1972 // Artikel
Rosemarie Juttka-Reisse // Der Personenkult [in der DVRK]

Der Personenkult [in der DVRK]

1972

Fünftes Kapital aus „Agrarpolitik und Kimilsungismus in der DVRK“ von Rosemarie Juttka-Reisse, 1972


Durch die Tabuierung antagonistischer Formen der Konfliktaustragung blieb das Entscheidungsmonopol der Partei hinsichtlich aller Fragen des politischen Linienkampfes bewahrt. Die gegensätzlichen Positionen der sozialistischen Praxis wurden in Nordkorea niemals öffentlich, im Rahmen einer Massenkampagne, artikuliert. Damit erhebt sich die Frage, wie die empirisch nachweisbare Kontinuität einer linken Linie von einer Institution verteidigt werden konnte, die selbst als Träger zentristischer und technokratischer Tendenzen in Erscheinung getreten ist. Wir kommen hiermit zur Funktion des Personenkultes. Für Außenstehende bildet er bis heute das bizarrste Phänomen des koreanischen Sozialismus. Gegenstand des Kultes sind die Person Kim Il-sungs sowie eine Reihe seiner unmittelbaren Angehörigen, die alle ebenso wie Kim Il-sung durch ihre revolutionäre Biographie die Kontinuität des koreanischen Freiheitskampfes repräsentieren.

Der magische Ursprung des Kultes ist unverkennbar: Das Charisma der Personen teilt sich den Gegenständen mit, die sie berührt haben und mit denen sie lebten. Jene erhalten den Charakter revolutionärer Reliquien, die in Museen und Ausstellungsräumen aufbewahrt werden. So zeigen Fabriken Stühle vor, auf denen Kim Il-sung während einer ad-hoc-Anleitung einmal Platz genommen hat.

„The various manifestations of the Kim Il Sung cult are simply too numerous to list. Visiting North Korea, one meets the omnipotent ‚Leader‘ in every aspect of life, and every meaning expressed is punctuated with a quote from the ‚respected and beloved‘ Kim, whose paternal stare follows every citizen and visitor alike from the portraits that adorn every home, hotel, shop and public building. During the Cultural Revolution in China, the Mao cult reached similar proportions, but with the return of normalcy, the cult has subsided and is almost forgotten. In China, it grew out of an abnormal internal situation. In North Korea, the cult simply grows and grows in what otherwise seem to be normal conditions.“1

Der Personenkult ist das Mittel gewesen, um den Primat der Politik und der ideologischen Revolution unter den Bedingungen einer beschleunigt verlaufenden technischen Modernisierung sicherzustellen und in Partei und Gesellschaft zu verankern. Er blieb das Vehikel jener subjektiven Dynamik, die den Prozeß der ökonomischen Entwicklung in Nordkorea getragen hat.

„Vor allem ist es deshalb notwendig, bei jeder Angelegenheit die politische Arbeit an die erste Stelle zu rücken, das politisch-ideologische Bewußtsein der Massen ununterbrochen zu erhöhen und zu erreichen, dass sich die breiten Volksmassen bewußt für die Erfüllung der revolutionären Aufgaben mobilisieren.“2

Diese Zielsetzungen können, wie Kim Il-sung häufig ausgeführt hat, nicht mit administrativen Methoden erreicht werden. Der Inbegriff einer die Massen aktivierenden und ihr Bewußtsein einbeziehenden Führung ist das Vorbild. Vorbilder üben keinen direkten Zwang aus wie Gesetze, Regeln, Anordnungen und Strafen. Sie wollen zur Nacheiferung motivieren, wobei im Mittelpunkt die Herstellung spontaner subjektiver Antriebe steht und nicht die Erzwingung eines äußerlichen Konformismus. Eine Autorität, die durch Vorbild herrscht, muß „durch Handlungen, nicht durch. Worte überzeugen“3. Die Kader bemühen sich, „bei jeder Sache das persönliche Beispiel zu geben, immer bescheiden, schlicht, höflich zu sein und damit durch ihr praktisches Handeln zu einem Musterbeispiel für die Massen zu werden“4.

Das Vorbild bildet heute die Grundlage einer handlungsbezogenen Lerntheorie, die in ihren wesentlichen Punkten von Kim Il-sung entwickelt worden ist: Das Lernen und Begreifen der Massen geht grundsätzlich nicht von Worten und wissenschaftlichen Informationen aus, sondern von Einzelfällen, die exemplarisch entfaltet werden. So haben sich die Bauern von den Vorteilen der landwirtschaftlichen Kollektivierung nicht aufgrund von Theorien überzeugt, sondern durch eigenen Augenschein, ermöglicht durch das praktische Beispiel der Modell-Genossenschaften.

„In this teaching, the grat leader Comrade Kim Il Sung gave weight to object lessons in encouraging the peasants to join the cooperative economy willingly. An object lesson, as suggested by the leader, is a more effective method of education than explanation and persuasion. Even the latter can influence the peasants only through living examples … Our peasants … did not readily accept everything until they became convinced of its worth through life, not by listening to but by seeing it for themselves. Life experience alone could free the peasants from the fetters of conservatism.“5

Die Methode des exemplarischen Lernens hat den Vorteil, daß sie den anschaulichen, durch vorwissenschaftliche Erfahrung präformierten Sprach- und Denkformen der koreanischen Massen entgegenkommt. Wissenschaftliche Sachverhalte haben sich daran zu bewähren, wie weit sie in den Verstehenshorizont handelnder Individuen übersetzbar und mit ihren unmittelbaren Lebensinteressen konform sind. Hierdurch werden Lernprozesse ermöglicht, die primär daran orientiert sind, die Massen zum eigenen Handeln zu motivieren und sie zur aktiven Handhabung und Transformation ihrer natürlichen und sozialen Umgebung zu ermutigen. Eine derartige Mobilisierung der Lernenden zum eigenen Handeln und Denken bedingt, wie Kim in den ‚Thesen zur sozialistischen Erziehung‘ auseinandersetzt, das volle Verständlichmachen der Lerninhalte durch die Methode des Fragens und Antwortens sowie ihre Visualisierung:

„… the contents of teachings should be visualized to suit the characteristics of the subjects and the up-to-date visual aids of various formns widely used so as to improve visual and demonstrative education.“

Das Lernen von individuellen Handlungen, Ereignissen und Vorbildern soll ein Maximum an konkret-detaillierter Verhaltensanleitung gewährleisten, ohne daß das Massenhandeln in einzelnen Aspekten rigide festgelegt und reglementiert ist. Ein Vorbild kann, gerade weil es sich aus einer unendlichen Vielfalt konkreter Einzelheiten zusammensetzt, niemals mechanisch kopiert werden. Die Freiheit zur Abweichung und zur individuellen Problemlösung, die der koreanische Produktionsprozeß auf allen Ebenen so dringend voraussetzt, bleibt trotz einer sehr weitgehenden sozialen Kontrolle gesichert.

Häufig entstehen neue Vorbilder spontan, indem die individuellen Produktionseinheiten die Parteilinie schöpferisch anwenden und mit neuen Techniken, Organisationsmodellen und Verhaltensformen experimentieren. Die Tschollima-Kampagne hatte ihr konkretes Vorbild in einer Arbeitsbrigade der Kangsun-Stahlwerke. Die Tschongsanri-Methode wurde im Dorf des gleichen Namens im Jahre 1960 entwickelt. Das Däaner System entstand im Jahre 1961 in der Däaner Elektromaschinenfabrik. In all diesen Fällen war jedoch Kim Il-sung von Anfang an zur Stelle und nahm eine ad-hoc-Anleitung vor.

Die Generierung von Vorbildern sieht damit folgendermaßen aus: Mitten unter den Massen lebend, löst Kim, hierin stellvertretend für alle Kader, konkrete Probleme an Ort und Stelle, indem er sich mit den Massen berät, sie anleitet, ihre Erfahrungen zusammenfaßt und fortschrittliche Erfahrungen propagiert:

„In such on-the-spot-guidance the Party has always solved the principal problem in one given place and made it a model. Then it systematically generalized all concrete experience and lessons gained in that one area and, in this way, combined general and specific guidance and successfully overcame subjectivism and formalism in the leadership.“

Die fortschrittlichen Erfahrungen der Modell-Einheiten werden durch Vorträge, Publikationen, Besuchsreisen und Versammlungen einem größeren Publikum zugänglich gemacht. Neue Modell-Einheiten entstehen, die sich im Lernen von den ursprünglichen Vorbildern besonders hervorgetan haben. Jede Produktionsgruppe lernt von einer anderen. Jeder Arbeiter hat seine persönlichen Vorbilder in Musterarbeitern, revolutionären Helden, Opernidolen oder vorbildlichen Kadern. Auf diese Weise werden in Nordkorea Erkenntnisse verallgemeinert und Prozesse der gesellschaftlichen Entwicklung in Gang gesetzt.

Die Zusammenfassung dieses Prozesses des exemplarischen Lernens erfolgt in der Person Kim Il-sungs als des universellen Super-Vorbildes, das alle anderen überragt und in dem alle individuellen Vorbilder aufgehen. Eine derartige Sammel- und Koordinierungsfunktion kann nach dem bisher Gesagten nur eine Person haben: Da das gesellschaftliche Lernen grundsätzlich konkret-praktischen Inhalt besitzt und sich an lebenden Personen orientiert, kann auch das zusammenfassende und gesellschaftlich Allgemeine nur als eine konkrete, handelnde Person gedacht werden und nicht als eine Institution. In die Person Kim Il-sungs werden alle Verhaltensaspekte projiziert, die im heutigen Korea für sozial wünschenswert gehalten werden. Diese stellvertretende Funktion einer einzelnen Person für den gesamten Kosmos sozialer Handlungen und Pflichten mußte notwendig zur Grundlage für einen Mythos werden.

Kim gehört in die Kategorie jener historischen Erzieher, die ein revolutionäres Weltbild nicht nur erdacht, sondern exemplarisch gelebt haben. Nur sie wurden zu allen Zeiten als Personen verehrt. In unzähligen öffentlichen Auftritten symbolisiert Kim die neue, durch die Tschongsanri-Methode umrissene Form der sozialistischen Autorität. Er geht persönlich in die Dörfer und Fabriken, scheut keinen Weg, ist pausenlos unterwegs. Wo er auftaucht, sollen sich die Massen wohlfühlen. Freundlich, umgänglich und teilnahmsvoll fragt er nach ihren Problemen und Belangen. Er sitzt „Knie an Knie“ mit den Bauern und achtet darauf, daß jeder es bequem hat. Nie erlebt man ihn zornig, einschüchternd oder indifferent. Von ihm gehen durchweg gute, förderliche, ermutigende Signale aus:

„It seemed that the broad sunny smile of the fatherly Marshal who was looking at the crowds with affectionate eyes would make all the flowers on the earth bloom and bring the bright smiles to the faces of people.“

In seinem gesamten Habitus verkörpert Kimn Il-sung eine milde, nachgiebige, sehr asiatische Form der Autorität. Er ist die Inkarnation des mustergültigen Kaders, der ins Volk geht und sich mit den Massen berät. zugleich symbolisiert sein Verhalten eine intensive Form der Führung: Die Massen sollen nicht allein handeln, und Kim ist nicht weit und persönlich unnahbar wie Mao.

Er ist allgegenwärtig, unermüdlich Dörfer, Fabriken, Wohnhäuser aufsuchend, an Ort und Stelle Probleme lösend und konkrete Weisungen gebend, die den Massen genau sagen, was zu tun ist: Wie man Schrauben besorgt, Schweine füttert, Ziegeldächer repariert oder Düngerfabriken baut. Kein Problem des Massenalltags ist Kim Il-sung so unbedeutend, daß er sich nicht persönlich damit beschäftigen würde. Dieser Verhaltensaspekt ist zutiefst anti-konfuzianisch. Wo wären führende Staatsbeamte in der Vergangenheit abgestiegen, um sich mit den Bauern über die Zubereitung von Bohnenkäse oder das Einlegen von roten Pfefferschoten zu verständigen? Das unterschiedslose Interesse Kims und seine Aufmerksamkeit für jeden trivialen Aspekt ist anti-elitär, es dokumentiert jedoch auch, daß präzise Anleitung in Alltagsfragen den koreanischen Massen vertrauter sein muß als den chinesischen. Die Weisungen Mao Tse-tungs haben sich im Unterschied zu denen Kims nie auf konkrete Detailprobleme bezogen, und die Person trat hinter dem fragmentarischen Werk zurück.

Das konfuzianische Bildungsideal war ausschließlich an der ethisch-sozialen Seite der Realität orientiert. Es vermittelte keinerlei Wissen über natürliche Phänomene. Die Natur bzw. die Dinge waren nicht Gegenstand des Erkennens, sondern die Angelegenheiten der Menschen, die in sozialen Handlungsvollzügen standen. Kenntnisse der praktischen Handhabung und Bearbeitung der Natur, z.B. landwirtschaftliches Spezialwissen, galten als eines Gebildeten für unwürdig. Auf diesem Hintergrund erscheint der konkret-praktische, dingnahe Realitätsbezug Kim Il-sungs als die eigentliche Abkehr des modernen Korea vom konfuzianischen Erbe bzw. der Ausgangspunkt seiner anti-konfuzianischen Revolution. In bewußter Abwehr des konfuzianischen Bildungselitarismus wendet sich Kim der konkret-unmittelbaren, materiellen, praktischen Seite der Dinge und Verhältnisse zu. Der oberste Grundsatz seines Handelns und Denkens scheint der zu sein, daß nichts, was die Massen beschäftigt, für absolut belanglos, banal, unbedeutend gilt, daß die Kader kein höheres Wissen verkörpern, daß sie von den Angelegenheiten des materiellen Lebens und Überlebens distanziert. Das Dschutsche ist keine Sammlung abstrakter Gesetze, sondern erlebtes Dasein. Es lehrt Teilnahme für die konkreten Bedürfnisse der Massen und die Hinwendung zu praktischen Problemen wie die Behandlung von Alteisen oder die Weiterverwendung von Reisstroh. Stellvertretend für diesen Prozeß, kümmert sich Kim Il-sung z.B. persönlich darum, daß die Arbeiter eines bestimmten Viertels im Winter durch einen Lastwagen gute frische Gurken und Rettiche bekommen. Wenn er einem Holzfäller begegnet, betrachtet er dessen Schuhe. Bei der Begrüßung von Textilarbeiterinnen fallen ihm die rauhen Hände der Frauen auf und er vertieft sich in die Einzelheiten des technischen Arbeitsvollzugs.

Gefordert wird hier das Prinzip einer gegenständlichen, sinnlich-vertieften Wahrnehmung und Erfahrung der Welt. Diese Hingabe an das Einzelne ist ein revolutionäres Prinzip: Die Dinge sollen für sich selber sprechen. Alle primär ethischen und sozialen Bewertungen, die im konfuzianischen Weltbild die Erfahrung der Dinge prästrukturierten, wurden entfernt. Damit kommt es zur Überwindung der Erkenntnisschranke, die in der Moralisierung des Empirischen lag und die nach Needhams Darstellung die konfuzianischen Gesellschaften für die voraussetzungsfreie Erfahrung der Natur und die Methodik moderner Wissenschaften so unzugänglich gemacht hat.

Der Empirismus Kim Il-sungs ist gleichbedeutend mit jenem Prozeß der Säkularisierung und Entzauberung der Welt, der die Dinge von ihren mythischen und normativen Bedeutungen gereinigt hat und sie neu aufscheinen ließ in ihrer bisher verstellten empirischen Vorfindlichkeit und Faktizität, die die Grundlage für die praktische Aneignung und Veränderung bilden. Dieser Prozeß ist wie überall, wo er der Etablierung der Wissenschaft als eines kulturellen Systems vorausging, mit einer Phase der Versinnlichung der Weltwahrnehmung verbunden.

Die erzieherische Funktion des Personenkults läßt sich hiermit definieren: Durch persönliches Vorbild und exemplarisches Lernen wird den koreanischen Massen ein wissenschaftliches Weltbild vermittelt, in dem die anwendungsbezogenen Aspekte des Wissenschaftsprozesses gegenüber den theoretischen dominieren. Dieser Vorrang der Empirie folgt aus dem Dschutsche, dessen Grundthesen sich folgendermaßen zusammenfassen lassen:

1. Die Produktion muß aus abstrakt-internationalen Verflechtungen herausgelöst und an die unmittelbaren Lebensbedürfnisse der Menschen eines Landes, einer Region rückgekoppelt werden.

2. Es gibt kein universelles Schema der ökonomischen Entwicklung; jedes Land, jedes Gebiet hat seine eigenen Bedingungen und Probleme.

3. Alle Erkenntnis beginnt in der Praxis und bewährt sich in der Praxis. Die Entwicklungsländer müssen sich befreien von der Flut präfabrizierter Erfahrung und Inforrmationen, die die entwickelte Welt täglich ausscheidet. Die Wahrheit ist konkret.

4. Überlieferte aristokratische Weltbilder müssen überwunden werden. Die Massen erkennen und erschaffen die empirischen Realitäten. Der ökonomische Prozeß dient der breiten Entfaltung von Identität, Bewußtsein und Erfahrung.

Das Dschutsche bzw. der Grundsatz des Autozentrismus wurde damit zum Ausgangspunkt eines wissenschaftlichen Empirismus wie der politischen Demokratie. Beide Prozesse haben sich wechselseitig gefördert. Allerdings muß berücksichtigt werden, daß das technische wie das politische Lernen der Massen teilweise noch in mythischen Formen verläuft. Es blieb gebunden an die Institution des Personenkults, die mit dem Dilemma konfrontiert, daß moderne, rationale Erfahrungskategorien in quasi-religiöse Formen eingekleidet werden. Jene sind verbunden mit der Figur eines charismatischen Führers, der über Land wandert und den Massen neue Lehren verkündet, worin er eher einem Propheten als einem modernen Staatsmann vergleichbar ist. Unweigerlich führt dieser charismatische Vermittlungsmechanismus zu Formen der Religionsstiftung. Dadurch wird gesichert, daß nur eine Wahrheit, nur eine Lehre existiert, Kims Person verkörpert die monolithische Einheit von Partei und Ideologie;

„Our People ’s minds are full of only one idea … The boundless loyalty to the leader is the motive power which lets the whole Party and society think and act upon one and the same idea and makes our unity and cohesion indestructible.“

Einheit und Kontinuität der herrschenden linken Parteilinie wurden auch in Korea keineswegs kampflos durchgesetzt. Sie verdanken sich einer langen Reihe von personellen Veränderungen, Umgruppierungen, Entlassungen und Degradierungen in den inneren Parteigremien, die mit dem Ausschluß führender Yenan- und Sowjet-Kommunisten in den frühen fünfziger Jahren begonnen hatten. Seitdem riß der Kampf um die innerparteiliche Machtverteilung nicht ab. Zumindest wird aus der nachweisbaren Instabilität der politischen Führungselite auf die Fortsetzung der parteiinternen Auseinandersetzungen um den Kurs der sozialistischen Entwicklung geschlossen. Sicher ist, daß die Partisanengruppe bis heute ihre führende Stellung behaupten konnte. Auf dem 4. Parteitag (1961) wurden die letzten Vertreter der Yenan-Gruppe aus dem Zentralkomitee ausgeschlossen. Sieger blieb die Partisanenfraktion, die mit 10 von insgesamt 13 Mitgliedern die Mehrheit des Politbüros bildete. In den Jahren 1961 bis 1970 wurden im Zuge weiterer Säuberungen bis zu zwei Drittel der Parteielite ausgetauscht. Unklar bleibt, ob die alten, unter sowjetischer Vorherrschaft entstandenen Fraktionierungen diesen Prozeß überlebten und in den Linienkämpfen der Gegenwart noch eine Rolle spielen. Heute befinden sich unter den Mitgliedern des Zentralkomitees nur noch zwei Sowjet-Kommunisten und neun einheimische Kommunisten. Neue Gruppen schieben sich in den Vordergrund. Hierzu gehört vor allem die revolutionäre Jugend, die in Partei und Gesellschaft Nordkoreas zunehmend den Ton angibt. 119 von insgesamt 172 Mitgliedern des auf dem 5. Parteitag (1970) neugewählten Zentralkomitees der Partei waren Neulinge in ihrem Amt. Bei ihnen handelt es sich vorwiegend um jüngere Leute. Seit dem Jahre 1972 wurden 400.000 Jugendliche neu in die Partei aufgenommen.

Diesem Aufstieg der Jugend korrespondiert die inoffiziell vorgenommene Nominierung Kim Chong-Ils, des Sohnes Kim Il-sungs, zum politischen Nachfolger seines Vaters. Er ersetzte damit seinen Onkel Kim Yong-ju, der lange Zeit als der legitime Nachfolger Kim Il-sungs, gegolten hatte. Die Ernennung Kim Chong-Ils wurde allgemein als ein Sieg der von der radikalen Jugend repräsentierten Parteilinken über die mittlere Kadergeneration um Kim Yong-ju interpretiert. Im Februar 1973 organisierte die Partei mit Zustimmung Kim Il-sungs und unter der unmittelbaren Führung Kim Chong-Ils die Bewegung der drei großen Revolutionen. Gruppen, die aus jungen Parteimitgliedern und Studenten zusammengesetzt waren, wurden in großer Zahl in die Dörfer und Fabriken entsandt, um die Durchführung der ideologischen, der technischen und kulturellen Revolution in den Produktionseinheiten zu beschleunigen. Die Hauptaufgabe der Gruppen bestand in der Kritik der Führungsmethoden der alten Parteibürokraten. Auf dem Lande wurde insbesondere der Arbeitsstil der Kreisorgane einer Korrektur unterzogen, während das Leitungspersonal der Kooperativen aktiv in die Bewegung einbezogen war. Kader, die des Bürokratismus, Formalismus, Auslandslakeientums etc. für schuldig befunden wurden, hatten sich einer Umerziehung auszusetzen; einige verloren ihr Amt. Diese Bewegung ist häufig mit der Praxis der Roten Garden in China verglichen worden. Sie zeigt, daß Nordkorea in den siebziger Jahren zunehmend unter den Einfluß einer radikalen Linie geriet. Hieraus ergab sich eine Annäherung an die chinesische Parteilinke: Der Sturz Teng Hsiao-pings im Jahre 1976 wurde in Nordkorea begrüßt.

Die Entwicklung macht deutlich, daß trotz der aufrechterhaltenen Fassade der Einheit und Geschlossenheit der kommunistischen Partei auch in Nordkorea zwei Linien des sozialistischen Aufbaus miteinander konkurrieren, die die realen gesellschaftlichen Widersprüche zum Ausdruck bringen. Üer die Inhalte dieses Linienkampfes ist seit den Auseinandersetzungen der fünfziger Jahre nichts mehr bekannt. Die zugrundeliegenden gesellschaftsprogrammatischen Konzeptionen wurden nicht, wie in der chinesischen Kulturrevolution, öffentlich formuliert und von den Massen diskutiert. Sie lassen sich deshalb nur erraten. Es ist anzunehmen, daß die rechten Parteifraktionen in Einklang mit den Problemen einer fortgeschrittenen industriellen Entwicklung die Eigenlogik der technischen Revolution hervorheben und die Industrialisierung und Modernisierung als die dominanten Variablen betrachten, die alle anderen gesellschaftlichen Variablen in ihrer Entfaltung beherrschen und spezifisch einschränken. Demgegenüber insistiert die Linke auf der Gleichzeitigkeit der technischen, der ideologischen und der kulturellen Revolution. Dieses vorgehen impliziert einen Begriff von gesellschaftlicher Entwicklung, der sich nicht auf die Überwindung der traditionellen Gesellschaft beschränkt, sondern die Aufhebung sozialer Unterschiede und die Herstellung gleichwertiger Beziehungen zwischen den Klassen und Produktionssektoren einer modernen Gesellschaft zum Inhalt hat. Der Abbau von Dominanzverhältnissen erfolgt in Nordkorea auf dem Wege der ideologischen Revolution (Proletarisierung) und der kulturellen Revolution (Intellektualisierung), durch welche die Resultate der ersteren spezifisch eingeschränkt und abgeschwächt werden. Das Programm der kulturellen Revolution ist insgesamt eher eine gesellschaftliche Integrations- als eine Kampfformel. Dennoch bestehen die Widersprüche zwischen technischer und ideologischer Revolution fort, und die revolutionäre Linie Kim Il-sungs mußte sich gegen bürokratische Tendenzen innerhalb und außerhalb der Partei behaupten. In diesem Zusammenhang hat der Personenkult eine wichtige Rolle gespielt. Er ist das Mittel gewesen, dessen sich die Linke bediente, um ihrem revolutionären Gesellschaftsprogramm innerhalb der für bürokratische Degenerationsprozesse äußerst anfälligen Partei Autorität zu verschaffen. Die politische Radikalisierungsphase der siebziger Jahre zeigt deshalb ein Zunehmen des Personenkults, der ähnlich wie der von Lin Biao aufgebaute Mao-Kult in China der linken Parteifraktion als Legitimationsbasis für ihren Kampf um die Kontrolle über die Partei gedient hat. Der idolisierte Führer wurde zu einer Überfigur erhöht, die über der Partei stand und deshalb die ansonsten bedingungslose Autorität der Parteigremien in Frage stellen konnte. Er verdankte seine Stellung nicht der Identifikation mit den Interessen des Apparats, sondern dem direkten Kontakt mit den Massen, aus dem eine Autorität geschöpft wurde, der die Partei sich zu unterwerfen hatte. Durch die Übertragung des Charisma auf die Familie seines Trägers wurde außerdem das Problem der revolutionären Nachfolge geregelt.

Dieser Mechanismus kann allerdings institutionelle Einschränkungen der Parteiherrschaft wie unabhängige Massenorganisationen und öffentlich ausgetragene Linienkämpfe auf die Dauer nicht ersetzen. Er bleibt brüchig, da er an die Existenz einer bestimmten Person gebunden ist. Mao hatte deshalb selbst dazu beigetragen, den um seine Person gebildeten Mythos bereits zu seinen Lebzeiten abzubauen und die Entscheidung über die herrschende politische Linie aus der Partei herauszuverlagern und an die Massen zu übertragen.

Die Weisungen Maos erlangten den Charakter oberster moralischer Leitvorstellungen, die dazu dienten, Widerstand gegen faktische Herrschaftsverhältnisse zu legitimieren. Der Erziehungsaspekt des Personenkults hatte hier seinen instrumentellen Aspekt bzw . die Rolle, die er im politischen Gruppenkampf übernahm, verdrängt. Dieser Weg setzt allerdings voraus, daß einmal in Gang gesetzte Lernprozesse konsequent fortentwickelt werden und die Gesellschaft neue Stufen der politischen Kultur und Organisation erreicht, die eine Umbildung des Charismas ohne gleichzeitige Rücknahme revolutionärer Inhalte erlauben.

Anmerkungen

1. H. Munthe-Kaas, Kim Il-sung: Superstar, in: Far Eastern Economic Review 23, 1976, S.27

2. Kim Il-sung,Werke IV, S.613

3. Kim Il-sung, Werke III, S.268

4. Kim Il-sung, Werke IV, S. 613

5. Historical Experience of Agricultural Cooperation in Our Country, S.43