20. Dezember 1945 // Artikel
Kim Il Sung // An Herrn Ho Hon

An Herrn Ho Hon

20. Dezember 1945

Quelle: Kim Il Sung, Gesammelte Werke, Band 1


Mit großer Freude schreibe ich Ihnen diesen Brief auf dem Boden des befreiten Vaterlandes.

Mir ist gut bekannt, daß Sie während der Kolonialherrschaft des ja­panischen Imperialismus stets den Gedanken an das bittere Los unserer heimatlosen Nation tief im Herzen trugen, standhaft den Weg des pat­riotischen Kampfes gegen den japanischen Imperialismus beschritten und der nationalen Gesinnung stets treu blieben.

Ich danke Ihnen dafür, daß Sie immer mit dem bewaffneten antijapa­nischen Kampf der koreanischen Kommunisten für die Wiedergeburt des Vaterlandes sympathisierten und ihn unterstützten.

Aus Erzählungen von Freunden und aus Ihrem Brief weiß ich, daß Sie sich nach meinem Befinden erkundigten und den dringenden Wunsch äußerten, mit mir zusammenzutreffen. Unsere Wünsche stimmen in dieser Frage völlig überein. Auch ich möchte Sie so schnell wie möglich sehen, doch lassen es die Umstände nicht zu. Deshalb beschränke ich mich heute darauf, Ihnen einen schriftlichen Gruß zu senden.

Es ist ein großes Glück und eine Freude, in das Vaterland, von dem wir Tag und Nacht geträumt haben, zurückgekehrt zu sein und unter Landsleu­ten zu arbeiten und zu leben. Der patriotische Enthusiasmus und der un­beugsame Kampfgeist unseres Volkes, das große Hoffnungen und Pläne für die Zukunft hegt und kühn die Neugestaltung des Vaterlandes in Angriff nahm, erfreuen und beflügeln mich unendlich.

Die japanischen Imperialisten haben 36 Jahre lang das koreanische Volk unterdrückt und versucht, seine nationale Gesinnung zu ersticken, doch das koreanische Volk lebt, wie wir heute sehen, und auch der Geist der Nation.

Vor unserem Volk, das seine Befreiung errang, eröffneten sich strah­lende Perspektiven.

Dennoch, wie wir sehen, ist in unserem Land eine sehr komplizierte Lage entstanden. Wie Sie selbst erleben, hat sich in Südkorea eine verwickelte Situation herausgebildet, worüber wir besorgt sind. Die US-Militäradministration behindert heute die Patrioten Südkoreas in ihren demokratischen Aktionen zum Neugestalten des Vaterlandes er­heblich, und dabei verstärken sich die antidemokratischen Machen­schaften der projapanischen Elemente, der Landesverräter und anderen reaktionären Kräfte mit jedem Tag. Die unheilvollen Handlungen der Amerikaner in Südkorea geben uns Grund zu der Feststellung, daß sich deren Politik in nichts von der früheren verbrecherischen Politik der japanischen Imperialisten in Korea unterscheidet.

Die Situation, die sich jetzt in Südkorea herausgebildet hat, fordert von allen Revolutionären und patriotischen und demokratischen Persön­lichkeiten Südkoreas, daß sie sich in den Entwicklungstendenzen genau zurechtfinden, um geleitet von einer patriotischen und progressiven Li­nie richtig zu handeln.

Wir müssen einen souveränen und unabhängigen demokratischen Staat im befreiten Korea aufbauen. Um diese historische Aufgabe Wirk­lichkeit werden zu lassen, müssen wir um die Bildung einer demokrati­schen Regierung ringen. Die demokratische Regierung, die wir erstreben, wird eine wahrhaft volksverbundene Regierung sein, die den Volksmas­sen Freiheiten und Rechte garantiert.

Die Reaktion versucht gegenwärtig, in unserem Land eine bürgerli­che Regierung zu bilden und eine bürgerliche Demokratie einzuführen, die eine Demokratie für eine Hand voll privilegierter Schichten und Ausbeuterklasse ist, aber nicht für die werktätigen Massen.

Wir müssen das reaktionäre Wesen der bürgerlichen Demokratie klar erkennen, sie entschlossen zurückweisen und alle Kräfte für die Ver­wirklichung der wahren Demokratie mobilisieren.

Das Volk Nordkoreas hat heute konsequent einen wirklich demokrati­schen Entwicklungsweg eingeschlagen. In Nordkorea wurden alle Vor­aussetzungen geschaffen, die es den Volksmassen ermöglichen, in allen Bereichen des öffentlichen Lebens demokratische Rechte und Freiheiten zu verwirklichen wie die Rede-, Presse-, Versammlungs-, Vereinigungs­und Glaubensfreiheit, und es werden Maßnahmen zur Demokratisierung aller Bereiche der Politik, Wirtschaft und Kultur eingeleitet. In naher Zu­kunft werden wir demokratische Reformen durchführen, um eine feste sozioökonomische Grundlage für die wahre Demokratie zu schaffen und das Fundament für den Aufbau eines einheitlichen, souveränen und unab­hängigen demokratischen Staates zu legen.

Auch das südkoreanische Volk muß energisch gegen alle antidemo­kratischen Umtriebe der projapanischen Elemente und Landesverräter, für die Durchsetzung der wahren Demokratie kämpfen. Ich glaube, daß alle südkoreanischen Revolutionäre und patriotisch gesinnten demo­kratischen Persönlichkeiten im Kampf für die Schaffung eines neuen, demokratischen Korea an der Spitze der Volksmassen stehen müssen.

Mir scheint, daß die vollständige Unabhängigkeit des Landes nur dann erreicht wird und ein neues, mächtiges und demokratisches Korea nur dann entstehen kann, wenn jeder Einzelne von uns vor allem eine richtige Stellung zum Aufbau eines Staates bezieht. In konsequenter Auseinandersetzung mit der falschen Ansicht, den Staat gestützt auf Hil­fe von außen zu schaffen, müssen wir fest auf dem richtigen Standpunkt stehen, den Staat mit den Kräften des koreanischen Volkes selbst ins Leben zu rufen.

Es gibt heute Leute in Südkorea, die vor den Amerikanern zu Kreuze kriechen und liebedienern, um ihre karrieristischen Ziele durchzusetzen, ohne sich im geringsten um das Schicksal des Landes und der Nation zu kümmern, und Illusionen gegenüber den USA unter dem Volk säen.

Wir glauben, daß man sich über die USA keine Illusionen machen darf. Es wäre sehr naiv, wenn wir von den USA erwarteten, daß dieser imperialistische Staat unserem Land die volle Unabhängigkeit bringen wird.

Ich hoffe, daß Sie Ihre Kraft dafür einsetzen werden, diese Illusion un­ter den patriotisch gesinnten und demokratischen Persönlichkeiten und den Volksmassen zu überwinden, und helfen, deren nationales Bewußt­sein zu entwickeln. Die patriotisch gesinnten Koreaner, die überlegt han­deln, wünschen, wer immer sie sein mögen, daß unsere Nation ihr Vater­land aus eigener Überzeugung aufbaut. Ich bin sicher, daß es möglich sein wird, große Erfolge bei der Entwicklung des nationalen Bewußtseins der breiten Volksmassen zu erzielen, wenn sich solche Persönlichkeiten wie Sie, die das Vertrauen und die Achtung der Massen genießen, wirksam betätigen.

Zu den wichtigsten Aufgaben bei der Schaffung eines souveränen und unabhängigen demokratischen Staates gehört, die Geschlossenheit der breiten demokratischen Kräfte zu festigen.

Wie Ihnen wohl bekannt, sind die demokratischen Kräfte in Südko­rea jetzt gespalten. Die Hauptursache dafür sind die sektiererischen Streitigkeiten der Fraktionsmacher. Die Wirklichkeit Südkoreas weist aus, daß Leute, die sich dort als „Patrioten“ und „Revolutionä­re“ ausgeben, wie es ihnen gerade paßt, Parteigruppierungen bilden, diese in den Vordergrund stellen und sich auf Fraktionszänkerei ein­lassen. Daraus erwachsen ernsthafte Hindernisse für die Festigung der Geschlossenheit der demokratischen Kräfte und den Zusammenschluß der breiten Schichten der patriotischen Bevölkerung.

Die Fraktionsmacherei führt das Land und die Revolution in den Ab­grund. Die Geschichte unseres Landes beweist das außerordentlich deut­lich. Der Fraktionshader führte unser Land schon einmal zur Niederlage und fügte der nationalen Befreiungsbewegung unseres Landes großen Schaden zu.

Statt nun die Lehren aus diesen bitteren geschichtlichen Tatsachen zu ziehen, lassen sich die Fraktionsmacher in Südkorea erneut auf sektiereri­sche Streitereien ein. Mit dem Ziel, die demokratischen Kräfte von innen heraus zu spalten, hetzen die Reaktionäre der USA und ihre Helfershelfer die Fraktionsmacher insgeheim zu sektiererischen Praktiken auf.

Eine sektiererische Gruppe ist schlimmer als die andere, ihr Gezänk nützt nur dem Feind. Wie die Realität Südkoreas beweist, schrecken die Fraktionsmacher auch nicht davor zurück, sich auf eine Verschwörung mit den Feinden einzulassen, nur um ihre Ziele zu erreichen. Patrioten und Revolutionäre sind sie nur dem Namen nach, in Wirklichkeit haben sie weder die Revolution noch das Vaterland im Sinn.

Das Ringen um die Neugestaltung des Vaterlandes wird durch diesen Fraktionshader in Südkorea heute ernstlich erschwert und Prüfungen ausgesetzt. Wer das Land und die Nation liebt und den Sieg der koreani­schen Revolution will, kann über diese Dinge nicht hinwegsehen.

Ich glaube, daß Sie bereits die richtige Position gegenüber dem Frak­tionsstreit bezogen haben. Um ihre sektiererischen Ziele durchzusetzen, versuchen die Fraktionsmacher, alle auf ihre Seite zu ziehen, ganz gleich, um wen es sich handelt. Ihre Aufgabe muß sein, energisch gegen die Fraktionsbildung zu kämpfen, und wenn sich die Sektierer an Sie heranmachen sollten, sie einer prinzipiellen Kritik zu unterziehen und ernsthaft ins Gebet zu nehmen, damit sie sich im Interesse der völligen Unabhängigkeit des Landes zusammenschließen.

Sie können mit Ihren Ansichten und Ihrer Haltung erheblichen Ein­fluß auf die Menschen ausüben. Wenn Sie von der richtigen Position aus die Machenschaften der projapanischen Elemente, Landesverräter und anderen Reaktionäre entschieden verurteilen und aktiv gegen die Frakti­onsbildung kämpfen, werden Ihnen viele folgen, und diese Auseinan­dersetzung wird dann große Erfolge mit sich bringen.

Meines Erachtens sollten Sie in der Auseinandersetzung mit den Fraktionsmachern ein Höchstmaß an Anstrengungen darauf richten, daß sich alle patriotisch gesinnten und demokratischen Persönlichkeiten fest zusammenschließen. Um den Staat erfolgreich aufzubauen, müssen wir uns mit allen Patrioten unseres Landes vereinen, unabhängig von ihrer Parteizugehörigkeit, ihrem Glaubensbekenntnis und ihren politischen Überzeugungen, und die breiten Volksmassen für uns gewinnen. Ja, wir müssen uns selbst mit jenen Menschen zusammenschließen, die in ihren politischen Anschauungen inkonsequent sind, wenn sie nur bis zu einem gewissen Grad Patrioten sind.

Für die Gewinnung der Volksmassen, den Ausbau und die Verstär­kung der demokratischen Kräfte in Südkorea ist es ferner äußerst wichtig, enge Beziehungen zu patriotisch gesinnten und demokratischen Persön­lichkeiten wie Herrn Ryo Un Hyong herzustellen. Herr Ryo Un Hyong war schon früher vom Haß auf den japanischen Imperialismus beseelt, er ist ein Patriot, heute spricht er sich dagegen aus, daß unser Land in ir­gendeine Abhängigkeit gerät, und hat aus diesem Grund großen Einfluß auf die lernende Jugend und die Volksmassen. Deshalb empfehle ich Ih­nen, Kontakt mit solchen patriotisch gesinnten und demokratischen Per­sönlichkeiten aufzunehmen.

Die Volksmassen für sich zu gewinnen ist außerordentlich wichtig. Wir können das neue Vaterland nicht nur mit den Kräften der Kommunis­ten und einigen patriotisch gesinnten und demokratischen Persönlichkei­ten aufbauen. Deshalb müssen wir alle Anstrengungen unternehmen und für den Zusammenschluß der breiten Massen, für die Verstärkung und den Ausbau der demokratischen Kräfte kämpfen.

Ich bin in meinem Brief kurz auf die Probleme eingegangen, die ich Ihnen unbedingt mitteilen mußte.

Ich hoffe, daß Sie meine Ratschläge unbedingt beherzigen und geleitet von der richtigen Orientierung zum Aufbau des Staates handeln werden. Im künftigen Kampf können auf Ihrem Weg verschiedene Hindernisse auftreten, doch möchte ich hiermit nachdrücklich an Sie appellieren, die auf Ihren Schultern liegende wichtige Aufgabe niemals zu vergessen und stets mutig zu kämpfen.

Zum Abschluß wünsche ich Ihnen aus ganzem Herzen Gesundheit und große Erfolge in Ihrer patriotischen Tätigkeit. Ich hoffe, daß ich bei passender Gelegenheit mit Ihnen zusammentreffen kann.