20. Oktober 1950 // Artikel
Amadeo Bordiga // Pantalones wirtschaftliche Unternehmungen

Pantalones wirtschaftliche Unternehmungen

20. Oktober 1950

„Imprese economiche di Pantalone“: Battaglia comunista, Nr. 20, Oktober 1950.


Um die moderne Wirtschaftslehre im Zusammenhang mit den Kapitalinvestitionen, Arbeitsplätzen, Kaufkraftschwankungen, zu diskutieren, haben Schwergewichte der Wirtschaftswissenschaften wie die Daytons1, De Gasperis2, Togliattis3, die Bühne betreten. Der alte Pantalone4, der den italienischen Staatshaushalt verkörpert, wurde definitiv vor die Wahl gestellt, wie die Taler anzulegen seien. Denn Pantalone ist ziemlich durcheinander ob der verschiedenen Empfehlungen, den heimischen und den von Außen kommenden, den aus dem Westen und den aus dem Osten.

Nachdem die Professoren gehört wurden, wollen wir versuchen, die Lektion nochmal durchzunehmen; für uns kleine und durch die verworrenen Aspekte der ökonomischen Lehrsätze ein wenig eingeschüchterte Grundschüler werden wir die Lektion auf unserem Niveau wiederholen.

Bei anderer Gelegenheit wiesen wir darauf hin, dass derjenige, der soviel Geld hat, dass er es nicht „verfressen“ kann, es investiert. „Geld kann man doch nicht essen?“ Setz dich, Crapotti5, und erzähl kein Dummzeug. Einst investierte also jemand, der sich um die „Produktion“ verdient gemacht und viel verdient hatte – ein reicher Privatmann, willens, noch reicher zu werden.

In der Eselsklasse definiert man den Sozialismus so: Wenn nicht der Privatmann, sondern der Staat investiert, haben wir Sozialismus.

Crapotti, an die Tafel.

Gestern

Die Sache mit dem Staat, der direkt bzw. selbst investiert, und dem Staat, der die Privatinvestitionen dirigiert (gemäß der genialen, wirklich lapidaren Formulierung des Professors De Gasperi: Direkte Investitionen des Staates, dirigierte Investitionen des Staates)6 ist für viele eine brandneue, neunzehnhundertfünfzig-neue Geschichte, die dazu nötigt, die ganze Analyse der kapitalistischen Welt noch einmal zu leisten.

Solchen Leuten scheint niemand je zur Hausaufgabe gemacht zu haben, 1950-mal ins Klassenheft zu schreiben: Wenn der Staat nicht selbst investiert und Kapitalinvestitionen dirigiert hätte, wäre der Kapitalismus niemals entstanden. Mag De Gasperi jetzt auch ziemlich alt aussehen, doch damals war er noch nicht auf der Welt.

Tut uns leid, doch wir müssen jetzt die Bibel aufschlagen.

Im Schlussteil finden wir eine Reihe von Versen, die jene Verbrechensmeldungen betreffen, die im Strafregister des Monsieur Mensch verzeichnet sind: Die ursprüngliche Akkumulation. Ja, ja.

Für die massenhafte Anwendung von Produktivkräften: Dingen und Menschen (diesmal den einfachen Menschen), bedarf es eines Haufens Geld. Gab es das denn in vorkapitalistischen Zeiten? Zweifellos. Laut den dürftigen Meldungen, die man vor einem Jahrhundert hatte, und mit Erlaubnis der heutigen Gelehrten (die ja über ganz anderes „Material“, jede Menge „Informationen“, viel, viel mehr „Erfahrungen“ verfügen, auf denen ihre allerneuesten Untersuchungen, ihre glänzenden Analysen beruhen) ist die Sache, nach dem Evangelisten Marx, so abgelaufen:

„Die Genesis des industriellen Kapitalisten ging nicht in derselben allmählichen Weise vor wie die des Pächters“ [alle Zitate MEW 23; S. 777].

Wir müssen kurz Halt machen, um die Fußnote 238 einzufügen; es sind kaum zwei Zeilen, doch wir würden am liebsten einen Stempel daraus machen, um ihn in alle Hirne zu drücken: „Industriell hier im Gegensatz zu agrikol. Im kategorischen Sinn“ (es ist nicht die Sprache, die übersetzt werden muss, Marxisten haben keine bestimmte Sprache: im kategorischen Sinn heißt zwecks Einordnung, Kennzeichnung) „ist der Pächter ein industrieller Kapitalist so gut wie der Fabrikant.“ Die Genesis des kapitalistischen Pächters ist im vorvorherigen Paragraphen behandelt worden.

Schauen wir also, wie der Galgenstrick des industriellen Kapitalisten geflochten wurde, und ein bisschen mehr Ruhe bitte, wenn aus der Bibel zitiert wird.

„Zweifelsohne verwandelten sich manche kleine Zunftmeister und noch mehr selbständige kleine Handwerker oder auch Lohnarbeiter in kleine Kapitalisten und durch allmählich ausgedehntere Exploitation von Lohnarbeit und entsprechende Akkumulation in Kapitalisten sans phrase“ [S. 777].

Marx amüsiert sich, in Französisch von den Kapitalisten „sans phrase“ zu sprechen, auf Deutsch: schlechthin: bloße, eigentliche Kapitalisten. – Wenn der Taube nicht hören will, muss das Deutsche ins Deutsche übersetzt werden. – Das reicht jetzt, Klassenprimus; kommen wir zur Bibelexegese. Schafft Dozza7 es bei diesem Tempo, auf Augenhöhe mit Dayton zu kommen? – Darf ich darauf aufmerksam machen, dass aus diesen grundsätzlichen Versen eine These hervorgeht, die bei nächster Gelegenheit einzuhämmern ist, dass nämlich die Klassen keine in sich abgeschlossenen Kasten sind und die Kapitalisten, persönlich gesehen, oftmals Arbeiter waren, die den Rubikon überschritten haben, was aber an der Lehre des Klassenkampfes gar nichts ändert? – Richtig, aber hör jetzt auf dauernd zu unterbrechen.

„In der Kindheitsperiode der kapitalistischen Produktion ging’s vielfach zu wie in der Kindheitsperiode des mittelaltrigen Städtewesens, wo die Frage, wer von den entlaufnen Leibeignen soll Meister sein und wer Diener, großenteils durch das frühere oder spätere Datum ihrer Flucht entschieden wurde“ [S. 777-78].

Umwerfend! Hier haben wir die ganze Kritik der bürgerlichen „Befreiungen“: In Italien z.B. beherrschen und verpesten uns die Antifaschisten, die aus Angst vor Mussolini als Erste die Beine in die Hand nahmen. Nun ja!

„Indes entsprach der Schneckengang dieser Methode in keiner Weise den Handelsbedürfnissen des neuen Weltmarkts, welchen die großen Entdeckungen Ende des 15. Jahrhunderts geschaffen hatten. Aber das Mittelalter hatte zwei verschiedne Formen des Kapitals überliefert, die in den verschiedensten ökonomischen Gesellschaftsformationen reifen und, vor der Ära der kapitalistischen Produktionsweise, als Kapital quand même gelten – das Wucherkapital und das Kaufmannskapital.“

„Das durch Wucher und Handel gebildete Geldkapital wurde durch die Feudalverfassung auf dem Land, durch die Zunftverfassung in den Städten an seiner Verwandlung in industrielles Kapital behindert“ [S. 778].

Diese Schranken fielen allmählich und es bildeten sich Zonen heraus, worin sich die neuen Manufakturen frei entwickeln konnten – abseits der alten Lehensgüter und Zunftstädte, meistens in See-Exporthäfen (England) oder unter dem Schutz königlicher Macht (Frankreich). Die beginnende Akkumulation der modernen riesigen Kapitalien hat Anlauf genommen; einen ungeheuren Schub erhält sie durch die Handels-

eroberungen und das Kolonialsystem, durch die brutalen Methoden des Raubmordes und der Plünderung, die Ausrottung von Bevölkerungen in Übersee.

Dieser unaufhaltsame Gewalt-Marsch des Kapitals gründet sich gleichzeitig auf neue technische Möglichkeiten, mit neuen Mitteln mehr Produkte bei geringeren Kosten zu erzeugen, sowie auf die politische Macht der Metropolen, in denen die bürgerliche Klasse langsam aber sicher immer gewichtiger und stärker wird. Wir haben oft an die klassische Reihenfolge erinnert: Portugal, Spanien, Holland, Frankreich, England. Und ein neues Subjekt, Deutschland, sucht auf die Liste zu kommen; dann legt sich, wie Marx vorhersah, noch jemand gehörig ins Zeug: Amerika.

Was ist, bei diesen Investitionen des Kapitals auf dem Erdrund, die Aufgabe des Staates?

„Die Englisch-Ostindische Kompanie erhielt bekanntlich, außer der politischen Herrschaft in Ostindien, das ausschließliche Monopol des Teehandels wie des chinesischen Handels überhaupt und des Gütertransports von und nach Europa“ [S. 780].

Politische Macht: Öffentliche Verwaltung: Durch ihre Günstlinge befehligen die Kapitalisten der Kompanie die örtliche Polizei und sogar die Flotte der britischen Krone. Monopol: Ein nicht zur Kompanie gehörendes Schiff, das Tee oder anderes geladen hatte, konnte rechtmäßig auf den Grund des Meeres geschossen werden. Wann das war? 1750 – nicht neunzehn, sondern zuerst siebzehn.

Wir können hier nicht weiter auf die bekannte Schilderung eingehen, welche die Heldentaten – die sich von Osten nach West verfolgen lassen – der weißen Kolonisatoren wiedergibt: Zwischen 1769-70 fabrizierten die Engländer eine Hungersnot, indem sie allen Reis aufkauften, um ihn zu fabelhaften Preisen wieder zu verkaufen – Millionen Inder starben.8 1744 zahlten die nach Amerika emigrierten „Puritaner“ 100 Pfd. St. für jeden indianischen Skalp; für einen lebenden Indianer gab es bloß 5 Pfd. St. mehr. Die USA haben im letzten Weltkrieg 350 Milliarden Dollar ausgegeben; bei 20 Millionen Toten kommen auf jede Leiche 17.500 Dollar, d.h. wenn wir die Inflation berücksichtigen, 700 Pfd. St., doch mindestens viermal mehr als beim puritanischen tomahawken. Der Kapitalismus produziert teures Leben, und der Tod ist nicht billiger; im nächsten Krieg aber wird die Atombombe Einsparungen bringen: 200.000 Tote von Hiroshima und Nagasaki = 3,5 Milliarden Dollar; aber bestimmt werden die Produktionskosten der Bombe geringer gewesen sein, sogar einschließlich des auf einer von ihnen prangenden Gilda-Porträts, der heutigen Frau Ali Khan, weiße, vollbusige Sultanin von 100.000 indischen Gerippen. In die Atomforschung überhaupt sind natürlich noch mehr Gelder geflossen. Mit einer eben so hohen Investition gleich hoch der im II. Weltkrieg werden wir es aber schaffen, die gesamte Menschheit hinwegzuraffen.

Das Kapital bietet all die Milliarden aus vier Jahrhunderten Akkumulation für den Skalp seines großen Feindes auf – den Menschen.

Der Staat spielt – kehren wir zur ursprünglichen Akkumulation zurück – eine Hauptrolle darin, wie mit Friedrich von Preußen, der die freien Bauern, in die von der Regierung gegründeten Flachsspinnereien und Webereien jagte. Jeder Abschnitt bei Marx unterstreicht diese staatlichen Interventionen.

„Das Kolonialsystem reifte treibhausmäßig Handel und Schifffahrt. Die ‚Gesellschaften Monopolia’ (Luther) waren gewaltige Hebel der Kapital-Konzentration. Den aufschießenden Manufakturen sicherte die Kolonie Absatzmarkt und eine durch das Marktmonopol potenzierte Akkumulation. Der außerhalb Europa direkt durch Plünderung, Versklavung und Raubmord erbeutete Schatz floss ins Mutterland zurück und verwandelte sich hier in Kapital“ [S 781].

Wisst ihr, woher Marx den Begriff – halb deutsch, halb lateinisch – hat: „Gesellschaften Monopolia“ bzw. Monopol-Handelsgesellschaften? Bestimmt aus dem letzten „Economist“! Nicht ganz: er hat ihn von Luther.

Doch nun: Achtung, Achtung! Wie die am Mikrofon sagen:

„Heutzutage führt industrielle Suprematie die Handelssuprematie mit sich. In der eigentlichen Manufakturperiode dagegen ist es die Handelssuprematie, die die industrielle Vorherrschaft gibt. Daher die vorwiegende Rolle, die das Kolonialsystem damals spielte“ [S. 782].

Es könnte so aussehen, als würden wir bei der Analyse zwischen der Kindheitsperiode und der jüngsten ultra-imperialistischen Phase mogeln und eine „dritte Spezies“ des Kapitalismus dazwischen schieben – ohne Einmischung des Staates und mit einer freien, blühenden, aller Fesseln ledigen Privatinitiative. Im Sinne der Geschichtsepoche und der Produktionsweise gibt es aber nur einen Kapitalismus.

Das Wucher- und Kaufmannskapital (historische Formen, die es auch schon gab, als die Produktion wesentlich auf Ackerboden und Handwerk beruhte) stellt das bereit, was das Kapital in seiner ursprünglichen Phase braucht, nämlich einen Haufen Geld. Die Produktivkraft massenhaft vereinigter Arbeitssklaven setzt er mit Hilfe jener ökonomischen Potenz frei, die man Gewalt nennt, indem die Leibeigenen emanzipiert und die bis anhin selbstwirtschaftenden Bauern zu Paupern gemacht werden. Um die Geldmasse herauszuschlagen, derer es zur Produktion bedarf, tut der Außen- und Überseehandel, das Kolonialsystem, das Seine. Und nach wie vor mit Gewalt.

Und noch ganz andere Produktivkräfte vermag der Kapitalismus in Bewegung zusetzen, wenn zur einfachen Arbeiterkooperation jene Ressource hinzukommt, die die Technik mit der Maschinerie hervorbringt und von der bürgerlichen Unternehmerklasse auch sogleich monopolisiert wird. Ist die Maschinerie zunächst Arbeitsmittel, wird sie bald Triebkraft sein. Um 1.000 Spinner mit ihren Handwebstühlen in der Manufaktur zusammenzubringen, reicht eine bestimmte Geldsumme. Um mit mechanischen Webstühlen zu produzieren, sodass die Arbeit der 1.000 Spinner der von 3.000 gleichkommt, müssen neue Erfindungen gemacht werden, ebenso, um mit dem Einsatz von Dampf oder elektrischer Triebkraft Webstühle anzutreiben, deren Produkt der Arbeit von 10.000 Spinnern äquivalent ist.

Mit der Maschinerie kommt es immer mehr auf die Rohstoffe an: Erze, Kohle, Öl. Unter diesen Umständen liegt die Suprematie nicht beim Handel, sondern der Industrie. Ein Land wie Spanien kann da nicht mehr mithalten, das können Länder wie England, Deutschland und auch Russland.

Der Kampf um die industrielle Suprematie wurde rasch zum Kampf um Absatzmärkte und um die Rohstoffquellen in den Kolonien; wir haben nun die jetzige dritte imperialistische Phase vor uns, worin, mit Lenin, die parasitären Züge des Kapitalismus, das Finanzkapital, der Kapitalexport, das Finanzsystem unverhüllt zu Tage treten.

Im letzten Kolonialsystem werden Weiße von Weißen kolonisiert.

Gemeinsam ist den drei Phasen die Handlungsweise der Bourgeoisie als Klasse, ihr gesellschaftliches Monopol über die Produktivkräfte, von deren Kontrolle die Arbeiterklasse ausgeschlossen ist, ferner der Einsatz der Staatsgewalt als „ökonomischen Agenten“, der keine Schranken kennt und keine Skrupel hat, sowie der Einsatz der Regierungsmacht als „Ausschuss zur Verwaltung der gemeinschaftlichen Geschäfte“, mag damit auch auf ideologischer Ebene der größte Betrug an der gelobten freien wirtschaftlichen Initiative und der politischen Demokratie begangen werden. All das müssen wir nicht in Erinnerung rufen, um nachzuweisen, dass der Vergleich zwischen den Phänomenen der beiden extremen und ausdruckstärksten Stufen der kapitalistischen Tyrannei vollständig und schlagend ist.

Marx spricht vom Kolonialismus als System, das die Plusmacherei als letzten und einzigen Zweck der Menschheit proklamiert; gleich darauf kommt er zur Schilderung des Systems des öffentlichen Kredits,

d.h. der Staatsschulden, und der modernen Bankokratie. Die öffentliche Schuld, die Staatsanleihen, schaffen Aktiva für die Kapitalisten und Passiva für die besitzlose Bevölkerung.

„Wie mit dem Schlag der Wünschelrute begabt sie das unproduktive Geld mit Zeugungskraft und verwandelt es so in Kapital“ [S. 782].

„Aber auch abgesehn von der so geschaffnen Klasse müßiger Rentner und von dem improvisierten Reichtum der zwischen Regierung und Nation die Mittler spielenden Finanziers – wie auch von dem der Steuerpächter, Kaufleute, Privatfabrikanten, denen ein gut Stück jeder Staatsanleihe den Dienst eines vom Himmel gefallenen Kapitals leistet – hat die Staatsschuld die Aktiengesellschaften, den Handel mit negoziablen Effekten aller Art, die Agiotage emporgebracht, in einem Wort: das Börsenspiel und die moderne Bankokratie“ [S. 783].

Der Text kommt dann zum Steuersystem, mit seinem zerstörerischen Einfluss auf die Lage der Lohnarbeiter, und als gewaltigem Hebel zur Expropriierung der kleinen Produzenten, daher der kapitalistischen Akkumulation, sowie zum Protektionssystem als staatlichem Kunstmittel, um Kapitalien und Kapitalisten zu fabrizieren.

Schließen wir diesen Teil mit folgendem Passus ab:

Das ursprüngliche Kapital des Industriellen fließt hier zum Teil direkt aus dem Staatsschatz“ [S. 785].

Heute

Das amerikanische Kapital bezichtigt nicht die italienische Bourgeoisie zu geringer Investitionen, sondern die Regierung, die aus Furcht vor Geldentwertung nur herumlavieren würde. Man kann also davon ausgehen, dass keiner der bürgerlichen Unternehmer nunmehr eigenes Geld oder Vermögen aufs Spiel setzen will, um neue Produktionsanlagen zu bauen, Arbeiter in Lohn und Brot zu bringen und üppige Gewinne einzufahren; alle verlangen Vorgaben aus dem Staatssäckel, zu dem auch Amerika etwas beisteuert, ohne dass man weiß, ob diese Hilfe das Säckel schwerer macht, denn Gold und Dollars scheinen nicht anzukommen – dafür aber Waren, die nicht bezahlt werden müssen, somit zu „öffentlichen Schulden“ des italienischen Staates werden und durch eine Menge Arbeitstunden der Proletarier abbezahlt werden müssen. Möglicherweise handelt es sich nicht um eigentliche Schuldforderungen gegenüber dem Staat oder schlicht um Staatswucher, sondern um einen politischen Preis. Statt durch Senkung der Reallöhne könnten die Arbeiter die Schulden auch dadurch abbezahlen, dass sie als Kanonenfutter für die Demokratie gegen Russland dienen.

Allerdings verkauft der Staat diese Waren, die ihm das ERP9 zukommen lässt, an private Akteure, was eigentlich ein paar Lire in die Staatskasse spülen müsste. Würde dieses Geld wieder in Umlauf gebracht, um z.B. Löhne zu zahlen und Maschinen zu kaufen, ist nicht einzusehen, weshalb, wie behauptet, das umlaufende Geld anschwellen sollte. Doch für diesmal wollen wir uns nicht auf den bürgerlichen Schwindel der Inflation und der fingierten Angst davor einlassen.

Denn tatsächlich „verbrennt“ der Staat den ERP–Erlös: Entweder gibt er der Großbourgeoisie Kredite, an die er die „geschenkten“ Waren für nothing oder ein Butterbrot abtritt, oder er wirft es der Verwaltung in den nimmersatten Rachen und unterhält damit seine ausufernde und vor allem im Polizeiapparat wuchernde Bürokratie. Um neue Industrien zu finanzieren oder alten notleidenden Industrien unter die Arme zu greifen, müsste er also die Geldpresse anwerfen.

Und nun kommt die prächtige Wirtschaftspolitik jener Parteien ins Spiel, die die „werktätigen Massen“ repräsentieren sollen. Sie treten entschieden und händeringend dafür ein, dass der Staat investiert und Industrieunternehmen finanziert, die nicht liquide sind, nicht die neuesten Maschinen und keine Möglichkeit haben, Rohstoffe im Ausland einzukaufen, und deshalb vorgeben, unter zu hohen Betriebskosten zu leiden … und folglich Arbeiter auf die Straße setzen. Als beschlossen wurde, die FIM10 – eine Mussolini würdige Schöpfung – zu schließen, eine Einrichtung, um die Taschen der Metallindustrie wieder aufzufüllen, führten sich (obschon versichert worden war, dass zu den bereits zig Milliarden, die den kapitalistischen „Anlagen“ bereits geschenkt worden waren, weitere hinzukämen) die sozialistischen und kommunistischen

Abgeordneten und Senatoren wie Verrückte auf, rauften sich die Haare und hätten sich vierteilen lassen, wenn nur jede ihrer Stimmen doppelt gezählt hätte.

Sie taten damit kund, nicht im Geringsten zu begreifen, das jene Milliarden Milliarden sind, die den Arbeitskraftnehmern der Arbeiterklasse vermacht worden waren; und sie taten kund, sich sicher zu sein, dass die Arbeiterklasse dies nicht begreift, und nur das zählt für sie.

Daher gilt die Formel: Investitionsplan, dafür Einsatz aller Mittel aus dem Schatzamt, ebenso aller sehr gern entgegengenommener Marshall-, ERP-, ECA11-Erlöse. Natürlich sind die Gelder für die Industrie, die Großindustrie bestimmt. Der merkwürdige Kommunismus jener Gruppierung, die der wirklichen kommunistischen Partei den Garaus machte, frönt dem alten Laster des Betrieblertums: Anachronistische Neigung einer provinziellen, gegen die Windmühlen eines längst untergegangenen Feudalismus kämpfenden bürgerlichen Linken, die, sobald sie „des Fabrikanten“ gewahr wird, dies als Sieg des Fortschritts bejubelt und ihn an ihr Herz drückt. Torlonia, den römischen Großgrundbesitzer-Fürst und die Lieblingszielscheibe der linken Parteien, möchten sie aus dem Weg räumen, Cadematori hingegen, den lombardischen Käserei-Industriellen umgarnen sie. Was beiden sehr zupass kommt.

Als der christdemokratische Minister Pella12, De Gasperi und Co. von Dayton einen „Anschiss“ kriegten und die Order erging: Rückt die Gelder raus! Investiert! Kauft Maschinen und streckt den Industrien die Milliarden vor! stellt Arbeiter ein, produziert mit voller Kraft! ließ sich von der Abgeordnetenbank Di Vittorios13 natürlich Siegesgeschrei vernehmen, wie seinerzeit von der Benito Mussolinis.

Die Sache hat sich nun etwas kompliziert.

Die Zahlen bei der Hand, hat sich De Gasperi sogleich verteidigt: In Italien wird doch investiert, und wie. 1950-51 wurde das Nationaleinkommen auf 8.000 Mia Lire veranschlagt, also 20 % Gewinn auf die 6.700, von denen bisher die Rede war. „Läuft ja bestens“, sagt man im Knast.

Vom Nationaleinkommen werden dann 21 % in neue Arbeiten und Anlagen investiert; also gut 1.650 Mrd., aufgeteilt auf drei Wirtschaften, die De Gasperi, wenn auch in anderen Worten, als kapitalistische Wirtschaft, als sozialistische Wirtschaft und als … mittleren, christlich-sozialen, Weihwasser besprenkelten Wirtschaftstypus kennzeichnet. Die Privatunternehmer legen 620 Mrd. an, der Staat 608, und schließlich noch mal 422 Mrd. von den Privatanlegern, denen, bei dieser zusätzlichen Anstrengung, allerdings der Staat und dessen Säckel Hilfestellung leistet.

Herr Pantalone von der Bedürftigkeit, de te fabular narratur, von dir ist hier die Rede, von den ehrenwerten Flicken, mit denen du dein altes Elend bedeckst.

In dir hat der gesunde Menschenverstand das marxistische Bild des Volkes personifiziert, dem vom Staatlichen und Öffentlichen nur die Schulden gehören, während der „nationale Reichtum“ deinen Herren vorbehalten ist.

Von den zwischen 1949-50 gemachten Gewinnen rücken die Privatinvestoren also 620 Mrd. heraus, und diese sind ihrer Entsagung zu verdanken, denn sie kaufen damit Maschinen, Eisen und Kohle, wo sie doch mit Fug und Recht Champagner, märchenhafte Villen am Comer See und italo-amerikanische Oberste hätten kaufen könnten. Oder aber sie stecken den Gewinn in Unternehmungen, aus den Tiefen des Tyrrhenischen Meeres Panzer, benannt nach imperialen Größen, hochzuhieven, wenn nicht gar, gleich hinter dem Golfplatz, aus den Tiefen des kleines Sees die Schatztruhe von Dongo14 sowie durchweichte Leichen zu bergen.

Diese sich mit dem Champagner und dem Rest auf 620 Mrd. belaufende Summe besteht aus der Arbeit der Proletarier, die, nach Zahlung der Löhne, zu Mehrwert und Profit wurde; diese 620 sind der Stoff für die neuen pantalone15 – statt dessen aber gibt es nur neue Flicken für die alte Hose.

Die 422 Mrd., die von den Privatleuten angelegt, aber von Pella locker gemacht werden, zusammen mit den fromm und christlich zwischen Staat und Privatleuten stehenden Banken (durch einen komplexen Mechanismus aus Darlehen, Zahlungsaufschüben, Wertpapieren) – diese 422 Mrd. zahlt, da ist nichts dran zu drehen, zur Gänze Pantalone; meinetwegen, ihr Herren Professoren, streckt er sie nur vor, doch die Gewinne daraus sacken nichtsdestoweniger die Privatunternehmer ein: sie werden zum Mehrwert dazu addiert.

Und mit den 608 vom Staat in staatseigenen Betrieben investierten Milliarden sind wir hundertprozentig im Sozialismus; ja stimmt, Pantalone, du bist es, der sie investiert, doch dafür bist du jetzt reich, hast es zum Fabrikanten gebracht, und so manches Mal wirst du mit Di Vittorio am selben Tisch sitzen, als wärst auch du ein großer Käsefabrikant. Die Gewinne werden für dich sein, kein Mehrwert, keine Inflation, denn die üppigen Dividenden wandern in deine Taschen, deren Kassenwart Pella ist, bzw. auf dein Konto bei der Banca d’Italia, zu dessen Deckung nicht die Notenpresse angeworfen werden muss.

Pantalone scheint nicht überzeugt zu sein und schüttelt den Kopf. Bislang jedenfalls konnte er noch kein lukratives Geschäft machen, er hat immer nur draufgezahlt und dieses Mal bliebe ihm bloß, die Flickenhose ins Pfandhaus zu tragen, zur großen Schande für die nationale Würde, die Togliatti so teuer ist. Wenn der Staat spekuliert und den Unternehmer mimt, geht alles in den Zuständigkeitsbereich von Subunternehmern, Mittelsmännern und Funktionären über, und von Politikern, die planen und verwalten, und schließlich – mit Hilfe der Lehrsätze der Nationalökonomie und glühenden Appellen an den Patriotismus des italienischen Steuerzahlers – Pantalone erklären, wie alles gelaufen ist.

Pantalone könnte aber nur eine Sache beruhigen, wenn nämlich von den Oppositionsbänken, wo die großen Wortführer, seine populären und progressiven Schutzpatrone sitzen, stürmischer Beifall käme. Stattdessen Ratlosigkeit, verhaltene und vorm kommunistischen Ausschuss bestenfalls zweideutige Wortmeldungen.

Das ist noch gar nichts, hat De Gasperi angekündigt. Wir haben 50 Mrd. für die Verteidigung bereitgestellt, und nochmal 100 kommen dazu. Braucht der Generalstab der UNO und die PAM16 Investitionen für Kanonen und Panzerdivisionen, werden wir sogar weitere 1.000 Mrd. spendieren.

Doch jetzt gerät die Wirtschaftstheorie bezüglich der Unternehmen und Fabriken in die Krise. Man will „produktive“ Investitionen, nicht solche für die Aufrüstung; sicherlich bringen auch solche Investitionen unsere Wähler, die Arbeiter, in Lohn und Brot, doch können sie, wie gehabt, zu Inflation und erneutem wirtschaftlichen Abschwung führen. Man macht jedoch einen Unterschied. Geschieht all dies in Rumänien, dann ist auch die für die Aufrüstung vorbereitete Metall- und Eisenhüttenindustrie produktiv und birgt keine Inflationsgefahr, doch in Italien, in Italien: Lass dich in keine gewagten Unternehmungen ein, Pantalone, unterzeichne die 3.000 Mrd. für Di Vittorio, aber nicht die 50 für Pacciardi17.

Pantalones Augen suchen seinen minderjährigen Sohn Crapotti, er sieht, wie sich die ökonomischen, wir sagen nicht marxistischen, sondern eher ordinovistischen Lehrsätze im dicksten Nebel verlieren. Dabei hast du, Togliatti, mir immer versprochen, klar und deutlich zu sein … Doch Togliatti hat die Ressourcen zweier großer Parteien hinter sich. Frei von jeder Schwäche für den Marxismus, den christlichen Sozialismus oder das turinesische Betrieblertum donnert die romagnolische Stimme Nennis18. politique d’abord! Zuerst die Politik!

Après, danach … die Flicken in den Hintern!


Anmerkungen

1. Dayton, Leon: Mitglied der Truman-Administration; Chef der ERP-Delegation in Italien.

2. Gasperi, Alcide De (1881-1954): Premierminister von 1947-53; gilt als einer der Gründerväter der EU.

3. Togliatti, Palmiro (1893-1964): Mitbegründer der „Ordine Nuovo“ und 1921 der KPI, Stalinist, Reformist. Nach dem II. Weltkrieg Parteivorsitzender der KPI, die er bis zu seinem Tode 1964 leitete.

4. Pantalone: Im Mittelalter berühmte venezianische Maske des reichen und geizigen Kaufmanns, der prunkvoll lebt und doch stets bedürftig ist. Von der Maske leitet sich das Sprichwort ab: „Paga Pantalone“ (Pantalone soll zahlen); es bedeutet, dass schließlich das Volk bzw. der Steuerzahler für die Politik der Herrschenden zahlen muss.

5. Crapotti: Wortspiel, bedeutet so viel wie „Schlauberger“.

6. „Direkte“ und „dirigiere“ werden im Italienischen durch dasselbe Wort ausgedrückt: diretti.

7. Dozza, Giuseppe (1901-74): in den 1950er Jahren Bürgermeister von Bologna und führender Vertreter der KPI.

8. Bei dieser künstlich herbeigeführten Hungersnot starben ca. 10 Millionen Menschen. Insgesamt fanden zwischen 1813 und 1948 unter britischer Herrschaft ca. 40 Millionen Inder den Hungertod. Siehe auch Mike Davis: Die Geburt der Dritten Welt.

9. ERP: European Recovery Programm, als Marshall-Plan bekannt. 1948 von der Truman-Administration verabschiedet; sollte unter dem Deckmantel der Hilfe für die notleidende, hungernde Bevölkerung Europas der US-amerikanischen Überproduktion einen Absatzmarkt eröffnen.

10. FIM: Fondo per le Industrie Meccaniche. 1947 gegründet, um den Wiederaufbau und die Modernisierung des Ma- schinen- und Fahrzeugbaus (z.B.: Fiat, Poggio) mit Krediten zu finanzieren.

11. ECA: Economic Cooperation Administration. US-amerikanisches Amt zur Verwaltung des Marshall-Plans.

12. Pella, Guiseppe (1902-81): zu der Zeit Finanzminister, später auch Ministerpräsident, Außenminister.

13. Vittorio, Guiseppe di (1892-1957): Gewerkschaftsfunktionär und Abgeordneter, Mitglied der KPI, 1944 Generalsekretär der CGIL (Gewerkschaft).

14. Dongo: Ort am Comer See, wo Mussolini von Partisanen erschossen wurde und die Faschisten die Gold- und Wertbestände der Republik von Salo bzw. der „Italienischen Sozialrepublik“ versenkten.

15. Nicht übersetzbares Wortspiel, da „pantalone“ (kleingeschrieben) auch „Hose“ heißt.

16. PAM: Programma di Assistenza Militare (militärisches Hilfsprogramm), von den USA ausgearbeitet, um die Nato-Länder wiederzubewaffnen.

17. Pacciardi, Randolfo (1899-1991): Verteidigungsminister von 1948-53. Mitglied der Partito Repubblicano Italiano.

18. Nenni, Pietro (1891-1980): Musterexemplar eines Opportunisten, 1914 Mitglied der Republikanischen Partei, Kriegsbefürworter, dann bei den Faschisten. 1921 Mitglied der PSI. Führt nach dem II. Weltkrieg die PSI in ein Bündnis mit der KPI („Kumpan“ Togliattis), das er 1956/57 wieder löst, um den Eintritt der PSI in eine Mitte-Links Regierung vorzubereiten.