4. Oktober 1906 // Artikel
Franz Mehring // Junkerwitz

Junkerwitz

4. Oktober 1906

ungezeichnet, Leipziger Volkszeitung Nr. 230, 4. Oktober 1906. Nach Gesammelte Schriften, Band 8, S. 105-107


In wenigen Tagen vollenden sich hundert Jahre, seitdem die preußisch-sächsischen Söldnerheere bei Jena und Auerstedt von dem französischen Volksheere fürchterliche Prügel bekommen haben. Die bürgerliche Presse, die sonst immer bei der Hand ist, jeden Jahrhunderttag zu feiern, wie er gerade fällt, verhält sich diesmal sehr reserviert und besonders die liberale Presse; ihr ist offenbar die Courage ausgegangen, dem ostelbischen Junkertum seinen Sündenspiegel vorzuhalten. Eher lässt schon die junkerliche Presse einen Ton von sich hören; nach ihrer glorreichen Auffassung ist die „Aufklärung“ und „Humanität“ daran schuld gewesen, dass die Schlacht bei Jena verlorenging. Wären die Kant und Lessing, die Goethe und Schiller nicht gewesen, so hätten die Franzosen bei Jena schmählich Reißaus nehmen müssen.

Ist es auch Unsinn, hat es doch Methode! Wenn nicht für die Vergangenheit, so doch für die Gegenwart. So dumm sind auch die strohköpfigsten Junker nicht, um nicht zu wissen, dass der Sieg der Aufklärung und Humanität in Frankreich dem französischen Heere die überwältigende Kraft gab, während in dem preußisch-sächsischen Heere, das halb aus gewaltsam gepressten Hörigen und halb aus zusammengelaufenen Strolchen und Verbrechern bestand, selbst mit dem Mikroskop keine Spur von Aufklärung und Humanität zu entdecken war. Das blöde Geschwätz wird nur in die Welt gesetzt, um das Nützliche mit dem Angenehmen zu verbinden, um mit der Beschönigung des jammervollen Junkerbankrotts vor hundert Jahren die Empfehlung des Gamaschendrills zu verbinden, der dem heutigen Heere die „seelische Verweichlichung“ und die „Humanitätsduselei“ austreiben soll, und der einigermaßen ins Wanken zu geraten droht, seitdem jedes Kind weiß, dass die ganze Dressur auf dem Paradeplatze nicht den mindesten Wert für den Krieg hat, aus dem einfachen Grunde nicht, weil alle die peinlich eingeübten Exerzitien im Ernstfalle vollständig versagen. Man rührt hier an das holdeste und zarteste Geheimnis der stehenden Heere. Sie entstanden von Anfang nicht nur als Waffe gegen das Ausland, sondern auch als Waffe gegen die beherrschten und unterdrückten Klassen im eignen Lande. Daher die „eiserne Friedensausbildung mit ihrer Dressur“, daher die „kriegerische Härte“, daher der „unbedingte Gehorsam“; der Soldat sollte zur willenlosen Maschine gedrillt werden, die ohne einen Funken menschlichen Erbarmens, ohne die „seelische Verweichlichung der Kultur“ auf Bruder und Schwester, auf Vater und Mutter schoss, sobald es befohlen wurde, im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert war man noch naiv genug, aus dieser Bestimmung der stehenden Heere gar kein Hehl zu machen; die militärischen Schriften der damaligen Zeit wimmeln von dürren Eingeständnissen des Sinnes, dass die stehenden Heere eine Bewaffnung der herrschenden gegen die beherrschten Klassen seien, namentlich auch die Schriften des Königs Friedrich von Preußen, des sogenannten „Großen“. Lieber ließ dieser Despot das Land von den Kosaken und Kroaten in Grund und Boden verwüsten, ehe er auch nur eine verrostete Flinte in der Hand eines Bauern oder Bürgers duldete; wurden seine getreuen Untertanen von den eindringenden Feinden irgendwo niedergemetzelt, weil sie sich mit den Waffen widersetzt hatten, so ließ er ihnen höhnisch sagen, damit sei ihnen ganz recht geschehen, und er hätte ihnen ebenso mitgespielt wie die Kosaken und Kroaten. So dachte und sprach der preußische Nationalheros, wenn das „Volk in Waffen“ sich etwa einmal „mit Gott für König und Vaterland“ erhob.

Diese schönen Redensarten wurden erst in den eisernen Bestand des patriotischen Phrasenschatzes aufgenommen, als die Französische Revolution glorreichen Angedenkens in ihren Nachwirkungen eben bei Jena die ganze altpreußische Herrlichkeit wie einen vermoderten Plunder fortgefegt hatte. Die herrschenden Klassen mussten wohl oder übel auf die friderizianische Heeresverfassung verzichten, aber sie waren nach all ihren Kräften bedacht, soviel sie irgend konnten von der mit dem Stock entnervten Söldnerarmee in das neue „Volksheer“ hinüberzuretten. Nicht einen Augenblick verloren sie die Verwendung des Heeres gegen den „inneren Feind“ aus dem Auge; nur durch die alleräußerste Bedrängnis, die ihnen unmittelbar auf den Fingern brannte, konnte ihnen die allgemeine Wehrpflicht entrissen werden, und kaum war die ärgste Not gekehrt, als sie wieder mit voller Dampfkraft auf das alte Söldnerheer zurückzusteuern versuchten. Nicht als ob sich die allgemeine Wehrpflicht in den sogenannten Freiheitskriegen nicht bewährt hätte! In diesen Kriegen hatte sich vielmehr gezeigt, dass ein Heer die Verteidigung des Landes gegen äußere Feinde desto kräftiger zu führen vermag, je volkstümlicher es organisiert ist. Aber in demselben Maße wurde es gebrechlicher als Waffe der herrschenden gegen die beherrschten Klassen, und von daher fließen die Tränen der Junker. Immer sind sie darauf bedacht, auch dem Heere der allgemeinen Wehrpflicht nach aller Möglichkeit den Charakter des Söldnerheeres zu erhalten; eben hieraus entsprangen die Kämpfe der preußischen Konfliktszeit, aus denen die Junker, da die Bourgeoisie weder die nötige Konsequenz noch die nötige Courage besaß, als Sieger hervorgingen.

Aber deshalb hörte ihr Kummer nicht auf. Die innere Dialektik der historischen Entwicklung lässt ihrer nicht spotten. Die Notwendigkeit, das Heer den äußeren Feinden gewachsen zu erhalten, zwingt unerbittlich dazu, es mehr und mehr zu demokratisieren, immer größere Massen des Volkes in den Waffen zu üben; die zweijährige Dienstzeit, einst der Kampfpreis der preußischen Konfliktszeit, ist trotz alledem durchgedrungen, und selbst die Militärgerichtsbarkeit, dies Kleinod der Söldnerheere, hat etwas von ihrem gespensterhaften Glanze einbüßen müssen. Freilich sind das sehr langsame und sehr mäßige Fortschritte, aber da sie von einer unerbittlichen Notwendigkeit diktiert werden, so fürchten die Junker sie doch, in der dumpfen, aber ganz richtigen Ahnung kommenden Unheils. So arbeiten sie im Schweiße ihres Angesichts daran, den Söldnergeist und die Söldnerüberlieferungen auch im Heere der allgemeinen Wehrpflicht zu erhalten. Ließen sie doch selbst durch ihre gelehrten Tintenkulis den ausschweifendsten Brotwucher damit verteidigen, dass die alten „Offiziersgeschlechter“ erhalten werden müssten, das heißt die Krautjunkerfamilien, in denen sich die friderizianische Fuchteltradition fort und fort erbt. Dass diese Forderung nur einen Sinn hat, wenn es sich um eine Verwendung des Heeres gegen den „inneren Feind“ handelt, liegt auf der Hand; es wäre ja ein qualifizierter Blödsinn, anzunehmen, dass deutsche Heere auswärtige Kriege nicht anders siegreich führen können als unter dem Kommando der Prudelwitze und Strudelwitze, der Itzenplitze und der Zitzewitze.

Freilich wird dieser Blödsinn noch übergipfelt durch den neuesten Junkerwitz, dass die preußisch-sächsischen Truppen bei Jena geschlagen worden sein sollen, weil Aufklärung und Humanität sie entnervt hätten. Historische Tatsache ist vielmehr, dass es nie ein Heer von so vollendetem Gamaschendrill gegeben hat wie das preußisch-sächsische Heer bei Jena, aber auch nie ein Heer von gleich unglaublicher Unfähigkeit, wirklichen Krieg zu führen. Jedoch die ostelbischen Junker lassen sich nicht lumpen: Sie bieten der „bürgerlichen Kanaille“ das unglaublichste, weil sie aus alter Erfahrung wissen, dass sie sich schlechthin alles bieten lässt, und soweit es auf die deutsche Bourgeoisie ankommt, haben sie auch unzweifelhaft recht.