2. Mai 1907 // Artikel
Franz Mehring // Bürgerliche Dialektik

Bürgerliche Dialektik

2. Mai 1907

Die Neue Zeit, 25. Jg. 1906/07, Zweiter Band, S. 137-140. 
Nach Gesammelte Schriften, Band 15, S. 265-269


Vorgestern hat der Reichskanzler wieder einmal eine jener Reden über auswärtige Politik im Reichstag gehalten, auf die er sich besonders viel einzubilden scheint; wenigstens rühmte er sich, dass keiner seiner Vorgänger sich so eingehend und so häufig vor dem Parlament über internationale Dinge ausgelassen habe wie er. Das mag wörtlich wahr sein, ist aber der Sache nach völlig nichtssagend. Denn von den Vorträgen, die Fürst Bülow über auswärtige Politik hält, ist einer wie der andere: ein mehr oder minder graziöses Herumtänzeln um den Kern der internationalen Streitfragen, oder auch ein feuilletonistisches Geplauder, vorgetragen mit einer strahlenden Selbstzufriedenheit, die im allgemeinen nicht als Kennzeichen des Genius, sondern eher als das Gegenteil gilt.

Ein mildernder Umstand läuft dabei freilich mit unter: die stupide Gelassenheit, womit alle bürgerlichen Parteien des Reichstags sich in dieser Weise abspeisen lassen. Das erscheint umso auffallender, als in der bürgerlichen Presse ja oft genug heftige Zweifel an der Unfehlbarkeit der deutschen Diplomatie laut werden. Allein es erklärt sich zur Genüge daraus, dass die bürgerliche Presse, sosehr sie übrigens mit den kapitalistischen Interessen verwachsen ist, doch noch immer ein treuerer Spiegel der nationalen Stimmung ist als die bürgerliche Mehrheit des Reichstags. Je ohnmächtiger ein Parlament ist, um so mehr lieben es seine bürgerlichen Figuranten, sich auf die wichtigtuerischen Staatsmänner hinauszuspielen, und gerade jetzt, wo ein so edler Wetteifer zwischen den Parteien der bürgerlichen Opposition entbrannt ist, zwischen den Freisinnigen und den Ultramontanen, mit aus der Krippe der Regierung zu futtern, hüten sie sich, an die Blößen zu rühren, die sich das System Bülow auf dem Gebiet der auswärtigen Politik nicht weniger und womöglich noch mehr gegeben hat als auf dem Gebiet der inneren Politik. So lassen sie sich gern von Bülow etwas vortändeln, um ihr schlechtes Gewissen zu beschwichtigen, und gefallen sich in der Pose einer Phalanx, an deren Spitze der Reichskanzler als moderner Siegfried einer Welt in Waffen zu trotzen vermag.

Damit hat es natürlich seine guten Wege; was eine solche parlamentarische Phalanx im Augenblick der Gefahr zu leisten vermag, das haben die Älteren von uns ja noch selbst miterlebt, als die Mameluckenmehrheit des zweiten Kaiserreichs nach dem Ausbruch des Deutsch-Französischen Krieges auseinander stob wie eine Hammelherde, in die der Blitz einschlägt. Bülow ist ganz der Sprechminister, wie ihn ein bonapartistisches System braucht, der Sprechminister vom Schlage der Billault und Rouher, die immer alles rosenrot zu schildern wussten, auch als es schon überall im Gebälk unheimlich zu knistern begann, und den Ruhm mag man ihm gönnen, wenn auch nicht beneiden, dass er diesem Ideal näher gekommen ist als Bismarck oder Caprivi oder Hohenlohe. Ein Unterschied besteht freilich zwischen damals und heute, dass es nämlich im deutschen Reichstag und in der deutschen Nation eine starke Arbeiterpartei gibt, in deren Händen der Frieden sicherer bewahrt ist als in den Händen einer unfähigen Diplomatie und bürgerlich-parlamentarischer Figuranten.

Der Zufall fügt es, dass gleichzeitig mit der Debatte des Reichstags über die auswärtige Politik das Maiheft der „Preußischen Jahrbücher“ herausgegeben wurde, das vom bürgerlichen Standpunkt aus die Fragen dieser Politik immerhin anders zu behandeln weiß als der Reichskanzler und sein gehorsamster Reichstag. Vom bürgerlichen Standpunkt aus, das heißt mit einem tragikomischen Endergebnis, aber das ist ja eben das Schicksal aller bürgerlichen Anschauung, dass, je vernünftiger sie zu begründen versucht wird, ihre innere Haltlosigkeit umso klarer hervortritt. Das Dichterwort, wonach Vernunft zum Unsinn wird, erfüllt sich da im buchstäblichen Sinne des Wortes, und wenn man Organe wie die „Preußischen Jahrbücher“ liest, so fühlt man sich wie auf einem im Wirbelsturm umgetriebenen Schiffe, wo man bald auf der Höhe der Welle einen verhältnismäßig weiten Überblick genießt, bald in einem Abgrund wirbelnden Widersinns zu ertrinken droht.

So stehen im Maiheft der „Preußischen Jahrbücher“ zwei Aufsätze nebeneinander, die das Auf und Ab der bürgerlichen Logik wahrhaft klassisch illustrieren. Eine alte Kaffeeschwester in Charlottenburg sucht aus der „gesegneten“ Tätigkeit des Reichslügenverbandes in den „letzten Reichstagswahlen“ nicht mehr und nicht weniger als die „Zukunft der Sozialdemokratie“ zu prophezeien, und fördert dabei einen Galimathias zutage, wie er bisher, soviel das immer sagen will, noch nie das Licht der Welt erblickt hat. Man muss nur dem Arbeiter von seiner ersten Jugend an einbläuen, dass er sich abfinden müsse mit seinem Lose, dass es im ganzen nicht geändert werden könne, dann – doch zitieren wir wörtlich: „Sobald die Menschen erkennen, dass ein widriges Schicksal unabänderlich sei, dann sprießen und blühen aus dieser Erkenntnis Rosen auf … In der Wirtschaft mit einem kleinen Etat liegen doch größere Glücksmöglichkeiten als in einem satten, erstickenden Reichtum. Wo gibt es bei den Deutschen Glücklichere, als Leutnants und Studenten, die durch oft lächerlich geringe Summen froh oder unfroh werden? … In dem Worte armselig liegt eine ganze tiefe Philosophie beschlossen.“ Eine ähnliche Weisheit ist unseres Wissens noch nicht über die Arbeiterfrage veröffentlicht worden; Treitschke orakelte in seinen Pamphleten gegen den Sozialismus wohl auch von der „fröhlichen Armut“, aber an der Pumpwirtschaft der Leutnants und Studenten hat er die verschwiegenen Seligkeiten von Hungerlöhnen doch nicht zu demonstrieren vermocht. Dicht daneben jedoch steht im Maiheft der „Preußischen Jahrbücher“ ein Artikel über Kiautschou, den ein in Japan lebender Deutscher verfasst hat und den man nur als Muster ehrlicher und sachverständiger Kritik bezeichnen kann. Er ist namentlich denjenigen Parteigenossen zu empfehlen, die in der Pachtung Kiautschous nicht den schlechtesten Streich der Bülowschen Politik erblicken wollten. Herr Menge – so heißt der Verfasser – weist vielmehr nach, dass die Erwerbung dieses „Platzes an der Sonne“ so ziemlich der dümmste Streich war, den die deutsche Diplomatie den deutschen Handelsinteressen in Ostasien spielen konnte und gespielt hat, und er weiß keinen anderen Rat, als dass Deutschland so schnell wie möglich – versteht sich in wohlverstandenem bürgerlichem Interesse – das Pachtgebiet aufgebe, das ihm jährlich zwölf Millionen kostet, seit nahezu zehn Jahren ihm noch nichts genutzt hat und auch in aller Zukunft nichts nutzen kann, allein dem deutschen Handel mit China die schwersten Hindernisse bereitet.

Am greifbarsten aber zeigt sich die bürgerliche Dialektik, die wir hier zu kennzeichnen versuchen, wenn sie sich in einem und demselben Aufsatz entwickelt. Dies geschieht in einer Betrachtung, die der Herausgeber der „Preußischen Jahrbücher“ über den Abrüstungsgedanken veröffentlicht. Herr Delbrück hält diesen Gedanken für unausführbar, wofür sich ja – immer vom bürgerlichen Standpunkt aus – sehr triftige Gründe anführen lassen. Damit ist freilich nicht die Erklärung Bülows gerechtfertigt, dass sich Deutschland an der Diskussion über den englischen Abrüstungsvorschlag nicht beteiligen wolle. Sie ist auch dann und gerade dann nicht gerechtfertigt, wenn England bei seinem Vorschlag die bösartigsten Hintergedanken gegen Deutschland haben sollte. Fürst Bülow ist auch hier allzu sehr der Schüler Bonapartes, der, als ihm Bismarck die Falle der spanischen Thronkandidatur stellte, täppisch hineintappte, statt den Fallensteller sich in der eigenen plumpen Falle festrennen zu lassen. Doch dies nebenbei!

Um auf Herrn Delbrück zurückzukommen, so ist er bei allem Protest gegen den englischen Abrüstungsvorschlag doch ehrlich genug, anzuerkennen, dass nicht England, sondern Deutschland an der gegenwärtigen gespannten Lage die entscheidende Schuld trage. Er führt in ganz plausibler Weise aus, nicht Handelseifersucht erzeuge die englische Verstimmung – dazu sei das englische Volk viel zu selbstbewusst, viel zu vornehm, viel zu sehr von humanen und ethischen Ideen und Kräften erfüllt, was alles, da bei der Handelseifersucht in erster Reihe der englische Kapitalismus mitspricht, natürlich nur mit dem gebührenden Körnlein Salzes verstanden sein will –, sondern die Furcht vor dem Wachsen der deutschen Seemacht. „Auf der absoluten, über jeden Zweifel erhabenen Superiorität seiner Seemacht beruht das ganze englische Dasein. In dem Augenblick, wo die Möglichkeit entstünde, dass eine Kombination von zwei anderen Seemächten und selbst von dreien die englische Flotte überwältigte, wäre die nationale Sicherheit bedroht, denn über eine Landmacht, die einer Landungsarmee Widerstand zu leisten vermöchte, verfügt England nicht.“ Danach hätte also England den historisch legitimsten Grund zum Misstrauen gegen Deutschland, nämlich die Sorge um seine nationale Sicherheit, während die deutschen Flottenrüstungen mit der nationalen Sicherheit Deutschlands auch nach Herrn Delbrücks Ansicht nichts zu tun haben.

Aber kraft seiner bürgerlichen Dialektik zieht er nicht die logische Schlussfolgerung, dass Deutschland mit seinen Flottenrüstungen aufhören solle, um die Gefährdung des Weltfriedens zu beseitigen, sondern er hat ein anderes Mittel entdeckt, alle internationale Nervosität abzutun. England soll sich auch eine Landarmee einrichten, und da Herr Delbrück sehr wohl weiß, dass er ein allgemeines Hohngelächter durch die Voraussetzung erwecken würde, ein bürgerlich freies Volk könne sich den kontinentalen oder gar den preußisch-deutschen Militarismus aufhalsen lassen, so plädiert er für eine nationale Miliz, deren Vorzüge er gar nicht begeistert genug zu schildern weiß. Hat der Kriegsminister eben im Reichstag von oben herab erklärt, stehende Heere seien Volksaufgeboten immer überlegen, so erklärt Herr Delbrück: Das hat seine Grenzen; und er ist nicht der erste beste, sondern in Kriegssachen ein sehr kundiger Mann, der dem deutschen Generalstab schon siegreiche Schlachten geliefert hat. Er beweist sehr triftig, dass England auch zu Lande unbesiegbar sein würde, wenn es sich eine nationale Miliz einrichtete.

Alles das jedoch nur zu dem edlen Zwecke, damit Deutschland ungestraft die Raserei seiner Flottenrüstungen fortsetzen kann, die für seine nationale Sicherheit völlig überflüssig sind, seinem Handel und seiner Industrie aber, denen sie angeblich nutzen sollen, ebenso schädlich werden wie auf einem begrenzten Gebiet aus ähnlichen Gründen die Pachtung Kiautschous. Es ist ein wahrer Weichselzopf von Widersprüchen, in den diese bürgerliche Dialektik verläuft. Immerhin entwickelt sie sich aus den Dingen selbst, und die bürgerliche Presse wird ihr Opfer, weil sie sich den Dingen zu nähern sucht. Schaumschlägereien, wie sie der Reichskanzler im Reichstag mit „allen bürgerlichen Parteien“ verübte, können nicht ebenso ad absurdum geführt werden, aber freilich nur deshalb nicht, weil sie von vornherein absurd sind.