1927 // Artikel
Alexandra Kollontai // Das Dekret an der Wand

Das Dekret an der Wand

1927

[Zum ersten Mal veröffentlicht 1927 in der Zeitschrift „Krasnaja Panorama“ (Rotes Panorama), Nr. 45. Der vorliegenden Publikation liegt der Sammelband „Unvergängliche Jahre. Skizzen und Erinnerungen aus dem Roten Petrograd“, Leningrad 1957, russ., zugrunde. Nach „Ich habe viele Leben gelebt“. Berlin 1980, S. 425-429]


Ob wohl viele Menschen in den großen Tagen der Oktoberrevolution begriffen haben, dass sich vor ihren Augen das bedeutsamste Ereignis in der Welt abspielte, dass die soziale Revolution Tatsache wurde?

Die Arbeiter erkannten es, auch die Vortrupps der Soldaten spürten es. Doch das Philistertum des alten Petersburg, die ganze Masse der Kleinbürger bekundete in diesen bedeutungsvollen Tagen nur dumpfe Verzagtheit.

Die Unzufriedenheit mit der Regierung Kerenski war groß. Die Menschen glaubten nicht daran, dass sie mit dem Krieg und dem Lebensmittelproblem würde fertig werden können. Vom vielen Schlangestehen waren sie schon ganz erschöpft. Aber sie verstanden auch noch nicht alle die Bolschewiki und hatten daher Angst vor ihnen.

Als der Kongress die Macht der Sowjets verkündete, überschritt die werktätige Menschheit die Schwelle, hinter der sie eine neue Zukunft erwartete. Das aber wusste der Spießer der Hauptstadt nicht. So nahm er die Kunde von der Übernahme der Macht durch die Sowjets in den ersten Tagen eher gleichgültig als feindselig auf.

Ein nasskalter Herbstmorgen in Petrograd. In der Nacht ist der große Akt vollzogen worden: Der zweite Kongress hat den Übergang der Macht an die Sowjets proklamiert. Der so viel gehörte Ruf der letzten Monate ist eine Tatsache, ist Wirklichkeit geworden. Nach einer schlaflosen Nacht gehe ich nach Hause. Ich habe nicht auf das Auto gewartet, sondern gehe vom Smolny zu Fuß durch die Stadt.

Ich hatte gedacht, die ganze Stadt würde feiern. Das, was das Volk gewünscht hatte, war ja in Erfüllung gegangen: Die Regierung Kerenski gab es nicht mehr, dafür die Macht der Werktätigen. Doch das alte Petersburg mit seinen vielen Spießern begriff, spürte, verstand noch nicht die ganze Größe des Geschehens. Die Stadt lebt weiter in ihrem Alltagstrott. Dort im Smolny brodelt der Kessel der Revolution, verschmelzen Jubel, Wachsamkeit und Verantwortungsbewusstsein zu einem großen Gefühl. Auf den Straßen Petrograds aber gehen die Menschen an diesem trüben, nassen Herbstmorgen gleichgültig den kleinen Dingen des Alltags, ihren gewöhnlichen Sorgen nach. Der eine hastet zur Arbeit, der andere, um sich nach Lebensmitteln anzustellen. An den Straßenecken klebt an den Häuserwänden ein kleines, ganz unauffälliges Blatt Papier mit dem kurzen Dekret der Sowjetregierung über die Berufung der Volkskommissare. Die Passanten eilen vorüber, gehen ihren Angelegenheiten nach. Den Anschlag nehmen sie nicht wahr.

Ab und zu blickt einer mal kurz hin und geht weiter. Eine neue Regierung? So oft schon wurden Menschewiki und Sozialrevolutionäre unter Kerenski in der Regierung ein- und umgesetzt, dass eine Neubildung der Regierung niemanden mehr wundert. Ein Wechsel mehr oder weniger … Am liebsten würde ich die Leute aufhalten, ihnen zurufen: Sehen Sie doch mal genauer hin! Die Sowjets haben jetzt die Macht!

Doch die Passanten eilen an dem Dekret über die neue Regierung vorüber. Schließlich bleibt ein altes Männchen mit Stock – offenbar ein Offizier im Ruhestand – stehen.

Er liest sich das Ganze aufmerksam durch und schüttelt dann den Kopf. „Die Namen habe ich ja noch nie gehört. Und woher kommt jetzt das Volk in der Regierung? Was sind denn das überhaupt für ,Volkskommissare‘? Sollen wohl in den Krieg geschickt werden?“ So brummelt der Alte vor sich hin und geht, mit seinem Spazierstock pochend, weiter.

Nach ihm tritt eine Frau mit Brille, wohl eine Lehrerin oder Angestellte, zu dem Anschlag hin. Sie liest ihn und rückt ärgerlich die Brille auf der Nase zurecht. Es ist klar, das Dekret hat nicht ihre Zustimmung gefunden. „Warum mischen sich die Bolschewiki nur überall ein? Nun haben sie sich auch noch Volkskommissare‘ zugelegt.“ Und sie geht weiter. Was kümmern sie die Bolschewiki, die Regierung? Sie versteht ihr Fach, auf alles andere pfeift sie.

Zwei Studenten bleiben interessiert vor dem Dekret stehen. Sie sagen nichts, schauen einander nur an. Und dieser Blick besagt: „Da hast du die Bolschewiki … Was soll nun werden?“

Ein beleibter Herr in dickem Mantel und mit einer Aktentasche unter dem Arm eilt über die Straße, um den schlichten Anschlag an der Wand, nicht größer als ein Bogen Schreibpapier, durchzulesen. Seine Miene verfinstert sich. Er liest das Ganze noch einmal und schimpft laut los: „Nein, da soll doch … Verkünden die Bolschewiki ihre Regierung! Ja, wer soll denn auf diese Räuber, Spione und Verräter hören? Schöner Einfall! Ihre Regierung zu bilden! Denen werden wir es zeigen! Ordentlich eins drauf bekommen die!“

Richtig aufgeregt ist der Herr im warmen Mantel und mit der glänzenden nagelneuen Aktentasche unterm Arm. Er steht vor dem Dekret und geifert, was das Zeug hält. Neben ihm liest ein klappriges, mickriges Beamtenseelchen in abgetragenem Mantel, unter den nur so der Wind fährt, mit trübsinnigem Gleichmut das Dekret.

„Begreifen Sie, welche Frechheit sich diese deutschen Spione – die Bolschewiki – da erlauben?“ redet der Mann mit der Aktentasche auf ihn ein.

„Aber natürlich, bei den Bolschewiki ist man vor keiner Überraschung sicher. Nur können wir dazu nichts sagen, das geht uns nichts an“, und fort ist die Schreiberseele.

Neue Passanten gehen am Dekret vorbei, ohne es zu beachten.

Der Laufbursche aus dem Gemüseladen, mit Schürze, Korb und Schirmmütze, tritt dicht an den Anschlag heran und liest laut und vernehmlich: „Der Rat der Volkskommissare … „

Und auf einmal strahlt der Junge.

„Macht der Sowjets … Na, das ist eine Sache! … Die Sowjets haben die Macht! Die Bolschewiki sind schon Pfundskerle. Gesagt – getan! He, Wanka! Sieh doch mal, die Bolschewiki haben die Macht übernommen … „

Der Botenjunge Wanja kommt angelaufen. Ihm folgen ein Arbeiter, eine Frau mit Kopftuch, ein Soldat. Sie glauben und begreifen noch nicht ganz, was eigentlich geschehen ist. Doch als Proletarier sagt ihnen ihr Gefühl, dass diese Macht für die Bourgeois nichts Gutes zu bedeuten hat, für die Arbeiter und Bauern hingegen die Erlösung ist.

„Was sind denn das für welche, die Volkskommissare“, fragen die Arbeiter einander.

„Na, einfach Kommissare, aber nicht solche wie früher, sondern aus dem Volk. Kommissar des Volkes. Klar?“

„Wenn wir die Macht der Sowjets haben, ist auch der Krieg zu Ende“, meint der Soldat und knabbert seine Sonnenblumenkerne. „Auf keinen Fall fahre ich wieder an die Front. Jetzt geht’s geradewegs zurück ins Dorf, auf meine Scholle.“

Die junge Arbeiterin mit dem Kopftuch aber erwidert: „Nein, der Krieg ist noch nicht vorbei. Ohne Kampf geben sie die Macht nicht her. Habt ihr etwa nicht gehört, dass die ganze Nacht geschossen worden ist? Ich gehe zu den Sanitäterinnen. Zu den Bolschewiki.“

Sie bindet ihr Tuch fester und läuft in Richtung Smolny davon. Ihr war schon damals klar, dass mit den großen Tagen des Oktober der Kampf erst begann. Da sie es wusste, stürzte sie sich verantwortungsbewusst in diesen Kampf.