist der Profit das einzige Glaubensbekenntnis, während Gerechtigkeit, Verteidigung der Bedrückten, Rede- und Gewissensfreiheit nur Phrasen sind, die sie verkünden oder mit Füßen treten, je nachdem, „was das Geschäft verlangt“.

So sieht der obere Teil, die herrschende Schicht der deutschen Gesellschaft aus. Sie ist nicht besser oder schlechter als in allen anderen Ländern, nur findet sie heute in keinem anderen Lande so naive Leute wie bei uns im Posenschen, die von dieser Volksschicht Schutz für die Schwachen und Bedrückten, von den Wölfen Schutz für die Lämmer erwarten.

3. Unsere Verbündeten

Es gibt im deutschen Volk nur eine Partei, die uns aufrichtig zugetan ist und gegen die Germanisierung wie gegen jegliche Rechtlosigkeit nicht nur ihre laute Stimme, sondern auch die geballte Faust erhebt. Diese Partei ist die Sozialdemokratie, die Partei der deutschen Arbeiter.

Diese können vor allem aus der Verfolgung der Polen für sich keinen Nutzen erlangen wie jene höheren Klassen der deutschen Gesellschaft, die nach Gewinn und guten Stellen bei uns Jagd machen. Der deutsche Arbeiter ebenso wie unser polnischer Arbeiter oder Handwerker lebt überhaupt niemals von Unrecht, das er anderen tut, sondern von seiner eigenen schweren, aber ehrlichen Arbeit. Nicht er ist Bedrücker der anderen, sondern – jawohl – er selbst ist ein Bedrückter, und deshalb fühlt und begreift er auch unsere Bedrückung, weil er selbst und von denselben bedrückt wird, die uns, die Polen, peinigen – von der deutschen Regierung und von den Parteien, die wir vorher aufgezählt haben.

So, wie gegen die Polen seit mehr als zwanzig Jahren eine Verordnung nach der anderen erlassen wird, so veranstaltet auch ihre eigene deutsche Regierung seit Jahrzehnten ein Kesseltreiben auf die deutschen Arbeiter, d. h., seitdem das deutsche arbeitende Volk begann, seinen Kopf zu erheben, sich zu bilden und sich gegen Unrecht und Ausbeutung zu wehren. Ja, gegen uns kämpfen sie hauptsächlich auf dem Wege administrativer Verordnungen, das arbeitende Volk in Deutschland wurde dagegen vor 22 Jahren, im Jahre 1878, durch das sogenannte Ausnahmegesetz gegen die Sozialisten direkt für vogelfrei erklärt. Obwohl die deutsche Verfassung allen deutschen Bürgern Gleichheit vor dem Gesetz, Presse-, Rede-, Gewissens- und Koalitionsfreiheit garantiert, so durften die sozialistischen Arbeiter weder Zeitungen für ihre eigene Aufklärung drucken noch auf Versammlungen von ihren Angelegenheiten sprechen oder Verbände gründen, für alles das wurden sie mit Gefängnis bestraft. Ganze elf Jahre dauerte diese Rechtlosigkeit der deutschen Arbeiter, und in dieser Zeit schmachteten Tausende von ihnen jahrelang hinter Gefängnis- mauern, Hunderte mußten ihr Land, mußten ihr eigenes Vaterland verlassen, um sich vor Verfolgungen zu schützen, mußten ihre Frauen und Kinder dem Hunger und dem Elend preisgeben, währenddessen sie in der Fremde ein gastliches Dach, bürgerliche Freiheit und Gleichheit vor dem Gesetz suchten.

Und wer war der Hauptschuldige dieser Verfolgungen? Derselbe Bismarck, der die Ausrottung des Polentums durch die Gründung des Kolonisationsfonds 5 und durch die Eindeutschung der Schulen im Posenschen begann, dieselben deutschen Adligen und Fabrikanten, die den Hakatismus aktiv oder passiv unterstützen. Und wer bat nun schließlich das deutsche arbeitende Volk verraten? Dieselbe „katholische“ Partei, dieser Zentrum, das auch die polnische Frage in Vergessenheit geraten ließ um das aus einem Kämpfer für die bürgerliche Gleichheit zu einer Stütze der Regierung und ihrer Unterdrückung geworden ist.

Das deutsche arbeitende Volk hat also im eigenen Lande ganz dieselben Feinde, leidet unter derselben Unterdrückung, es ist also unser natürlicher Verbündeter, unser Freund. Die Sozialdemokratische Partei erkennt keinen Unterschied der Sprache oder des Glaubens an, jeder Unterdrückte und Benachteiligte ist ihr Bruder, sie verurteilt jede Ungerechtigkeit und sucht sie auszumerzen. Das ist die einzige Partei, die sich schützend vor das einfache Volk gegen den Adel und die Kapitalisten und schützend vor die unterdrückten Nationen gegen deren Verfolger stellt.

In den polnischen Zeitungen im Posenschen wird von Zeit zu Zeit Ungereimtes über die Sozialdemokratie geschrieben, daß sie die größte Gefahr wäre, noch schlimmer als die Hakatisten, weil die Sozialisten die Anarchie einführen wollen, d. h. die ganze Welt auf den Kopf stellen, die Religion abschaffen, die allgemeine Unzucht der Frauen einführen, das Vermögen der Reichen unter sich aufteilen usw. Das ist alles albernes Geschwätz, und diejenigen, die das verbreiten, sind entweder Dummköpfe oder niederträchtige Lügner, die dem einfachen Volk Sand in die Augen streuen wollen.

Die Sozialisten denken gar nicht daran, die Welt auf den Kopf zu stellen, denn die steht bereits auf dem Kopf. Ist das denn keine verkehrte Ordnung, daß Millionen des einfachen Volkes vom Morgengrauen bis in die Nacht hinein im Schweiße ihres Angesichts arbeiten – ob in der Werkstatt, in der Fabrik, ob auf dem Acker oder in der Kohlengrube – und dafür kaum einen Bissen Brot und einen armseligen Winkel zum Wohnen haben? Die Herren Adligen und Fabrikanten dagegen, die ihr ganzes Leben keine Arbeit anrühren, stecken den Gewinn in ihre Tasche, fahren in Kutschen, trinken Champagner und wohnen in Palästen 1 Gerade die Sozialisten wollen die Welt wieder auf die Füße stellen und eine solche Ordnung einführen, damit diejenigen, die ehrlich arbeiten, für sich und ihre Familien ein reichliches Auskommen haben, die Müßiggänger jedoch, die sich an fremder Arbeit mästen wollen, nichts bekommen.

Ebenso belustigend sind jene, die erzählen, daß die Sozialisten das Familienleben abschaffen und eine allgemeine Sittenlosigkeit einführen wollen. Ist denn das Familienleben von Millionen Arbeiterfamilien nicht jetzt schon dadurch zerstört, daß die Frau und Mutter verdienen muß, daß sie keine Zeit hat, die Kinder zu beaufsichtigen, und oftmals nicht weiß, womit sie sie ernähren und kleiden soll? Sind denn gegenwärtig nicht schon Hunderte armer Näherinnen in Posen gezwungen, einfach aus Not gewerbliche Unzucht zu treiben? Und wer ist daran schuld? Nicht die Sozialisten, sondern die Herren Fabrikanten und Konfektionäre, die den armen Mädchen für ihr ganztägiges Sitzen über der Nadel nicht einmal so viel bezahlen, daß es ihnen zum Leben reicht. Jawohl, die Sozialisten wollen gerade diese Ausbeutung abschaffen und jeder ehrlichen Frau ein reichliches Auskommen sichern, damit sie nicht zur Prostituierten wird!

Schließlich wollen die Sozialisten angeblich die Religion abschaffen! Wer diesem frechen Märchen glaubt, muß schon ziemlich dumm sein, denn niemand anderes schafft die Religion ab als so ein Bismarck und diejenigen, die zusammen mit ihm den Katholiken den Krieg erklärten. Die Sozialisten dagegen waren gerade aus diesem Grunde wie auch wegen anderer Gesetzwidrigkeiten die Todfeinde Bismarcks und seiner Kumpane und verkündeten immer und überall: Jeder halte an dem Glauben und an den Überzeugungen fest, die er für richtig erachtet, niemand hat das Recht, das menschliche Gewissen zu vergewaltigen! Der beste Beweis aber dafür, wie die Sozialisten jegliche Freiheit der Religion und der Überzeugungen verteidigen, ist, daß die Sozialdemokratie im Parlament jedesmal für die Rückkehr der Jesuitenpater nach Deutschland stimmt.

Ebenso hat sich die Sozialdemokratie als erste und bisher einzige für unsere verfolgte Nationalität eingesetzt. Gleich nach dem letzten Anschlag des Ministers Studt waren die Sozialdemokraten die ersten, die für den 15. August 1900 in Posen eine große Volksversammlung im Lambertsaal einberiefen, um gegen diesen neuen Akt der Germanisierung zu protestieren. Das polnische Bürgertum, beschämt durch diese Energie der Sozialisten, arbeitete sich mit Mühe erst am 8. September mit seiner Versammlung hervor.

Auch die deutsche Sozialdemokratie beschäftigte sich auf ihrem Parteitag in Mainz 6 im September 1900 gleich am ersten Tag mit der polnischen Frage, brachte ihre höchste Empörung über das Vorgehen der Regierung zum Ausdruck und nahm einstimmig folgenden Antrag an, den die Delegierten aus Posen gestellt hatten:

Der Parteitag beauftragt die Fraktion, die neuesten gegen den Gebrauch der polnischen Sprache in den Schulen der Provinz Posen gerichteten Maßnahmen der preußischen Regierung im Reichstag zur Sprache zu bringen und überhaupt die Behandlung der Polen als Bürger zweiter Klasse mit allem Nachdruck zu bekämpfen. 7

Von allen politischen Parteien beschloß die Sozialdemokratie als erste und bisher einzige, im Parlament das System des Regierungshakatismus zu brandmarken und Abrechnung mit den Urhebern dieses Systems zu fordern.

Diese Partei ist also in der deutschen Gesellschaft die einzige, auf die wir uns stützen und mit deren Hilfe und Freundschaft wir rechnen können. Und das ist keine geringe Hilfe, denn die Sozialdemokraten haben schon 56 Abgeordnete im Parlament und sind die stärkste Partei im Staat. Sie bekamen letztens bei den Wahlen 2¼ Millionen Stimmen. 8 Diese Partei wächst seit einem Jahr wie eine Lawine, alle Ausgebeuteten, Unterdrückten und Benachteiligten scharen sich um ihr Banner, während die Regierung, der Adel und die Kapitalisten mit Entsetzen auf die wachsende Macht des arbeitenden Volkes sehen. Zu dieser Partei muß auch das polnische arbeitende Volk Zuflucht nehmen, nur von ihr kann es brüderliche Hilfe und Schutz vor den Gewalttaten der deutschen Regierung erwarten.

Es gibt im deutschen Volk nur eine Partei, die uns aufrichtig zugetan ist und gegen die Germanisierung wie gegen jegliche Rechtlosigkeit nicht nur ihre laute Stimme, sondern auch die geballte Faust erhebt. Diese Partei ist die Sozialdemokratie, die Partei der deutschen Arbeiter.

Diese können vor allem aus der Verfolgung der Polen für sich keinen Nutzen erlangen wie jene höheren Klassen der deutschen Gesellschaft, die nach Gewinn und guten Stellen bei uns Jagd machen. Der deutsche Arbeiter ebenso wie unser polnischer Arbeiter oder Handwerker lebt überhaupt niemals von Unrecht, das er anderen tut, sondern von seiner eigenen schweren, aber ehrlichen Arbeit. Nicht er ist Bedrücker der anderen, sondern – jawohl – er selbst ist ein Bedrückter, und deshalb fühlt und begreift er auch unsere Bedrückung, weil er selbst und von denselben bedrückt wird, die uns, die Polen, peinigen – von der deutschen Regierung und von den Parteien, die wir vorher aufgezählt haben.

So, wie gegen die Polen seit mehr als zwanzig Jahren eine Verordnung nach der anderen erlassen wird, so veranstaltet auch ihre eigene deutsche Regierung seit Jahrzehnten ein Kesseltreiben auf die deutschen Arbeiter, d. h., seitdem das deutsche arbeitende Volk begann, seinen Kopf zu erheben, sich zu bilden und sich gegen Unrecht und Ausbeutung zu wehren. Ja, gegen uns kämpfen sie hauptsächlich auf dem Wege administrativer Verordnungen, das arbeitende Volk in Deutschland wurde dagegen vor 22 Jahren, im Jahre 1878, durch das sogenannte Ausnahmegesetz gegen die Sozialisten direkt für vogelfrei erklärt. Obwohl die deutsche Verfassung allen deutschen Bürgern Gleichheit vor dem Gesetz, Presse-, Rede-, Gewissens- und Koalitionsfreiheit garantiert, so durften die sozialistischen Arbeiter weder Zeitungen für ihre eigene Aufklärung drucken noch auf Versammlungen von ihren Angelegenheiten sprechen oder Verbände gründen, für alles das wurden sie mit Gefängnis bestraft. Ganze elf Jahre dauerte diese Rechtlosigkeit der deutschen Arbeiter, und in dieser Zeit schmachteten Tausende von ihnen jahrelang hinter Gefängnis- mauern, Hunderte mußten ihr Land, mußten ihr eigenes Vaterland verlassen, um sich vor Verfolgungen zu schützen, mußten ihre Frauen und Kinder dem Hunger und dem Elend preisgeben, währenddessen sie in der Fremde ein gastliches Dach, bürgerliche Freiheit und Gleichheit vor dem Gesetz suchten.

Und wer war der Hauptschuldige dieser Verfolgungen? Derselbe Bismarck, der die Ausrottung des Polentums durch die Gründung des Kolonisationsfonds [1] und durch die Eindeutschung der Schulen im Posenschen begann, dieselben deutschen Adligen und Fabrikanten, die den Hakatismus aktiv oder passiv unterstützen. Und wer bat nun schließlich das deutsche arbeitende Volk verraten? Dieselbe „katholische“ Partei, dieser Zentrum, das auch die polnische Frage in Vergessenheit geraten ließ um das aus einem Kämpfer für die bürgerliche Gleichheit zu einer Stütze der Regierung und ihrer Unterdrückung geworden ist.

Das deutsche arbeitende Volk hat also im eigenen Lande ganz dieselben Feinde, leidet unter derselben Unterdrückung, es ist also unser natürlicher Verbündeter, unser Freund. Die Sozialdemokratische Partei erkennt keinen Unterschied der Sprache oder des Glaubens an, jeder Unterdrückte und Benachteiligte ist ihr Bruder, sie verurteilt jede Ungerechtigkeit und sucht sie auszumerzen. Das ist die einzige Partei, die sich schützend vor das einfache Volk gegen den Adel und die Kapitalisten und schützend vor die unterdrückten Nationen gegen deren Verfolger stellt.

In den polnischen Zeitungen im Posenschen wird von Zeit zu Zeit Ungereimtes über die Sozialdemokratie geschrieben, daß sie die größte Gefahr wäre, noch schlimmer als die Hakatisten, weil die Sozialisten die Anarchie einführen wollen, d. h. die ganze Welt auf den Kopf stellen, die Religion abschaffen, die allgemeine Unzucht der Frauen einführen, das Vermögen der Reichen unter sich aufteilen usw. Das ist alles albernes Geschwätz, und diejenigen, die das verbreiten, sind entweder Dummköpfe oder niederträchtige Lügner, die dem einfachen Volk Sand in die Augen streuen wollen.

Die Sozialisten denken gar nicht daran, die Welt auf den Kopf zu stellen, denn die steht bereits auf dem Kopf. Ist das denn keine verkehrte Ordnung, daß Millionen des einfachen Volkes vom Morgengrauen bis in die Nacht hinein im Schweiße ihres Angesichts arbeiten – ob in der Werkstatt, in der Fabrik, ob auf dem Acker oder in der Kohlengrube – und dafür kaum einen Bissen Brot und einen armseligen Winkel zum Wohnen haben? Die Herren Adligen und Fabrikanten dagegen, die ihr ganzes Leben keine Arbeit anrühren, stecken den Gewinn in ihre Tasche, fahren in Kutschen, trinken Champagner und wohnen in Palästen 1 Gerade die Sozialisten wollen die Welt wieder auf die Füße stellen und eine solche Ordnung einführen, damit diejenigen, die ehrlich arbeiten, für sich und ihre Familien ein reichliches Auskommen haben, die Müßiggänger jedoch, die sich an fremder Arbeit mästen wollen, nichts bekommen.

Ebenso belustigend sind jene, die erzählen, daß die Sozialisten das Familienleben abschaffen und eine allgemeine Sittenlosigkeit einführen wollen. Ist denn das Familienleben von Millionen Arbeiterfamilien nicht jetzt schon dadurch zerstört, daß die Frau und Mutter verdienen muß, daß sie keine Zeit hat, die Kinder zu beaufsichtigen, und oftmals nicht weiß, womit sie sie ernähren und kleiden soll? Sind denn gegenwärtig nicht schon Hunderte armer Näherinnen in Posen gezwungen, einfach aus Not gewerbliche Unzucht zu treiben? Und wer ist daran schuld? Nicht die Sozialisten, sondern die Herren Fabrikanten und Konfektionäre, die den armen Mädchen für ihr ganztägiges Sitzen über der Nadel nicht einmal so viel bezahlen, daß es ihnen zum Leben reicht. Jawohl, die Sozialisten wollen gerade diese Ausbeutung abschaffen und jeder ehrlichen Frau ein reichliches Auskommen sichern, damit sie nicht zur Prostituierten wird!

Schließlich wollen die Sozialisten angeblich die Religion abschaffen! Wer diesem frechen Märchen glaubt, muß schon ziemlich dumm sein, denn niemand anderes schafft die Religion ab als so ein Bismarck und diejenigen, die zusammen mit ihm den Katholiken den Krieg erklärten. Die Sozialisten dagegen waren gerade aus diesem Grunde wie auch wegen anderer Gesetzwidrigkeiten die Todfeinde Bismarcks und seiner Kumpane und verkündeten immer und überall: Jeder halte an dem Glauben und an den Überzeugungen fest, die er für richtig erachtet, niemand hat das Recht, das menschliche Gewissen zu vergewaltigen! Der beste Beweis aber dafür, wie die Sozialisten jegliche Freiheit der Religion und der Überzeugungen verteidigen, ist, daß die Sozialdemokratie im Parlament jedesmal für die Rückkehr der Jesuitenpater nach Deutschland stimmt.

Ebenso hat sich die Sozialdemokratie als erste und bisher einzige für unsere verfolgte Nationalität eingesetzt. Gleich nach dem letzten Anschlag des Ministers Studt waren die Sozialdemokraten die ersten, die für den 15. August 1900 in Posen eine große Volksversammlung im Lambertsaal einberiefen, um gegen diesen neuen Akt der Germanisierung zu protestieren. Das polnische Bürgertum, beschämt durch diese Energie der Sozialisten, arbeitete sich mit Mühe erst am 8. September mit seiner Versammlung hervor.

Auch die deutsche Sozialdemokratie beschäftigte sich auf ihrem Parteitag in Mainz [2] im September 1900 gleich am ersten Tag mit der polnischen Frage, brachte ihre höchste Empörung über das Vorgehen der Regierung zum Ausdruck und nahm einstimmig folgenden Antrag an, den die Delegierten aus Posen gestellt hatten:

Der Parteitag beauftragt die Fraktion, die neuesten gegen den Gebrauch der polnischen Sprache in den Schulen der Provinz Posen gerichteten Maßnahmen der preußischen Regierung im Reichstag zur Sprache zu bringen und überhaupt die Behandlung der Polen als Bürger zweiter Klasse mit allem Nachdruck zu bekämpfen. [3]

Von allen politischen Parteien beschloß die Sozialdemokratie als erste und bisher einzige, im Parlament das System des Regierungshakatismus zu brandmarken und Abrechnung mit den Urhebern dieses Systems zu fordern.

Diese Partei ist also in der deutschen Gesellschaft die einzige, auf die wir uns stützen und mit deren Hilfe und Freundschaft wir rechnen können. Und das ist keine geringe Hilfe, denn die Sozialdemokraten haben schon 56 Abgeordnete im Parlament und sind die stärkste Partei im Staat. Sie bekamen letztens bei den Wahlen 2¼ Millionen Stimmen. [4] Diese Partei wächst seit einem Jahr wie eine Lawine, alle Ausgebeuteten, Unterdrückten und Benachteiligten scharen sich um ihr Banner, während die Regierung, der Adel und die Kapitalisten mit Entsetzen auf die wachsende Macht des arbeitenden Volkes sehen. Zu dieser Partei muß auch das polnische arbeitende Volk Zuflucht nehmen, nur von ihr kann es brüderliche Hilfe und Schutz vor den Gewalttaten der deutschen Regierung erwarten.

4. Der Adel, das Bürgertum und das Volk im Posenschen

Als die Sozialdemokraten in Posen als erste für den polnischen Religionsunterricht eintraten, den Herr Studt aufgehoben hatte, und eine große Volksversammlung einberiefen, auf der sie das ganze arbeitende Volk zum Verteidigungskampf aufriefen, was taten da die anderen Parteien unserer Gesellschaft? Unsere „Creme der Nation“, der Adel, der Gutsbesitzerstand ließen sich nicht einmal hören. Sie, die immer und überall die Führer, der Kopf der Nation heißen, die angeblich die nationalen Interessen wahrnehmen, die ihren Patriotismus immer und überall laut verkünden – wo waren sie, wo sind sie, wenn das Volk, wenn seine Muttersprache verteidigt werden muß? Sie sind nicht da! Wenn Abgeordneten- mandate zum Parlament oder zum Landtag zu raffen sind, dann sind alle die Kwilecki, Chlapowski, Czartoryski, Radziwill, Koscielski wie gerufen da und halten „bürgerliche“ und „patriotische“ Reden. Die Repräsentation in der Hauptstadt, in Berlin – das lassen sie sich gefallen! Aber wo bleibt der ganze Vorrat an „bürgerlichem Bewußtsein“ und „Patriotismus“, wenn diese Herren, gewählt mit den Stimmen des Volkes, in den Abgeordnetensesseln im Parlament Platz nehmen? Was haben sie bisher durch ihre Abgeordnetentätigkeit Gutes für das polnische Volk getan? Rein gar nichts 1 Im Parlament und im Landtag sitzen diese unsere polnischen Abgeordneten wie ägyptische Mumien; weder Macht noch Einfluß, noch Ansehen vermochten sie zu erlangen. Wenn das ganze Jahr über im Parlament zwischen den Abgeordneten der verschiedenen Parteien ein verbissener Kampf um die Lebensfragen des Volkes geführt wird, um Schutzgesetze für Fabrikarbeiter und für Handwerker, um Bürgerrechte für Bauernknechte, um Getreide- und Fleischzölle, dann ist von unseren polnischen Abgeordneten nichts zu hören und nichts zu sehen. Wenn das Volk vor Teuerung, vor Steuern, vor der Regierungsbedrückung in Schutz genommen werden muß, da erstarrt unseren Czarlinski, Radziwill und Kwilecki die Zunge. Einmal im Jahr piepsen sie ein paar Worte gegen die Germanisierung, aber auch das tun sie saft- und kraftlos, ohne Salz und Pfeffer, so daß sich die Minister nicht einmal nach ihnen umsehen. Völlig anders treten die sozialdemokratischen Abgeordneten zur Verteidigung des Polentums auf, obwohl es bisher keinen einzigen Polen unter ihnen gibt. Sie haben es seinerzeit durch ihren Einfluß vollbracht, daß jemand, der im Gericht erklärt, er beherrsche die deutsche Sprache nicht genügend, einen amtlichen Dolmetscher erhalten muß. Alljährlich werfen sie der Regierung vor, daß die Kinder in Oberschlesien keine Schulen haben!

Aber nicht genug damit. Die ganze Heuchelei dieses Patriotismus unserer wappengeschmückten Parlamentsabgeordneten kommt erst bei der Abstimmung über die Vergrößerung des Heeres und der Marine 9 an den Tag. So stimmten unsere polnischen Abgeordneten im Jahre 1893 für die Stärkung des deutschen Heeres, für die Stärkung der bewaffneten Streitkräfte derselben Regierung, die die Polen peinigt, für die Stärkung der Schlinge, die dem polnischen Volk die Kehle zuschnürt! Muß die Regierung angesichts dessen nicht das patriotische Wimmern der polnischen Abgeordneten verspotten? Und ist es angesichts dessen nicht offensichtlich, daß das polnische Volk bisher seine Feinde, aber nicht die Beschützer als Vertreter ins Parlament schickt? Sogar bei der letzten Verdoppelung der deutschen Flotte in diesem Jahre, die doch nichts anderes bezweckte, als die Chinesen zu unterwerfen und zu unterdrücken 10, so wie sie uns heute unterdrücken. Sogar hier schwang sich kaum die Hälfte unserer Abgeordneten dazu auf, gegen die Regierungsvorlage zu stimmen. Die zweite Hälfte dieser „Polen“ verschwand aus dem Parlament, wie es tapferen Männern geziemt, und verbarg sich im Mauseloch, um, Gott bewahre, nicht gegen die Regierung zu stimmen!

Wer hätte übrigens etwas anderes von ihnen erwarten können? Sind doch unsere polnischen Abgeordneten lauter Magnaten, lauter Wappenträger, von denen das Volk schon vor hundert Jahren gesungen hat: „Ehre sei euch, ihr Fürsten, Prälaten, für unsere Sklaverei und Fesseln, Ehre sei euch, ihr Grafen, Fürsten, ihr Hundsfötter für unser mit Bruderblut beflecktes Land.“ So wie damals das Vaterland für sie nur der persönliche Profit war und das Volk nur der Fußschemel, um zu hohen Stellungen vorzudringen, so verhält es sich auch heute. Fast alle sind sie vor allem Besitzer großer Güter und leben als solche genauso von der Mühe des polnischen Knedites wie der deutsche Agrarier. Fast alle halten und ernähren sie ihre „Mitbrüder, die Bäuerlein“ ebenso wie die deutschen Magnaten – schlechter, als Schweine gehalten werden, denken sie ebenso vor allem daran, das Getreide, das Vieh und den Schnaps, den sie brennen, teuer zu verkaufen, sie wollen also hohe Zölle, obwohl durch die Teuerung und Trunksucht das eigene Volk leiden wird. Im Grunde genommen gehören sie zu ganz derselben Sorte von Menschen wie der deutsche Adel und die deutschen Kapitalisten; sie sind einander wert. Obwohl die einen die Hakatisten begünstigen und die anderen als Polen das Polentum angeblich verteidigen, so verbindet sie dennoch das Band der gemeinsamen Gier nach Gewinn stärker, als sie der nationale Haß trennt. So, wie für die deutschen, so ist auch für die polnischen Agrarier und Fabrikanten die Ausbeutung des für sie arbeitenden Volkes die wichtigste Sache im ganzen „Vaterland“. Da aber eine Krähe der anderen kein Auge aushackt, so halten es unsere Abgeordneten, die zur Verteidigung des polnischen Volkes in das Parlament geschickt werden, im Grunde mit unseren erbitterten Gegnern – mit der Regierung und den herrschenden deutschen Klassen. Es ist kein Wunder, daß der Hakatismus immer mächtiger wird, das polnische Volk aber eine Niederlage nach der anderen erleidet?

Die sogenannte Volkspartei, d. h. unser Bürgertum, hat nicht viel mehr zum Schutze des polnischen Volkes getan. Schon eine ziemlich lange Reihe von Jahren ist diese Partei im Posenschen tätig; sie bat mehrere Zeitungen zu ihrer Verfügung, sie kann öffentliche Versammlungen einberufen, denn die Saalbesitzer schlagen es ihr nicht ab, wie sie es bei den Sozialisten tun. Und was sind die Ergebnisse? Diese, daß im Parlament dieselben Wappenträger wie eh und je Abgeordnete sind und sie die „Volks“bewegung nicht einmal juckt, daß der Hakatismus immer größere Fortschritte macht, das polnische Volk aber in derselben Armut und Unwissenheit versunken ist wie auch früher.

Die „Volkspartei“ hat vielleicht den guten Willen, doch welche Unfähigkeit, welcher Wirrwarr, welche politische Rückständigkeit! Das beste Bild dieser Partei gab ihr Verhalten nach Studts letztem Anschlag. In ihrer Unbeholfenheit zögerte sie anfangs den Beginn irgendeiner Protestbewegung hinaus, bis ihr die Sozialdemokraten zuvorkamen und als erste eine Volksversammlung in Posen einberiefen. Beschämt durch dieses Beispiel, schwangen sie sich danach endlich zur Einberufung einer Versammlung auf, aber was beschlossen sie auf dieser Versammlung? Statt die polnischen Abgeordneten für ihr unbeholfenes Verhalten im Parlament zu brandmarken, statt die katholische Partei für ihre Heuchelei bei der Verteidigung des Polentums an den Pranger zu stellen, statt das wahre Wesen der Regierung und ihrer Verbündeten aufzudecken und das Volk zum erbitterten Kampf gegen sie aufzurufen, richtete die Versammlung eine weinerliche Bitte an den Erzbischof, er solle „unsere Kinder“ und den Religionsunterricht in den Schulen unter seinen Schutz nehmen! Sich mit beiden Händen an der priesterlichen Soutane festhalten – das ist die ganze Weisheit dieser „Volkspartei“. Alles mit den Priestern und durch die Priester zu tun, das ist eine alte Politik, die der Adel noch in der ehemaligen polnischen Republik ständig betrieben hat, bis sie diese Politik ins Verderben führte.

Eben das beweist die Unbeholfenheit und Rückständigkeit der „Volkspartei“ am besten, daß sie angeblich gegen den Adel kämpfen und das Volk zum selbständigen politischen Leben erwecken will, während sie aber selbst an der Pfaffenpolitik festhält, Punkt für Punkt wie der Adel.

Und das nicht ohne Grund. Diese Partei nennt sich zwar „Volkspartei“, doch liegt ihr das Wohl des eigentlichen Volkes, d. h. des arbeitenden Volkes – der polnischen Handwerker, Arbeiter, Knechte – streng genommen gar nicht am Herzen. Diesem Volke die Augen ganz zu öffnen und ihm seine Feinde zu zeigen: die kapitalistische Ausbeutung, die Übermacht des Adels, die Parteilichkeit der Regierung, das wünscht diese Partei nicht. Als in Posen vor mehreren Jahren die polnischen Arbeiter und Handwerker begannen, sich in Fachverbänden zu organisieren, um gegen das Kapital für bessere Löhne, für ein besseres Dasein ihrer Frauen und Kinder zu kämpfen, zog die „Volks“partei eine sehr saure Miene und suchte in ihren Zeitungen die Handwerker von diesem Vorhaben abzubringen. Über die deutschen Bedrücker erfinden diese „Volksparteiler“ gern soviel wie möglich, aber über die eigenen polnischen Bedrücker und Ausbeuter einige Worte bitterer Wahrheit zu hören – das ist nicht nach ihrem Geschmack. Sie haben Angst, daß das Volk klüger werden könnte, und wollen es deshalb mit Hilfe der Pfaffen an der Leine führen. Aber auf diese Weise wird ihre ganze Verteidigung des Polentums einfach zu einem Wackeln mit der Zehe im Stiefel, denn wenn der Kampf gegen den Hakatismus mit der Verteilung von Kalenderchen und mit Deputationen an den Erzbischof enden sollte, so erwartet unsere Nation ein böses Schicksal. Immerhin liegt der Geistlichkeit genauso wie unserem Bürgertum nicht so sehr an der Verteidigung des polnischen Volkes gegen die Germanisierung als vielmehr am Schutz des polnischen Fabrikanten, Meisters und Gutsbesitzers vor den gerechten Forderungen des enterbten arbeitenden Volkes, nicht so sehr am Zurückdrängen der hakatistischen Unwissenheit als am Zurückdrängen des Lichtes des Sozialismus. Es ist interessant und bezeichnend, daß der Erzbischof in seiner langen Antwort auf jene Deputation und die „demütige Bitte“ der bürgerlichen Versammlung vom 8. September viel über die Erhaltung der Religion sprach, aber kein Wort über die Verteidigung der polnischen Sprache verlor, als ob die ganze Angelegenheit mit der polnischen Sprache nichts zu tun hätte. Er ermahnte nur die Deputation, „der Versuchung zu widerstehen“: „Mit den Worten des Erlösers wende ich mich auch an Euch, wachet und betet, auf daß ihr nicht in Versuchung kommt, denn selbst die Aufwallung und den Schmerz will der Feind unserer Seelen nutzen, der Euch durch verlockende Losungen zum Umsturz der göttlichen und sozialen Ordnung zu verführen sucht.“ (Goniec Wielkopolski, Nr. 207)

Also ist die erste Losung angesichts der drohenden Lawine des Hakatismus eine große Warnung und die Angst vor der Sozialdemokratie, d. h. vor der einzigen Partei, die aufrichtig das Polentum verteidigt und ein unversöhnlicher Feind der Regierung und der Hakatisten ist! Hier zeigt sich, was der Patriotismus dieser „Volksparteiler“ wert ist. Wir sehen nun, daß wir weder vom polnischen Adel und seinen Parlamentsabgeordneten noch von der bürgerlichen Partei, der „Volkspartei“, noch von den Pfarrern einen wirksamen Schutz vor der Germanisierung erwarten können. Unser Bürgertum bemüht sich genauso wie der Adel, dem arbeitenden Volk einzureden, daß die Bedrückung des Polentums unser einziges Übel ist, daß die Germanisatoren unsere einzigen Feinde sind und der Kampf gegen den Hakatismus unsere einzige polItische Aufgabe ist. Indessen aber leidet der polnische Handwerker, Arbeiter, Knecht unter tausend anderen Benachteiligungen, quälen ihn tausend andere Sorgen!

Den Handwerker und den Arbeiter beutet das Kapital aus, der Knecht wird vom Adel und den Gutsbesitzern ausgesaugt, die gesamte arbeitende Bevölkerung ruiniert die Regierung durch die hohen Lebensmittelzölle und durch die Teuerung, die von diesen Zöllen hervorgerufen wird; dieselbe Regierung macht uns arm durch Steuern, bedrückt uns durch die Einziehung zum Militär und fügt uns dadurch Unrecht zu, daß sie den Volksgroschen nicht für Schulen, nicht zum Wohle des Volkes ausgibt, sondern für Kanonen und Kriegsschiffe. Das ist unser größtes Leid, das sind unsere Feinde: die Ausbeutung seitens der Kapitalisten und des Adels, die Regierungspolitik, die völlig im Dienste der Kapitalisten und des Adels steht, dem Volke dagegen befiehlt, nur „Steuern zahlen, Militärdienst leisten und das Maul halten“!

An dieser Ausbeutung und an dieser Politik beteiligen sich, wie gesagt, unser polnisches Bürgertum und die Gutsbesitzer genauso wie die deutschen. Bezahlt und behandelt denn der polnische Fabrikant oder der polnische Gutsbesitzer den polnischen Arbeiter um ein Haar besser als ein deutscher? Ruiniert denn der polnische Konfektionär den polnischen Handwerker oder die polnische Näherin nicht genauso wie der deutsche? Sie alle sind sich ähnlich wie zwei Wassertropfen; ob ihr Name mit „berg“ oder „ski“ endet – in bezug auf das polnische arbeitende Volk besteht zwischen ihnen nicht der geringste Unterschied.

Deshalb rivalisiert unser Bürgertum mit unserem Adel darin, uns einzureden, daß uns nichts bedrückt außer der Germanisierung, daß wir keine anderen Feinde haben als die Hakatisten. Das ist nichts anderem als ein Manöver, als eine Politik, um dem arbeitenden Volke Sand in die Augen zu streuen, seine Aufmerksamkeit einzig und allein auf die deutschen Feinde zu lenken und von den Feinden abzuwenden, die es im eigenen Hause hat. Diese unsere „Führer“ des Volkes wollen, daß das Volk nur an seine Sprache und an seinen katholischen Glauben denkt, nicht aber daran, daß sein Magen leer ist; daß es lediglich gegen die Hakatisten kämpft, nicht aber gegen die Ausbeutung durch seine eigenen Parasiten und gegen die politische, Zoll- und militärische Bedrückung der Regierung.

Darum müssen wir den ganzen „Patriotismus“ unserer höheren polnischen Schichten für einen gemeinen Volksbetrug halten! Nicht hinter ihnen, nicht mit diesen Grundbesitzern und Bürgerlichen dürfen wir gehen, sondern gegen sie; nicht in der Gemeinschaft mit ihnen Rettung für unsere Nationalität suchen, sondern im Kampfe gegen sie sowohl unser Wohlergehen als auch unsere Muttersprache verteidigen. Das polnische Volk kann nur auf sich selbst rechnen und auf die einzige Klasse, deren Unglück dem seinen gleicht: auf das deutsche arbeitende Volk. Möge sich der polnische Handwerker, Arbeiter, Bergmann zum Kampfe erheben, möge er seine Anstrengungen mit den Bestrebungen der deutschen Leidensgenossen vereinen, und die deutsche Regierung und die Hakatisten werden mit dieser Macht rechnen müssen. Unter dem Banner der Sozialdemokratie, dieser einzigen Zuflucht für Freiheit und Gerechtigkeit, muß sich das polnische arbeitende Volk scharen. Dort findet es den Schutt seines Wohlergehens, seines Familienlebens, seiner bürgerlichen Rechte und seiner Muttersprache.

Der Agrarier, der Fabrikant, der Kapitalist, ob deutscher oder polnischer, ist unser Feind, aber der deutsche Arbeiter unser Verbündeter, der genauso unter der Ausbeutung durch das Kapital und der Unterdrückung durch die herrschenden Klassen zu leiden hat wie auch wir. Nach dem Beispiel des arbeitenden Volkes in Deutschland muß auch unser polnisches Volk den Kampf um sein materielles und geistiges Dasein aufnehmen und muß sich zu diesem Zweck organisieren, muß in die Gewerkschaften eintreten, um gemeinsam den Kapitalisten zu widerstehen, muß Arbeiterzeitungen und -broschüren lesen, um sich zu bilden und seine Bedürfnisse und Aufgaben zu begreifen. Vor allem aber müßte unser arbeitendes Volk bei den Parlamentswahlen nur für seine sozialdemokratischen Arbeiterkandidaten stimmen, damit keine Feinde des Volkes mehr aus dem Posenschen, aus Westpreußen, den Masuren und aus Oberschlesien, keine wappengeschmückten Parasiten oder bürgerlichen Schwachköpfe im Parlament Platz nehmen. Durch das Bündnis mit dem deutschen arbeitenden Volk gegen die Ausbeutung der deutschen und polnischen herrschenden Klassen und gegen die Bedrückung durch die Regierung – das ist unsere Losung!


Anmerkungen

1. Ende Juli 1900 hatte das preußische Kultusministerium verfügt, daß der Religionsunterricht in den Mittel- und Oberstufen der Elementarschulen Posens nicht mehr, wie bisher, in polnischer, sondern nur noch in deutscher Sprache erteilt werden dürfe.

2. Gemeint ist der 1894 gegründete Verein für die Förderung des Deutschtums in den Ostmarken, ab 1899 Deutscher Ostmarkenverein, nach den Anfangsbuchstaben seiner Gründer, Ferdinand von Hansemann, Hermann Kennemann und Heinrich von Tiedemanns-Seeheim, auch Hakatistenverein genannt. ER vertrat eine rücksichtslose wirtschaftliche und politische Unterdrückungspolitik gegenüber den Polen in den östlichen Provinzen des Deutschen Reiches und strebte die territoriale Expansion nach dem Osten an.

3. Am 20. Januar 1900 wurde der Entwurf für das zweite Flottengesetz veröffentlicht, daß eine Verdoppelung der im ersten Flottengesetz von 1898 beschlossenen Schlachtflotte vorsah. Das trotz einer breiten Protestbewegung am 12. Juni 1900 angenommene Gesetz diente der weiteren Stärkung der deutschen Kriegsflotte bei der Verwirklichung der Expansionspolitik des deutschen Imperialismus.

4. Im Jahre 1872 hatte Otto Fürst von Bismarck den Kampf gegen die antipreußischen Bestrebungen der katholischen Kirche begonnen, die mit den Maigesetzen von 1873 ihren Höhepunkt erreichten. Bismarck mußte seit 1878 einen Ausgleich mit dem Klerus suchen, nachdem seine Maßnahmen ihren Zweck nicht erfüllt, sondern die katholische Kirche noch gestärkt hatten. Papst Leo XIII. beendete am 23. Mai 1887 offiziell den Kulturkampf.

5. Am 7. April 1886 war im preußischen Abgeordnetenhaus das Gesetz zur Beförderung deutscher Ansiedlungen in Westpreußen und Posen angenommen worden. Millionenbeträge wurden zum Aufkauf polnischen Grundbesitzes für die Ansiedlungen von Deutschen zur Verfügung gestellt.

6. Der Parteitag der deutschen Sozialdemokratie in Mainz fand vom 17. bis 21. September 1900 statt.

7. Siehe Rosa Luxemburg, Parteitag der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands vom 17. bis 21. September 1900 in Mainz, Gesammelte Werke, Berlin 1982, S. 797.

8. Bei den Reichstagswahlen am 16. Juni 1898 hatte das Zentrum bei 18,8 Prozent der abgegebenen Wählerstimmen 102 Abgeordnete ins Parlament gebracht, die Sozialdemokratie bei 27,1 Prozent der Stimmen nur 56 Abgeordnete, während die Konservativen bei nur 11.1 Prozent der Stimmen ebenfalls 50 Abgeordnetensitze erhielten.

9. Am 15. Juli 1893 hatte der deutsche Reichstag eine Militärvorlage gegen die Stimmen der Sozialdemokratie, des Zentrums. der Freisinnigen Volkspartei, der Welfen und Elssässer angenommen. Die polnischen Reichstagsabgeordneten stimmten fit die Vorlage.

10. 1899 war in Nordchina der antiimperialistische Volksaufstand der Ihotuan ausgebrochen, der 1900 durch die vereinigten Armeen von acht imperialistischen Staaten unter Führung des deutschen Generals Alfred Graf von Waldersee grausam niedergeworfen wurde. In einem Abschlußprotokoll von 1901 wurde China u. a. gezwungen, etwa 1,4 Milliarden Mark Kontributionen zu zahlen und der Errichtung von Stützpunkten für die Interventionsarmeen zuzustimmen.