August 1917 // Artikel
Rosa Luxemburg // Brennende Zeitfragen

Brennende Zeitfragen

August 1917

Spartacus, Nr. 6 vom August 1917.
Rosa Luxemburg, Gesammelte Werke, Bd. 4 (6. überarbeitete Auflage), Berlin 2000, S. 275–290.

Dieser Artikel ist nicht gezeichnet. In: Spartakus im Kriege. Die illegalen Flugblätter des Spartakusbundes im Kriege, gesammelt und eingeleitet von Ernst Meyer, Berlin 1927, wird Rosa Luxemburg als Verfasserin genannt.


I. Krieg und Frieden

Die russische Revolution 1 war die erste durchschlagende Äußerung der proletarischen Klassenpolitik seit dem Bankerott des internationalen Sozialismus beim Ausbruch des Weltkrieges und damit der erste Vorstoß für den Frieden von welthistorischer Tragweite. Gleich am anderen Tage nach dem Siege über das alte Regime begann auch die Aktion des russischen Proletariats gegen den Krieg. Sie war zunächst darauf gerichtet, dem imperialistischen Kriege, wie er vom Zarenregiment und der russischen Bourgeoisie geführt worden war, seinen Charakter zu nehmen. Nach einigen heftigen Kämpfen hat es die russische Arbeitermasse siegreich durchgesetzt, daß von der Provisorischen Regierung offiziell als Formel der Kriegsziele anerkannt wurde: keine Annexionen, keine Entschädigungen, ein Friede auf Grund der Selbstbestimmung der Nationen. 2 Auf den ersten Blick hatte damit die proletarische Politik einen vollen und entscheidenden Sieg davongetragen. Für den Frieden und die Revolution schien freie Bahn geschaffen zu sein. In Wirklichkeit wurde das russische Proletariat durch seinen Sieg nur vor neue Schwierigkeiten und Probleme gestellt.

Die Friedensformel ist gefunden, aber von da bis zum Frieden ist noch ein weiter Weg. Wie ist der Friede zu erzielen? – das ist nun die Frage. Ein Sonderfriede wäre, wie anscheinend sämtliche sozialistische Richtungen in Rußland eingesehen haben, nicht eine Beendigung, sondern nur eine neue Entfachung des Weltkrieges. Jeder Sonderfriede ist überhaupt schon aus dem Grunde nicht proletarische, sondern rein bürgerliche Politik, weil er auf eine einseitig nationale Lösung des Kriegsproblems hinausläuft, weil er die Schicksale des europäischen Proletariats im ganzen außer acht läßt, um nur ein einzelnes Land aus den Krallen des Krieges zu befreien. Im gegebenen Falle wäre ein Sonderfriede noch mehr: Er wäre ein unschätzbarer Hilfsdienst an den deutschen Imperialismus, somit an den ärgsten Feind des deutschen Proletariats, an das stärkste Bollwerk der Reaktion in Europa und – an den gefährlichsten Feind der russischen Revolution am anderen Tage nach Beendigung des Krieges.

Aber ein allgemeiner Friede kann von Rußland allein nicht herbeigeführt werden. Das russische Proletariat kann den Widerstand der eigenen herrschenden Klassen niederzwingen, es ist nicht imstande, auf die imperialistischen Regierungen Englands, Frankreichs und Italiens ausschlaggebenden Einfluß auszuüben, da hier der entscheidende Druck naturgemäß, wie in Rußland selbst, nur von innen heraus, nur von dem englischen, französischen und italienischen Proletariat kommen könnte. So ist in Wirklichkeit, trotz der machtvollen und siegreichen Friedensaktion der russischen Volksmasse, zunächst weder ein Sonderfriede noch ein allgemeiner Friede praktisch zu erreichen. Solange diese Situation dauert, geht der Krieg weiter, und das russische Proletariat sieht sich vor die unabweisbare Frage gestellt: Wie sich nun in diesem Kriege verhalten?

Die offiziell in Rußland anerkannte Friedensformel des Arbeiter- und Soldatenrats nimmt dem Kriege scheinbar – wenigstens für Rußland – den Charakter eines imperialistischen Annexionskrieges und reduziert ihn auf reine Landesverteidigung. In diesem Falle ist sie es auch in dem einzig wahren Sinne des Wortes, denn sie ist die Verteidigung der Errungenschaften der Revolution unter der souveränen Leitung der revolutionären Massen. Allein politische Verteidigung läßt sich militärisch von der Offensive nicht trennen. Wer überhaupt Krieg führt, muß ihn, um welche Ziele immer der Krieg gehen mag, militärisch möglichst auf die Offensive stellen, eingedenk des alten bewährten Grundsatzes jedes Kampfes, daß ein kräftiger Hieb seit jeher die beste Parade ist. Offenbar durch diese Logik der Dinge gezwungen, beschloß der russische Kriegsminister Kerenski sowie die Mehrheit der Arbeiter- und Soldatenmasse, zur Offensive zu greifen.

Jedoch alle aktive Kriegführung und jede militärische Offensive von russischer Seite dient jetzt kraft der objektiven Sachlage und ihrer Logik nicht der Verteidigung der russischen Revolution, sondern den Interessen des Ententeimperialismus. Keine noch so radikale und demokratische Friedensformel vermag die faustdicke Tatsache zu beseitigen, daß jede von Rußland unternommene militärische Aktion den imperialistischen Kriegszielen Englands, Frankreichs und Italiens zugute kommt, daß also die russische Republik, indem sie die reine Landesverteidigung proklamiert, in Wirklichkeit an einem imperialistischen Kriege teilnimmt und, während sie das Selbstbestimmungsrecht der Nationen als Grundsatz ausruft, in der Praxis der Herrschaft des Imperialismus über fremde Nationen Vorschub leistet.

Wie aber nun, wenn Rußland sich auf keine Offensive einläßt und sich militärisch – wie in den ersten Monaten nach dem Revolutionsausbruch – auf eine passive abwartende Haltung beschränkt, indem es bloß Gewehr bei Fuß steht, um eventuelle Angriffe von deutscher Seite schlecht oder recht zu parieren? Mit dieser Passivität, die an sich eine Halbheit, ein Ausweichen dem Kriege, nicht dessen Beendigung bedeutete, leistete Rußland unschätzbare Dienste dem deutschen Imperialismus, indem es ihm gestattete, seine Hauptstreitkräfte nur gegen die westliche Front zu verwenden, indem es ihm im Osten gewissermaßen den Rücken deckte. So befindet sich die russische Republik zwischen der Szylla und der Charybdis. Will sie sich etwa durch einen Sonderfrieden aus der Schlinge des Völkermordens ziehen, dann verrät sie das internationale Proletariat und die eigenen Schicksale an den deutschen Imperialismus. Ist sie aber nicht imstande, einen allgemeinen Frieden allein durchzusetzen, dann bleibt ihr nur die Wahl zwischen aktiver Kriegführung, mit der sie die Interessen des Ententeimperialismus besorgt, und passiver Kriegführung, d. h. militärischer Untätigkeit, mit der sie ebenso todsicher die Geschäfte des deutschen Imperialismus fördert.

Dies ist die wirkliche Sachlage der russischen Republik – eine tragische Situation, an der die schöne Friedensformel, die wie ein erlösendes Zauberwort von allen begrüßt wurde, nicht das geringste ändert. Und diese Sachlage bedingt, daß das russische Proletariat, trotz all seiner heroischen Kämpfe und Siege, trotz seiner Machtentfaltung gegen den Krieg und den Imperialismus in Wirklichkeit heute verdammt ist, ein Spielball des Imperialismus zu sein, und daß jede Taktik, die es einschlagen mag, letzten Endes dem Imperialismus zugute kommt. Es gibt einfach – so paradox dies klingen mag – keine richtige Taktik, die von dem russischen Proletariat heute befolgt werden könnte: Welche es wählen mag, sie wird falsch sein. Und das hat einen sehr triftigen, tiefliegenden Grund. Der heutige Weltkrieg, der seinen objektiven Ursachen und seinem historischen Charakter nach eine internationale Auseinandersetzung des Imperialismus ist, läßt sich nicht in einem Winkel, in einem Lande, von einem Teilnehmer auch beim besten Willen in sein Gegenteil: in einen demokratischen Landesverteidigungskrieg, verwandeln. Vom Rade der imperialistischen Weltkatastrophe erfaßt, kann die russische Republik allein an ihrem Teil sich den Konsequenzen dieser Katastrophe nicht entziehen, sich aus dem Rad nicht befreien und auch das Rad allein nicht zum Stillstand bringen. Die internationale Katastrophe vermag nur das internationale Proletariat zu bändigen. Den imperialistischen Weltkrieg kann nur eine proletarische Weltrevolution liquidieren. Und die Widersprüche, in denen sich die russische Revolution unentrinnbar bewegt, sind nur praktische Äußerungen des Grundwiderspruchs zwischen der revolutionären Politik des russischen Proletariats und der Kadaverpolitik des europäischen Proletariats, zwischen der Klassenaktion der Volksmassen in Rußland und dem Verrat der deutschen, englischen, französischen Arbeitermassen an ihren Klasseninteressen und am Sozialismus.

Diejenigen, die sich bei der Bildung oppositioneller Minderheitsgruppen oder -parteien sowie bei entsprechenden Einzelvorstößen in den Parlamenten beruhigen und damit die Ehre des internationalen Sozialismus gerettet wähnen, vergessen immer, daß die wirklichen Schicksale des Sozialismus nicht in Konventikeln und nicht in parlamentarischen Schwatzbuden, sondern nur in großen Aktionen der Volksmassen entschieden werden können. Solange die Massen, wie das bis heute der Fall, sich nicht rühren, wiegen alle „unabhängigen“ Konventikel mitsamt ihren Resolutionen, Konferenzen und Denkschriften soviel wie die Spreu im Winde.

II. Die Diktatur des Proletariats

Aber die Schicksale der russischen Revolution sind noch verhängnisvoller mit dem Weltkrieg verkettet, als die Oberfläche der Dinge heute ahnen läßt. Der Sturz des Zarenregimes, der für die liberale Auffassung der eigentliche und erschöpfende Inhalt der russischen Revolution war, stellt natürlich nur ihren knappen Prolog dar. Als Frucht der ganzen kapitalistischen Entwicklung denkt die Revolution nicht daran, in ihrem weiteren logischen Fortschreiten bei den Errungenschaften stehenzubleiben, bei denen sie der Kretinismus der „öffentlichen Meinung“ Europas, die sozialdemokratische eingeschlossen, haltmachen lassen möchte. Ihre natürliche

Tendenz führt zu einer Generalauseinandersetzung der Klassen im Schoße der russischen Gesellschaft, wobei die Hauptrolle naturgemäß der fortgeschrittensten und radikalsten Klasse, dem industriellen Proletariat, zufallen muß. Das Ziel, auf das diese Entwicklung hinsteuert, ist unvermeidlich die Diktatur des sozialistischen Proletariats. Gerade weil der Kampf gegen den Imperialismus und für den Frieden vom ersten Augenblick zur Achse der politischen Revolution wurde, ist die Bannerträgerin dieses Kampfes, die sozialistische Arbeiterschaft, sofort in den Vordergrund getreten und hat bereits in dem Koalitionsministerium 3 zur Hälfte das Regierungssteuer ergriffen.

Allein das Koalitionsministerium ist an sich eine Halbheit, die dem Sozialismus alle Verantwortlichkeit aufbürdet, ohne ihm entfernt die volle Möglichkeit der Entfaltung seines Programms zu gewähren. Es ist ein Kompromiß, der, wie alle Kompromisse, zum schließlichen Fiasko verurteilt ist. Das neue Koalitionsministerium wird kraft der inneren logischen Entwicklung über kurz oder lang einer rein sozialistischen Regierung, d. h. der tatsächlichen und formellen Diktatur des Proletariats, Platz machen müssen. Hier beginnt aber das Fatum der russischen Revolution. Die Diktatur des Proletariats ist in Rußland – falls eine internationale proletarische Revolution ihr nicht rechtzeitig Rückendeckung schafft – zu einer betäubenden Niederlage verurteilt, gegen die das Schicksal der Pariser Kommune ein Kinderspiel gewesen sein dürfte.

Vor allem rollt die russische Revolution soziale und politische Probleme auf, die an sich nicht anders als auf internationalem Maßstab gelöst werden können. Die unvermeidliche Erschütterung der bürgerlichen Eigentumsformen durch die bevorstehende Lösung der Agrarfrage, die Erschütterung der kapitalistischen Ausbeutungsformen durch eine radikale Umgestaltung der Arbeitsverhältnisse, die von der russischen Arbeiterschaft angestrebt werden muß, die Erschütterung des bürgerlichen Staates durch eine wirkliche Volksherrschaft – alles das kann sich unmöglich in den Rahmen des heutigen Europas fügen, in den Rahmen der krassesten militaristischen Reaktion, wie sie gerade seit dem Ausbruch des Weltkrieges in allen Ländern ungehemmt und unumschränkt die Herrschaft angetreten hat.

Je mehr in Rußland die Diktatur des Proletariats naht, um so mehr reift ferner der unvermeidliche Rückfall der russischen Bourgeoisie in die Arme der Konterrevolution heran. Das russische Bürgertum erträgt jetzt das Joch der Volksherrschaft nur mit tief verborgenem Groll und Haß und nur solange der Krieg dauert, d. h. solange die Massen bewaffnet sind und die Schicksale des Landes in ihren Händen halten. Ist der Krieg zu Ende, dann erfolgt sofort der Schub all der Miljukows, Rodsjankos und Konsorten von der Linken zur äußersten Rechten, und es unterliegt keinem Zweifel, daß beide Volksschichten – die des Kleinbürgertums und des Bauerntums –, die heute dem städtischen Proletariat folgen, ihm alsdann in ihrem überwiegenden Teil in den Rücken fallen werden, verstärkt durch das Lumpenproletariat und alle heute noch niedergeduckten Elemente des abgesetzten Zarenregimes. Selbst die Bereitwilligkeit, mit der das liberale Bürgertum die vorherrschende Stellung der Sozialisten akzeptierte und ihre Beteiligung an der Regierung verlangte, entspricht sicher nicht lediglich der Zwangslage, sondern auch der Berechnung und der Absicht, den Sozialisten einen Teil der Verantwortung und bald womöglich die ganze Verantwortung für die Regierungsangelegenheiten mit all ihren unüberwindlichen Schwierigkeiten aufzubürden, um auf diese Weise den Sozialismus zu kompromittieren und alle konterrevolutionären Elemente zum Widerstand gegen ihn heraufzubeschwören.

Endlich aber bereitet sich, je näher die Diktatur des Proletariats in Rußland heranrückt, auch der Kreuzzug der gesamten europäischen Bourgeoisie gegen die russische Republik vor. Er ist schon in den Ententeländern in vollem Gange und findet seinen Ausdruck in der Schlammwelle der Verleumdungen gegen die Revolution, die sich durch die Bourgeoispresse dieser Länder, durch all die Matin, Morning Post, Stampa, Corriere della Sera, wälzt und tagtäglich Räubergeschichten über Mord, Brandstiftungen, Plünderungen, Anarchie, Bankerott und Auflösung zu melden weiß. Durch die Verleumdungskampagne, die ganz an das Verhalten der europäischen Bourgeoispresse der Pariser Kommune gegenüber erinnert, wird systematisch die öffentliche Meinung Europas gegen die russische Revolution aufgestachelt, [werden] alle Bourgeoisinstinkte mobilisiert und für den Kreuzzug gegen Rußland vorbereitet.

Eine Ausnahme bilden vorläufig das offizielle Deutschland und Österreich, die sich reserviert wohlwollend verhalten – aus sehr durchsichtigen Gründen: Für sie ist die russische Revolution die wichtigste Karte in der jetzigen Kriegslage. Die Mittelmächte betrachten sie als bequemes Ausbeutungs- und Spekulationsobjekt, sowohl wegen der militärischen Hemmungen Rußlands selbst als auch wegen des Drucks, den Rußland auf die Ententeländer ausübt in der Richtung auf den Frieden und die Herabsetzung der Kriegsziele. Damit ist aber gegeben, daß die wohlwollend reservierte Haltung des offiziellen Deutschlands der Revolution gegenüber just so lange anhalten wird, wie der Krieg dauert. Sobald der Krieg, mit welchem Ausgang immer, beendet – und namentlich im Falle eines für Deutschlands Machtstellung halbwegs günstigen Ausgangs –, wird der natürliche Gegensatz zwischen dem preußisch-deutschen Militär- und Polizeistaat und der russischen Republik mit der ganzen zurückgehaltenen Heftigkeit zum Durchbruch kommen. Die Mittelmächte haben zum Vernichtungskampf gegen das revolutionäre Rußland von Hause aus viel triftigere Gründe als England, Frankreich oder Italien. Vor allem, weil Deutschland sowohl wie Österreich als die reaktionärsten Staaten Europas das größte Inventar der Reaktion vor revolutionären Gefahren zu behüten haben; ferner – weil sie sich in unmittelbarer Nachbarschaft mit dem Revolutionsherd befinden; endlich – weil beim Ausbruch einer europäischen Revolution Deutschland – wie es dessen herrschende Klassen instinktmäßig herausfühlen – gemäß seiner führenden kapitalistischen Stellung zum Mittelpunkt der internationalen Erhebung werden würde.

Daraus ergibt sich, daß die Frist für die ungehinderte Entfaltung der russischen Revolution genau so lang bemessen ist, wie der Krieg währt. Die Dauer des Krieges ist ihre historische Galgenfrist, und das russische Proletariat kämpft so im Grunde genommen, indem es für den allgemeinen Frieden kämpft, um den Strick für den eigenen Hals. Kommt der Friede als Machwerk, als Ergebnis einer Verständigung der kapitalistischen Regierungen und nicht als das Werk der europäischen Erhebung des Proletariats zustande, dann wird er der russischen Bourgeoisie, den Ententemächten und namentlich Deutschland die Hände frei machen, damit alle am anderen Tage über das russische revolutionäre Proletariat herfallen und den gemeinsamen Feind der „Ordnung“ in Europa in Blutströmen ersticken. Die Ententepresse bereitet schon die Vorwände, die Losungen und die psychologische Atmosphäre für diesen Umschwung vor. Die Stockholmer sozialistische Internationale 4 aber, die als Unterhändlerin der imperialistischen Regierungen einem „Verständigungsfrieden“ zwischen ihnen vorarbeitet, betätigt sich, ohne es zu ahnen, als die Helfershelferin der künftigen schwarzen Internationale, die am Tage nach Friedensschluß der russischen Revolution den Todesstoß versetzen wird.

III. Stockholm

Wenn die erste Vorbedingung für die Wiedererstehung des internationalen Sozialismus die Abrechnung in allen Ländern mit der Politik des 4. August und die Rückkehr zum aktiven Klassenkampf ist, so ist die Stockholmer Konferenz mit ihrem Drum und Dran das sicherste Mittel, dies zu verhindern. Die Abkehr vom Regierungssozialismus hat zur Voraussetzung einen gründlichen und durchgreifenden Prozeß der Selbstkritik, der Klärung und der Abgrenzung der wirklichen sozialistischen Elemente von der unter sozialistischem Deckmantel betriebenen bürgerlichen Politik. Dieser Prozeß, der bereits in allen Ländern eingesetzt und gewisse Fortschritte gemacht hat, der aber noch im großen und ganzen erst in den Anfängen begriffen ist, wird nun durch die Stockholmer „Beratungen“ wieder völlig unterbunden. Hier finden sich unter einer gemeinsamen Parole des Friedens und in gemeinsamer Arbeit an dessen Vorbereitung die heterogensten Elemente und Tendenzen zusammen. Sozialimperialisten der Scheidemannschen Richtung und Opposition der Haase-Ledebourschen Observanz, Kriegshetzer und Anhänger des schrankenlosen U-Boot-Krieges 5 von der deutschen Generalkommission der Gewerkschaften und Vertreter des russischen Arbeiter- und Soldatenrats, sozialistische Minister in bürgerlichen und imperialistischen Regierungen à la Stauning und Albert Thomas und sozialistische Minister im Revolutionsausschuß, Minderheitssozialisten der Ententeländer und Mehrheitssozialisten der Mittelmächte, Spekulationen der deutschen Regierung und lavageborene Losungen der russischen Revolution begegnen sich hier in einem großen Kuddelmuddel, in einer heillosen Verwirrung, wo jede Klärung und Scheidung hoffnungslos in dem Humbug der „Friedensvorbereitung“ untergeht. Was durch dieses Durcheinander in Wirklichkeit vorbereitet wird, ist nicht der Friede, sondern die gegenseitige Aussöhnung zwischen den „neutralen“ und „kriegführenden“ Sozialisten, die gegenseitige Absolution und allgemeine Amnestie für begangene Sünden und die Wiederherstellung der früheren Internationale als eines Toleranzhauses für sozialistischen Verrat. Die Opposition der Haase-Kautskyschen Richtung, die hier wie stets die dauernden grundsätzlichen Interessen des Sozialismus der just vor der Nase liegenden Opportunitätsrücksicht zu opfern bereit ist, jagt jetzt blindlings dem faszinierenden Phantom des „Friedens“ nach und ist ihm zuliebe bereit, „an jeder Konferenz teilzunehmen“, mit dem Teufel und dem Beelzebub gemeinsam „Frieden“ zu machen, versteht sich wohl, unter wortreichen „Verwahrungen“ und „Vorbehalten“ gegen den Regierungssozialismus, die aufs Haar soviel Bedeutung haben wie die berühmten „Vorbehalte“ prinzipiellen Charakters bei gleichzeitiger Abstimmung für das Budget oder die Kriegskredite. Die Tatsache an sich, daß Regierungssozialisten aller Länder, d. h. Leute, die in Wirklichkeit den Krieg machen, zur gemeinsamen „Friedensaktion“ zugelassen werden, verwandelt diese ganze Aktion in eine würdige Fortsetzung der in der Kriegspolitik des 4. August seit drei Jahren betriebenen Prostitution des Sozialismus. Das unmittelbare Ergebnis des Stockholmer Humbugs aber ist eine neue verhängnisvolle Irreführung der Massen, die, statt daß sie immer wieder die eigene revolutionäre Aktion in allen Ländern als den einzigen wirklichen Friedensfaktor begreifen lernen, umgekehrt mit Hoffen und Harren auf das Geschwätz ihrer sogenannten Führer in Stockholm, auf die „Denkschriften“, „Verhandlungen“ und „Verständigungen“ von ein paar Dutzend Wichtigtuern abgespeist werden, die nichts in Wirklichkeit vertreten als das heulende Elend ihres politischen Bankerotts in den eigenen Ländern. So werden die Arbeitermassen Europas wieder einmal von dem Gefühl der eigenen Verantwortlichkeit und von der eigenen Initiative abgelenkt und in Passivität eingelullt.

Doch damit nicht genug. Inhaltlich hat sich die Stockholmer Friedensfarce – und hier liegt ihr Schwerpunkt – zu einer freiwilligen Vorarbeit für den künftigen Diplomatenkongreß der Regierungen gestaltet. Sozialistische Friedensarbeit wird hier in Unterhandlungen über die künftige Staatenkarte Europas, über die Frage der Annexionen, Kriegsentschädigungen usw. bestehen. Statt die Aufgaben des Klassenkampfes, die Mittel und Wege zur Herbeiführung des Friedens durch eigene Aktion des Proletariats zu erörtern, statt ein Programm für die Gestaltung der sozialen und politischen Verhältnisse durch das revolutionäre Proletariat im Sinne des Sozialismus zu schaffen, wird hier von Vertretern des Proletariats Handlangerarbeit für die Bourgeoisie geleistet werden. Sozialisten schicken sich hier an, im Schweiße des Angesichts die Verständigung zwischen kapitalistischen Regierungen vorzubereiten, in voller Blindheit für die Tatsache, daß jeder „Verständigungsfriede“ der heutigen Regierungen ein Friede und eine Verständigung gegen das Proletariat und auf seine Kosten, ein Handel sein muß, bei dem seine Haut zu Markte getragen wird.

Was bei der Stockholmer Mache äußerlich den Schein einer sozialistischen Politik hervorrufen hilft und deshalb zur Irreführung der Massen am meisten beiträgt, ist die vom russischen Arbeiter- und Soldatenrat aufgebrachte Formel: Friede ohne Annexionen und Entschädigungen auf Grund des Selbstbestimmungsrechts der Nationen.

Bei dem russischen Proletariat liegt das Schwergewicht natürlich nicht in dieser Formel, sondern in der Tatsache, daß es der Bourgeoisie seines Landes überhaupt seine eigene Friedenspolitik aufgezwungen hat. In Rußland ist die vollzogene Revolution und die Machtstellung der sozialistischen Arbeiterschaft, die hinter jener Friedensformel steht, der wirkliche Friedensfaktor.

Was die Zauberformel an sich betrifft, die im übrigen Europa von den Sozialisten mit Jubel aufgegriffen worden ist, so hat sie mit sozialistischer Politik nicht das geringste zu tun. Sie ist die Formel eines negativen Ergebnisses des Weltkrieges, einer fehlgeschlagenen, unentschiedenen Kraftprobe des Imperialismus, sie ist die Formel der für später aufgeschobenen Entscheidung, der Erholungspause der Militärmächte bis zum nächsten Tanz. Diese Formel entspricht auch tatsächlich in erster Linie der heutigen Lage und den Bedürfnissen des deutschen Imperialismus, der bereits eingesehen hat, daß er diesmal seine Weltherrschaftspläne nicht wird durchsetzen können, und nur darauf bedacht ist, sich so bald als möglich aus der Patsche zu ziehen. Die Ententeregierungen, die noch auf entscheidenden militärischen Erfolg hoffen, wollen von dieser Formel einstweilen nichts wissen. Bei der tatsächlichen Unlösbarkeit des blutigen Streites auf militärischem Wege entspricht jedoch die Formel „Keine Annexionen, keine Entschädigungen“ objektiv den Interessen der herrschenden Klassen aller Länder und führt in ihrem positiven Inhalt zur Wiederherstellung des Status quo. Was bedeutet aber die Rückkehr zum Zustand vor dem Kriege? Es ist die Wiederherstellung der Machtverhältnisse vor Ausbruch des Weltkrieges, also Wiederherstellung der alten Staatsgrenzen, d. h. der alten Annexionen, der früheren Kolonialbesitzungen, der früheren Hegemonie der großen Militärstaaten, ihrer früheren ökonomischen Herrschaft über die „Interessensphären“, kurz, die Wiederherstellung der ganzen durch eine lange Kette früherer Kriege und der jüngsten imperialistischen Entwicklung geschaffenen Zustände. Und dieser Status quo schließt zusammen mit alten Staatengrenzen und alten Machtverhältnissen nach außen selbstverständlich die alten Machtverhältnisse im Innern: die bürgerliche Klassenherrschaft, den kapitalistischen Staat und den Imperialismus als allbeherrschende Macht, als allgemeine Grundlage ein.

Dies ist der positive Inhalt der bezaubernden negativen Formel. Die Selbstverständlichkeit, mit der hier sozialistische Parteien auf ihre Fahne eine Friedensformel als die ihrige schreiben, die nichts anderes bedeutet als die einfache Konservierung und Neubefestigung der kapitalistischen Klassenherrschaft, als die Schaffung eines Modus vivendi für den außer Rand und Band geratenen Imperialismus, diese Selbstverständlichkeit ist bezeichnend für die himmelschreiende Verwirrung der Begriffe, die seit Ausbruch des Krieges in sozialistischen Kreisen aller Länder Platz gegriffen hat. In Wirklichkeit ist die Stockholmer „Friedensvorbereitung“ unter der Losung „Keine Annexionen, keine Entschädigungen“ eine direkte Fortsetzung der Politik des 4. August, d. h. der Abdankung des Proletariats als eine Klasse mit eigener Politik und Aktion, Fortsetzung der Handlangerdienste an die herrschenden Klassen und an den Imperialismus.

Freilich, diese Losung ist von den Russen in einen sehr radikal und sozialistisch klingenden Grundsatz eingewickelt: Selbstbestimmungsrecht der Nationen. Hierin soll angeblich das Neue, das Demokratische in der wiederherzustellenden Ordnung der Dinge bestehen. Allein es genügt, die einfache Frage nach der praktischen Durchführbarkeit dieses Grundsatzes zu stellen, um ihn als hohle Phrase zu entlarven. Wie und für wen soll denn die Selbstbestimmung der Nationen jetzt beim Friedensschluß verwirklicht werden? Nur für die Völker der gegenwärtig militärisch besetzten Gebiete? Das hieße ja den ganzen früheren unter der Herrschaft des Kapitalismus begangenen Länderraub, seine ganze Schacher- und Kolonialpolitik heiligsprechen, deren Opfer vom Grundsatz der Selbstbestimmung ausschließen! Oder sollen nunmehr sämtliche unterdrückte, annektierte Nationen und Länder der Erde in allen Staaten über die von ihnen erwünschten Schicksale befragt und zur Abstimmungsurne geführt werden? Wer solches von den heutigen Regierungen erwartet oder ihnen solches zumutet, müßte erst auf seine geistige Zurechnungsfähigkeit untersucht werden – abgesehen davon, daß die ganze Idee der „Abstimmungen“ von Nationen über die Frage ihrer Staatszugehörigkeit an sich ein Hirngespinst ist, das mit Klassengegensätzen und tausend anderen realen Tatsachen gar nicht rechnet.

Mit dem Prinzip der Selbstbestimmung der Nationen wird hier von Sozialisten ebenso grober Unfug getrieben, wie ihn die kapitalistischen Regierungen mit der „Befreiung der Nationen“ und mit der „Landesverteidigung“ treiben. Sowenig wie ein imperialistischer Krieg Landesverteidigung oder Befreiung der Nationen ist, genausowenig läßt sich das Selbstbestimmungsrecht der Nationen im Rahmen und unter der Herrschaft kapitalistischer Staaten verwirklichen. Die einzige reale Voraussetzung für die Selbstbestimmung der Nationen ist die sozialistische Revolution, d. h. die politische und wirtschaftliche Selbstbestimmung der arbeitenden Klassen als der eigentlichen Masse in jeder Nation. Solange hingegen kapitalistische Klassenherrschaft besteht – und der Kern der Friedensformel „Keine Annexionen, keine Entschädigungen“ geht ja gerade von der Unerschütterlichkeit dieser Klassenherrschaft aus –, bleibt die Selbstbestimmung der Nationen eine plumpe Mystifikation, die gerade gut genug ist, um die proletarischen Massen aller Nationen irrezuführen.

In der Tat begegnen sich im Nebel dieser Phrase die Ententeregierungen, die ja „kleine Nationen“ zu beschützen vorgeben und nur um ihrer willen das Völkermorden fortsetzen, Präsident Wilson, der ausschließlich für die Rechte der Nationen die Vereinigten Staaten im Auftrage seiner Kapitalmagnaten in den Krieg gestürzt hat, Miljukow, der liberale Schwärmer und Poet des russischen Imperialismus, Kautsky, der Ersatztheoretiker der Haaseschen Ersatzopposition, Scheidemann, der gewesene Laufbursche Bethmann Hollwegs und sämtliche schlechte Musikanten des Sozialismus in den neutralen Ländern.

Gewiß, auch der russische Arbeiter- und Soldatenrat, auch die russischen sozialistischen Parteien! Allein, wenn je, so gilt hier der Satz: Wenn zwei dasselbe tun, so ist es nicht dasselbe. Das russische Proletariat hat seine Schuldigkeit getan und tut sie weiter, es hat seine Friedenspolitik in die Tat umgesetzt, indem es Revolution gemacht hat, und ist dabei, im eigenen Hause das Heft in die Hände zu nehmen. Mehr kann es für den Frieden nicht tun, denn nun haben die Proletariermassen anderer Länder das Wort. Solange diese sich nicht rühren, vielmehr unter dem Kommando des Imperialismus unerschütterlich weiter hungern, morden und sich morden lassen, bleibt dem russischen Proletariat eben nichts anderes übrig, als sich im Zirkel unlösbarer Widersprüche zu drehen und sich an Strohhalme einer sozialistisch schillernden Phraseologie zu klammern. Der wirklichen sozialistischen Friedenspolitik entspricht der erste Aufruf des Petersburger Arbeiter- und Soldatenrats An die Völker der ganzen Welt vom 27. März. 6 Die jetzige Friedensformel ist nur die Konzession der russischen Arbeiterklasse an die traurige Tatsache, daß jener Aufruf bislang eine Stimme in der Wüste geblieben ist.

IV. Die Alternative

Die Friedensaktion im Stockholmer Stil, die darin besteht, eine Verständigung zwischen den kriegführenden Regierungen herbeizuführen, ihr durch eine gemeinsame Formel der Kriegsziele die Wege zu ebnen, eine Verschiebung in der Machtstellung der imperialistischen Staaten zu verhindern, ist also rein bürgerliche Politik. Proletarische Klassenpolitik muß die Friedensaktion überhaupt auf ein ganz anderes Geleise schieben.

Nicht dafür hat der internationale Sozialismus Sorge zu tragen, daß die imperialistischen Regierungen sich untereinander verständigen und den Frieden auf eigene Faust schließen, sondern er muß umgekehrt seine ganze Macht einsetzen, um zu verhindern, daß der Friede auf diesem Wege, d. h. als ein Werk der kapitalistischen Regierungen, zustande kommt. Die einzige Aufgabe und das Lebensinteresse des internationalen Sozialismus besteht gegenwärtig darin, zu erzielen, daß der Friede ein Werk des internationalen Proletariats und seiner revolutionären Aktion, daß er im Kampf gegen die kapitalistischen Regierungen als Ausfluß der Machtstellung des Proletariats erlangt wird und eine radikale Verschiebung in den sozialen und politischen Verhältnissen der kapitalistischen Staaten herbeiführt. Vom proletarischen Klassenstandpunkt gibt es eben kein anderes Mittel, das imperialistische Völkermorden zu beenden, als den offenen Widerstand der Volksmassen, der zugleich von selbst zum Kampfe um die politische Macht im Staate sich auswachsen muß. Es ist genau dieselbe Alternative, vor der der internationale Sozialismus am 4. August 1914 stand, und erst wenn man die ganze Unabwendbarkeit dieser weltgeschichtlichen Entscheidung eingesehen und erfaßt hat, hören die tragischen Schicksale des Sozialismus im Weltkriege auf, ein unbegreifliches Rätsel zu sein.

Nur politische Unschuld von der Art der Haaseschen Opposition kann sich einbilden, das ganze Problem des Sozialismus am 4. August hätte sich in der Frage erschöpft, ob sozialdemokratische Parlamentarier für Kriegskredite stimmen würden oder nicht. Nach dieser typischen, dem parlamentarischen Kretinismus eigentümlichen Auffassung war der Sozialismus gerettet, wenn die 110 Mann im Reichstag die Kredite verweigerten, im übrigen aber den Massen der Arbeiterschaft empfohlen wurde, ihrer „Staatsbürgerpflicht“ nachzukommen, d. h. ruhig die Rolle des Kanonenfutters im imperialistischen Völkermord zu spielen. Die sozialistische Tugend sollte dadurch auf billige Weise gewahrt und zugleich jedes Risiko vermieden werden. Die Geschichte macht es aber dem Sozialismus nicht so bequem, und das Problem lag nicht in der Abstimmung einer Handvoll sozialdemokratischer Parlamentarier, in dem weiland führenden Lande des Sozialismus, in Deutschland. Das Votum der Parlamentarier für oder gegen Kriegskredite war wichtig lediglich als Signal für die Massen, diese oder jene Taktik zu ergreifen, als Auftakt zur Entfaltung eines positiven Programms des Klassenkampfes im Kriege. Die Kreditverweigerung am 4. August hätte einzig Sinn gehabt als Kampfansage wider den Krieg und den Imperialismus auf der ganzen Linie – in Verbindung mit der offenen Aufrollung eines revolutionären Aktionsprogramms und einem Appell an die Massen, durch ihre Erhebung die Organisation der Landesverteidigung, d. h. die politische Macht in die eigenen Hände zu nehmen. Einen anderen Weg, sich dem Ausbruch des Krieges im Ernst, durch Taten und nicht durch Phrasen entgegenzustemmen, gab es damals nicht, wie es heute keinen gibt.

Schreckte man aber vor diesem einzig gangbaren Weg des Kampfes zurück, dann blieb nichts anderes übrig als völliger Verzicht auf jeden Kampf und jede eigene Politik, d. h. politische Abdankung. Die Kreditbewilligung und die Politik des 4. August waren dann nur logische Folgen, die sich mit zwingender Gewalt aufdrängten, da es in jener weltgeschichtlichen Situation keinen Mittelweg gab. Der internationale Sozialismus stand vor einem Entweder-Oder. Entweder Kampf um politische Macht oder Bankerott und Einschwenkung in die herrschende Regierungspolitik. Dieselbe Situation dauert seit Ausbruch des Krieges, und heute, angesichts des Friedensproblems, hält die Geschichte der europäischen Arbeiterklasse mit der Unerbittlichkeit eines Wucherers denselben Schuldschein vor: „Ja, die Brust, so sagt der Schein!“ Nur mit der Brust im großen offenen Machtkampf der proletarischen Massen vermag der Sozialismus den Weltkrieg zu bannen. Tut er das nicht, dann bleibt er bei allem Geschwätz über Frieden, ja gerade durch das Geschwätz, das einen Ausgleich zwischen den kriegführenden Mächten anstrebt, Handlanger des Imperialismus, Fußschemel der bürgerlichen Klassenherrschaft, also das direkte Gegenteil seiner selbst und kann dann nach einem so zustande gekommenen Frieden für ein Jahrzehnt als geschichtlicher Faktor abdanken.

Die anscheinend wunde Stelle der wirklichen sozialistischen Politik im Kriege liegt darin, daß sich Revolutionen nicht auf Kommando machen lassen. Dieses Argument soll sowohl für die Haltung des Proletariats beim Ausbruch des Völkermordens wie für seine heutige Stellung zur Friedensfrage als Entschuldigung und als Deckmantel der sozialistischen Selbstpreisgebung dienen. Jedoch der scheinbar durchschlagende „praktische“ Einwand ist nichts als eine Ausflucht. Freilich lassen sich Revolutionen nicht auf Kommando machen. Dies ist aber auch gar nicht Aufgabe der sozialistischen Partei. Pflicht ist nur, jederzeit unerschrocken „auszusprechen, was ist“, d. h. den Massen klar und deutlich ihre Aufgaben im gegebenen geschichtlichen Moment vorzuhalten, das politische Aktionsprogramm und die Losungen zu proklamieren, die sich aus der Situation ergeben. Die Sorge dafür, ob und wann die revolutionäre Massenerhebung sich daran knüpft, muß der Sozialismus getrost der Geschichte selbst überlassen. Erfüllt er in diesem Sinne seine Pflicht, dann wirkt er als mächtiger Faktor bei der Entfesselung der revolutionären Elemente der Situation und trägt zur Beschleunigung des Ausbruchs der Massenaktionen bei. Aber auch im schlimmsten Falle, wenn er zunächst als Ruf er in der Wüste erscheint, dem die Massen ihre Gefolgschaft versagen, schafft er sich, wie es sich am Schluß der Rechnung stets und unweigerlich herausstellt, eine moralische und politische Position, deren Früchte er später, wenn die Stunde der geschichtlichen Erfüllung schlägt, mit Zinseszinsen einheimst. Die heutige russische Revolution, in der die Sozialisten eine beispiellose Machtstellung einnehmen, ist nur eine Quittung über das jahrzehntelange unbeirrte Rufen der russischen Sozialdemokratie in der Wüste einer anscheinend völlig hoffnungslosen Situation nach der Massenrevolution unter dem Banner der proletarischen Klassenpolitik als nach dem einzigen Ausweg aus den Fesseln des Absolutismus.

Umgekehrt verwandeln sich die sozialistischen Parteien, wenn sie, wie seit dem 4. August bis auf den heutigen Tag, den Klassenkampf verleugnen, in das wirksamste Mittel zur Paralysierung der Massen, also in einen konterrevolutionären Faktor. Der internationale Sozialismus fungiert tatsächlich seit Ausbruch des Weltkrieges als der zuverlässigste Wächter der bürgerlichen Klassenherrschaft. Und er bleibt dieser Funktion namentlich in diesem Augenblick treu, indem er im Zeichen der Stockholmer Konferenz seine ganze Kraft für eine Verständigung der imperialistischen Regierungen verwendet, also für die Wiedereinsetzung des Imperialismus in seine Machtstellung vor dem Kriege.

In Wirklichkeit bereitet der internationale Sozialismus damit nicht die Beendigung des Krieges, sondern ein Leichentuch nach dem Friedensschluß, zunächst für die russische Revolution und dann für sich selbst als Faktor der modernen Weltgeschichte. Heute wie vor drei Jahren gibt es nur die Alternative: Krieg oder Revolution! Imperialismus oder Sozialismus! Dies laut und deutlich zu proklamieren und daraus jeder in seinem Lande die revolutionären Konsequenzen zu ziehen – dies ist die einzige proletarisch-sozialistische Friedensarbeit, die heute möglich ist.


Anmerkungen

1. Die Revolution im Februar 1917 war eine bürgerlich-demokratische Revolution, durch die der Zarismus gestürzt wurde. Da keine Klasse über die ganze Macht verfügte, bildete sich eine Doppelherrschaft heraus. Die revolutionär-demokratische Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft wurde verwirklicht durch den Petrograder Sowjet der Arbeiter- und Soldatendeputierten, dessen Vorsitzender der Menschewik N.S. Tscheïdse war, und die diktatur der Bourgeoisie in form der Provisorischen Regierung, die von dem Fürsten G.J. Lwow geführt wurde. Als Außenminister gehörten ihr an der Führer der Kadetten, P.N. Miljukow, und als Kriegs- und Marineminister der Führer der Oktobristen, A.J. Gutschkow.

Die Innen- und Außenpolitik der Provisorischen Regierung auf die Festigung der Grundlagen des Kapitalismus und die Weiterführung des Krieges orientiert war, verschärften sich die Klassenauseinandersetzungen.

2. Die Provisorische Regierung hatte am 28. März 1917 in einem Aufruf an die Bürger Rußlands versucht, ihre imperialistische Politik zu verschleiern, indem sie erklärte, daß das Ziel Rußlands nicht die Herrschaft über andere Völker und die Eroberung fremder Gebiete sei, sondern ein Frieden auf der Grundlage des Selbstbestimmungsrechtes der Nationen. Aber gleichzeitig wurde betont, daß Rußland alle vom Zarismus eingegangenen Verpflichtungen gegenüber den imperialistischen Staaten England und Frankreich einhalten würde.

3. Auf Grund ihrer imperialistischen Politik geriet die Provisorische Regierung im April 1917 in eine Krise. Mächtige Demonstrationen der Arbeiter und Soldaten zwangen sie zu manövrieren. Um den bisherigen konterrevolutionären Charakter der Regierungspolitik beibehalten zu können, wurde im Mai 1917 eine Koalitionsregierung gebildet, an der sich neben Vertretern der Bourgeoisie auch Vertreter der Sozialrevolutionäre und der Menschewiki beteiligten.

4. Ein holländisch-skandinavischer Ausschuß des Internationalen Sozialistischen Büros hatte alle sozialistischen Arbeiterparteien und -organisationen der kriegführenden Länder für Mai 1917 zu einer Konferenz „zwecks Prüfung der internationalen Lage“ nach Stockholm eingeladen. Während die Parteien der Ententeländer ablehnten, entsandte die SPD mit Befürwortung und aktiver Unterstützung deutscher Regierungsstellen im Juni eine Delegation zu vorbereitenden Besprechungen, der u. a. vom Parteivorstand Friedrich Ebert, Hermann Müller und Philipp Scheidemann angehörten. Der sozialrevolutionär-menschewistisch geführte Petrograder Sowjet der Arbeiter- und Soldatendeputierten, der ebenfalls eingeladen worden war, übernahm zunächst nicht den Vorschlag des holländisch-skandinavischen Komitees, sondern lud aus taktischen Erwägungen – man erhoffte sich dadurch die Teilnahme der Ententesozialisten – die Sozialisten aller Länder, die gegen den Krieg und für einen demokratischen Frieden ohne Annexionen und Kontributionen waren, für Juli 1917 zu einer Konferenz nach Stockholm ein. Nach Besprechungen der russischen Vertreter mit Vertretern des holländisch-skandinavischen Komitees, das seine Konferenz hatte verschieben müssen, wurde beschlossen, eine gemeinsame Friedenskonferenz zu organisieren. Die Zimmerwalder Linken, besonders die Bolschewiki und die Spartakusgruppe, protestierten gegen eine Konferenz mit Beteiligung der Sozialchauvinisten und bewirkten, daß die Internationale Sozialistische Kommission als Organ der Zimmerwalder bewegung die Unterzeichnung des Einladungsaufrufes für die rechtssozialistische Konferenz ablehnte. Da die englische und die französische Regierung den Delegierten aus ihren Ländern die Ausreise nach Stockholm verweigerten, kam die Konferenz nicht zustande.

5. Deutschland eröffnete am 1. Februar den uneingeschränkten U-Boot-Krieg, durch den alle Schiffe in einem festgelegten Seegebiet um England und Frankreich durch warnungslose Torpedierung bedroht wurden.

6. Der Petersburger Arbeiter- und Soldatenrat hatte in einem Aufruf am 27. März 1917 die Völker der ganzen Welt aufgefordert, die Entscheidung über Krieg und Frieden in die eigenen Hände zu nehmen und gemeinsame Aktionen für den Frieden durchzuführen. Das deutsche Proletariat wurde insbesondere aufgefordert, das Joch des Absolutismus abzuschütteln und sich nicht mehr für den Krieg mißbrauchen zu lassen.