20. September 1921 // Artikel
Antonio Gramsci // Die Hauptverantwortlichen

Die Hauptverantwortlichen

20. September 1921

Aus: Antonio Gramsci, Zur Politik, Geschichte und Kultur, Leipzig 1980, S.105-107.


Wenn die Turiner Kommunisten im September 1920 statt Kommunisten Anarchisten gewesen wären, hätte die Bewegung der Fabrikbesetzungen einen anderen Ausgang genommen, als sie effektiv gehabt hat. Das ist die Quintessenz eines Turiner Korrespondentenberichtes für Umanita nuova, in dem unsere große Verantwortung für die versäumte Revolution unterstrichen wird. Wie schade! Die Turiner Kommunisten waren im September 1920 in der Tat Kommunisten und keine Anarchisten; bis dahin waren sie der Meinung, daß die „proletarische Revolution“ nur die Schaffung einer revolutionären Regierung bedeute und bedeuten könne; bis dahin glaubten sie, daß eine revolutionäre Regierung nur geschaffen werden könne, wenn eine im nationalen Maßstab organisierte revolutionäre Partei existiert, die in der Lage ist, eine Massenaktion zur Erreichung dieses historisch konkreten Ziels durchzuführen. Die Turiner Kommunisten gehörten der Italienischen Sozialistischen Partei an, sie waren Mitglieder der Turiner Sektion; der Partei und der Sektion gehörten auch die führenden Reformisten des Allgemeinen Gewerkschaftsbundes an. Die Bewegung war von den Reformisten ausgelöst worden. Wie aus dem Wochenblatt Ordine Nuovo vom 15. August 1920 hervorgeht, waren sie gegen die von der FIOM 1 unternommene Aktion, und zwar wegen der Art, mit der sie eingeleitet wurde, wegen der Tatsache, daß ihr keine Vorbereitung vorausgegangen war, und weil sie kein konkretes Ziel hatte. Auf Grund dieser tatsächlichen Bedingungen konnte die Bewegung nur dann in eine Revolution übergehen, wenn die Reformisten sie auch weiter geleitet hätten. Wenn die Reformisten die Aktion, nachdem sie nun einmal begonnen worden war und nachdem sie diese Bedeutung und diesen Charakter angenommen hatte, bis zu ihren logischen Konsequenzen weitergeführt hätten, wären die große Mehrheit des Proletariats und auch breite Schichten des Kleinbürgertums und der Bauern ihrer Losung sicher gefolgt. Wenn statt dessen die Turiner Kommunisten den Aufstand aus eigener Initiative begonnen hätten, wäre Turin isoliert gewesen; das proletarische Turin wäre unweigerlich von den bewaffnen Kräften der Staatsmacht vernichtet worden. Im September 1920 hätte Turin nicht einmal die Solidarität der Region Piemont gehabt, wie sie sie im April erfahren hatte.Die niederträchtige Kampagne, die die Gewerkschaftsfunktionäre und die Opportunisten um Serrati nach dem Aprilstreik gegen die Turiner Kommunisten durchführten, hatte vor allem in Piemont Auswirkungen gehabt: Die Turiner konnten sich den Genossen der Region nicht einmal mehr nähern; man glaubte nicht ein Wort dessen, was sie behaupteten, man fragte sie immer, ob sie ein ausdrückliches Mandat der Parteileitung hätten; die gesamte in Turin für die Region geschaffene Organisation hatte sich völlig aufgelöst. Der Turiner Korrespondent von Umanita Nuova, der vielleicht die in dieser Zeit unternommenen organisatorischen Anstrengungen kennt, kennt sicher viele andere Dinge nicht. Die Kommunisten versuchten, dem Turiner Proletariat vom Gesichtspunkt eines möglichen Aufstandes aus die besten Bedingungen zu schaffen. Sie wußten jedoch, daß anderswo nichts getan wurde, daß keine Losung im Umlauf war; sie wußten, daß die für die Bewegung verantwortlichen Gewerkschaftsführer keinerlei kämpferische Absichten hatten.

Für eine sehr kurze Zeit, für drei oder vier Tage, waren die Gewerkschaftsführer sehr wohl für einen Aufstand; sie beschleunigten ihn sogar törichterweise. Weshalb? Es schien, daß Giolitti unter dem Druck der Industriellen, die offen drohten, die Regierung durch einen militärischen Putsch zu stürzen, von der „Homöopathie“ zur „Chirurgie“ übergehen wollte; von Giolitti kamen deutliche Drohungen. Die Führer verloren den Kopf. Sie wollten das „Blutbad“, sie wollten das lokale Massaker, das ihnen ermöglicht hätte, die Streitfrage auf nationaler Ebene und den reformistischen Traditionen entsprechend zu beenden. Haben wir richtig oder falsch gehandelt, als wir dieses infame Spiel ablehnten, das mit dem Blut des Turiner Proletariats gewagt werden sollte? Tatsächlich haben die Reformisten seit April ständig behauptet, daß die Kommunisten Hitzköpfe, verantwortungslose Abenteurer wären, haben schließlich selber daran geglaubt und gemeint, daß wir uns für ihr Spiel hergeben würden. Die Tage des September 1920 waren nicht leicht; in jenen Tagen haben wir, wenn vielleicht auch etwas spät, die klare und entschiedene Überzeugung gewonnen, daß die Spaltung notwendig ist. Wie war es möglich, daß in ein und derselben Partei Männer zusammen sein konnten, die einander mißtrauten, die gerade im Augenblick der Aktion merkten, daß sie sich vor den eigenen Parteigenossen in acht nehmen mußten? So war die Situation, und wir waren keine Anarchisten, sondern Kommunisten, das heißt, wir waren überzeugt von der Notwendigkeit einer nationalen Partei, damit die proletarische Revolution wenigstens ein Minimum an Chancen für ein gutes Gelingen habe. Aber hätten wir anders gehandelt, selbst wenn wir Anarchisten gewesen wären? Es gibt einen Bezugspunkt, um auf diese Frage zu antworten: Im September 1920 gab es in Italien sehr wohl Anarchisten, und es gab auch eine nationale anarchistische Bewegung. Was haben die Anarchisten getan? Nichts. Wenn wir Anarchisten gewesen wären, hätten wir nicht einmal das getan, was im September 1920 in Turin unternommen wurde, das heißt eine Vorbereitung, die gewiß schon deshalb bemerkenswert war, weil sie durch rein lokale Anstrengungen, ohne Hilfe und Beratung und ohne eine nationale Integration, zustande kam.

Wenn die Anarchisten gut über die Ereignisse im September 1920 nachdenken, können sie nur zu einer Schlußfolgerung gelangen: der Notwendigkeit einer stark organisierten und zentralisierten politischen Partei. Gerade weil die Sozialistische Partei durch ihre Unfähigkeit und ihre Unterordnung unter die Gewerkschaftsfunktionäre für die versäumte Revolution verantwortlich ist, gerade deshalb muß es eine Partei geben, die ihre nationale Organisation in den Dienst der proletarischen Revolution stellt, die durch Diskussionen und mit eiserner Disziplin fähige Menschen erzieht, die voraussehen können und die kein Zögern und kein Schwanken kennen.


Anmerkungen

1. Abkürzung für Federazione Italiana Operai Mettallurgici (Italienischer Metallarbeiterverband).